Kategorien
Season 1

Dein Wort gegen meins

Lesedauer 12 Minuten

Vor dem Verhandlungsbeginn

Psycho, kranke Alte, Monster. Das waren die geläufigsten Begriffe, die Sophia in den vergangenen Wochen über sich ergehen lassen musste. Aber es war ihr egal. Es waren schließlich nur Worte. Und eben diese bedeuteten ihr nichts. Vor allem dann nicht, wenn sie von solchen dummen Menschen stammten. Die haben keine Ahnung, was sie alles erleiden musste. Und selbst wenn sie es ihnen sagen würde, würden sie es nicht verstehen. Menschen können mit der Wahrheit nicht gut umgehen. Man sucht sich automatisch das augenscheinliche Opfer, das schwächste Glied aus und schlägt sich auf seine Seite. Aber in dieser Geschichte war sie das Opfer. Auch wenn das außer ihr und ihrem Verteidiger David Klein, niemand wahrhaben wollte. “Keine Sorge Sophia. Wir gewinnen den Fall. Die Geschworenen hören sich deine Geschichte an und werden dir recht geben. Am Ende des Tages, wirst du eine freie Frau sein.” 

Sophia wendete ihren Blick nicht von der großen und schweren Holztür ab, die sich jeden Moment öffnen würde und durch die sie den Gerichtssaal betreten wird, in dem heute über ihr Schicksal entschieden wird.
Als sich die beiden Hälften der Doppeltür öffneten, ertönte ein lautes Knarzen, bei dessen Klang Sophia kurz zusammen zuckte. Es war wie ein Signalton, durch das alle Anwesenden gewarnt wurden und wodurch die gesamte Aufmerksamkeit sofort auf ihr lag. Während sie langsam den Raum betrat und in Richtung ihres Platzes geführt wurde, musterten die Leute im Gericht sie von oben bis unten. Einige Zuschauer fingen leise an sich Sachen ins Ohr zu flüstern. Gutes konnte es nicht sein. Dafür war Sophia von der Allgemeinheit zu sehr verachtet. Doch verurteilte konnte sie sie dafür nicht. Sie würde es selber nicht anders machen, wenn es anders um wäre. Beim Gehen klapperten die Handschellen, die ihre Handgelenke langsam aber sicher wund rieben.
Einer der Sicherheitsmänner führte sie zu ihrem Platz und machte ihr deutlich sich zu setzen bis der Richter im Raum erscheint.
Kurz nachdem Sophia sich setzte, öffnete sich die Tür erneut und Thomas betrat den Raum. Der Mann, wegen dem sie überhaupt in diese Situation gekommen war. Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken und sofort stiegen ihr Tränen in die Augen. Allerdings konnte sie nicht sagen, ob vor Wut oder vor Trauer. Natürlich hatte er Sophia sofort im Blickfeld und musterte sie von oben bis unten. Es wirkte fast so, als würde ihm die Freude ins Gesicht geschrieben stehen. Innerlich am kochen, wollte sie ihn am liebsten anschreien. Doch in dieser Umgebung würde das ihre momentane Situation nur noch verschlimmern und sie keinen Schritt nach vorn Richtung Freiheit bringen. So ein aggressives Verhalten würde nur schuldiger wirken und das konnte Sophia sich nicht erlauben. Ihre Karten standen schlecht, das war ihr bewusst doch glaubte sie selbst fest daran als Sieger, als Unschuldige an diesem Tag hervor zu gehen. Und davon musste sie die Geschworenen und zuletzt auch den Richter überzeugen.
Sie schloss kurz die Augen, um den Überfluss an Gefühlen zu verdrängen und fuhr kurz zusammen, als der letzte Beteiligte an dem Fall den Raum Betrat. Alle erhoben sich.
“Mein Name ist Samuel Hentschel. Ich bin der Richter in diesem Gerichtssaal. Sie, Frau Sophia Miller, sind heute die Angeklagte. Ihnen wird zu Last gelegt am 10. Mai diesen Jahres, ihre beiden Söhne Manuel und Sebastian Miller, beide 1.5 Monate alt, erschlagen bzw. erdrosselt zu haben. Der Kindsvater, Herr Thomas Roberts, ist heute der Kläger. Ich bitte Sie nun alle, sich zu setzen. Die Gerichtsverhandlung beginnt.”

 

„Ich schwöre es Ihnen, so ist es gewesen!“ Mit einem verzweifeltem Unterton versuchte Sophia akribisch die Anwesenden von ihrer Unschuld zu beweisen. Doch war sie sich nicht sicher, ob der Richter oder die Geschworenen ihr glaubten. Sie war sich ihrer vielen Fehler zwar bewusst aber in dieser Geschichte war sie das Opfer.
„Also wollen Sie uns weiß machen, dass Sie Ihre beiden Kinder nicht getötet haben, sondern dass Ihr Partner der Schuldige ist? Wie erklären Sie uns dann, dass Herr Roberts laut seinem Chef zur angegebenen Tatzeit einen Geschäftstermin hatte, während Sie mit Ihren Kindern alleine zu hause waren? “ Mit kritischem Blick musterte Elisabeth Hilbig,  Anwältin von Thomas, die Angeklagte und versuchte sie so zu einer Vernünftigen Aussage, wenn nicht sogar zu einem Geständnis zu bringen.
“ Er war nicht auf einem Geschäftstermin! Er war da. Er kam heim, war aggressiv und bedrohte mich! Seit sie geboren waren, hatte er immer eine Abneigung gegen unsere zwei Mäuse. Er verkraftete es einfach nicht, dass beide Jungs an Trisomie 21 litten. Ich wollte gehen und die Kinder mitnehmen. Da rastete er aus. Er rannte aus der Küche und schloss mich ein. Als ich mich endlich befreit hatte, fand ich Manuel dann auf dem Boden und Sebastian in seinem Kinderbettchen.“ Sophias Stimme versagte. Es schmerzte immer wieder die Geschichte erzählen zu müssen. Der Gedanke an das Geschehene war unerträglich für sie. Tränen rannen über ihr Gesicht während sie versuchte nicht vollkommen zusammen zu brechen.
„Nun, Frau Miller, laut dem rechtsmedizinischen Befund starben Ihre beiden Söhne am 10. Mai gegen 11.00 Uhr. Warum wurden der Notarzt und die Polizei erst 19.00 Uhr und von Ihrem Lebensgefährten informiert?“
Darauf konnte sie nichts sagen. Sie hatte bereits den Polizisten versucht zu erklären, dass der Akku ihres Handys leer gewesen war, doch einen Beweis dafür gab es natürlich nicht. Auch gab es keine Anzeichen eines Kampfes und die Nachbarn konnte ihre Aussage über einen lauten Streit nicht bekräftigen. Ihre Hoffnung schwand langsam dahin, als die Anklägerin die Befragung beendete und Sophias Anwalt, Herr Klein, Thomas aufrief.
„Herr Roberts,“ begann er „schildern Sie uns bitte den Tathergang.“

 

„… ich habe noch versucht sie selbst wiederzubeleben doch es war zu spät. Sie waren bereits tot. “ mit zittriger Stimme brachte Thomas die Worte über die Lippen. Es fiel ihm sichtlich schwer, nicht die Fassung zu verlieren. „Können Sie sich sowas vorstellen? Die eigene Frau tötet die gemeinsamen Kinder. Sowas abartiges kann sich doch keiner ausdenken.“ Er hielt sich die Hände vors Gesicht, um seine  Tränen zu verstecken und trotzdem konnten alle im Raum sein Schluchzen hören.
„Sie sagen also, dass Sie arbeiteten, zur Zeit der Tat. Und das Sie gegen 18:00 Uhr die gemeinsame Wohnung betraten? Warum riefen Sie dann erst nach einer Stunde die Polizei?”
“Sophia sagte mir, dass die beiden schliefen. Wir waren immer froh, wenn die beiden mal nicht schrien oder quengelten. Also wollte ich sie nicht wecken. Ich setzte mich zu Sophia in die Küche und wir unterhielten uns. Irgendwann dann wollte ich ins Bad und lief dabei an dem Kinderzimmer vorbei. Ich sah kurz hinein und dann..” wieder verstummten seine Worte und er fing zu weinen an. “Sie müssen mir einfach glauben! Ich habe ein Alibi! Mein Chef kann das bestätigen.” 

 

Die Befragung ging noch eine Weile hin und her, bis der Richter eine kurze Pause verkündete. Er selbst wollte sich kurz beraten und so kam es dazu, dass außer ein paar wenigen Zuschauern und zwei Wachleuten, Sophia und Thomas allein in dem Gerichtssaal saßen. Sophia funkelte ihn bösartig an. In ihrem Kopf fragte sie sich dabei, wie aus Liebe so viel Wut und Hass entstehen konnte. Er saß stattdessen seelenruhig auf seinem Platz und musterte sie.
„Du wirst für deine Taten bezahlen.“ Sagte er zu ihr. „Du wirst irgendeinen Fehler machen und ich werde dafür sorgen, dass du die Strafe bekommst, die du verdienst.“
Bevor sie darauf antworten konnte, füllte sich der Raum wieder mit Menschen. Sophia wurde schlagartig ganz nervös, was durch den unaufhörlichen Blick von Thomas nur verstärkt wurde. Mehrere Minuten, vielleicht sogar eine viertel Stunde vergingen. Hör endlich auf mich so anzustarren. Dachte sie immer wieder. Doch er ließ sie mit seinen durchdringenden Augen nicht los. 

 

“Hör auf, mich ständig so anzustarren! Was glaubst du? Das ich mich selbst verrate? Für wie dumm hälst du mich eigentlich? Du redest dich doch um Kopf und Kragen!” Sophia konnte ihre Wut nicht mehr zurück halten. Die vergangenen Tage und vor allem die letzten Stunden im Gericht hatten ihren Geduldsfaden erheblich überspannt. Er musste einfach raus, der schier unermessliche Hass, den sie gegenüber Thomas empfand.
“Ich reden mich um Kopf und Kragen? Das ich nicht lache, du bist die Hauptverdächtige! Ich habe es soweit geschafft, was soll mir jetzt schon noch passieren?” Jetzt war auch  bei Thomas das Fass zum überlaufen gebracht worden. Er wollte sich dieses Spiel nicht länger gefallen lassen und entschied, dass es Zeit war, ein Ende in diese Diskussion zu bringen.
“Gesteh doch endlich! Sag ihnen, dass du unseren Sohn getötet hast! Na los, erzähl ihnen wie es sich angefühlt hat, Manuel zu nehmen und seinen Hinterkopf mehrfach auf die Kannte seines Bettes zu schlagen!”
“Ruhe im Gerichtssaal!” Richter Hentschel stand plötzlich von seinem Pult auf. Mit seiner tiefen und lauten Stimme, sorgte er für Ruhe und befahl beiden sich auf den Ort und den Anlass ihres Beisammenseins zu besinnen.
Sophias Anwalt mischte sich ein: “Herr Roberts, wie kann es sein, dass sie wissen wie Ihr Sohn Manuel ermordet wurde, wenn Sie doch gar nicht vor Ort waren?”

 

Scheiße! Elendige Scheiße! hallte es immer und immer wieder in seinem Kopf wieder. Alle Anwesenden schauten ihn mit großen Augen an und erwarteten eine Reaktion. Alle, inklusive Sophia, die mit einem breiten Lächeln auf dem Platz gegenüber saß. Er wusste nicht, wie er aus dieser Situation wieder herauskommen sollte. Thomas musste sie zu einem Geständnis bringen.
“Nagut, bitte. Ich war da. Aber ich war nicht alleine. Erzähl uns doch, wie du mich an dem Tag zu Hause in Empfang genommen hast, Sophia. Wie du weinend auf dem Boden lagst, und mich angefleht hast, sie zum Schweigen zu bringen, weil du selber zu schwach dafür warst. Du hattest in dem Moment nicht den Mut das zu tun, was du bereits vor ihrer Geburt machen wolltest. Du wolltest diese Kinder nie. Und das hat man deutlich gemerkt. Lieber hättest du dich von einer Brücke gestürzt, als Mutter von zwei kranken Kindern zu werden. Deswegen fiel es dir auch so leicht, mit mir in ihr Zimmer zu gehen und zuzuschauen, wie ich Sebastian ein Kissen auf sein Gesicht gedrückt habe. Nicht war? Er hatte endlich aufgehört zu schreien. Kannst du dich noch genau an diesen Moment erinnern? Wie hat sich das angefühlt? War das nicht die Ruhe, nach der du dich seit Wochen gesehnt hast?” Jetzt hatte er sie. Das sah er ihr an. Sophia war am Ende genauso wie er.
“Du sagtest damals, dass wir das schaffen werden! Du wolltest mir bei stehen und für mich da sein und was hast du getan? Nichts! Du bist jeden Tag auf Arbeit gegangen und hast mich mit ihnen alleine gelassen. Hast du eine Ahnung, wie laut zwei Babys schreien können? Ich habe das einfach nicht mehr ausgehalten. Und ja, ich wollte nie ein Kind schon gar kein krankes und das es dann auch noch Zwillinge wurden. Ich hasste sie! Wer kann sowas schon dauerhaft ertragen?“
Sophia machte eine kurze Pause um tief Luft zu holen.
„Endlich war Sebastian ruhig aber Manuel musste dann natürlich auch noch mit schreien anfangen. Da konnte ich einfach nicht anders als dafür zu sorgen, dass er endlich die Klappe hält! ”

 

Sophia sah sich im Raum um. Die Blicke der Anwesenden durchbohrten sie förmlich. Sie waren gezeichnet von Wut, Ekel und Entsetzen. Selber von sich schockiert, hätte sie niemals damit gerechnet, zu sowas fähig zu sein. Zumal sie sich zu Beginn wirklich auf die Mutterschaft gefreut hatte. Als dann allerdings eine Hiopsbotschaft nach der anderen kam, war die Freude verschwunden und die reine Mutterliebe vom Anfang wurde zu einer Hass-Liebe. Jetzt weinte sie um ihre Kinder und wünschte sich ihnen beim Aufwachsen zu sehen zu können.
„Hättest du einfach deine Klappe gehalten, wäre alles gut geworden aber du musstest ja unbedingt die Bullen rufen. Und dann auch noch so tun, als wärst du unschuldig. Du bist kein Mann – du bist eine Witzfigur.“ Schluchzte sie Thomas entgegen.
Er sah sie an. Sein Blick war eine Mischung aus Liebe und Trauer doch schlug der Ausdruck schnell um, bis nichts außer Zorn übrig war.
„Ich wollte einfach meine Frau zurück. Ich hasste unsere Kinder für das, was sie aus dir gemacht haben. Aber du wärst niemals wieder so wie vorher geworden, das wurde mir nach dem Nachmittag klar. Da dachte ich mir, ich versuche es einfach mal. Schlimmer konnte es sowieso nicht mehr werden. Und fast hätte es geklappt und ich wäre damit durchgekommen.“ Sagte Thomas abschließend bevor sich der Richter einschaltete und die Verhandlung damit offiziell schloss. Thomas und Sophia gestanden alles und es gab nichts, was ihre Anwälte noch dazu sagen oder dagegen machen könnten.
Die Geschworenen sollten sich nun zusammensetzen und ein Urteil Fällen. Am nächsten Tag würde dann die Verkündung stattfinden.

 

Ein paar Wochen später 

Das Spiel war vorbei und obwohl sie gleich ihre verdiente Strafe bekommen würde, war es trotzdem ein kleiner Trost zu wissen, dass auch Thomas sich seiner nicht entziehen konnte.
Als Sophia von den Beamten aus ihrer Zelle geführt wurde dachte sie noch mal über ihr Leben nach und erinnerte sich an den Tag, an dem die beiden sich kennenlernten. Sie hätte sich einfach umdrehen und gehen sollen, doch stattdessen verliebte sie sich in ihn. Hätte ich doch bloß nein gesagt, dachte sie. Mein Leben hätte noch so schön werden können.
Die schwere Holztür fiel hinter ihr zu. Sophia wurde in die Mitte des Raumes geführt und man vorderte sie auf sich zu setzen. Durch das große Fenster konnte sie ihre Eltern sehen. Ihre Mutter weinte bitterlich während Sophias Vater sie mit einem leeren Blick anstarrte. Sie konnte sich genau vorstellen, was in ihm vorging. Vermutlich dachten sie in diesem Moment das gleiche. Sie hasste sich selbst für das was sie getan hatte.
Die Beamten fesselten ihre Arme und Beine an dem Stuhl und setzten ihr eine Haube auf. Für ein paar Sekunden war es ganz ruhig bis das Klicken des Hebels ertönte und der Strom zu fließen begann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert