1. Kapitel
»Noricus! Lucius Tullius Acidimus Noricus!«
Zu jener Uhrzeit war die Via Appia überlaufen. Nicht zuletzt, weil eine Vorstellung im Circus Maximus gerade blutig geendet hatte. Einige fluchten, andere jubelten. Wer hätte gedacht, dass der schmächtige Phönizier tatsächlich den wilden, muskelbepackten Germanen besiegen könnte. Es war das reinste Stimmengewirr.
»Noricus, hier!«
Viele drehten sich nach dem Rufenden um. Ein Mann mittleren Alters wedelte mit den Händen in der Luft. Sein roter Schopf stach aus der Menge der sonst eher schwarzen und braunen Haare hervor. Er hielt auf einen Mann zu, der sich nun etwas abseits hingestellt hatte, um nach ihm Ausschau zu halten.
Dieser erkannte ihn schließlich und sein Mund formte ein leichtes Lächeln.
»Marcus! Wie kommt es, dass du in Rom bist? Ich dachte du würdest auf deinem Landsitz das Leben genießen.«
Marcus hielt auf ihn zu und sein Gesicht wurde ernst. »Komm mit Noricus, lass uns etwas trinken gehen.«
Noricus nickte. Es würde wohl kein erfreuliches Gespräch werden.
Sie gingen schweigend nebeneinanderher. Nachdem sie die Hauptstraße hinter sich gelassen hatten, gingen sie über die Seitengassen in Richtung des nächstgelegenen Marktes. In einer kleinen Caupona, einer Schenke, kehrten sie ein.
Marcus bestellte für sie beide Wein und eine Kleinigkeit zu essen.
»Was machst du hier, Noricus? Ich dachte du wärst Centurio bei der Legio XIII Gemina? Aber nun treffe ich dich hier, in Rom.«
Noricus wusste, worauf er anspielte. Jeder Soldat der die Grenzen der Stadt, den Pomerium, überschritt, gab sein militärisches Leben auf.
»Das war ich auch. Bis vor kurzem. Jedoch wurde ich von Augustus in die Stadt beordert. Ich kam diese Woche in der Stadt an.«
»Von Augustus persönlich? Was hat es damit auf sich?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete er wahrheitsgemäß. »Ich habe noch keine weiteren Informationen erhalten.«
Als der Wirt Speis und Trank brachte, wurde es wieder ruhig.
Noricus musterte sein Gegenüber gründlich. Die Furchen um seine Augen, die von den Falten herrührten, waren tiefer geworden. Die sonst so strahlenden, blauen Augen waren trüb und besorgt.
Sie kannten sich nun schon viele Jahre. Auch Marcus hatte in seiner Legion gedient und sie hatten schon in manchem Kampf nebeneinandergestanden. Etwas belastete den Mann.
»Marcus, was ist los? Sprich mit mir.«
»Ich komme eben von einem Treffen mit Gaius Furius Marcellus. Sein Sohn ist mit meiner Tochter verlobt. Doch nun überlegt er die Verlobung zu lösen.«
»Wieso das, ist etwas vorgefallen?«
»In den letzten Monaten ist so einiges passiert, woran man mir die Schuld gibt.«
Marcus stöhnte resigniert. »Ich nehme an, dass ein politischer Gegner eine Verleumdungskampagne gegen mich gestartet hat.«
Noricus horchte auf. Eine Verleumdung war nichts Ungewöhnliches in Rom, aber durchaus ein gefährliches Spiel. Wenn man erwischt wurde, bedeutete das hohe Strafen.
Er sah seinen Freund abwartend an. Als dieser zum Trinken ansetzte, legte er seine Hand an seinen Arm, um ihm zu signalisieren, dass er darauf wartete, dass sein Gegenüber weitersprach.
»Du weißt doch. Ich unterhalte eine Feuerwehr für die Stadt. Da die Sklaven dafür auch ernährt werden müssen, mache ich das nicht ganz umsonst. Allerdings sind meine Preise fair. Das sind die der anderen nicht immer. Weißt du noch, was man über Crassus sagte. Er ließ nur löschen, wenn man das Haus und den Grund günstig an ihn verhökerte. Ansonsten hat er seine Sklaven nicht zum Löschen geschickt. Es gibt auch heute noch einige, die es so handhaben.«
Marcus verzog angewidert das Gesicht. Noricus wusste, dass es genügend Reiche gab, die sich so noch reicher und damit mächtiger machen wollten. Ein gewaltiges Problem in einer so großen Stadt wie Rom. Hier brannte es mehrmals täglich. Meist betraf es die Insulae. Die Gebäude in denen das einfache Volk und die Armen wohnten.
Nicht jeder Brand nahm gefährliche Ausmaße an, aber es bestand immer die Gefahr, dass er außer Kontrolle geriet.
Marcus erzählte weiter: »Nun wird mir nachgesagt, dass ich es ebenso halte. Die letzten Brände, als ich meine Sklaven losschickte, haben die Eigentümer ihren Grund tatsächlich an mich verkauft. Aber die Gebäude waren beinahe komplett abgebrannt und sie wollten zumindest etwas Geld retten, um woanders neu anzufangen. Was bringt dir ein Grund, wenn du dir kein Haus darauf leisten kannst?«
Er sah Noricus fragend an. Vermutlich wollte er erkennen, ob dieser ihm glaubte oder nicht.
»Dann entstand das Gerücht, dass ich vor den Bränden schon auf die Besitzer herangetreten sei, mit der Drohung, dass sie mir ihr Haus verkaufen sollen, sonst würden sie es bereuen. Doch das stimmt nicht. Ich habe etwas dergleichen nie gesagt. Aus Angst vor weiteren Behauptungen, schicke ich meine Sklaven nun bei Bränden nicht mehr los. Ich lasse sie stattdessen andere Arbeiten verrichten.«
Er fuhr sich frustriert durch sein Haar. Obwohl Marcus bereits über 50 Jahre zählte, hatte er kaum ein graues Haar. Es war noch immer so voll und rot wie vor 15 Jahren als sie sich kennenlernten. Damals, als Noricus als junger Rekrut einer Kohorte zugeteilt wurde, der Marcus als Centurio vorstand. Damals kannte Marcus das Wort aufgeben nicht. Er fand immer eine Lösung. Egal in welcher Situation. Doch heute saß ein Mann vor ihm, dessen Hoffnung schwand.
»Vor zwei Wochen schließlich, wurde ein Gerücht verbreitet, dass ich meiner Frau nicht treu bin. Ich solle sie mit der Frau eines Senators betrügen. Nun glaubt jeder Senator, dass ich es mit seiner Frau treibe. Damit kann ich mein politisches Vorwärtskommen abhaken.«
»Und die Verlobung ist deshalb auch gefährdet«, verstand Noricus. »Hast du einen Verdacht wer dahinterstecken könnte?«
»Nein, ich habe mir in den letzten Jahren nicht nur Freunde geschaffen. Vor allem politisch. Ich will nach oben. Ich will in den Senat. Doch dabei eckt man an. Je mehr Macht und Geld man besitzt, desto schlimmer ist es.«
Noricus hing einen Moment seinen Gedanken nach. Schließlich durchbrach er die Stille.
»Solange ich keine neuen Befehle von Augustus erhalte, bin ich untätig in dieser Stadt. Ich werde versuchen mich etwas umzuhören. Vielleicht finde ich etwas heraus. Gib mir die Namen der Männer, bei denen es zuletzt gebrannt hat und deren Häuser du gekauft hast.«
Marcus nannte ihm erleichtert die Namen der Männer und wo Noricus sie finden konnte. Er wusste, dass die Chancen gering waren, dass er helfen konnte und er sich nicht zu viel davon erwarten sollte, aber es gab ihm doch Hoffnung.