2. Kapitel
»Sextus Roscius Glabrio?«
Noricus war 3 Tage lang gereist. Er hatte versucht die anderen Geschädigten ausfindig zu machen, doch die Adressen, die er von seinem Freund bekommen hatte, waren wohl veraltet. Entweder wusste man nicht, wo sie hin waren, oder sie waren verstorben.
Das war nun der Letzte auf seiner Liste. Ein letzter Versuch seinem Freund zu helfen.
Er hoffte, dass der hagere Mann ihm gegenüber, der Gesuchte war. Laut seinen ehemaligen Nachbarn hatte er sich in diesem kleinen Dorf als Fischer niedergelassen.
Der Fischgestank hing überall in der Luft.
»Das ist mein Name. Und wer seid ihr?«
»Bitte, nennt mich Lucius.«
Als der andere ihn etwas skeptisch ansah, ergänzte er schnell: »Lucius Tullius Acidimus.«
Es entging ihm nicht, dass der andere misstrauisch war. Der Name wies ihn eindeutig als Mitglied einer Patrizierfamilie aus. Und Patrizier kamen selten in dieses übelriechende Kaff. Sie schickten Sklaven. Er wollte den Zweifel nicht noch mehr anheizen, indem er seinen Beinamen Noricus nannte.
Noricus, das war alles was heute noch an seine Vergangenheit erinnerte. Er wurde als Sohn eines Kriegers der Noriker geboren. Sein Vater wurde als einer von 300 Reitern geschickt, um Gaius Julius Caesar gegen Pompeius zu unterstützen. Er hatte einen Pfeil abgefangen, der einem anderen bestimmt war. Tiberius Tullius Acidimus war das eigentliche Ziel. Sein Vater starb. Zum Dank hatte der Römer ihn adoptiert. Er gab ihm seinen Namen und, nachdem sein eigener Sohn im Kindesalter verstorben war, würde er eines Tages auch sein Vermögen erben. Zum Gedenken an seine Herkunft, durfte er den Namen Noricus behalten. Auch wenn ihm das teilweise Nachteile brachte. Die Noriker waren Verbündete, also konnte man sich den Namen nicht im Kampf verdient haben. Damit war klar, dass er ihnen angehörte. Und nachdem Rom das einzig Wahre war, waren andere Völker minder beliebt.
Der Fischer war immer noch unentschlossen und versuchte zu ergründen, was der Patrizier von ihm wollte. Er nickte schließlich, was Noricus als Einladung verstand.
Sextus ging voraus. Er führte seinen Gast zu seinem Haus. Es war einfach, aber sauber. Am Herd köchelte etwas. Dem Geruch nach war es eine Art Fischeintopf. Noricus setzte sich an den Tisch und der andere stellte einen Krug mit Lora auf den Tisch, einem sehr verwässerten Weinersatz.
»Ich danke für die Gastfreundschaft. Ich will euch auch nicht lange aufhalten. Ich habe gehört, dass ihr früher in Rom ein Grundstück hattet, auf dem eine Insulae stand. Soweit mir bekannt ist, habt ihr sie bei einem Unglück verloren?« Der andere nickte.
»Ja, der Brand wurde spät in der Nacht entdeckt. Kurz darauf, standen bereits die beiden obersten Stockwerke in Flammen.« Sextus schluckte, als er erzählte.
»Es war furchtbar. Einige konnten sich nicht schnell genug retten. Eine Familie kam ganz zu Tode.«
»Ihr habt sie gut gekannt?«
»Ja, es waren Freunde. Sie waren arm, doch immer sehr freundlich und aufrichtig. Da konnte ich auch schon mal ein Auge zudrücken, wenn die Miete nicht pünktlich bezahlt wurde. Sie hatten 2 kleine Söhne. Zwillinge. Kaum 2 Jahre alt.«
Die Stimme brach und man konnte den Schmerz in seinen Augen sehen, die sich nun etwas mit Flüssigkeit füllten.
Er räusperte sich und fragte etwas harscher als nötig: »Seid ihr deshalb hier herausgekommen? Um Wunden wieder aufzureißen?«
»Nein«, sagte Noricus respektvoll.
»Kennt ihr Marcus Postumius Rufus?«
»Ja, er kam zum Löschen. Was ist mit ihm?«
»Nun, in Rom erzählt man sich, dass er versucht hat euch das Haus abzukaufen, bevor es gebrannt hatte. Und als ihr euch geweigert habt, hat er euch wohl gedroht. Ist das wahr?«
»Was macht es heute noch für einen Unterschied?«
»Keinen für euch, denke ich, aber für Marcus sehr wohl. Ich bitte euch mir zu erzählen, ob das der Wahrheit entspricht.«
Sextus hielt kurz inne. Er schien zu überlegen.
»Es ist wahr. Es wurde mir gedroht. Und ich habe ihm nach dem Brand mein Eigentum günstig übertragen. Mehr werde ich dazu nicht sagen.«
Noricus runzelte die Stirn. Die Formulierung war seltsam. Er sagte, er wäre bedroht worden, aber er bestätigte nicht, dass es Marcus gewesen war.
»Wer hat euch gedroht? War es Marcus?«
»Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber bitte geht jetzt. Ich habe noch viel Arbeit.«
Von draußen waren Stimmen zu hören. Ein kleines Mädchen kam auf das Haus zu gestürmt. Etwas hinter ihr ging eine junge Frau, vermutlich die Mutter. Sie war bestimmt noch keine 18 Jahre alt. Vom Aussehen her, war sie nichts Besonderes, aber sie war auch nicht hässlich. Trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie lebte, hatte sie einen sehr aufrechten und stolzen Gang. Das sprach dafür, dass ihre Familie in Rom gelebt hatte. Vermutlich in der Mittelschicht. Dass sie nun in dieser Umgebung lebte, hatte sie dem Brand zu verdanken. Aber der Behausung nach zu urteilen, schien sie das Beste aus der Situation machen zu wollen.
Sextus ging seiner Tochter entgegen. Er hob sie auf seinen Arm und wirbelte sie einmal durch die Luft und sie quiekte vor Freude.
Als seine Frau bei ihm ankam, flüsterte ihr etwas ins Ohr und gab ihr schließlich einen Kuss auf die Wange. Ihr Mann übergab ihr die Tochter und widmete sich wieder der Arbeit.
Seine Frau ging samt Tochter zum Haus, wo Noricus noch stand.
Ihre Tochter, lief bereits ins Haus, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Ihre Mutter tat es dem kleinen Mädchen gleich, doch flüsterte sie ihm im Vorbeigehen zu: »Bitte kommt morgen wieder, mein Mann wird am Markt sein und ist dann für einige Stunden außer Haus. Ich werde eure Fragen beantworten.«
Die Tür fiel hinter ihr zu.
Er konnte heute nichts mehr ausrichten. Als er an Sextus vorbei ging, winkte er und verabschiedete sich. Doch er schien seinen Gast bereits vergessen zu haben. Er hob nicht einmal seinen Blick, um sich zu vergewissern, dass Noricus wirklich ging. Lediglich ein Aufatmen, mit dem seine gesamte Anspannung abzufallen schien, war zu vernehmen.
Noricus hatte eine Stadt weiter übernachtet. Zur sechsten Stunde machte er sich auf den Weg. Es waren zwei Stunden Fußmarsch zu Sextus‘ Haus. Dieser war bestimmt ebenfalls schon unterwegs. Sehr wahrscheinlich zum Marktplatz des Ortes, den Noricus nun verließ. Er wollte vermeiden, ihm in die Arme zu laufen, also umging er die Hauptstraßen, was ihn mehr Zeit kostete.
Der Fischgestank stieg ihm schon aus der Entfernung in die Nase. Das war kein Ort, an dem er leben wollte. Er freute sich schon darauf nach Rom zurückzukehren. Doch vorher musste er noch etwas erledigen.
Festen Schrittes hielt er auf das Haus zu, das er gestern bereits besucht hatte.
Sextus‘ Frau war gerade dabei die Stube zu fegen und sah ihn schon aus der Ferne.
Sie schloss die Türe hinter sich, kam Noricus entgegen und deutete ihm ihr zu folgen. Er hoffte, dass er hier keine Zeit verschwendete. Nach einigen Metern verschwand die Frau hinter einem Haus. Es schien verlassen zu sein, oder einfach nur heruntergekommen. Er straffte seine Schultern und wappnete sich für das, was nun kommen könnte.
»Verzeiht mein Herr, ich konnte nicht riskieren, dass Nachbarn meinem Mann erzählen, ich hätte Besuch empfangen. Hier wird ohnehin genug getratscht.«
Er lockerte seine Haltung und lehnte sich gegen die Hauswand, von der die oberste Schicht unter seiner Last bröckelte.
»Ihr habt meinen Mann nach dem Feuer gefragt. Was hat er euch gesagt?«
»Nicht viel. Er sagte mir nur, dass er bedroht wurde und sein Eigentum dann an Marcus Postumius Rufus verkauft hatte. Aber er sagte nicht, ob dieser ihn bedroht hatte.«
»Und wie steht ihr zu Marcus?«
»Er ist ein alter Kampfgefährte und Freund.«
Sie schien zu überlegen, ob sie ihm trauen sollte. Schließlich fing sie an zu erzählen.
»Das wird er euch auch nicht sagen. Es stimmt, er wurde bedroht. Aber er wird es noch. Das ist auch der Grund, warum wir nicht mehr in Rom leben. Dabei vermisse ich Rom so sehr. Es ist einfach zu still hier. Man kann nichts erleben. Kein Circus, kein Theater, noch nicht mal eine Schenke gibt es hier. Von dem Gestank ganz zu schweigen.«
Sie sah traurig zu Boden.
»Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich vermutlich schon zu meiner Familie nach Rom zurückgekehrt. Doch ich weiß, dass er das für mich und unsere Tochter tut. Er möchte uns schützen.«
Noricus nickte und wartete bis sie fortfuhr.
»Sextus hat mir erzählt was passiert ist. Vor dem Brand hatte Marcus ihn aufgesucht. Er hatte gefragt, ob er ihm das Haus verkaufen würde. Doch mein Mann hatte abgelehnt. Zwei Wochen später brannte das Haus. Marcus‘ Sklaven kamen, um zu löschen. Er selbst war nicht dabei. Noch während der Löscharbeit kam ein Mann auf Sextus zu und forderte ihn auf Marcus zum Lohn das Haus und das Grundstück zu verkaufen. Wenn er dies nicht täte, würde man sich um mich und unsere Tochter kümmern und er würde im Circus landen. Als Marcus am nächsten Morgen kam und das Haus begutachtete, schien er es zu bedauern. Mein Mann verkaufte ihm alles und wir gingen zunächst zu meiner Familie. Zwei Tage später erhielt mein Gatte wieder Besuch. Es wurde ihm nahe gelegt die Stadt zu verlassen und nicht mehr wieder zu kommen. Es war derselbe Mann.«
Sie sah, dass Noricus mutlos die Schultern hängen ließ. Sein Freund schien schuldig zu sein.
»Wir dachten auch, dass es Marcus gewesen war. Doch wir hatten auch mit anderen gesprochen, zu denen seine Feuerwehr zum Löschen kam. Wer es sich leisten konnte, konnte mit Sesterzen bezahlen. Aber die Preise waren moderat. Keiner musste sein Haus verkaufen. Und als der Fremde nach dem Brand erneut zu uns kam, meinte er, dass es ihn etwas Zeit gekostet hatte uns zu finden. Das hatte uns stutzig gemacht, denn Marcus kennt meine Familie und wusste, dass wir dort unterkommen würden.«
Ein Hoffnungsschimmer.
»Bitte sagt mir, wie dieser Fremde aussah.«
»Er war in eine weiße Tunika gehüllt. Sein blondes Haar trägt er kurz. Die Augen sind dunkel, fast schwarz. Er war wohl etwas kleiner als ihr und hatte eure Statur.«
Das war nicht viel und traf auf Viele zu.
»Er hatte einen Ring an seiner rechten Hand. Er war golden und ein schwarzer Stein zierte ihn. Es war etwas darauf graviert, aber mein Mann konnte das Motiv nicht erkennen. Nur, dass es ein Tier war. Doch es könnte ein Pferd oder auch ein Hund gewesen sein. Er hatte es nicht genau gesehen. Aber die Narbe am linken Arm, die quer über die Innenseite führte, blieb im nicht verborgen. Es war eine gerade Schnittfläche.«
Noricus ging bereits alle ihm bekannten Römer im Geiste durch, doch so sehr er es auch versuchte, er kannte niemanden mit solch einer Narbe.
»Bitte, findet diesen Mann und sorgt dafür, dass wir wieder nach Rom können.«
»Ich werde alles versuchen, was in meiner Macht steht.«
Er konnte nicht anders, als sie in den Arm zu nehmen und kurz an sich zu drücken. Ihr flehender Blick hatte sein Herz zum Schmelzen gebracht. Es war unschicklich, doch sie ließ es geschehen. Nur einen kurzen Moment. Dann löste sie sich von ihm, rieb sich die Tränen aus ihren Augen und ging davon.
Er blieb noch einen Augenblick stehen, bevor er sich frischen Mutes zurück nach Rom aufmachte.