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Season 1

Der Fall des Marcus Postumius Rufus

Lesedauer 36 Minuten

3. Kapitel

»Marcus Postumius Rufus! Sie werden hiermit in Gewahrsam genommen.«
Noricus konnte die Menschenmenge schon von Weitem hören.
»Scelestus!« »Iustitia!« »Homicida
Verbrecher! Gerechtigkeit! Mörder!
Sein Schritt wurde schneller. Er versuchte sich einen Weg durch die Massen zu bahnen. Er ahnte, dass etwas Schreckliches geschehen war.
Doch es war zu spät. Ein Aedil und vier Lictores nahmen Marcus bereits fest. Einige Schaulustige warfen Steine nach seinem Freund.
Er wollte Marcus folgen, doch scheiterte sofort. Die Menge ließ ihn nicht passieren.
Er versuchte einige Passanten anzuhalten und zu fragen was passiert sei, doch ein »ich weiß nicht« war die häufigste Antwort. Meist waren es dieselben Personen, die kurz zuvor noch am Lautesten geschrien hatten.
In Marcus‘ Villa suchte er nach jemandem der ihm Auskunft geben konnte. Marcus‘ Frau, eine Tochter oder zumindest ein Sklave.
In einem der hinteren Zimmer fand er Postumia Secunda, Marcus‘ zweite Tochter. Sie war in Tränen aufgelöst. Sie hörte ihn nicht, als er sich bemerkbar machen wollte. Erst als er näherkam und sanft ihre Schulter berührte, nahm sie ihn wahr. Sie zählte kaum 13 Jahre. Es dauerte, bis sie den Freund ihres Vaters erkannte. Sie hatte ihn schon ein paar Mal getroffen. Zuletzt vor 3 Jahren. Damals hatte er sie auf dem Landsitz außerhalb Roms besucht.
»Erzähl mir was hier los ist, Postumia«, forderte er sie auf.
Es fiel ihr schwer zu sprechen und was sie von sich gab war kaum zu verstehen, so laut war ihr Schluchzen. Er brachte ihr einen Krug mit Wasser und etwas, um die Tränen zu trocknen.
Dann sah er ihr zu wie sie nach Fassung rang.
»Sie haben Vater verhaftet. Man hat meine Mutter tot aufgefunden und sie sagen, dass er sie ermordet hat.«
»Deine Mutter ist tot?« Ihm fiel beinahe der Krug aus der Hand. »Das tut mir leid.«
Er bedauerte das zutiefst, doch er musste schnell mehr Informationen bekommen. Das Kind sollte nicht auch noch den Vater verlieren. Mord bedeutete die schlimmste Strafe. Der Tod oder der Circus, was im Grunde auf dasselbe hinauskam.
»Postumia, erzähl mir was du weißt. Wo ist sie gefunden worden? Wer hat sie gefunden?«
Postumia schilderte alles was sie wusste.
Es war nicht viel, aber ein Anfang. Ihre Mutter war zur zehnten Stunde aufgebrochen und tot in einem Gebäude in der Seitengasse der Via Labicana aufgefunden worden. Es war ein Lager in der Nähe des Marktes. Ein Händler wollte für seinen Marktstand Nachschub holen, da hatte er sie gefunden.
Im Moment konnte er nichts weiter für das Mädchen tun. Er machte sich auf zur Via Labicana. Es war nicht weit.

Das Lagerhaus war leicht zu finden. Es waren noch viele Menschen in der Nähe versammelt und einige davon zeigten ihrem momentanen Gesprächspartner, wo es passiert ist.
Noricus sah sich das Lagerhaus an. Es waren nur dort Blutspuren zu finden. Jedoch waren vor dem Gebäude Schleifspuren. Nicht viele und nur schwer zu erkennen. Zu viele Menschen waren seitdem schon darüber gelaufen, um den Ort des Verbrechens zu sehen. Er erkundigte sich bei einigen, ob sie gesehen hätten, was passiert ist, aber er hatte kein Glück. Zumindest konnte ihm einer der Passanten sagen, wem das Lagerhaus gehörte. Aber auch der Inhaber wusste nichts. Nur, dass Marcus‘ Frau ermordet wurde. Die Kehle war ihr aufgeschlitzt worden. Er hatte sie vor etwa drei Stunden gefunden und es sofort bei einem Aedil gemeldet.
Drei Stunden. Dann musste es zwischen der zehnten und der zwölften Stunde passiert sein. Viel mehr konnte er nicht in Erfahrung bringen. In der Seitenstraße war wenig los. Von dort konnte man schnell verschwinden, ohne dass man gesehen wurde.
Schließlich machte er sich auf den Weg zum Stadtpräfekten. Ihm würde der Fall geschildert werden, dorthin hatte man Marcus gebracht. Doch er wurde nicht vorgelassen.

In der Hoffnung, dass er ihm vielleicht helfen konnte, ging er zu seinem Vater.
Er hatte ein stattliches Anwesen in der Stadt. Groß und auf einem der Hügel gelegen. Die Nachbarn waren einige Senatoren. Er trat in das helle Haus ein und durchquerte zunächst den breiten Korridor. Er durchquerte Wohnräume, das Esszimmer und schließlich die Säulenhalle. Er wusste, dass er seinen Vater um diese Zeit im Garten finden würde.
Und tatsächlich fand er ihn über einen Busch gebeugt, den er sorgsam zurückschnitt.
»Pater«, machte er auf sich aufmerksam.
Der alte Mann drehte sich um. Er war schon lange ergraut. Auch hatte sich sein Haar am Haupt schon sehr gelichtet. Zurück blieb ein Kranz, den er jedoch stolz wie einen Siegerkranz trug. Er mochte zwar alt sein, doch er war noch sehr rüstig. Er drehte sich mit einem Ruck um und sah seinem Ziehsohn freudig ins Gesicht.
»Ah, Noricus. Was gibt es mein Junge?«
Er erzählte die ganze Geschichte. Von den Bränden, den Vorwürfen, der angeblichen Affäre seines Freundes, Sextus, seiner Frau und dem Mord.
Er wusste nicht, wie er seinem Freund helfen soll, er müsste wenigstens versuchen mit ihm zu sprechen.
»Mein Sohn, wenn du dir sicher bist, dass er es nicht war, dann kann er dir über den Mord nichts sagen.«
Er wusste, dass sein Vater recht hatte, doch es war niederschmetternd.
»Du solltest anders überlegen. Wer würde davon profitieren, wenn dein Freund gerichtet wird. Welchen Grund soll er für den Mord gehabt haben. Du solltest dich bei seinen Partnern umhören. Vielleicht hat er sich jemandem anvertraut. Ich würde bei Gaius Furius Marcellus anfangen. Ihre Kinder waren versprochen und er wollte die Verlobung lösen. Marcus hatte sicher versucht ihn umzustimmen.«
»Du hast recht Pater. Das ist ein guter Rat. Ich danke dir.«
Sein Vater lächelte ihn nochmal an und wandte sich wieder dem Busch zu. Er wusste, dass sich sein Sohn ohnehin sofort auf den Weg machen würde.

Im Haus von Gaius Furius Marcellus herrschte reges Treiben. Das Haus war weit prächtiger als das seines Vaters. Sein Vater war vermutlich wesentlich wohlhabender als diese Familie, doch er war kein Freund von Prunk. Anders hier. Statuen zierten den Weg vom Tor bis zum Hauseingang. Vorfahren der Familie. Die Namen sagten Noricus nichts. Er hatte noch von keinem von ihnen gehört und er war sich sicher, dass es den meisten Bewohnern Roms so ging. Dieser Familie war es wichtig, dass man etwas darstellte, auch wenn man es nicht war.
Gaius war nicht zuhause, doch man sagte ihm, dass er im beim Forum Romanum finden würde.
Er beeilte sich, denn die Lauferei hatte ihn heute schon viel Zeit gekostet. Wertvolle Zeit.
Kaum war er um die Ecke gebogen, wurde er von hinten niedergeschlagen. Es war zu überraschend, als dass er etwas dagegen hätte machen können. Augenblicklich sah er Sterne.

Minuten später, vielleicht auch Stunden, erwachte er. Er konnte nichts sehen. Er hatte einen Sack über dem Kopf und saß auf dem Boden eines Gebäudes. Seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt. Von draußen drangen Stimmen an sein Ohr, aber sie waren gedämpft. Er wollte schreien, wollte auf sich aufmerksam machen, doch er hatte einen Knebel im Mund.
Niemand würde ihn hören.
»Wird ja auch Zeit, dass du dich bewegst«, es war die Stimme eines Mannes. »Ich dachte schon du würdest ewig schlafen.«
Ein erwachsener Mann.
»Ich sollte dich eigentlich gleich töten, aber ich bin zu neugierig, warum du so viel herumschnüffelst.«
Die Stimme bewegte sich. Von rechts nach links und wieder zurück. Der Mann ging auf und ab.
»Es hätte viel einfacher werden können, wenn dieser gierige, alte Mann nur nicht so verbohrt wäre und nachgegeben hätte.« Zorn schwang in der Stimme mit.
»Also, ich mache dir jetzt einen Vorschlag. Ich töte dich nicht. Zumindest nicht gleich. Dafür erzählst du mir wer du bist und was du hier möchtest.«
Noricus spürte ein Messer an seiner Kehle. Es wäre kein ruhmreiches Ende und auch seinem Freund würde er nicht helfen, wenn er jetzt sterben würde.
Er nickte vorsichtig. Er würde nicht schreien.
Der Knebel wurde entfernt.
Der Geschmack von Hanfseil hing ihm nach und einige Fasern blieben im Mund zurück.
»Also, sprich. Was willst du hier«, eine ungeduldige Aufforderung sich zu erklären.
»Ich versuche meinem Freund zu helfen. Er glaubt, dass ihn jemand verleumden will.«
»Und weiter? Was weißt du?«
»Dass er recht hat. Ich weiß nur noch nicht wem er seine Probleme zu verdanken hat.«
Selbst mit dem Sack über den Kopf, konnte man erkennen, dass er mit dem Kinn in Richtung des Entführers deutete.
»Und das wirst du auch nicht. Du wirst nie erfahren wer…«
Weiter kam er nicht. Mitten in seinem Satz wurde die Tür aufgerissen. Noricus konnte eine Frau schreien hören. Er nahm wahr wie eine Gestalt davonlief.
»Helft mir! Macht mich los!« rief er schnell.
Wenn sie sich beeilte, konnte er ihm nachlaufen.
»Nun kommt schon, ich bitte euch!«
Die Frau schien zu zögern, aber nahm im schließlich den Sack vom Kopf. Er versuchte sich aufzustellen. Es war schwer mit den Händen am Rücken, doch es funktionierte.
Vom Schrei angezogen, sind nun auch andere hinzugekommen. Einer der Männer machte ihn los und Noricus versuchte dem Entführer nachzulaufen. Doch sobald er auf der Straße war, wusste er, dass es ein unmögliches Unterfangen war. Er konnte in jede Richtung gelaufen sein.
»Wo ist er hin«, herrschte er die Frau an, die ihn gefunden hatte.
»Ich … ich …«, sie stotterte. Sie hatte Angst.
»Bitte, wo ist er hin? Wie hat er ausgesehen?« Er sprach nun ruhiger mit ihr.
»Ich …«, sie atmete tief durch, »er war blond. Er hatte einen Ring am Finger. Mehr konnte ich nicht sehen.«
»Ein Ring? Hatte er eine Narbe an der Innenseite seines linken Arms?«
»Ich weiß es nicht. Ich konnte nichts sehen.«
»In welche Richtung ist er gelaufen?«
Sie schüttelte den Kopf: »Er ist nicht bei dieser Tür hinaus. Er ist da lang.« Sie deutete auf eine Tür zum nächsten Raum.
Noricus eilte durch die Tür. Ein Innenhof mit vielen Bäumen. Es wäre ein Leichtes gewesen an einem davon hochzuklettern und über das Dach zu verschwinden.
»Danke«, presste er enttäuscht hervor.

Er war noch in der Nähe von Gaius‘ Haus und wollte nochmal sein Glück versuchen.
Tatsächlich war dieser mittlerweile zu Hause. Die Familie war beim Abendmahl. Doch als Gaius hörte, dass Noricus bereits zum zweiten Mal hier war, empfing er ihn im Atrium.
Er war mit Säulen und Büsten gesäumt. Eine der Büsten war Gaius selbst. Auf der linken Seite konnte er einen Altar erkennen. IOM war darauf eingraviert. Iuppiter Optimus Maximus. Der Oberste aller Götter. Es war ihm erst vor kurzem ein Opfer dargebracht worden. Wohl, bevor das Abendmahl angefangen hatte.
Dem Eingang gegenüber befand sich das Impluvium. Das Wasserbecken war verziert mit Kriegsszenen. Bestimmt noch aus der Zeit vor dem großen Caesar. Und sicher hatte diese Familie nie an jenen Kriegen teilgenommen.
Zu seiner Rechten befand sich ein kleiner Raum, dorthin führte ihn der Hausherr. Er setzte sich auf eine der Liegen, im gegenüber Gaius. Er war ein Mann Ende 50, kaum kleiner als Noricus. Das ausgebleichte Haar zeigte noch einen Hauch von Blond. Man konnte sehen, dass er im Reichtum schwelgte und es ihm an nichts fehlte. Seine rundliche Figur spiegelte es wider. Er trug zwei goldene Ringe. Einer enthielt einen roten Stein, bestimmt ein Rubin, und der andere einen schwarzen, von dem er nicht wusste was es war. Vielleicht ein Onyx. Aber Noricus erkannte, dass er graviert war. Ein Löwe im Sprung.
»Also mein Freund, sprecht. Wie kann ich euch helfen?«
Die Stimme und die Worte waren freundlich, doch Noricus erkannte, dass er als Störenfried empfunden wurde.
»Ich danke euch, dass ihr mich empfangt. Ich bin ein Freund von Marcus Postumius Rufus.«
»Ich kenne Marcus. Unsere Kinder waren verlobt. Bis …«, er überlegte was er sagen sollte, »nun ja, bis heute, als er verhaftet wurde.«
»Wann habt ihr davon erfahren?«
»Mein Sohn hat mir davon erzählt, gleich nachdem man Gaius verhaftet hatte.«
»Dann war er also in der Nähe gewesen?«
»Ich glaube er war bei einem Pferderennen. Er ist wohl am Rückweg bei Marcus vorbei gegangen. Das Haus liegt fast am Weg.«
Fast. Das stimmte nicht und Noricus wusste das. Das nächste Hippodrom lag in derselben Straße wie Gaius‘ Haus. Es war eine Hauptstraße. Marcus‘ Haus, lag in die andere Richtung. Natürlich gab es noch ein anderes Hippodrom, aber da wäre der Weg weit länger gewesen. Und auch hier lag Marcus‘ Haus nicht direkt am Weg.
Er versuchte vorsichtig zu fragen.
»Hat euch Marcus davon erzählt, dass er verleumdet wird?«
»Ja, er war sich sicher. Aber er wusste nicht von wem. Er konnte es auch nicht beweisen. Es ist traurig, ich mochte Marcus. Ich kannte ihn immer als ehrenhaften Geschäftsmann. Nun ja, so leicht kann man sich täuschen.«
»Wart ihr bei ihm, um die Verlobung zu lösen?«
»Ja, ich war beim Präfekten. Er hat mich mit ihm sprechen lassen.«
»Ich muss mit Marcus sprechen, denkt ihr es gibt eine Möglichkeit?«
»Was ist euch meine Hilfe wert?«
»Ich bin mir sicher, dass es Marcus viel wert wäre, wenn seine Unschuld bewiesen würde. Vielleicht würde er umso freudiger die Mitgift seiner Tochter erhöhen. Ich nehme an, dass sie ja dann wieder als Braut für euren Sohn in Frage kommen würde.«
»Da ist was dran. Aber wenn nicht? Wenn ihr die Unschuld nicht beweisen könnt?«
»Woran denkt ihr?«
»Ich habe eine Tochter. Sie ist weder hübsch noch klug. Doch sie ist noch nicht versprochen.«
Noricus verstand. Er nickte. Er würde nichts unversucht lassen seinen Freund zu retten.
»In Ordnung. Wenn ich seine Unschuld nicht beweisen kann, werde ich eure Tochter ehelichen. Wenn ich seine Unschuld beweisen kann, dann werdet ihr einer erneuten Verlobung seiner Tochter mit eurem ehrenwerten Sohn zustimmen. Ihr solltet beide morgen mitbringen, wenn wir mit dem Präfekten sprechen. Und mit Marcus.«
»Sehr gerne. Trefft uns zur neunten Stunde beim Präfekten«, er stand auf und machte eine Handbewegung Richtung Tür.
»Bitte verzeiht, aber ich möchte den restlichen Abend in Ruhe mit meiner Familie verbringen.«

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