4. Kapitel
Noricus hatte nicht viel geschlafen. Als er aufstand, war es noch Nacht. Er verließ die Stadt im Norden über die Via Flaminia. Er folgte der Straße, bis ein schmaler Fluss in den Tiber mündete. Dort bog er ab und folgte dem Gewässer in einen kleinen Wald. An einer verborgenen Lichtung machte er halt. Vor einiger Zeit hatte er dort einige Steine übereinandergestapelt, die ihm als Altar dienten. Noricus zog eine Schüssel hervor, die er mit etwas Wasser und Erde füllte. Als er das richtige Verhältnis gefunden hatte, rührte er es zu einer Paste. Er entledigte sich seiner Toga und der Tunika. Halb nackt ließ er sich vor dem Altar auf die Knie sinken.
Zunächst verharrte er nur still. Dann begann er sich einige Symbole mit der angerührten Paste auf seinen Körper zu zeichnen. Drei Spiralen, die ihren Ursprung in demselben Punkt hatte, eine Triskele, zierte nun die Stirn.
Auf seine Brust malte er drei Kreise, die ineinander lagen. In den kleinsten, innersten Kreis machte er zunächst drei nebeneinander liegende Punkte. Sie lagen oben im Kreis. Von jedem Punkt ausgehend zeichnete er Linien. Die Linie des mittleren Punktes führte gerade nach unten. Die des rechten Punktes war nach rechts unten geneigt und die Linie vom linken Punkt ging nach links unten.
Seine Arme verzierte er mit gewellten Linien. Auch der restliche Körper wurde mit Mustern geschmückt.
Schließlich verteilte er den Rest des Schlamms in seinen Haaren.
Er kniete weiter vor dem Altar, doch er hielt sich nun gerade. Seine Arme breitete er zu beiden Seiten hin aus.
»Mogetius! Herr! Dein Diener Divico erbittet deine Hilfe.«
Es war sein Geburtsname. Er war zehn gewesen, als er sein zuhause verließ, um in Rom bei seinem Adoptivvater aufzuwachsen, doch er hatte nichts vergessen. Kein Wort und kein Ritual das er gelernt hatte. Er benutzte die Sprache seiner Ahnen.
»Meinem Freund wird ein schweres Verbrechen zur Last gelegt. Ich weiß er ist ohne Schuld. Bitte zeig mir den Weg das zu beweisen.«
Er reckte nun seine Hände gen Himmel.
»Mogetius! Herr! Dieser Mann ist ehrenhaft und ich schulde ihm mein Leben. Ich bitte dich um Beistand.«
Er schnitt sich mit einem Dolch die Handfläche auf und legte die blutende Hand auf den Altar.
»Mogetius! Herr! Ich bin nur ein unwürdiger Diener, doch bitte ich dich erhöre mein Flehen und nimm mein Blut als Opfer an.«
Er blieb noch einige Minuten in der Position und murmelte hin und wieder etwas vor sich hin.
Schließlich erhob er sich und tauchte in den Fluss ein, um sich zu waschen. Still und nachdenklich. Seine Wunde schmerzte. Sie war tiefer als er beabsichtigt hatte. Er stieg aus dem Wasser und verband die blutende Hand sorgsam. Er legte seine Kleider an und machte sich auf den Weg zurück nach Rom.
In der Stadt angekommen, ging er zum Tempel des Iuppiter. Ein Priester des Gottes sah seine Hand, verteilte etwas Salbe darauf und legte einen neuen Verband an. Noricus bedankte sich und spendete einige Sesterzen.
Er hatte noch etwas Zeit, doch er wollte so schnell wie möglich mit seinem Freund sprechen.
Eine halbe Stunde hatte er schon gewartet, als der Präfekt das Gebäude erreichte. Er wurde von einigen Lictores, seinen Leibwächtern, begleitet.
Verdutzt blieb er stehen, als er Noricus auf der Treppe zu seinem Amtsgebäude sitzen sah. Die Lictores wollten ihn bereits zur Seite drängen, doch der Präfekt winkte ab.
»Wer seid ihr und was macht ihr zu so früher Stunde bei meiner Dienststube?«
»Ave Herr, ich möchte mit meinem Freund sprechen. Er wurde gestern in Gewahrsam genommen. Sein Name ist Marcus Postumius Rufus«, sein Blick lag ruhig auf dem Beamten, doch seine Stimme verriet seine Unsicherheit und Sorge.
»Ihr wisst, es wird ihm ein Mord zur Last gelegt?«
Der Präfekt deutete ihm mitzukommen.
Gemeinsam gingen sie in die Amtsstube. Marcus wurde ebenfalls in das Zimmer gebracht. Die Lictores wurden angewiesen den Raum zu verlassen und der Präfekt schenkte allen ein Glas Wasser ein.
»Also, hier ist nun euer Freund.«
Noricus richtete sogleich das Wort an seinen Freund.
»Marcus, ich war eben auf dem Weg zu dir, als du abgeführt wurdest. Du hast recht, jemand versucht deinen Ruf zu ruinieren. Und dein Leben.«
»Wie kommt ihr darauf?« Der Präfekt schien interessiert.
Noricus erzählte von Anfang an. Von Marcus’ Verdacht und wie er ihn um Hilfe gebeten hatte. Wie er Sextus aufgesucht hatte, der offensichtlich immer noch ängstlich war. Wie dessen Frau ihm erzählte, dass sie bedroht würden und es nicht Marcus ist. Er schilderte, dass er Gaius Furius Marcellus gesucht hatte, aber überfallen wurde in der Nähe seiner Villa. Und wie er schließlich doch noch mit dem Patrizier sprach, der ihm vom Lösen der Verlobung erzählte. Wobei ihm die Information, dass sein Sohn am Weg vom Hippodrom nach Hause, an Marcus’ Haus vorbei kam immer noch seltsam vorkam.
»Titus Furius Marcellus, war mit eurer Tochter verlobt?« richtete der Präfekt das Wort überrascht an Marcus.
»Ja, bereits seit 5 Jahren sind sie einander versprochen. Weshalb erstaunt euch das?«
»Nun, ich dachte er wäre mit Livia Tertia, der Tochter von Gnaeus Flavius Fimbria, liiert. Ich habe sie schon oft zusammen gesehen. Turtelnd wie zwei Tauben. Und auch Gnaeus hatte etwas in der Art angedeutet. Das ist noch keine zwei Wochen her.«
Die beiden blickten nun ihrerseits ungläubig den Präfekten an.
»Was hast du gestern gemacht, bevor man dich abgeführt hat?« Noricus richtete die Frage an seinen Freund.
»Ich war zunächst beim Baden, danach beim Tempel und schließlich beim Forum Romanum. Etwa zur Mittagsstunde habe ich dort einen Geschäftspartner getroffen. Wir haben in einer der Tavernen dort etwas getrunken und uns unterhalten. Danach bin ich nach Hause gegangen.«
»Bei welchem Tempel warst du? Dem des Iuppiter?«
»Nein Noricus. Ich habe den Tempel des Apollo besucht. Augustus hatte ihn vor kurzem geweiht, aber ich konnte ihn bisher nicht besuchen, also habe ich es nun nachgeholt. Ein Priester sah, dass ich einige Aurii gespendet hatte. Er wollte sich bedanken und wir kamen ins Gespräch.«
Der Präfekt ließ sich von Marcus eine Beschreibung des Priesters geben. Er rief zwei Lictores herein. Einen schickte er den Geschäftspartner zu befragen und den anderen sandte er zum Priester. Beide beeilten sich und etwa eine Stunde später waren sie wieder zurück.
Sie bestätigten Marcus’ Aussage. Der Priester hatte Marcus zwischen der zehnten und elften Stunde getroffen. Er hatte sich mit ihm unterhalten, bis er zur Mittagszeit zum Forum ging. Dort hatte er sich mit seinem Geschäftspartner in einer Taverne getroffen. Sie haben sich erst zwei Stunden später getrennt. Danach ist Marcus nach Hause gegangen.
Zu dieser Zeit war seine Frau bereits tot. Wie die Tochter erzählt hatte, war sie zur zehnten Stunde von zu Hause aufgebrochen. Zur Mittagsstunde wurde ihr Leichnam gefunden. Marcus hätte sie nicht töten können. Es wäre sich von der Zeit her nicht ausgegangen.
»Wir wissen nun, dass ihr es mit Sicherheit nicht wart«, sprach der Präfekt an Marcus gerichtet, »aber wir wissen noch immer nicht wer euch und eurer Familie so viel Unrecht angetan hat.«
Es klopfte an der Tür. Gaius Furius Marcellus und seine Kinder baten um Einlass.
Noricus hatte beinahe vergessen, dass er sie hier treffen wollte.
»Wie ich sehe, habt ihr es bereits geschafft vorgelassen zu werden. Die Abmachung bleibt aber weiterhin bestehen.« Gaius zeigte auf seine Kinder und Noricus wusste was er meinte.
Die Tochter war tatsächlich keine Augenweide. Sie war still und sah sich mit großen Augen um. Bestimmt war sie älter als 20 Jahre alt und musste den Prunk aus ihrem eigenen Haus gewohnt sein, aber sie blickte, als hätte sie noch nie etwas so Aufregendes und Schönes gesehen.
Ihr Bruder Titus hingegen war unbeeindruckt. Er sah zunächst Marcus an und fixierte schließlich Noricus mit seinem Blick. Plötzlich war er seltsam unruhig.
Noricus musterte nun auch ihn. Er sah aus wie sein Vater in einer jüngeren Version. Etwas kleiner als Noricus selbst. Blond. Doch war er schlank und nicht so rundlich wie sein Vater. Er trug denselben Onyx Ring wie Gaius. Auch seiner war geziert von einem springenden Löwen. Wie ein Löwe der sein Opfer erlegte.
Titus blieb hinter seinem Vater stehen. Er wirkte ohnehin nicht erfreut über die ganze Situation.
Der Präfekt richtete das Wort zunächst an Gaius: »Ich habe schon gehört, dass ihr den beiden hier helfen wolltet. Ich weiß auch, warum eure Kinder mitgekommen sind. Es tut mir leid Gaius, wie es scheint, wird eure Tochter auch diesmal nicht vermählt.«
»Ihr meint, Marcus’ Unschuld wurde bewiesen?«
»Ja, durchaus. Er hat seine Frau nicht getötet. Dafür gibt es Zeugen. Also wenn ich das recht verstanden habe, dann werdet ihr nun euren Sohn wieder mit seiner Tochter verloben.«
Gaius nickte.
»Was sagt ihr dazu Titus? Ich dachte eigentlich ihr wärt mit Gnaeus Flavius Fimbrias Tochter versprochen«, richtete der Präfekt nun das Wort an den Sohn.
Titus zuckte hinter seinem Vater zusammen, der sich sehr überrascht zu ihm umdrehte.
»Nun, es ist der Wunsch meines Vaters, also werde ich ihm natürlich Folge leisten.« Man konnte den Widerwillen darin hören.
Gaius ging nun auf Marcus zu. Dabei konnte Noricus den Sohn nun ganz sehen. Ihn und seine Arme. Er starrte auf den linken Arm. Eine Narbe. Sie führte quer über die Innenseite. Und sie war gerade.
»Auf ein Wort Präfekt«, bat Noricus den hochrangigen Beamten.
Die beiden verließen den Raum und er äußerte seinen Verdacht.
»Ihr wisst, das ist eine schwere Anschuldigung? Ihr solltet euch besser sicher sein.«
»Ich weiß, aber vielleicht könnte man Gnaeus und seine Tochter befragen, bevor Titus mit ihnen sprechen kann. Ich wüsste gerne, warum Gnaeus angedeutet hatte, dass die Kinder verlobt sind.«
»Ihr habt recht, dass wüsste ich auch gerne. Ich werde sogleich jemanden schicken.«
»Habt Dank!«
In der Amtsstube zurück, erzählte Noricus die ganze Geschichte von Anfang an. Der Präfekt hielt seinen Blick unauffällig auf Titus gerichtet. Man konnte sehen, wie er immer nervöser wurde.
Er hatte versucht ein Spiel zu spielen, dem er nicht gewachsen war. Er war trotz allem noch ein Kind.
Noricus schilderte jedes noch so kleine Detail, um Zeit zu schinden, doch den Mann der Sextus bedrohte ließ er aus.
Noch bevor seine Erzählung beendet war, klopfte es erneut.
Der Präfekt entschuldigte sich kurz und verließ den Raum.
Einige Minuten später kehrte er zurück.
Noricus war mit dem Bericht fertig und die beiden Väter verhandelten gerade die erneute Verlobung ihrer Kinder.
»Gaius«, der Präfekt unterbrach die beiden, »erzählt mir doch bitte, wie könnt ihr euren Sohn verloben, obwohl er sich bereits mit Gnaeus Flavius Fimbria einig ist?«
Titus erschrak bei dem Namen. Gaius fuhr zu seinem Sohn herum.
»Ich weiß nicht was ihr gehört habt, aber dazu habe ich meine Einwilligung nicht gegeben.«
Der Präfekt fuhr ruhig fort: »Ich habe mit Gnaeus eben gesprochen. Euer Sohn war gestern bei ihm. Er erzählte ihm, dass die Verlobung zu Marcus’ Tochter gelöst ist. Er hat mir außerdem erzählt, dass euer Sohn ihn schon öfter wegen einer Heirat angesprochen hat. Er ist wohl sehr verliebt. Und vor etwa zwei Wochen hat er erzählt, dass ihr schon bald eure Einwilligung geben werdet.«
Er machte eine kurze Pause, um das Gesprochene sacken zu lassen.
»Hat euch Noricus erzählt, dass Sextus, dessen Haus abgebrannt ist, von einem Mann bedroht wurde? Er hatte ihn so eingeschüchtert, dass Sextus nichts erzählen wollte. Aber auf anderem Wege hat er es doch erfahren.«
Titus, der keine Möglichkeit sah aus diesem Raum zu entkommen, ließ nun seine Schultern hängen.
»Ein blonder Mann, mit einem goldenen Ring, geziert von einem schwarzen Stein. Eine Narbe über seinem linken Arm. Schnurgerade. Das ist die Beschreibung des Mannes, der ihn und seine Familie bedrohte.«
Es schallte im ganzen Raum, als Gaius seinen Sohn ohrfeigte.
Ein Schuldeingeständnis des Familienoberhauptes.
»Ich denke ihr habt einiges zu besprechen«, entließ er alle Anwesenden. »Noricus, ihr bleibt bitte noch einen Moment.«
Alle anderen verließen den Raum.
»Wir können Titus nur mit einem Brand und der Drohung in Verbindung bringen. Der Mord an Marcus’ Frau steht im Raum, aber es deuten nur Indizien darauf hin. Keine Beweise«, sagte der Präfekt als die Tür sich wieder geschlossen hatte, »doch sein Vater wird sich nun um seine Bestrafung kümmern, so wie er es für angemessen hält.
Allein dafür, dass er die Hochzeit sabotiert hat, wird die Strafe schwer werden.«
Noricus stimmte zu, es gab keine Beweise.
»Aber ich habe das Gefühl, dass ihr eurem Freund künftig besser helfen könnt und ihn beschützen werdet«, der Beamte lächelte.
»Ich führe die Liste für die Termine bei Augustus. Ich habe euren Namen für nächste Woche gesehen, doch ich konnte euch auf heute verlegen. Ihr solltet euch beeilen. Ihr seid in 30 Minuten dran.«
»Wie bist du mit Gaius verblieben? Aus der Verlobung wird jetzt wohl nichts?« fragte Noricus.
Sein Freund hatte ihm zum Abendessen eingeladen, um den Tag nochmal Revue passieren zu lassen.
»Nein, sein Sohn wird sich zur Legion melden und er wird dafür sorgen, dass er gegen die Germanen in den Krieg zieht.«
»Reicht dir das?«
»Angesichts der Situation, muss es das. Es gibt keine Zeugen und keine Beweise für den Mord. Lediglich die schwere Drohung kann man beweisen. Und auch nur dann, wenn Sixtus aussagt.« Noricus seufzte.
»Was wird nun aus deiner Tochter?«
»Ich werde einen anderen Verlobten für sie finden. Sie ist hübsch, klug und geschickt in der Handarbeit. Wie sieht es mit dir aus? Du bist doch nun nicht mehr beim Militär und du solltest langsam heiraten und Söhne zeugen.«
»Eigentlich«, Noricus sah seinen Freund stolz an, »bin ich noch immer beim Militär. Augustus wird einiges ändern. Es werden künftig einige Kohorten in und um die Stadt zur Sicherung eingesetzt. Zum Schutz für ihn, den Palast und wichtige Gebäude. Er hat mich zum Centurio der Cohors I. Praetoria ernannt.«
»Centurio der ersten Kohorte der Prätorianer. Ich gratuliere dir mein Freund. Ich glaube du siehst einer glorreichen Zukunft entgegen!«