“Also, die Rothaut” Frank streckte seine Hand in die Höhe und bedeutete so dem Wirt, seinen Becher nachzufüllen. “Was hast du diesbezüglich herausgefunden?” Bei dieser Frage wand er den Kopf und blickte nun Elias direkt an. Frank, um genau zu sein Frank
Linus Parker, war der Sheriff von Jacksontown. Er hatte eine kleine, gedrungene Statur und schütteres matt schwarzes Haar, in welchem sich die ersten grauen Strähnen zeigten. Sein fortwährender Konsum von “Feuerwasser”, wie es die Einheimischen nannten, war seinem
Gesamtbild auch nicht zuträglich, was der Bierbauch, die schwärzlichen Zähne und das blinde Auge unterschrichen. Auf Fremde machte er für gewöhnlich einen beklemmenden Eindruck, welcher von seinem auf den ersten Blick schroffen Charakter gefördert wurde. Kannte man ihn jedoch besser, so wusste man, dass er ein recht umgänglicher Mensch war und mit fast allen Bewohnern der kleinen Siedlung gut auskam. Was wahrscheinlich einer der Gründe für seine Berufung war. Ihm gegenüber saß sein Hilfssheriff Elias. Ein recht großer, schlanker Mann Mitte 20 mit feinen Gesichtszügen, dunkelgrünen Augen und
langem, braunem Haar welches er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Der einzige Grund für seine Stellung war, dass sein Vater, der weithin bekannte Großgrundbesitzer und Geschäftsmann Noah Bishop, den Sheriff darum gebeten hatte. Und
man schlug Noah Bishop keine Bitte aus wenn man wusste was gut für einen war. Sie saßen an der Bar des örtlichen Saloons und ließen den Tag ausklingen. Frank mit zwei bis fünfzehn Bechern Whisky und Elias mit seiner Pfeife. Der Raum war mäßig besetzt und so mussten sie, um eine gewisse Diskretion zu wahren nichts weiter tun, als die Stimme etwas zu senken.
„Er hieß Enapay“, begann Elias seine Ausführung, „der der mutig schreit. Er war 21 und dabei der nächste Shamane zu werden. Außerdem war er der Sohn von Ahiga, ihrem Häuptling.“ Er lehnte sich etwas weiter zu Frank und senkte die Stimme. „Es heißt, dass
Ahiga ihn an Kindes statt angenommen hat. Sie teilen also nicht das selbe Blut, wenn man den Gerüchten trauen kann.“ Frank hörte auf. „Wer ist die Mutter?“, frage er. „Das wissen wir nicht. Noch nicht.“,antwortete der Hilfssheriff. Sein Boss runzelte die Stirn und überlegte einen Moment. Dann schüttelte er kurz den Kopf, wie um den gerade gefassten Gedanken zu vertreiben und deutete Elias fortzufahren. Was jener tat: „So wie es aussieht, hat ihm jemand am Waldrand aufgelauert, ihm im halbdunkel gepackt und die Kehle mit einem Messer durchgeschnitten. Ernest meint es war ein Jagdmesser mit Riefen am unteren Rand.“ Ernest war der Arzt des Dorfes, welcher immer wieder bereitwillig dem Sheriff seine Hilfe anbot. „Und? Hast du schon was gefunden?“, fragte Frank. „Noch nicht. Aber ich hatte noch nicht genug Zeit alles zu durchsuchen.“ „Dann weißt du ja was du zu tun hast.“, sagte Frank und grinste Elias an. Dieser rollte mit
den Augen und erhob sich. Als er gerade im Begriff war den Saloon zu verlassen, rief ihm Frank noch nach: „Und finde etwas mehr über die Mutter heraus. Ich denke das könnte nützlich sein. Oder noch besser: Finde die Mutter selbst. Sie kann und sicher ein paar interessante Fragen zu beantworten.“ Elias atmete resigniert aus ,stieß die halbhohe
Schwingtür und trat hinaus in den kühler werdenden Abend. Die Mutter finden? Wie sollte er das bloß anstellen?! Er zog seine Pfeife aus der Innentasche seiner Weste heraus und klopfte sie an dem Geländer der Veranda aus. Dann stopfte er sie mit etwas Kraut aus einer kleinen Blechdose, welche er aus der Hosentasche zog, und entzündete die fertige Pfeife mit einem feinen Holzstäbchen, dass er an einer der herum hängenden Laternen zum glimmen brachte. Dann schritt er die Treppe herunter auf die schlammige Straße. Er nahm einen tiefen Zug und paffte ein paar bläulich-weiße wabernden Ringe in die Luft. Dann
entschied er sich für eine Richtung und nickt beinahe unmerklich zu sich selbst. Während er den ersten Schritt auf den von Ihm gewählten Weg ging, nahm er seinen Stern von der Brust und steckte ihn ein. Von jetzt an war er war er mehr im Dienst als Deputy Sheriff unterwegs. Als er sich dem Dorf der Ute näherte, trat ein kräftiger, gut gebauter junger Mann mit dunkler Haut und einem mannshohen Speer aus dem Schatten einer jungen Fichte heraus. Er stellte sich vor Elias und baute sich dort auf. Sein Gesicht war hart und somit waren keinerlei Emotionen daraus abzulesen. Elias trat bis auf etwa einen Meter an den Mann heran, hob die rechte Hand und legte sie dem Krieger auf die Schulter und schaute ihm direkt in die Augen. Woraufhin es ihm dieser gleich tag. Daraufhin senkte Elias den kopf und sagte: “Takétu, mein Bruder.” Der angesprochene senkte nun auch seinen Kopf und erwiderte mit tiefer, warmer Stimme: “Elias, mein Bruder” Dann richteten sich beide wieder auf und die bis dahin versteinerte Miene Takétus schien förmlich in eine freundliches Lächeln. Doch Elias
kannte Takétu nun schon lange genug um darüber hinaus auch den Schalk in seinen fast schwarzen Augen zu sehen. “Was führt dich zu uns, mein Freund?”, fragte Takétu. “Ich muss Ahiga sprechen”, erwiderte Elias. Takétu zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts
sondern gebot ihm nur mit einer einladenden Geste ihm zu folgen. Er führte ihn ins Dorf hinein wo immer wieder andere Bewohner ihren Weg kreuzten und Elias, sobald sie ihn sahen, freundlich grüßten. Er winkte zurück und lächelte dabei. Elias mochte die Indianer. Sie hatten eine so viel fortschrittlichere Art zu leben als die Menschen, welche mit dem Schiff aus Europa kamen. Wenn auch nicht im technologischen Sinne, doch im sozialen und ökologischen Bereich waren sie wesentlich weiter. Und auch spirituell hatten sie dem Vatikan einiges voraus. Als sie an einem der zentraler gelegenen Zelte angekommen waren, deutete Takétu Elias zu warten während er in das Zelt trat und dabei anfing auf Ute zu sprechen. Kurz darauf wurde das Fell, dass den Eingang bedeckte, zurückgeschlagen und Elias bedeutet einzutreten. Drinnen saßen am Feuer Ahiga, Häuptling des Stammes der Ute und Shaman, der die Verbindung zu den Geistern pflegte und deren Willen deutete. Elias trat an das Feuer heran und verbeugte sich kurz aus Höflichkeit vor den beiden. Dann setzte er sich im Schneidersitz ihnen gegenüber ans Feuer. Er wartete nun darauf, dass das Stammesoberhaupt das Wort ergriff. Es war eine simple Frage des Anstands ihn in seinem eigene Zelt als ersten sprechen zu lassen. Kurz darauf ergriff Ahiga auch schon das Wort: “Elias, es ist immer wieder eine große Freude dich zu sehen. Was kann ich denn für dich tun?” Elias beschloss, aus Rücksicht auf die Zeit der Beiden, sofort zur Sache zu kommen. “Großer Ahiga, ich bin hier um den Tod deines Kindes zu klären”, sagte Elias. Er kam dabei nicht umhin den kurzen Seitenblick zu bemerken, den sich die beiden Stammesführer zu warfen. “Ich habe eine Geschichte gehört”, sagte Elias, ”und würde gerne wissen wie viel
Wahrheit darin steckt.” Während er sprach bemerkte er deutlich wie ich die Gesichtszüge des Häuptlings verhärteten. Elias stockte und legte eine Pause ein, um die Situation zu überblicken. Angesichts der mimischen Entgleisung Ahigas war er sich nicht sicher wie weit
er noch gehen könnte ohne Gefahr zu laufen das Dorf heute nicht mehr lebend zu verlassen. Doch er war jetzt hier und wollte eine Antwort. Deshalb fuhr er fort: “Mir wurde zugetragen, dass die Möglichkeit besteht, dass Enapay nicht dein leibliches Kind ist.” Elias
versuchte sich keine Unsicherheit anmerken zu lassen auch wenn er vor lauter Spannung seinen Kiefer zu sehr zusammen presste, dass seine Zähne schon anfingen zu schmerzen. Beobachten konnte er nur wie der eine Ader an der Stirn des Stammesoberhaupts zu pochen begann und er sie Augen schloss. Und Elias bereitete sich schonmal darauf vor
festgenommen zu werden. Doch plötzlich sah er wie Shaman Ahiga eine Hand auf die Schulter legte und diesen durchdringend anschaute. Ahiga atmete daraufhin tief ein und nach kurzem halten wieder lang aus. Und plötzlich war alle Anspannung aus seinem Gesicht gewichen. Er sah nun mit einer weichen Miene zu Elias und sagte:”Die Geschichte ist wahr. Enapay is nicht nicht von meinem Blut. Seine Mutter ist eine alte Freundin von mir und als sie eines Tages vor meiner Tür stand, mit einem kleinen Jungen im Arm, konnte ich nur
zustimmen für dieses Kind die Verantwortung zu übernehmen. Aus diesem Grunde ist er,… , war er mein Sohn, egal was unser Blut sagt.” Elias nickte verständnisvoll, ließ aber nicht locker:”Ich muss seine Mutter finden. Sie könnte der Schlüssel sein um zu entlarven, wer
auch immer ihn ermordet hat.” Er sah wie sich eine einzelne Träne im Auge des kupferhäutigen Mannes sammelte und dann seine Wange hinab lief. Kurz darauf nickte er und sagte: “Shaman wir dich zu ihr führen. Wer auch immer meinen Sohn aus dem Leben gerissen hat wird sich dafür vor dem Stamm verantworten, versprich mir das!” Elias stand auf und verbeugte sich erneut vor dem Häuptling. “Ich erspreche es.”, sagte er mit ernster Miene ehe er Shaman aus dem Zelf folgte. Sie schlugen einen Weg tiefer in dem Wald ein. Weg vom Dorf und von jeglicher anderen Art der Zivilisation. Ob dieser Weg ihm der Antwort
ein Stück näher bringen würde? Frank saß in seinem lederbeschlagenen Lehnstuhl und zog, mittlerweile das fünfte Mal innerhalb der letzten zwei Minuten, seine schon etwas lädierte Taschenuhr aus der Weste und öffnete sie. Er warf einen Blick darauf und steckte sie kopfschüttelnd wieder ein. Es war nicht typisch, dass Elias nicht pünktlich war. Normalerweise war auf den Jungen immer Verlass. Frank begann sich ernsthafte Gedanken zu machen. Schon zwei Stunden waren vergangen seit der junge Hilfssheriff seinen Dienst hätte antreten sollen und doch war er immer noch nicht aufgetaucht. ‘Das reicht!’, dachte sich Frank nach einer weiteren unruhig verbrachten Minute. Er stand auf und erhob seine Stimme:”JOHN!!” Die Tür flog auf und ein Junge um 16 bis 17 Jahre kam herbeigeeilt. “Hol mein Pferd aus dem Stall!”, gab Frank die harsche Anweisung. Er beobachtete wie der Bursche aus dem Zimmer hechtete während er selbst sich aus dem Stuhl erhob und seinen Hut von einem Hacken an der hinteren Wand des Raums nahm. Wenn Elias als meinte gerade heute nicht zu ihm komme zu müssen, dann würde er, Frank, halt zu ihm kommen. Und das würde seinem jungen Untergebenen sicher nicht gefallen. Als er mit dem Hut auf dem Kopf in die Vormittagssonne trat, hatte John schon sein Reittier geholt und hielt nun die Zügel und stütze sich auf den rechten Steigbügel um Frank das aufsteigen zu erleichtern. Als dieser sicher im Sattel saß übergab ihm John die Zügel und trat gerade noch rechtzeitig zurück als Frank seiner Stute die Sporen gab und die Straße hinunter trabte. Er erreichte das kleine Haus am Ende einer der Nebenstraßen und band seinen Gaul an
einen der Veranda Pfosten bevor er die Tür öffnete und den einen Raum betrat, aus dem das Haus bestand. Es war leer. Niemand lag in dem Bett. Keiner saß am Tisch. Frank kratze sich am Kopf. Was trieb der Bengel bloß? Er trat an die Kommode heran, die am Fußende des Bettes stand, und öffnete sie. drei Fliegen flogen an ihm vorbei in die Freiheit als er die oberste Schublade öffnete. Er sah einige Kleidungsstücke, eine Kiste für Pistolenpatronen, ein paar kleine Blechdosen für Elias Pfeifenkraut und einen länglichen in eine Tuch
eingewickelten Gegenstand. Er nahm das Päckchen heraus und begann es zu öffnen. “Ist das dein Ernst?” Elias war geschockt. Nachdem er einige Stunden mit Shaman durch den Wald gewandert war hatten sie am Fuße eines Wasserfalls halt gemacht. Dort stand ein kleines, in die Jahre gekommenes Zelt. Shaman hatte zuerst alleine mit der älteren Frau darin gesprochen. Nach einiger Zeit hatte sie ihn auch hereingebeten. Was sie ihm zu sagen hatte, war mehr als er jemals zu vermuten gewagt hätte. Enapay war der Sohn der Frau, welche sich Elias als Makawee vorgestellt hatte. Soweit war Elias alles klar. Der Vater von Enapay war jedoch niemand geringeres als Noah Bishop, sein eigener Vater. Enapay war sein Zwillingsbruder. Beide halb weiße Indianer. Doch so etwas war nicht gerne gesehen. Also nahm Makawee den dunkelhäutiegeren von ihren Söhnen mit, um ihn beim Stamm der
Ute aufwachsen zu lassen. Der weißere der beiden Jungen blieb bei ihrem Vater, Noah. Um als Erbe sein Vermächtnis weiterzuführen. Niemand sollte je erfahren, dass Elias halb Indianer war. Auch er selbst nicht. Elias konnte sich nicht mehr rühren. Er hörte nur noch das Blut in deinen Ohren rauschen und sein blick wurde immer mehr von Tränen verschleiert, die sich in seinen Augen sammelten. Eine Minute später fiel er auch schon linksüber und verlor das Bewusstsein. Als Frank vorsichtig das in Leinenstoff eingewickelte Etwas aus den Stoff befreite wurde sein Mund trocken. In der Hand hielt er nun ein Messer. Ein Messer mit teilweise geriffelter Klinge und getrocknetem Blut überall an der Schneide und am Griff. Frank konnte es kaum fassen.
Dieser Fund and diesem Ort ließ, auch wenn ihm das nicht gefiel, nur einen logischen Schluss zu. Als Frank das Messer gerade wieder in die Stofffetzen einwickeln wollte um es einzustecken, hörte er Hufgetrappel vor dem Haus. Als er aus der Tür trat und diese hinter
ihm zu fiel, sah er Elias der gerade von seinem Pferd stieg. Er sah auf und erblickte Frank. Sein Blick wanderte kurz zu dem Messer in der Hand des Sheriffs und ein bösartiges Grinsen entblößte seine Zähne. “Du hast es also gefunden”, hörte Frank seinen langjährigen Freund sagen. Doch war ihm diese Stimme unbekannt. Die Kälte und Überheblichkeit die in dieser Stimme mitschwangen verursachten eine Gänsehaut auf seinen Armen. “Hab ich”, sagte Frank vorsichtig, ”möchtest du mir etwas dazu sagen?” “Diese elende Rothaut hatte den Namen meines Vaters nicht verdient” Schockiert über eine solche Aussage fiel es dem älteren Mann schwer, seine Mimik unter Kontrolle zu halten. “Aber du hast doch ein gutes Verhältnis zu den Indianern”, sagte er verblüfft. Sein Gegenüber lachte kühl auf. ”Du redest von diesem Schwächling Elias. Du hast Recht. Er hätte so etwas nie tun können. Dafür ist er zu schwach und zu feige. Aber ich nicht.” Frank war verdutzt. “Wer bist dann du, wenn du nicht Elias bist?”, fragte er. “Ich bin Elias aber auch wieder nicht. Ich übernehme, wenn Elias zu schwach ist um etwas zu tun. Mein Name ist Loyd” “Also gibst du den Mord an Enapay zu?” “Ja!” Frank legte seine rechte Hand auf den Holster um seine Hüfte als er sah wie Elias, nein, Loyd dasselbe tat. “Du musst das nicht tun”, wagte Frank einen letzten Versuch die Situation zu entschärfen.
Doch es war zu spät. Frank warf das Messer, welches er in seiner linken Hand hielt noch während er mit der rechten seine Pistole zog. Zwei Schüsse peitschten durch die Stille gefolgt von einem Schrei und dem dumpfen Geräusch eines Körpers, der leblos zu Boden fiel…
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Wilder seltsamer Westen
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