Die Morgensonne brannte Katharina in den Augen und sie zog sich zum Schutz die Decke über den Kopf. Egal wie spät es war, es war zu früh, um wach zu sein.
Letzte Nacht hatte sie eindeutig zu viel Alkohol getrunken. Sie konnte sich nur noch an Bruchstücke der Party erinnern. Ein paar Trinkspiele, jemand hatte am Tisch getanzt. sie hoffte inständig, dass sie es nicht gewesen war. Sie kannte zwar kaum jemanden auf der Party, aber das wäre ihr peinlich gewesen.
Sie hatte sich mit jemandem unterhalten. Blond, braune Augen und der Körper eines Adonis. Sie konnte sich noch gut an das Sixpack erinnern. Moment, wieso wusste sie wie sein Oberkörper unter dem Shirt aussah? Und nicht nur das, sie konnte sich auch erinnern, wie er schmeckte!
“Hey, ich hoff du hast kein Problem damit, dass ich unter deiner Dusche war?”
Die sonore Stimme brachte etwas mehr ihrer Erinnerung zurück. Die Haut kribbelte an den Stellen, die vor einigen Stunden geküsst und gestreichelt wurden. Sie wagte einen Blick unter der Decke hervor.
Er sah wirklich gut aus. Die blonden Haare waren noch nass von der Dusche und hingen im frech ins Gesicht. Breite Schultern und eine schmale Taille. Sie konnte sich dunkel daran erinnern, dass er etwas vom Schwimmen erzählt hatte.
Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, seinen Körper zu bedecken, weshalb ihr Blick ungehindert weiter nach unten wanderte. Bei der Feststellung, dass er alles andere als zu klein war, wurde sie unwillkürlich rot.
“Ähm, ja … ich meine natürlich nein. Ich habe nichts dagegen.”
Seinem Grinsen nach zu urteilen, war er sich sehr wohl bewusst, dass er gerade gemustert wurde und dass der Betrachterin wohl auch gefiel was sie sah.
“Wie schaut’s aus, hast du heut schon was vor?” fragte er interessiert, während er sich anzog.
Das alles war ihr unangenehm. Sie war normalerweise zurückhaltend, beherrscht und ruhig. Und nicht wie letzte Nacht unüberlegt, impulsiv, ungehemmt und, wie ihr eben wieder einfiel, laut.
“Du solltest viel Wasser trinkn. Wart, ich hol dir eins.”
Sie zog sich stöhnend die Decke wieder über den Kopf. Konnte er nicht einfach gehen und nie wiederkommen? Warum musste er auch noch nett sein?
Keine zwei Minuten später, stand er mit dem versprochenen Wasser vor ihrem Bett.
„Wenn du noch nix vorhast, dann könnt ma doch was zusammen unternehmen“, er sah sie erwartungsvoll an.
„Draußen, an der frischen Luft. Wennst Kopfweh hast, hilft das vielleicht.“
Er hatte Grübchen, wenn er lächelte. Das machte ihn nur noch attraktiver. Aber sie hatte keine Zeit für Männer. Auf sie warteten eine Menge Prüfungen und massenhaft lernen.
„Eigentlich wollte ich heute lernen. Es tut mir leid, das ist vermutlich keine gute Idee.“, antwortete sie wahrheitsgemäß.
Sie war es nicht gewohnt jemandem einen Korb zu geben.
Er schien wohl zu ahnen, was sie weitersagen wollte und fiel ihr schnell ins Wort.
„Hör mal, ich werd mich erstmal um dein Frühstück kümmern. Und dann werden wir einfach weiterschaun. Okay?“
Sie nickte, noch bevor ihr einfiel, dass sie kaum etwas zu essen in ihrer Wohnung hatte, und nichts davon sich als Frühstück eignete. Ihr war ohnehin flau im Magen und als sie an die Dosenravioli und die Tiefkühlpizza dachte, wurde ihr übel.
Noch bevor sie etwas sagen konnte, war er bereits aus der Tür raus. Sie stand mühsam aus dem Bett auf und schleppte sich in die Dusche. So würde sie den Kopf wieder klar bekommen. Morgenroutine, das war es was sie brauchte. Dinge, die sie gewohnt war, die sie jeden Tag tat.
Nur Minuten später, fühlte sie sich tatsächlich besser. Die Dusche hatte die Wirkung nicht verfehlt. Als sie dabei war ihre Haare zu trocknen, hörte sie ein Rumpeln aus dem Wohnzimmer.
War er noch in der Wohnung? Hatte sie ihn nicht gehen gehört? Vielleicht war er noch hier und hatte doch etwas in der Küche gefunden.
Gerade als sie ansetze seinen Namen zu rufen, fiel ihr ein, dass sie den nicht wusste. Er hatte ihn ihr gesagt. Er hatte ihn in Verbindung mit irgendeinem Musiker genannt. Aber welchem Musiker? Sie versuchte krampfhaft sich zu erinnern. You can leave your hat on. Cocker. Das war es. Joe Cocker.
„Joe?“ rief sie in die Wohnung hinein.
Es kam keine Antwort. Vielleicht hatte sie sich verhört. Sie zog sich an und verließ den Raum.
„Joe?“ fragte sie nochmal.
Im Wohnzimmer war er nicht. Es war auch alles still. Als sie sich wieder in Richtung des Badezimmers wandte, sah sie, dass ein Bild von der Wand gefallen war.
Eine genauere Begutachtung ergab nichts. Das Seil an der Rückseite des Bildes war intakt, also kontrollierte sie den Haken. Der war jedoch fest in der Wand verankert und bewegte sich kein Stück. Warum auch immer es von der Wand gefallen war, sie würde wohl einen anderen Platz versuchen müssen. Es ist in den letzten Wochen bereits zum dritten Mal passiert.
Sie betrachtete das Bild. Es war ein Familienfoto, dass vor ihrem Haus in Salzburg aufgenommen wurde. Sie hatte es vergrößern und einrahmen lassen.
Auf der Suche nach einem anderen Platz, sah sie sich in ihrer Wohnung um. Eigentlich gehörte sie ihren Eltern und war normalerweise vermietet. Doch gerade als sie für ihr Jurastudium nach Wien gezogen war, sind die Mieter plötzlich ausgezogen.
Eine Wohnung in dieser Lage hätte sie sich niemals leisten können. Schon gar nicht allein. Sie hatte Glück gehabt, denn anstatt in einer Wohngemeinschaft zu wohnen, wie es ursprünglich ihr Plan gewesen war, konnte sie nun im ersten Bezirk residieren. Die Wohnung war nicht groß, aber es war ruhig. Perfekt um sich auf das Studium zu konzentrieren.
Wenn man bei der Tür hereinkam, stand man bereits im Wohnzimmer. Rechts ging es zur Küche und einem Abstellraum. Links ging es zum Schlafzimmer und dem Badezimmer.
Durch die Fenster konnte sie den Innenhof sehen. Hinter dem gegenüberliegenden Dach ragte der Turm der Augustinerkirche hervor.
Um in die Wohnung zu kommen, musste man zunächst von der Straße durch das große Eingangstor. Links und rechts waren die Aufgänge zu den Wohnungen und Büros. Ging man weiter, kam man in den begrünten Innenhof. Dort gab es Zugänge zu einigen Firmen, wie der Buchbinderei.
Zu ihrer Wohnung, gelangte man über einen Pawlatschengang. (Anm.: Eine Art überdachter Balkon, wie ein außenliegendes Treppenhaus.)
Das hofseitige Holz war in dunklem Braun gestrichen, während die eingelassenen Fenster weiß waren.
Einer ihrer Nachbarn liebte Wienerlieder und Operetten. Meist konnte man eine alte Aufnahme von Rudolf Schock, Fritz Wunderlich oder Hans Moser hören.
Es war als wäre die Zeit hier stehen geblieben. Fast würde man erwarten, dass ein Stubenmädel über den Hof läuft, um einen Auftrag ihrer Herrschaften zu erfüllen.
Ein Klopfen hinter ihr, riss Katharina aus ihren Gedanken. Erschrocken, hätte sie beinahe das Bild erneut fallengelassen, welches sie noch in der Hand hielt. Sie legte es nun auf die Kommode und öffnete die Türe.
Joe! Sie hatte ihn bereits vollkommen vergessen.
Er hielt eine Tüte in seiner Hand und grinste sie an: „Ich hab da a bisserl was mitbracht.“
Noch bevor sie etwas sagen konnte, schob er sich an ihr vorbei und ging schnurstracks in die Küche.
Er kam mit Tellern und Gläsern zurück und breitete alles am Couchtisch aus.
„Es gibt ein paar Straßen weiter einen hervorragenden Bäcker. Ich hab nicht g‘wusst, was dir schmeckt, also hab ich a bisserl was von allem g‘nommen.“
Es war von allem etwas dabei. Obst, Orangensaft, Smoothies, Kaffee, Tee, Rührei, Schinkenbrote und ein typisches Wiener Frühstück, bestehend aus Semmeln, Butter, Marmelade, Honig.
Er hatte es gut gemeint, also setzte sie sich neben ihm auf die Couch.
»Hör mal. Ich hab schon g’merkt, dass ich dich da überfallen hab. Aber ich wollt net, dass du mich gleich wieder vergisst. Ich mag dich und ich hätt gern a echte Chance dich kennenzulernen. Wenn du dann immer no sagst, dass das nix wird, lass ich’s gut sein.«
Sein Blick erinnerte sie an einen Welpen, der um ein Leckerli flehte. Gerade wollte sie ihm erklären, warum es keine gute Idee war und dass sie es bleiben lassen sollten, bevor einer von beiden enttäuscht wird, da hörte sie sich selbst sagen: »In Ordnung.«
Joe seufzte erleichtert auf.
Die Zeit verging wie im Flug. Sie hatten mehrere Stunden geredet, gelacht oder hingen einfach ihren Gedanken nach. Er war mit ihr sogar beim Einkaufen gewesen und hatte ihre Lebensmittel nach Hause getragen.
Katharina musste zugeben, dass sie die Zeit mit Joe sehr genossen hatte und dass sie ihn gerne wiedersehen wollte. Sie vereinbarten einander über WhatsApp zu schreiben und sich ein neues Treffen auszumachen.
Drei Tage später kam es dann dazu. Es hatte sich herausgestellt, dass Joe Geschichte studierte. Er wollte eine Sonderausstellung zum Thema »Wien und die Türkenbelagerungen« im Heeresgeschichtlichen Museum besuchen, also hatte sie ihn begleitet, damit er nicht allein gehen musste. Danach war er noch mit zu ihr gekommen.
Als sie bei einem Glas Wein auf der Couch saßen, erkundigte er sich schließlich: »Is alles in Ordnung? Du warst heut so still. Viel Stress auf der Uni?«
»Ja, auch. Aber nein, ich habe nur schlecht geschlafen.«
»Hast net schlafen können, oder hast was Schlechtes träumt?«
»Ich hatte einen Traum. Er ist eigentlich nicht der Rede wert, aber irgendwie beschäftigt er mich seit heute Morgen.«
»Erzähl. Vielleicht hilft’s, wennst drüber redest.«
»Es ist eigentlich wirklich nichts. Ich habe von einem Zwerg geträumt. Entschuldige, von einem Kleinwüchsigen. Ich kann nicht sagen, zu welcher Zeit der Traum spielte, aber er hatte eine Art Uniform an. Schwarz, mit vielen goldenen Verzierungen. Es sah sehr edel aus, aber es passte so gar nicht zu ihm oder der Umgebung. Er war eindeutig overdressed. Mägde, Dienstboten und Händler tummelten sich um ihn herum. Er sah sich die Stände an, hatte einiges gekauft, gefeixt und sich über einige Leute lustig gemacht. Einer wollte ihn verprügeln, aber obwohl er zwei Köpfe kleiner war und hinkte, konnte er den anderen problemlos besiegen. Er setzte sich an den Rand eines Brunnens und beobachtete die Mädchen. Er hörte ein Gespräch zwischen zwei Frauen. Die eine erzählte, dass sie sich eine neue Arbeitsstelle suchen wollte. In dem Moment änderte sich sein Gesichtsausdruck. Nicht mehr fröhlich und lustig. Er sah aus wie ein Raubtier beim Jagen. Die Frau nicht mehr aus den Augen lassend, folgte er ihr. Als er sie einholte, bot er ihr eine neue Stelle an.«
Katharina atmete tief durch.
»Es ist nicht der Traum selbst der mich beschäftigt. Es ist, wie sich der Kleinwüchsige plötzlich verändert. Dieser kalte, berechnende Blick. Da bekomme ich eine Gänsehaut.«
Joe nickte verständnisvoll. Er nahm ihre Hand in seine und drückte sie aufmunternd.
»Wennst magst, kann ich heute Nacht da schlafn? Also, auf der Couch.«
»Danke, Joe. Aber es geht schon. Es ist nur ein Traum und er ist auch schon vorbei.«
Sie war dankbar für sein Angebot, doch es war ja wirklich nur ein Traum. Sie wollte nicht bedürftig oder schwach erscheinen. Noch dazu, wo sie es nicht war. Sie konnte es nicht leiden, wenn Frauen sich schwächer darstellten als sie waren, um den Beschützerinstinkt zu wecken und so zu bekommen was sie wollten. Das war einfach würdelos.
»Wie du magst. Aber wennst deshalb net schlafen kannst, oder wenn du noamal so an Traum hast, ruf mi ruhig an«, bot er nochmal an.
»Joe? Tut mir leid, wenn ich dich aufgeweckt hab.«
Es war mitten in der Nacht und seine verschlafene Stimme meldete anderen Ende des Telefons: »Passt scho. Is alles in Ordnung?«
»Ich habe dir doch vorhin von meinem Traum erzählt.«
Ihre Stimme war leise.
»Hast wieder von dem Zwerg träumt?« erkundigte sich Joe.
»Nein, aber von der Frau, der er gefolgt ist. Sie ist in meinem Haus gewesen. Im Innenhof. Es fehlten zwar die Holzverkleidungen bei den Außengängen, aber es war bestimmt dasselbe Haus. Man konnte den Kirchturm sehen. Es war eisig kalt und sie wurde mit Wasser übergossen. Sie fror. Sie hatte blutende Wunden am ganzen Körper. Zunächst hatte sie gebetet, dann gewimmert und gefleht. Schließlich schrie sie vor Schmerzen.«
Tränen liefen ihr übers Gesicht.
»Jedes Mal, wenn ich versuche einzuschlafen, höre ich sie schreien.«
»Wennst magst, kannst gern zu mir kommen. Oder ich komm zu dir. Aber ich lass dich heut net allein schlafen.«
»Wenn es dir nichts ausmacht, kannst du dann bitte kommen?«
Er war bereits dabei sich anzuziehen.
30 Minuten später klopfte es an der Tür. Katharina öffnete, doch niemand war da. Nun spielten ihr ihre Sinne auch noch einen Streich. Entnervt verriegelte sie die Tür und schrieb eine Nachricht an Joe, mit der Bitte anzurufen, sobald er in der Nähe war.
Kurz darauf klopfte es wieder. Sie zuckte zusammen. Diesmal öffnete sie nicht. Sie konnte sich das doch nicht einbilden.
»Katharina?«
Seine tiefe Stimme ließ sie aufatmen.
Er klopfte nochmal eindringlicher. Sie entriegelte das Schloss und ließ ihn eintreten.
»Hey, hey. Schhhh.« Er zog sie zu sich heran, nahm sie in den Arm und versuchte sie zu beruhigen.
Sie ließ sich gegen seinen Körper sinken und erst jetzt fiel Katharina auf, dass sie zitterte. Sie wusste nicht, ob vor Anspannung wegen dem Traum, oder vor Erleichterung, weil Joe hier war.
Ein paar Tage später, beschäftigte der Traum Katharina noch immer. Joe hatte jede Nacht bei ihr geschlafen. Sie genoss seine Anwesenheit und obwohl sie sich noch nicht lange kannten, fühlte sich seine Nähe sehr vertraut an und es fehlte etwas, wenn er einmal nicht da war.
Zunächst hatte er es sich noch auf der Couch bequem gemacht, doch nachdem der Traum nochmal wiederkehrte, hatte er sein Lager auf der linken Seite ihres Bettes aufgeschlagen. Sie schlief besser, wenn er sie im Arm hielt.
“Kathi, was weißt du über die Geschichte von dem Haus?”
Er war eben von einer Vorlesung heimgekommen.
“Es ist recht alt. Mehrere hundert Jahre glaube ich. Ich habe einmal gehört, dass es früher Adeligen gehört hat. Aber das ist auch schon alles.”
“Ich hab heut mit einem Studienkollegen g’redet. Als ich die Adresse, Augustinerstrasse 12, erwähnt hab, hat er g’meint, dass es das ungarische Haus g’nannt wird und eine Vergangenheit hat.”
Kathi konnte nicht ganz folgen und sah ihn verständnislos an.
Er erzählte weiter: “Vor etwa 500 Jahren, hat das Haus einer ungarischen Adelsfamilie g’hört. Eine Angehörige dieser Familie war eine Elisabeth Bathory.”
Sie hatte den Namen schon einmal gehört, konnte ihn aber nicht zuordnen. Sie ließ ihn weitersprechen.
“Elisabeth Bathory soll etwa 600 junge Mädchen g’foltert und umbracht habn. Ich hab mir ein paar Gschichtn durchg’lesen und sie hat die Mädchen net nur g’schlagn und auspeitscht, sie hat sie hungern lassn und ausbluten. Und manche wurdn bei Kälte nackert mit Wasser übergossen.”
Katharina horchte auf. Letzteres war genau wie bei dem Mädchen aus dem Traum.
“Das Fleh’n und Schrei’n soll man noch bis ins Kloster gegenüber g’hört haben. Aber da is no was“, sein Gesichtsausdruck wurde ernst. „Sie hat einen Lakaien g’habt der die Mädchen rang’schafft hat. Ein Zwerg in einer edlen Livree.”
Sie wurde bleich und stand nun starr vor ihm.
Die Schlafzimmertür knallte laut zu.
Panisch sprang sie Joe in die Arme.
“Der Wind,” versuchte er sie zu beruhigen.
Sie glaubte ein leichtes Zittern in seiner Stimme zu erkennen. Es war kein Fenster offen.
“Komm, wir lenken uns a bisserl ab. Lass uns was auf Netflix schaun”, schlug er vor.
Als sie bereits den zweiten Film schauten, konnte sie sich endlich beruhigen. Nachdem die Anspannung nun endlich aus ihrem Körper gewichen war, schlief sie ein.
Sie schien sich in einer Art Dämmerschlaf wiederzufinden. Joe hatte seinen Arm um sie gelegt und hielt sie fest. Er war wach und folgte dem Film.
Sie hörte ein leises Flüstern. Zunächst konnte sie nicht ausmachen, woher es kam. Erst als es etwas lauter wurde, konnte sie erkennen, dass es eine Frau war, die flüsterte. Sie konnte nicht verstehen was sie sagte. Es war eine andere Sprache.
Die Frau flüsterte wieder: „Ficzkó, ő a következő!“
Katharina war sich nicht sicher, was Traum war und was real.
“Joe, sie spricht zu mir. Es hört sich an wie: Fizko, ö a követkesö!“
Er schien die Bedeutung zu kennen. Die Farbe wich aus seinem Gesicht.
“Ficzkó war der Rufname des Dieners. Der Rest is ungarisch für: Sie ist die Nächste“, übersetzte er.
Dann konnte sie ihn nur noch verschwommen wahrnehmen. Sie spürte kaum noch seine Berührung.
Die Gestalt der Frau wurde klarer. Sie war mittleren Alters. Die Haare waren streng nach hinten geflochten. Ihre herrschaftlichen Gewänder waren schwarz, mit silbernen Stickereien. Sie hob eine Peitsche und ließ sie über Katharinas Körper schnalzen. Es schmerzte.
Immer wieder tanzte die Peitsche über ihre Haut und hinterließ Risse bis tief ins Fleisch hinein.
Ein hinkender Zwerg kam dazu. Er trug eine schwarze Uniform mit goldenen Verzierungen. Sein Blick war eiskalt.
Er schlug mit einem Knüppel auf sie ein. Katharina konnte ihre eigenen Knochen brechen hören, mit solcher Wucht prasselten die Schläge auf sie herab.
Sie sank zu Boden und schrie vor Schmerz.
Der Zwerg baute sich vor ihr auf. Er hob die Hand und sie wusste er würde mit dem Knüppel nun auf ihren Schädel einschlagen.
Ein schriller Schrei löste sich aus ihrer Kehle: “Nein! Joe, hilf mir!“
Dann wurde es dunkel.
Über den Innenhof konnte sie eine alte Aufnahme von Fritz Wunderlich hören:
Wien, Wien, nur du allein
Sollst stets die Stadt meiner Träume sein!
Dort, wo die alten Häuser stehn,
Dort, wo die lieblichen Mädchen gehn!
Wien, Wien, nur du allein
Sollst stets die Stadt meiner Träume sein!
Dort, wo ich glücklich und selig bin,
Ist Wien, ist Wien, mein Wien!
Plötzlich, Stille.