„Schönen guten Tag an alle Anwesenden, mein Name ist Richter Lukas Schmidt, ich habe heute den Vorsitz der Verhandlung Staatsanwaltschaft gegen Klaus Brenner bezüglich“, kurze Pause und einen schnellen Blick Richtung Anklagebank, „dreifachen Mord mit nekrophiler Schändung. Die Staatanwaltschaft wird durch Herr Dr. Franz Schneller vertreten, die Verteidigung vertritt Frau Doreen Glaser, Protokollführung Frau Helga Warns. Es ist 10 Uhr 7, die Sitzung ist eröffnet. Herr Dr. Schneller, bitte verlesen sie die Anklage.“. „Sofort, euer Ehren. Klaus Brenner wird des dreifachen Mordes mit anschließender nekrophiler Schändung angeklagt. Die Opfer hießen Andreas Kaiser, 23 Jahre alt, wohnhaft in der Goethegasse 4; James Karat, 21 Jahre alt, wohnhaft in der Andersen-Allee 42a; und Markus Brauer, 23 Jahre alt, wohnhaft in der Belinski-Str. 73. Dem Angeklagten wird vorgeworfen die drei genannten Personen ermordet zu haben und sich anschließend an den Leichen sexuell vergangen zu haben.“. „Danke, Hr. Dr. Schneller, wie plädiert die Verteidigung?“. „Auf nicht schuldig, euer Ehren, mein Mandant könnte etwas derartiges nicht tun.“. „Zur Kenntnis genommen. Das Wort hat nun die Staatsanwaltschaft. Wie genau sieht der Fall aus?“, man kann die Langweile in der Stimme des Richters deutlich heraus hören, immerhin hatte er die Akte ebenfalls gelesen. „Die Morde sind innerhalb von drei Wochen verübt worden, der erste am Dienstag des 28. September, das Opfer war James Karat. Er wurde tot von seinen WG-Mitbewohner gefunden wurden, die über das Wochenende bis einschließlich Montag bei ihren Eltern waren. Die Leiche wurde am Dienstag Vormittag gegen 11.25 gefunden, 11.28 kam der Notruf in der Zentrale an. Die Beamten vor Ort waren 11.42 am Tatort, die Spurensicherung um 11.47. Die Befragung der Mitbewohner ergab nichts, keine Verdächtigen, kein Motiv. Es wurden keine Einbruchsspuren gefunden, also muss Herr Karat den Täter selbst hereingelassen haben, so die Schlussfolgerung der Ermittler. Die Gerichtmedizin datierte den Todeszeit punkt auf Dienstag Morgen, zwischen 6 und 7 Uhr. Die Ermittlungen verliefen im Sande, es konnten keine Anhaltspunkte zum Täter gefunden werden, lediglich einige Faserspuren von Lederhandschuhen waren an der Leiche.
Das zweite Opfer, Markus Brauer, wurde am Montag, 4. Oktober, im Fitnessraum seiner Eigentumswohnung gefunden. Die Reinigungskraft hatte in der Wohnung bereit eine dreiviertel Stunde geputzt, bevor sie den Fitnessraum machen wollte. Die Tür war geschlossen und auf Rufen, ob jemand Zuhause sei, antwortete niemand. Die Beamten waren mit der Spurensicherung zeitgleich um 8.53 vor Ort, nachdem der Notruf um 8.42 einging. Aufgrund der fachgerechten Reinigung der Wohnung waren keine DNA oder Faserspuren zu finden, der Fitnessraum kam, laut den Beamten, einer Schlachterei gleich. An der Eingangstür waren Plastikrückstände, die von einer Kreditkarte oder Ähnlichem herrührten, mit dem die unverschlossen Wohnungstür aufgebrochen wurde. Das die Wohnungstür nicht verschlossen war, kam der Reinigungskraft nicht verdächtig vor, da Herr Brauer wohl des Öfteren vergas abzuschließen. Die Befragung seines Umfeldes ergab ebenso wenig, wie zuvor bei Herr Karat, es konnten keine Motive oder Verdächtige herausgefunden werden. Die Gerichtsmedizin konnte allerdings feststellen, dass die Wunden der beiden mit den selben Tatwaffen verübt wurden. Näheres dazu folgt später. Der Todeszeitpunkt wurde auf Sonntag Mittag zwischen 11 und 13 Uhr festgelegt.
Das dritte Opfer, Herr Kaiser, wurde am Nachmittag des 14. Oktobers, ein Donnerstag, in seiner Küche gefunden. Nachbarn sollten sich um die Pflanzen in der Wohnung des Verstorbenen kümmern, während er eigentlich im Urlaub in den Niederlanden sein sollte. Der Todeszeitpunkt war der Abreisetag, Montag, 11. Oktober, am Nachmittag zwischen 13 und 16 Uhr. Die Befragung des Umfelds ergab den ersten Hinweis, da am 11. Oktober eine unbekannte Person im Hausflur gesehen wurde, männlich, weiß, um die 35 Jahre alt, ca. 1,90m, dunkelbraunes Haar. Ein Phantombild konnte nicht erstellt werden, da die Zeugin, eine 74 jährige Hausbewohnerin, ihre Brille nicht auf hatte.
Wieder stellte die Gerichtsmedizin einen Bezug zu den vorangegangen Morden her, da die Wundbilder nahezu identisch waren und wieder Faserspuren eines Lederhandschuhes gefunden wurden. Nun folgt der weniger angenehme Teil. Die Autopsien der drei Leichen ergaben, dass den Opfern zuerst ein Schlitzt-Schraubendreher seitlich in den Hals gerammt wurde, durch den Kehlkopf hindurch, und stecken gelassen wurde, um den Opfern die Möglichkeit zu schreien zu nehmen und die Blutung zu verlangsamen. Mit einem Messer wurden die Sehnen in den Armbeugen durchtrennt, was eine Verteidigung unmöglich machte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Opfer noch bei vollem Bewusstsein, da der Schraubendreher sie am verbluten hinderte, sie aber immer noch genügend Luft bekamen.“ Der Staatsanwalt stockte, ein Kloß hatte sich in seinem Hals gebildet, der Magen spielte ebenfalls nicht ganz mit. Nach einem tiefen Atemzug fuhr er fort. „Mit einem Akkubohrer bohrte er Löcher in Hände, Füße und Schulter, anschließend stach er ihnen bei lebendigem Leid die Augen aus. Das erste Opfer verstarb an dieser Stelle an einem Schock, die anderen hatten dieses Glück nicht. Er kastrierte alle drei, die Hoden wurden als Trophäen mitgenommen. Aufgrund des Blutverlust verstarben die Opfer, aber nicht gerade schnell. Nach dem Ableben der Opfer verging sich der Täter an den Augenhöhlen, jedoch mit einem Kondom, weshalb keine DANN-Spuren gefunden werden konnten. Auch wurden Löcher in die Nabel der Opfer gebohrt, woran sich ebenfalls vergangen wurden. Zuletzt entfernte er den Schraubendreher und schnitt den Halsansatz mit dem Messer auf, wie man es früher bei Schlachtungen tat. Die ganze Tat hat zwischen dreißig und fünfzig Minuten gedauert.
Alle drei Opfer waren Anfang der Zwanziger, ca. 1,80 groß, hatten hellbraunes Haar, sportlich gebaut und kamen aus gutem Hause, weshalb der zuständige Pathologe von einem Serientäter ausging. Das erklärte auch das Fehlen von Motiven und Verdächtigen.“
„Danke, das reicht erstmal.“, unterbricht Richter Schmidt. Er scheint etwas blass um die Nase, was aber auch nur am grauen Licht des wolkenverhangenen Morgens liegen könnte. „Hat die Verteidigung irgend eine Bemerkung oder Einwand bis hier her?“ „Nein, euer Ehren,“, „Gut, dann fahren sie bitte fort, Herr Dr. Schneller.“. „Die Ermittlungen ergaben keine weiten neuen Spuren, auch nach zwei weiteren Wochen nicht. Es gab aber auch keine neuen Leichen, was die Ermittler erstmal beruhigte. Am 6. November ging dann eine Ruhestörungsklage in der Zentrale ein, ein Nachbar würde Nachts um 23.30 in seinem Geräteschuppen bohren und hämmern. Als die Beamten vor Ort kamen, war nichts Lautes zu hören, doch hörten sie eine Person im Haus weinen, woraufhin sie klingelten um sich nach dem Befinden zu erkundigen. Dieses Haus gehörte der vor kurzen verstorbenen Mutter des Angeklagten und der Angeklagte war zum Zeitpunkt der Ermittlung zugegen. Er öffnete die Tür und begrüßte die Beamten, antwortete auf ihre Frage, ob alles in Ordnung sei, er verarbeitete gerade den Tod seiner Mutter. Die Beamten verwarnten ihn, er solle die Nachtruhe einhalten und wollten gerade gehen, als ihnen Blutspuren an seinen Fingernägel auffiel. Auf die Frage wo die herkamen konnte Herr Brenner nicht antworten, woraufhin die Beamten um seine Erlaubnis baten sich mal umsehen zu dürfen. Er bejahte. Anfänglich konnten die Beamten nichts verdächtiges finden, aber der Untersuchung des Geräteschuppens fanden sie dann einen blutverschmierten Schlitz-Schraubendreher, ein sauberes geschliffenes Messer und einen Akkubohrer ohne Aufsatz. An dieser Stelle fiel den Beamten die Beschreibung des Unbekannten im Hausflur Herrn Kaisers ein, und die Ähnlichkeit zu Herrn Brenner veranlasste die Beamten ihn vorläufig festzunehmen. Die Analyse der Blutspuren ergab, dass es sich um das gemischte Blut aller drei Opfer handelte, die Wundränder passten zum gefunden Messer, woraufhin die Wohnung mit einem Durchsuchungsbeschluss auf den Kopf gestellt wurde. Dabei wurden Lederhandschuhe gefunden, welche an einigen Stellen fransten, auch hier ergab die Vergleichsanalyse eine 95% Übereinstimmung. Danach wurde der Fall der Staatsanwaltschaft übergeben, während Herr Brenner in U-Haft übergeben wurde.“
„Sind sie fertig damit meinen Mandanten an den Pranger zu stellen?“, ergreif nun Frau Glaser das Wort. Sie hatte rote Flecken auf ihrem runzligen Gesicht, was ihren übermäßigen Alkoholkonsum vermuten lässt. „Mein Mandant ist nachweislich schizophren mit Wahrnehmungs- und Kommunikationsschwierigkeiten, er ist seit 3 Jahren bei Dr. Laurens in Behandlung in Form einer offenen Therapie und mein Mandant hat seit dem nicht einen Termin verpasst. Hätte es Anzeichen für gewalttätiges, bedrohliches oder zerstörerischen Verhalten gegeben, sich oder anderen Personen gegenüber, hätte Dr. Laurens die nötigen Schritte eingeleitet um dies zu verhindern. Er ist heute auch anwesend und bereit auszusagen. Wenn es in Ordnung ist, würde ich ihn gerne gleich aufrufen.“ Mit einer Handbewegung Richtung Zeugenstand gibt Richter sein Einverständnis. Nun läuft der Gerichtsprozess auf Hochtouren.
Zwei Stunden später wird Klaus Brenner in einen Hochsicherheitstrakt für psychisch Gestörte deportiert, wo er den Rest seines Lebens verbringen sollte. Richter Schmidt fährt am Abend nach Hause, wo ihn seine Frau bereits mit dem Abendbrot erwartet. Nach dem Essen zieht er sich in sein Arbeitszimmer zurück, verschließt die Tür und setzt sich an seinen pedantisch geordneten Schreibtisch. Seine Frau würde nun den Abwasch machen und danach noch ,Wer wird Millionär?´ schauen. Er öffnet die unterste Schublade seines Schreibtischs und holt einen Metallstab heraus, schwarz verkrustet, mit zwei Spiralen verziert. Es war ein Bohrkopf, blutverkrustet, und während der Richter ihn betrachtet huscht ein Grinsen über sein Gesicht, wie von einem Siebenjährigen, dessen bester Streich gerade erfolgreich war. Dem Schwachkopf die Beweise unterzujubeln war ein Kinderspiel gewesen. Der Idiot hatte keinen Führerschein, war also auf Busse angewiesen, was zu den Wohngegenden der Opfer passte, denn alle wohnten in unmittelbarer Nähe zu einer Bushaltestelle. Was etwas komplizierter war, war das Timing der Morde mit dem Tagesplan des Vollpfostens abzupassen. Drei volle Monate der Beschattung hatte es ihn gekostet, herauszufinden wann er wo hinfuhr. Zur Bibliothek in der Andersen Allee, die einzige in der Stadt die bereits um sechs Uhr öffnet; in die Kirche in der Belinski-Str zur Sonntagsmesse; und ins Fitnessstudio in der Goethegasse, wo er jeden Monat hinging. Der Bekloppte war perfekt. Sein Allerweltgesicht fiel niemanden auf, durch seine Psychosen verhielt er sich ruhig und unauffällig, keiner nahm ihn wahr. Die Todeszeitpunkte passten perfekt zu den Videoaufnahmen im Bus, der Schwachkopf war zu den fraglichen Zeiten immer in der Nähe gewesen. Der Clou an der Sache war die Deportierung der Tatwaffen und der falsche Anruf bei der Polizei bezüglich der Ruhestörung. Über einen kleinen Sender am Telekabelanschluss des Nachbarhauses konnte er den Anruf von dort kommen lassen, die Beweise hatte er die Nacht zuvor im Geräteschuppen versteckt. Das einzige Wagnis, welches er eingehen musste ist sich, bzw Herrn Brenner, an den Tatorten so ähnlich wie möglich zusehen und sich sehen zu lassen. Da aber Statur, Größe und Haarfarbe des Muttersöhnchen mit seiner übereinstimmten, musste er nur etwas Makeup auftragen um die Gesichtszüge des Schwachmatikus zu rekonstruieren. Zum Glück hatte er vor Jahren bereits einen Maskenbildner-Kurs absolviert.
Das Grinsen wandelte sich nun zu einer Fratze, der Schalm tanzte und blitze in den Augen des Richters. Hätte er die Mutter nicht gekannt, hätte er nie einen so perfekten Sündenbock gefunden und das die Mutter dann auch noch verstarb beschleunigte nur seinen Plan. Er hat keinen festen Typ Mensch den er töten wollte, er tötet um des Töten Willens. Das Blut, der Schmerz in den Augen, die Wärme der Körper, das sind seine Begierden, egal ob Mann, Frau, jung oder alt. Blut ist Blut, Schmerz ist Schmerz und Tot ist Macht.
Er greif nach dem Gemälde an der Wand über seinen Schreibtisch, mühelos schwingt es an unsichtbaren Scharnieren auf und gibt den Blick auf eine versteckte Nische frei. Auf drei Brettern stehen um die zwanzig Einweggläser, gefüllt mit Formaldehyd und verschiedensten menschlichen Organen, von Augen, über Ohren, bis hin zu Nieren oder einem Herz. Er betrachtet seine neusten Errungenschaften, sechs strahlend weiße Hoden in einem Glas, nimmt es behutsam in die Hand und schmiegt seine Wange daran. Wieder entstellt ein höhnisches Grinsen sein Gesicht, die Erinnerungen an die Jungs kochen in ihm hoch und er merkt wie er hart wird. Das Glas in der einen Hand, seine Erektion in der anderen, genießt er seinen Feierabend. In Vorfreude auf sein nächstes Spiel stellt er das Glas zurück, schließt die Nische und macht sich daran sich durch seine Akten zu wühlen, auf der Suche nach dem nächsten potenziellen Sündenbock.
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Der Richter
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