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Season 1

Master and Servant

Lesedauer 17 Minuten

„Während der Verhandlung gegen den mutmaßlichen Serienkiller, Tristan Malvolio Clarke, kam es heute zu einer Bombendrohung. Der Gerichtssaal wurde augenblicklich geräumt und die Verhandlung wird nächste Woche fortgesetzt. Bis der genaue Tag für die Weiterführung festgelegt wird, befindet sich der Angeklagte wieder im Albemarle-Charlottesville Regional Jail. Dem Angeklagten wird zur Last gelegt mindestens fünf Personen getötet zu haben. Laut dem FBI soll sich die Dunkelziffer jedoch um die 20 Opfer bewegen. Tristan Malvolio Clarke wird beschuldigt hinter den Morden des sogenannten Maple Ridge Killers zu stecken. Er hat sich als nicht schuldig bekannt. Man geht davon aus, dass im Falle einer Verurteilung die Todesstrafe verhängt wird. Es kam bereits vor zwei Tagen zu einem großen Rückschlag für die Anklage, als ein Hauptzeuge plötzlich …“

Noch bevor der Satz zu Ende war, wechselte der Barkeeper auf einen Sportkanal. Es wurde bereits seit Wochen über den Fall berichtet und jeder wusste ohnehin was bei der Verhandlung passierte. Bisher beruhte der Prozess nur auf Indizien, es schien keine richtigen Beweise zu geben. Oder die Anklage hielt sich damit noch zurück, um ein Ass im Ärmel zu haben, welches man zum richtigen Zeitpunkt hervorholen konnte.

Ein Blick auf die Uhr sagte der Blonden, dass es Zeit war zu gehen. Sie legte ein paar Dollar als Bezahlung auf die Theke. Beim Verlassen des Lokals, zog sie sich ihren schwarzen Mantel enger. Die Bäume hatten schon beinahe alles Laub verloren. Nur vereinzelt fanden sich noch braune Blätter darauf. In wenigen Wochen würden sich wohl die ersten Schneeflocken zeigen.

Charlottesville hatte etwa 50.000 Einwohner und es befanden sich kaum noch Menschen auf der Straße. Die Stöckel hallten leise in den Straßen, als die Frau zu einem Hotel ging, das ein paar Straßen von der Bar entfernt lag. Hier waren die Geschworenen untergebracht. Sie alle wohnten auf derselben Etage. Ein Cop war zum Schutz abgestellt worden. Vielleicht aber auch zur Überwachung, damit niemand Kontakt zur Außenwelt hatte. Das war strengstens untersagt, damit die Objektivität bewahrt wurde. Als wäre es bei einem solchen Fall möglich, sachlich zu bleiben. Es wurden Fotos von den Leichen gezeigt und wie sie getötet wurden. In den Augen der meisten war Clarke ohnehin schuldig. Wenn sie die Fotos sahen, dachten sie an ihre Familien und Freunde und was passieren könnte, wenn das Monster weiter sein Unwesen treiben würde.

Im Hotel war alles still. Als die schlanke Gestalt der Blondine durch die Etage schlich, sie hatte den Treppenaufgang genommen, um so leise wie möglich zu sein, konnte sie aus einigen Zimmern ein Schnarchen vernehmen. Der Teppichboden dämpfte zwar das Geräusch ihrer Schuhe enorm, aber sie zog sie dennoch aus. Sie sah sich um und konnte den Cop nirgendwo entdecken. Aufgeregt sah sie auf ihr Ziel am Ende des Ganges. Zimmer 187.


„Special Agent Fisher?“
Er war eben bei seiner morgendlichen Joggingrunde unterbrochen worden.
„Verschwunden? Wie konnte sie aus ihrem Hotelzimmer verschwinden? Wo war der diensthabende Officer?“
Er beschleunigte wieder sein Tempo und kehrte in Richtung seiner Unterkunft zurück. Er war für einige Tage nach Quantico gekommen und wohnte auf dem Campus der FBI Akademie. Er sollte jungen FBI Rekruten etwas über die tägliche Arbeit zu erzählten. Nun würden sich die Pläne jedoch ändern. Man hatte ihn über die wichtigsten Dinge informiert und ihm Instruktionen gegeben sich auf den Weg nach Charlottesville zu machen. In einer Stunde würde der Helikopter starten. Das war gerade Zeit genug zum Apartment zu laufen, zu duschen und die Sachen zu packen.

Eigentlich hatte er gedacht, dass er mit diesem Fall nichts mehr zu tun haben würde. Das es endlich vorbei war. Doch er hatte bereits eine Vorahnung gehabt. Gegen alle Vernunft und trotz seiner Einwände, wollte man Clarke so schnell wie möglich den Prozess machen. Es gab kaum Beweise, dass er der Täter war. Viele Vermutungen und Indizien, aber nichts Handfestes was ihn wirklich überführen würde. Nun kam es lediglich darauf an, wie überzeugend der Staatsanwalt war. Wenn er nicht gut performte, würden die Zeugen sich auf nicht schuldig einigen und Clarke könnte man nichts mehr anhaben.
Tristan Malvolio Clarke wirkte bei der ersten Einvernahme, als könnte er keiner Fliege etwas antun. Aber, als er sich mehr mit dem vermeintlichen Täter beschäftigte, ihn sogar beschattet hatte, war er zu dem Schluss gekommen, dass Clarke ein kalter Jäger war.
Er liebte den Nervenkitzel. Laut Freunden hatte er eine Leidenschaft für Extremsport. Freeclimbing, Base-Jumping und Motocross waren die aktuellen Favoriten. Er ging auch jedes Jahr mindestens einmal zur Jagd. Fisher selbst verabscheute es eine Beute zu erlegen, die weder eine Bedrohung war noch eine faire Chance hatte. Die Personen, mit denen er gesprochen hatte, schilderten Clarke auch immer als netten, hilfsbereiten und charmanten Zeitgenossen. Er war belesen und höflich.
Der Fall hatte Fisher Albträume beschert. Es verfolgten ihn nicht nur die Opfer in der Nacht, auch Clarkes kalte, blaue Augen sah er regelmäßig. Es war nur einmal passiert, dass er während der Ermittlungen einen Blick hinter die Fassade hatte erhaschen können. Er war sich vorgekommen, als wäre er selbst der Gejagte. Aber es war nur ein kurzer Moment, der schneller vorbei war als er kam.

Als Fisher später in Charlottesville gelandet war, wurde er gleich von einem Detective der State Police in Empfang genommen. Sie kannten sich bereits und hatten im Fall des Maple Ridge Killers gemeinsam ermittelt. Die Presse war wenig kreativ gewesen, als sie den Namen erfunden haben. Es war der Ort, wo die vermeintlich erste Leiche gelebt hatte. Die Opfer waren tatsächlich weit über den Bundesstaat gestreut gefunden worden. Möglicherweise war er sogar über die Grenzen von Virginia hinaus aktiv gewesen.
„John, ich hatte gehofft dich so schnell nicht wieder zu sehen“, begrüßte er den Detective.
John nickte ihm nur zu und überreichte ihm eine Akte. Er war nie sonderlich redselig gewesen.
„Hat man schon irgendwelche Anhaltspunkte, wer hinter der Sabotage des Prozesses steckt?“
Das Kopfschütteln genügte ihm als Antwort.
Clarke hatte sein ganzes Leben unweit der Stadt gelebt. Er hatte hier Freunde und Menschen, die ihm wohlgesonnen waren. Sie waren alle vernommen worden, doch keiner hatte sich verdächtig gemacht. Doch es waren zu viele Dinge passiert. Die Zeugin, die plötzlich ihre Aussage zurückzog. Der Staatsanwalt war überzeugt gewesen, dass sie Angst hatte, wohl vor dem Angeklagten. Tatsächlich war es die wichtigste Zeugin gewesen. Sie hatte entkommen können, als jemand versuchte sie zu entführen. Sie konnte nicht viel sehen, aber hatte einige Kleinigkeiten wahrgenommen, wie Größe, Statur und seinen Geruch. Sie erkannte das Parfum wieder, es war Aramis Classic. Clarke verwendete denselben Duft. Sein Auto hatte die gleiche Farbe und entsprach demselben Modell, wie das von der Zeugin beschriebene. Es wurde auch kurz zuvor von anderen in der Nähe gesehen. Sie hatte die Kleidung nicht genau erkennen können, aber was sie beschrieben hatte, glich in etwa dem, was Clarke an dem Tag getragen hatte.

Das Hotel, in dem die Geschworenen untergebracht waren, lag an der Emmet Street. Es hatte einen großen Parkplatz und auf der Rückseite standen Nadelbäume dicht nebeneinander. Es gab Eingänge über die Seiten und das Schwimmbad. Wer hatte diese Unterkunft nur ausgesucht. So viele Möglichkeiten, ungesehen rein und raus zu kommen. Die Rezeption war zwar besetzt gewesen, aber man hatte niemanden gesehen, der nicht auch hierhergehörte. Es gab kaum andere Gäste. Es war nicht die beste Zeit für Touristen.
Die Spurensicherung war bereits hier gewesen. Es gab keine Anzeichen, dass jemand unrechtmäßig das Zimmer betreten hatte. Keine Kampfspuren. Nichts Außergewöhnliches. Jemand hatte einen Spürhund angefordert, der ihnen eben entgegenkam. Zwei Police Officer waren dabei die anderen Geschworenen auf der Etage zu befragen. Fisher betrat das Zimmer am Ende des Ganges. Zimmer 187.

Sie befanden sich in der obersten Etage, also konnte sich auch niemand über den kleinen Balkon Zutritt verschafft haben. Ein Stuhl und ein Tisch standen draußen. Ein voller Aschenbecher fand sich darauf. Also war sie Raucherin. Alle Kippen schienen von derselben Marke zu sein. Kein Lippenstift.
Das Bett sah unberührt aus, also hatte sie letzte Nacht nicht geschlafen, bevor sie das Zimmer verließ. Meagan Smith, so hieß die Geschworene Nummer 3, war eine ordentliche Person. Es lag nichts auf dem Boden. Alles war fein säuberlich im Schrank aufgehängt.
Diese Ordnung setzte sich im Badezimmer fort. Schminkutensilien und Zahnputzzeug standen am Waschbecken, sowie Gesichtscreme und Bodylotion. Duschgel, Shampoo und ein Damenrasierer befanden sich auf der Wanne. Es waren noch einige feuchte Stellen zu sehen.
„Fragt die Nachbarn, ob sie gehört haben, wann hier das letzte Mal das Wasser lief. Das hilft uns die Zeit des Verschwindens etwas besser einzugrenzen“, rief Fisher, als er ins Schlafzimmer zurück ging.
Keine Handtasche, kein Portemonnaie, kein Geld oder ähnliches. Sie musste alles mitgenommen haben. Also war sie freiwillig bei der Tür raus.
John kam ins Zimmer herein. Er hatte die Informationen seiner Kollegen zusammengetragen.
„Meagan Smith dürfte zuletzt um halb acht letzten Abend geduscht haben. Der Geschworene Nummer 4“, John deutete auf die linke Seite des Zimmers, „hatte gehört, wie sie das Wasser angemacht hatte und etwa eine halbe Stunde später wieder abgedreht hat. Dann hat sie die Haare geföhnt. Danach passierte länger nichts. Um halb elf etwa, hat Geschworene Nummer 11“, er zeigte nun auf die rechte Wand, „ein bisschen frische Luft geschnappt. Da war Smith wohl gerade am Balkon, rauchen. Der diensthabende Officer saß die ganze Zeit am Gang. Um halb eins kam, wie jeden Abend, die Wachablöse. Er ging zum Aufzug, wo er sich mit seinem Kollegen ausgetauscht hatte. Nach einigen Minuten hatte dieser den Platz in der Mitte des Flurs eingenommen.“
John lehnte sich aus dem Zimmer und deutete nach rechts zum Aufzug auf einen Stuhl.
„Die meisten haben um diese Zeit geschlafen. Nur die Geschworene gegenüber dachte, sie hätte ein leises Klopfen gehört. Sie öffnete die Türe, aber konnte niemanden sehen, also legte sie sich wieder ins Bett.“
„Wann hatte sie das Klopfen gehört?“ erkundigte sich Fisher.
„Zum selben Zeitpunkt, als die Officer die Übergabe machten. Sie dachte noch, dass einer von ihnen eine Frage hätte. Sie konnte sie nicht sehen, aber am Ende des Flures hören.“
„Danke John. Also können wir davon ausgehen, dass sie in der Zeit das Zimmer verlassen hatte, als die Ablöse kam. Und das Klopfen…“
„… von dem wir nicht wissen, ob es real war,“ unterbrach ihn John.
„Das stimmt, aber bei so vielen Problemen rund um diesen Fall, bin ich davon überzeugt.“
Fisher sah sich nochmal im Flur um. Wenn man über den Aufzug kam, stand man an einem Ende des Ganges. Es, gab daneben einen Treppenaufgang. Hier standen die beiden Officer, also konnte Smith diesen Weg nicht genommen haben, ohne bemerkt zu werden. Der Flur war gerade, ohne Biegungen. Jedoch stand die Mauer an einer Seite so ungünstig in den Weg hinein, dass der Blick versperrt war.
Am anderen Ende des Flures gab es nochmal einen Treppenaufgang. Er diente als Fluchtweg.
„Ist der Fluchtweg mit einem Alarm gesichert?“ wandte er sich an John.
„Ja, aber er schien seit ein paar Tagen nicht zu funktionieren. Es gab einen Daueralarm, ohne dass eine Tür geöffnet wurde, also hatte man ihn abgestellt und vorläufig deaktiviert. Der Techniker war bestellt, aber konnte noch nicht vorbeikommen.“
„Ich möchte, dass der Techniker befragt wird, warum er noch nicht kommen konnte. Vielleicht wurde dafür gesorgt, dass er das Sicherheitssystem noch nicht reparieren konnte. Und die Aufnahmen des Hotels von dem Tag, als der Alarm anfing. Ich möchte wissen, ob sich da jemand daran zu schaffen gemacht hat und ob jemand hier war, der nicht ins Hotel gehörte. Und überprüft die restlichen Gäste. Vielleicht hatte davon jemand seine Finger im Spiel.“
Fisher ging den Fluchtweg entlang nach unten. Kein Hinweis, keine Spur. Er ging zu seinem Partner zurück.
„John, der Spürhund soll den Fluchtweg prüfen. Vielleicht können sie dort eine brauchbare Spur finden.“
Ein Nicken als Antwort.


Sie hatten vor vielen Jahren das verlassene Haus entdeckt, dass so schön abgelegen und vergessen im Wald lag. Der Keller war perfekt. Es gab zwei Zugänge. Einer über das Haus, der andere etwas weiter entfernt durch eine lange Röhre. Sie hatten eine kleine Kamera am Eingang installiert, die sie nur laufen ließen, wenn sie hier waren. Es sollte keine Überraschungen geben.
Das letzte Mal war sie vor etwa zwei Jahren hier. Es war nicht ihre Stadt und sie hatte sich hier nie wohl gefühlt. Aber diesmal war es notwendig her zu kommen. Sie kam eben von ihrem Einkauf zurück. Ein paar Lebensmittel, ein Diktiergerät und eine Speicherkarte. Mehr würde sie im Moment nicht brauchen.
Sie verstaute die Lebensmittel und nahm dann die Stufen in den Keller hinab. Die Lampe gab nicht viel Licht ab. Die Speicherkarte legte sie in das Diktiergerät ein und prüfte die Funktionalität.
Schließlich ging sie zum Tisch in der Mitte des Raumes. Sie war etwas anderes gewöhnt, aber es musste reichen. Dieses Mal.
Auf dem Tisch lag eine Frau. Mitte 20, rote Haare, schlank. Durchaus hübsch.
Bei der Anzahl an Beamten, war es etwas schwierig gewesen, sie im Gericht abzupassen. Sie sah sofort das Interesse in ihrem Gesicht und die Augen sprachen eine noch deutlichere Sprache. Verlangen. Es war nicht viel nötig, die rothaarige zu einer Nacht voller Leidenschaft zu überreden. Es war auch fast schon zu einfach gewesen sich ins Hotel zu schleichen und sie zu überreden mitzukommen. An einen versteckten Ort, an dem sie lauthals schreien konnte und das auch tun würde.
Geschworene Nummer 3. Es war fast schon zu einfach gewesen. Doch darum ging es diesmal nicht. Es ging nicht darum Spaß zu haben. Das hier war notwendig.
Zunächst schnitt sie die Bluse und den BH der anderen in der Mitte auf und legte die weiße Haut darunter frei. So weiß und glatt wie Porzellan. Sie fuhr vorsichtig zwischen den Brüsten entlang nach unten zum Bauchnabel. Unvermittelt musste sie lächeln. Ein bisschen Spaß würde es ihr wohl doch bereiten.
Nur noch ein bisschen. Zuerst musste sie alles genau vorbereiten.
Sie kontrollierte die Ledergurte und Schnallen. Alles war festgezogen.
Konzentriert zog sie sich einen Kittel an, band sich ihre blonden Haare zu einem Zopf und zog sich ein blaues Häubchen darüber. Geschickt band sie den Mundschutz zusammen. Etwas länger als diesmal vielleicht notwendig gewesen wäre, wusch sie sich die Hände. Bei diesem alten, versifften Waschbecken, mit dem verrosteten Hahn, war es ohnehin nur pro forma. Die Macht der Gewohnheit. Schließlich fehlten noch die Handschuhe, die sich für sie nach so langer Zeit wie eine zweite Haut anfühlten.
Beinahe hätte sie es vergessen. Sie schaltete das Diktiergerät ein und stellte es auf eine Kommode in der Nähe des Tisches.
Geschworene Nummer 3 atmete gleichmäßig. Noch war sie betäubt. Doch das würde nicht mehr lange anhalten.
Ganz die Chirurgin, die sie war, hatte sie sich alles vorbereitet. Sie nahm ein Skalpell in die Hand und führte sicher den ersten Schnitt durch.


Fisher musste sich beinahe übergeben, als er die Leiche sah. Es war wie bei den anderen auch.
Sie war in der Mitte aufgeschnitten worden und das Innere wurde plakativ zur Schau gestellt. Einige Organe waren abgeklemmt, andere entnommen worden. Einige wurden an der falschen Stelle wiedereingesetzt und angenäht worden. Doch das passierte erst nach dem Tod.
Er musste nicht erst auf den Obduktionsbericht warten, um zu wissen, dass die Narkose noch während der Tortur nachgelassen hatte. Der Oberkörper war zu dem Zeitpunkt bereits geöffnet und es wurden ihr immer wieder kleine Schnitte zugefügt. Der nächste immer schlimmer als der zuvor. Dann hatte jemand langsam angefangen sich an den Organen zu schaffen zu machen. Das Opfer hatte vor Schmerzen geschrien, bis das Leiden schließlich zu groß wurde und sie ihn Ohnmacht fiel.
Wie die anderen Leichen, war auch Smith in der Nähe einer Bibliothek drapiert worden. In diesem Fall die Jefferson Library.
Keine Zeugen, keine Kameras.
„Was meinst du, haben wir den Falschen verdächtigt?“ erkundigte sich John.
„Nein, ich halte Clarke immer noch für schuldig. Aber vermutlich hat er nicht allein gearbeitet. Es muss noch jemanden geben. Auch wenn wir keinerlei Anzeichen dafür gefunden haben. Allerdings wird das den Richter wohl kaum überzeugen. So wie das aussieht. Das war das letzte bisschen, das dem Verteidiger gefehlt hat. Aus Mangel an Beweisen und wegen berechtigter Zweifel. Ich kann es jetzt schon sehen.“
Doch er würde nicht aufgeben. Er würde einen Weg finden Clarke zu überführen.
„Gab es heute Nacht ungewöhnliche Meldungen bei der Polizei?“
„Aus der Umgebung sind einige Anrufe eingegangen, dass eine Frau geschrien hätte. Als die Beamten ankamen, hatte es bereits aufgehört.“
Fisher horchte auf.
„Wo ist das passiert?“
„In Eastham, Owensville, Arrowhead und Overton.“
„In vier Orten?“
Er war erstaunt.
John nickte.
„Und nicht nur das. Für alle vier Orte kam der erste Anruf um etwa zwei Uhr nachts.“
„Also kein wirklicher Anhaltspunkt. Die Kollegen sollen sich trotzdem dort umsehen. Schuppen, verlassene Häuser, irgendetwas, wo man das hier veranstalten könnte“, er deutete verzweifelt auf die Tote.
Er hatte kaum Hoffnung, dass es etwas brachte. Der Tatort war bestimmt wo anders. Es diente nur dazu, ihn zu verwirren. Man spielte mit ihm.
„Ich werde mit dem Hauptquartier sprechen. Ich glaube wir werden mehr Unterstützung benötigen.“


„Heute gab Richter Simon Phelbs bekannt, dass die Anklage gegen Tristan Malvolio Clarke, aus Mangel an Beweisen und wegen berechtigter Zweifel, fallen gelassen wurde. Clarke wurde vorgeworfen der Maple Ridge Killer zu sein und war des fünffachen Mordes angeklagt. Während der Verhandlung kam es bereits zu einigen Pannen. Nicht zuletzt wurde die Anklage fallen gelassen, da eine der Geschworenen auf dieselbe Art getötet wurde, wie die vorherigen Opfer. Das FBI gab an, die Jagd nach dem Täter fortzusetzen.“

In etwa zehn Minuten würde Kelly aus dem Zug aussteigen. Sie würde zum Bahnsteig 12 gehen, Tristan dort treffen und gemeinsam den Zug nach Portland nehmen. Es gab keine Möglichkeit ihren Weg zurückzuverfolgen. Alles war bar bezahlt worden.
Es hatte so funktioniert, wie sie es geplant hatte. Ab dem Moment, als sie dem FBI Agent den ersten Tipp gab und Tristan ins Spiel brachte. Er war ein braver Schüler gewesen, doch wollte er sich selbständig machen, obwohl er noch so viel zu lernen hatte. Sie war diejenige, die entschied, ob er soweit war. Er war noch viel zu ungeduldig, liebte den Nervenkitzel und handelte dadurch oft zu überstürzt. Nach dem Fehler mit der Zeugin, musste sogar er das einsehen. Er hatte Glück, dass sie ihn nicht wirklich gesehen hatte und identifizieren konnte.
Aber das war vorerst vorbei. Sie wusste genau wie er arbeitete und würde ihm helfen seine Vorgehensweise zu perfektionieren. Vor allem an der Narkose würden sie feilen. Wie man jemanden bei Bewusstsein hielt, aber seine Schmerzen abstellte. Und wie man kontrollierte, wann sie zurückkehrten. Sie bestimmte, wann der Schmerz einsetzte.
Tristan hatte eine ähnliche Herangehensweise wie sie, aber er besaß keine Finesse. Ihm ging es nur um das Leid. Um das Flehen und das Schreien. Er kontrollierte es nicht, anders als sie.
Er konnte nun länger nicht zurück nach Charlottesville. Nun würde sie dafür sorgen, dass er es nie mehr konnte. So wie sie sich darum gekümmert hatte, dass er freikam. Er musste seinen Platz annehmen, bis sie ihn entließ.
Kelly tippte eine Nummer in das Prepaid Handy ein.
„Special Agent Fisher?“ meldete sich jemand am anderen Ende.
Sie gab einige Details weiter. Wo er das Haus finden könnte und wie er in den Keller gelangte. Wonach er suchen sollte. Dann legte sie auf. Sie schaltete das Handy ab und entfernte jegliche Fingerabdrücke. Zusammen mit dem Pin-Code versteckte sie es zwischen den Sitzen. Irgendjemand würde es finden und einschalten. Eine kleine Spielerei, um Fisher ein bisschen Hoffnung zu geben. Zu schade, dass sie nicht sehen würde, wie sie ihm auch wieder genommen wurde.
Jegliche Spuren hatte sie sorgfältig aus dem Haus und dem Keller entfernt. Nur eine Speicherkarte hatte sie zurückgelassen. Eine Kopie. Tristan würde sich über das Original sehr freuen. Er liebte die Schreie.
Vielleicht würde sie Fisher eines Tages besuchen. Aber das lag noch in der Ferne. Möglicherweise würde sie ihn auch irgendwann nach Portland locken. Es würde ihr Spaß machen etwas mehr mit ihm zu spielen. Sie würde es sehr genießen.
Als der Zug hielt, setzte eine fröhliche Miene auf und stieg aus. Sie lächelte, als würde sie sich freuen. Als würde es die Jägerin dahinter nicht geben. Doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Sie begab sich zum Bahnsteig 12. Als sie Tristan sah, war sie zufrieden.

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