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Der Literatur-Strich

Die Räder der Zeit

Lesedauer 11 Minuten

Beißender Qualm. Der Himmel war von Rauch bedeckt und die Luft roch nach Tod und verbranntem Fleisch. Noch bevor sein Bewusstsein komplett zurückkehren konnte, brannte sich ein Schmerz in sein Hirn wie ein glühendes Stück Eisen. Ein Schmerz, der Ihn aus Leibeskräften schreien ließ und drohte, Ihm das Bewusstsein erneut zu rauben. Da lag er also, in einer Lache seines eigenen Blutes, umgeben von einem Meer aus Flammen und schrie.
Sein Schrei wurde je von einem Schwall Wasser erstickt, welcher Ihn unvermittelt aus dem Schlaf riss. Der beißende Geruch in der Nase verschwand schnell. Ebenso wie das Gefühl der vor Hitze aufgeplatzten Lippen. Der Schmerz jedoch zog sich langsamer zurück. Eren griff sich an die linke Schulter und ertastete die kühle Glätte des Kupfers. Dann sah er über sich und erkannte Miss Bulgery. Nicht unbedingt der schönste Anblick, wenn man aufwachte aber immer noch besser als die Hölle, in der er bis eben gefangen war. Sie stellte den mit Eisenschienen zusammengehaltenen Holzeimer neben sein Bett, drehte sich um und sagte im Hinausgehen: „Du solltest das trocknen. Wenn die Matratze schimmelt schlage ich die das auf die Miete drauf.“ Mit diesen Worten verschwand sie aus dem Zimmer und ließ den tropfenden Eren auf dem durchgeweichten Bett zurück. Es dauerte noch einen Moment, bis Eren soweit ins hier und jetzt zurückgekehrt war, dass er sich aufrichtete und zu der Kommode ging welche, abgesehen von dem Bett und dem alten Schrank mit den schrägen Türen, das einzige Möbelstück in dem kleinen Zimmer war, welches er seither bewohnte. Miss Bulgery, die Vermieterin, war vielleicht nicht die umgänglichste Person. Doch Sie war die einzige in ganz Bristol die Ihn nicht wegen seiner nächtlichen Schreianfälle nach ein paar Nächten wieder rausgeworfen hatte. Und eine der wenigen Unterkünfte die er sich leisten konnte. Auf der Kommode lag ein seltsames Gebilde aus Schläuchen, Röhren und Zahnrädern. Das meiste davon aus derselben Kupferlegierung wie die dazu passende Fassung an seiner Schulter. Er nahm das Gebilde mit der rechten Hand von der schmutzigen Holzoberfläche und steckte sie mit der Halterungswelle an die dafür vorgesehene Stelle an der Schulterfassung. Dann drehte er das, was seit dem Vorfall seinen linken Arm ersetzte, mit geübter Bewegung eine Viertel Drehung nach links, drückte die Welle noch ein Stück weiter in die Fassung und drehte nun etwa eine halbe Drehung nach rechts bis ein leises Klicken ertönte. Damit war die Prothese eingerastet. Eren atmete ein paar Mal tief durch während er die Schultern kreisen ließ, um sich an das schwere Metall an seiner Seite zu gewöhnen. Nun öffnete er die erste Schublade der Kommode und nahm einen Schraubenzieher heraus mit dem er die Verankerung durch das Anziehen mehrerer Schrauben noch zusätzlich fixierte. Danach legte er mit der rechten Hand den immer noch leblosen Armersatz auf das Holz vor Ihm, um an die Innenseite des Oberarms zu gelangen. Dort löste er zwei kleine Schrauben um dann eine kleine, unscheinbare Abdeckung zu entfernen. Unter der Abdeckung kamen verschiedene kleine Stellrädchen und Schalter zum Vorschein, welche sich neben einer Vertiefung gruppierten, von der verschiedene Röhrchen in den Arm führten. Er öffnete eine Schatulle in dem Fach und zum Vorschein kamen mehrere gleichförmige Batterien, die an den Seiten jeweils zwei kleine gläserne Fenster hatten. Der Großteil der Batterien war augenscheinlich leer. Er nahm eins der Gefäße und steckte es in die Vertiefung bis erneut ein leichtes klick zu hören war. Dann betätigte er einige der kleinen Schalter und drehte ein paar der Rädchen. Plötzlich kam Bewegung in den bisher so plumpen Arm. Man hörte Zischen, mechanisches Klicken und das Jaulen von Metall auf Metall. An der Außenseite des Oberarmes begann sich ein kleiner Pleuel auf und ab zu bewegen und ein Zahnrad, dass teilweise unter der Verkleidung des Ellenbogens verborgen war, anzutreiben. Es stöhnte und ächzte bis sich die Verbindungswelle noch ein Stück in die Fassung schon und Eren kurz aufstöhnen ließ. Nun war die Prothese vollends verknüpft. An der Schulter und dem Ellenbogen wurden kleine Dampfwölkchen ausgestoßen als Eren den Arm von der Kommode hob und langsam die Hand auf und zu machte. Dann führte er mehrmals jeden Finger an den Daumen und justierte dabei durch die kleinen Stellrädchen die Genauigkeit nach. Dann ließ er den Arm kreisen und verfuhr ebenso. Nachdem er die Feineinstellung vorgenommen hatte, machte er sich nun daran, die Matratze das Kissen und die dünne Decke so im Zimmer zu platzieren, dass sie möglichst zeitnah trocken wurden. Idealerweise vor dem nächsten Abend. Denn ansonsten verhieße das eine kalte unbequeme Nacht im Mantel auf dem Boden.

Nachdem er sein morgendliches Ritual erledigt hatte machte sich Eren auf den Weg zur Arbeit. Er arbeite für ein paar Pennys die Stunde bei einem Krämer in einer der Seitenstraßen am Avon. Es war nicht viel, aber es reichte für die Miete. Und, was noch viel wichtiger war; er musste nicht im Kohlebergwerk arbeiten. Denn dort holte man sich nur den Tod. Ob durch Ersticken durch eine freigesetzte Gas Ader, eine Explosion durch die Entzündung des Gases oder Kohlenstaub oder auf lange Sicht an einer geschädigten Lunge.
Seine Aufgaben bestanden größtenteils darin Ware vom Fluss zu holen, in den kleinen Lagerraum zu schaffen oder, wenn er sich gut benahm, die Waren im Laden einzuräumen. Nachdem er seine Aufgaben für den Tag beendet hatte ging er flussaufwärts Richtung Netham Park. Dort in der Nähe hatte Dr. Moreau seine Werkstatt. Dr. Moreau war das beste Beispiel dafür, dass Genie und Wahnsinn sehr, sehr nah beieinander liegen. Er war irre, keine Frage. Aber er war auch derjenige gewesen, der Erens Prothese erfunden und gebaut hatte. Außerdem zeichnete er auch für das Antriebssystem derselben verantwortlich und versorgte Eren mit den für den Betrieb notwendigen Kartuschen. Und das alles kostenlos. Eren hatte ihn einmal gefragt warum er kein Geld von ihm verlange. Vor allem, da sein Arm technisch weit vor den wenigen anderen mechanischen Prothesen lag, welche es hier und da gab. Und selbst diese waren ein kleines Vermögen wert. Der Doktor hatte ihm in seinem Mal stärkeren, mal schwächeren Akzent geantwortet: „Ohh aber Monsieur Erén, in diesem Fall müsste isch Ihnen auch etwas zahlén. Immerhin testen Sie für misch meine Erfindung. Also kommen wir am Ende wieder auf null.“ Dabei lächelte er verschmitzt. Was in Eren den Verdacht, dass diese Rechnung nicht wirklich aufgehen würde, noch verstärkte. Doch obgleich er immer eine andere Absicht hinter den Motiven des Doktors wähnte, konnte er ihn doch nie zu einer zufriedenstellenderen Antwort bewegen. Also beließ er es dabei. Während er also am Ufer des Avon entlang ging beobachtet er die Menschen die ihrem Tagewerk nachgingen. Er sah vor allem Fischer die an ihren Ständen saßen und mit lauter Stimme ihre Waren feilboten oder auf einem Hocker sitzend ihre Netze flickten. Hier und da rannten ein paar zerlumpte Kinder zwischen den Ständen herum. Es roch nach Fisch, Teer und vermoderndem Holz. Er sah zwei feiere Damen mit langen, Rüschenbesetzten Kleidern die Straße entlang gehen. Sie hielten sich ein Taschentuch vor Mund und Nase um den strängen Geruch so gut wie möglich Einhalt zu gebieten. Doch anhand des schnellen Schrittes und den vor Ekel verzogenen Gesichtern konnte er erahnen, dass es ihnen nicht vollends gelang. Gerade als er seinen Blick wieder auf die Straße vor ihm wenden wollte, wurden seine zügigen schritte jäh gestoppt als er ungebremst mit einem Mann zusammenstieß welcher auf eben jene Richtung zugesteuert hatte aus der er gerade kam. Er verlor das Gleichgewicht und landete prompt auf seinem Hintern. Sein Steißbein schmerzte und automatisch begannen seine Augen zu tränen. Doch war er sich nicht sicher ob das Knirschen, welches er beim Aufprall auf den Boden vernommen hatte von Ihm kam oder aus der Tasche aus Wildscheinleder kam, die er um die die Schulter getragen hatte. Schnell murmelte er ein „‘tschuldigung“ in Richtung der Person mit der er zusammengeprallt war und öffnete in Windeseile die Tasche. Heraus holte er die Holzkassette, die er, bevor er sein Zimmer verlassen hatte, eingepackt hatte. Schnell öffnete er sie und nahm die letzte volle Kartusche heraus um sie zu betrachten. Er sah einen kleinen Sprung, der sich durch das Glas zog. Es schien nicht so als sei etwas von der blassblaue Flüssigkeit nach außen gedrungen. Doch als er die Kartusche in die rechte Hand nahm, um sie wieder in den dafür vorgesehenen Platz in der Kassette zu stecken, bemerkte er wie sie sich immer mehr erhitzte. Sofort sprang er auf, warf in einer schnellen Bewegung die Kartusche in den Fluss und sprang auf den Fremden zu, welcher ihn eben zu Fall gebracht hatte, um ihn seinerseits nun zu Boden zu reißen. Und das keine Sekunde zu früh. In dem Moment in dem sie auf dem Matschigen Pier aufschlugen ertönte ein lauter Knall und eine Fontäne aus Wasser wurde vom Fluss in die Luft geschleudert. Eren zog noch den schweren Wildledermantel über ihre Köpfe als auch schon der von der Detonation ausgelöste Schauer auf sie niederging. Kurz darauf vernahm er einen hellen Klang, als die Überreste der Kartusche etwa einen halben Meter neben ihnen zu Boden fielen. Eren schlug den Mantel zurück und stand, wobei er das erste Mal einen genaueren Blick auf seinen Gegenüber warf. Der Mann, welcher vor ihm auf dem Boden lag, hatte mittellange kastanienbraune Haare unter denen, umrahmt von langen dunklen Wimpern rot-graue Augen hervorblitzten. Einen kurzen Moment lang schien es Eren, als würden die Augen des Fremden leuchten. Aber wahrscheinlich spielte ihm seine Wahrnehmung einen Streich. Als er sich aufgerichtet hatte bückte er sich um Klumpen aus Kupfer und Glas aufzuheben der neben ihm auf dem Boden gelandet war. Währenddessen hatte sich auch der Fremde Mann wieder aufgerichtet und Eren machte sich bereit ein Donnerwetter an Beschimpfungen und, sollte es hart auf hart kommen, eine Tracht Prügel einzustecken. Doch zu seiner Überraschung blieb sein gegenüber ruhig und fragte stattdessen interessiert: „Was war das denn?“ „Eine Detonation, würde ich sagen.“, antwortete Eren. „Ach wirklich?!“, erwiderte der Fremde mit einem sarkastischen Unterton und Eren sah wie ein kurzes Grinsen über seinen Mund zuckte und wie ganz kurz, kaum wahrnehmbar, der Schalk in seinen Augen aufblitzte. Eren war verwirrt und zuckte mit den Schultern. Er wusste auch nicht sehr viel darüber. Außerdem hatte er ein leichtes, aber sehr nerviges Fiepen in den Ohren. „Dann solltest du herausfinden was das wahr.“, sagte der Fremde, drehte sich um, hob die rechte Hand und schritt mit einem: „Wir sehen uns wieder, Eren!“ von dannen. Eren war so durcheinander, verwirrt von dem Zwischenfall und dem seltsamen Fremden, dass er nicht weiter darüber nachdachte. Er steckte den Klumpen aus Glas und Kupfer zusammen mit der Holzkiste wieder in die Tasche, warf sich diese über die Schulter und ging weiter. Während er den Fluss weiter entlang ging, wandelte sich das Fiepen in seinen Ohren in ein Pochen tief in seinem Kopf um, was seiner Laune nicht unbedingt zuträglich war.

Nach etwa einer Stunde erreichte er die Biegung des Avon and dem sich die Werkstatt des Doktors befand. Es war ein großes, rotes Backsteingebäude direkt am Ufer. An der dem Wasser zugewandten Seite ragte ein überdimensional großes Wasserrad in den Fluss. Eren schätze den Durchmesser auf etwa zehn Meter. Er drehte sich langsam aber kontinuierlich in der Strömung. An der Wand hinter dem Schaufelrad waren Unmengen an Zahnrädern angebracht die sich ebenso gleichmäßig drehten. Er ging zu der, der Straße zugewandten Seite des Gebäudes an der auf Höhe des Weges ein etwa fünf Meter großes Messingzahnrad an der Wand angebracht war. An der Oberseite hatte es ein Loch durch das man die rote Ziegelsteinwand dahinter sehen konnte. Daneben war ein Hebel und zwei verzinkte Trichter. Eren legte seine Hand auf den Hebel und drückte ihn herunter. Als er ihn wieder los lies glitt er mit mehreren Klicklauten wieder nach oben und ein paar Sekunden später erklang aus dem oberen Trichter die Stimme des Doktors: „Oui!?“ „Doktor Moreau. Ich bin es, Eren.“, sagte Eren, während er in Richtung des unteren Trichters sprach. Daraufhin höret er das Klirren von Metall und Glas, das Knarzen von Holz und ein paar französische Flüche. „Ohh Monsieur Erén. Welsch eine Freude. Komm doch herein!“, erklang es kurz darauf und einen Moment später, nach einem surren und einigen nicht ganz so gesund klingenden Lauten begann sich das Zahnrad vor dem Eren stand zu drehen. Nach einer halben Umdrehung hielt es an und Eren betrat durch das Loch, welches nun den Zugang zu dem Bauwerk freigab, die Werkstatt. Kurz darauf drehte sich das Rad weiter und der Eingang verschloss sich wieder.

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