Lydia gähnte ausgiebig, während sie ihren Kaffee überbrühte und das herbe Aroma in ihrer Nase krabbelte. Sie warf einen Blick auf die Uhr. 6:17 Uhr. Dieses verdammte Kind, dachte sie bei sich als sie in das Schlafzimmer ging und ihren Sohn aus dem kleinen Bettchen hob, um ihm endlich etwas zu essen zu geben. Er schrie schon seit einer halben Stunde. Was Hunger anging war er sehr pedantisch. Sie nahm ein kleines Gläschen mit pürierten Karotten und Birnen aus dem Kühlschrank und wärmte es in dem restlich heißen Wasser aus, dass vom Kaffee kochen übriggeblieben war. Dann setzte sie sich mit den kaum einem halben Jahr alten Jungen auf den Schoß. Sie sah ihm in seine leuchtend grünen Augen und ihr wurde plötzlich warm ums Herz, als er ihren Blick auffing, aufhörte zu schreien und sie mit breitem Mund angrinste. Wenn er sowas abzog konnte sie ihm einfach nicht mehr böse sein. Auch wenn es halb sieben am Morgen war. Und das an einem Samstag. Verdammte Hormone. „Also wir machen das wie immer abwechselnd“, sagte sie verschmitzt zu ihrem Sohn und schob ihm einen Löffel Brei in den Mund. Während der Kleine den Brei lautstark in seinem Mund verteilte nippte Lydia an ihrem Kaffee. Er war immer noch recht heiß. Das Spiel ging noch eine Weile so weiter bin Lydia, als sie ihrem Baby gerade noch ein Löffelchen in den Mund schaufeln wollte, diesen fallen ließ. Etwas krampfte sich in ihrer Brust zusammen. Sie konnte nicht atmen oder sich bewegen. Sie fiel auf die Knie, die Hände vor ihr Herz gepresst. Es war ein kaltes, stechendes Gefühl. Und sie wusste was es bedeutete. Als sie sich wieder so weit unter Kontrolle hatte, dass sie aufstehen konnte, schnappte sie sich eine Jacke, ihren kleinen Buben und den Tragegurt, welchen sie noch im Herausgehen anlegte. Als sie aus der Haustür heraus auf die Straße trat, hatte sie schon den Gurt mit ihrem Kind vor ihrem Torso und die Jacke über die Schultern geworfen und ging, so schnell es ihr möglich war, ohne zu rennen, in Richtung Friedhof. Als sie dort angekommen war, stellte sie sich unter die große Eiche, die in der Mitte des Geländes stand. Dort legte sie die Hände aneinander, schloss die Augen und flüsterte: “Mein Freund, ich muss dir etwas sagen. Es ist wichtig.“ Ein paar Sekunden vergingen bis plötzlich auf der Wiese unter dem stolzen Baum eine rote Flamme erschien und kurz darauf in eine flammende Sphäre explodiere nur um wieder in sich zu kollabieren. Die Flammen verschwanden und zurück blieb ein großer, dunkelhäutiger Mann mit einem schwarzen Ziegenbart und langen schwarzen Haaren, die zu Dreadlocks verflochten waren. Er trug einen langen schwarzen Ledermantel und seine Augen brannten von dem Feuer, das dahinter loderte. Lydia senkte den Kopf. „Maalik, mein Freund“ Er tat es ihr gleich. “Lydia, meine Teure. Was gibt es? Was ist so wichtig, dass du mich gerufen hast?” Sein Mund verzog sich langsam zu einem Grinsen, welches sofort erstarb als er sah, dass ihr Gesicht hart und angespannt blieb. Sie schritt auf ihn zu und sagte: “Das sollten wir nicht hier besprechen.” Ohne zu zögern griff Lydia nach Maaliks Arm. Als sie seinen Arm berührte, spürte Maalik eine enorme Kraft an ihm reißen und das Bild des Friedhofs wurde aus seinem Blickfeld gezerrt, wie eine bemalte Gardine, die von der Leine gezogen wurde. Es war kurz schwarz und sein inneres begann sich zu verkrampfen. Und plötzlich stand er in einem dunklen Raum. Er hörte ein paar Schritte und es wurde ein Licht eingeschaltet. “So jetzt erzähle ich dir warum du hier bist” Lydia nahm das Baby aus dem Tragegurt und setzte es in das Laufgitter hinter dem kleinen 2-Personen-Sofa. “Darf ich vorstellen: Maalik, das ist mein Sohn, Oliver. Hey Oli, das da ist Maalik. Er ist ein Freund”, sagte Lydia mit zuckersüßem Ton in das Gitter hinein und mit einem: “Achte mal kurz auf ihn” verschwand sie in das Nebenzimmer. Maaliks Blick wanderte zu dem Baby. Ein süßes Baby, dachte er bei sich. Und dann trafen ihn seine Augen. Diese unglaublich weichen, leuchtend grünen Augen. Maalik konnte seinen Blick nicht abwenden, so gebannt war er. Auch Oliver fixierte Maalik und hörte auf herumzutollen und wirkte wie gefesselt. Maalik streckte einen Finger nach dem kleinen Menschen aus und der kleine Mensch streckte ihm seine kleine Hand entgegen. Kurz bevor sich ihre Finger berührten formte sich ein kleiner grüner Energietropfen auf des Babys Finger, welcher bei dem Kontakt mit Maaliks Fingerspitze wie eine Seifenblase zerplatzte und diesen dabei leicht zurückstieß. Maalik war kurz verdutzt aber Oliver lachte und schüttelte das kleine Händchen als wollte er noch mehr ‘Seifenblasen’ machen. Doch nichts geschah.
“Also Süßer,” holte ihn Lydias Stimme aus seiner Trance. Sie war wesentlich harscher und schärfer als zuvor. Maalik kannte diese Stimme nur zu gut. Das war Lydias Arbeits-Stimme. Sie kam wieder aus dem Zimmer. Sie hatte sich umgezogen. Beim Heraustreten aus dem Zimmer steckte sie gerade noch ein Wurfmesser in die dafür vorgesehene Scheide an dem Anzug aus schwarzem Leder, welchen sie nun trug. Ihre langen blonden Haare hatte sie streng zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Und ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung. Sie ging an einen Schrank und öffnete eine Tür. Heraus nahm sie eine Tasche welche sie, wie selbstverständlich, Maalik über eine Schulter. Dann öffnete sie eines der Fächer an der Tasche und nahm zwei Pistolen heraus welche sie, mit Magazinen versehen, in dafür vorgesehene Holster an ihren Oberschenkeln steckte. Maalik schaute Lydia an. Seine Miene war nicht zu lesen. Oh also muss er sich beherrschen, dachte Lydia schmunzelnd. Maalik blickte währenddessen wieder auf die Tasche, bevor sein Blick wieder zu ihr wechselte. “Was ist das eigentlich für eine Tasche?”, fragte er, nun doch etwas verwundert. “Na Olivers Wickeltasche”, sagte Lydia mit absoluter Gelassenheit und einem süßen Lächeln. “Wirklich? Pistolen in einer Babytasche?”, fragte Maalik mit einem leicht sarkastischen Unterton. “Was?”, sie zuckte mit dem Schultern, ”so habe ich im Notfall alles was ich brauche an einem Ort. Und es ist unauffällig.”
“Aber Pistolen! Und ein Baby!”, er ließ nicht locker.
“Und Messer.”, strahlte sie ihn an währen sie zwei davon aus einem anderen Fach zog und sie an ihren Unterarmen befestigte. Maalik atmete aus und schüttelte den Kopf, sagte aber nichts weiter. Er wartete, bis Lydia ihre Ausrüstung zusammengesammelt hatte und warf währenddessen immer wieder einem Seitenblick auf das Baby. Der kleine Junge war in der Zwischenzeit eingeschlafen und sabberte nun, auf dem Bauch liegend und alle Gliedmaßen von sich gestreckt, leicht auf das die unter ihm liegende Decke.
Kinder sind schon sonderbare Wesen, dachte Maalik und ein mildes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Sie haben ein Gespür für die Atmosphäre eines Raums wie kein Erwachsener es hat. Und trotzdem können sie einfach so einschlafen, auch wenn die Welt um sie herum zum Zerreißen gespannt ist.
“Ich bin soweit”, sagte Lydia und schloss die Tasche endgültig, nahm sie Malik von den Schultern und hob das Kind aus dem Laufgitter. „Warte hier.“, gebot sie ihm und ihr Ton ließ kein Widerspruch zu. Dann verschwand sie mit Kind und Tasche in den Hausflur und die Tür schlug hinter ihr zu. Ein paar Minuten später öffnete sich die Tür wieder und Lydia kam wieder herein. Ohne Tasche und ohne Kind. Auf Maaliks fragenden Blick hin sagte sie: “Ich habe ihn zu meiner Nachbarin gegeben. Er sollte besser nicht mit dahin kommen.“ „Wohin?“, fragte Maalik und wurde im selben Moment wieder von dieser enormen Anziehungskraft gepackt.
Nachdem sich die Farbtupfer, die die schwarze Masse Stück für Stück freigab, wieder zu einem Bild sortiert hatten, erkannte Maalik, dass sie sich in der Mitte eines Kiefernwaldes befanden. Es war dunkel und der Vollmond schien mit einem bleichen Licht auf sie herab. „Wo sind wir?“, fragte er Lydia. „Lincolnshire Wolds“, antwortete sie knapp. „Und was tun wir nun eigentlich hier?“, fragte er.
Doch statt einer Antwort zu geben deutete Lydia nur mit dem Finger gen Himmel. Maalik folgte dem Pfad, den sie deutete und erstarrte. Direkt über ihnen sah er einen unförmigen Kreis aus leuchtend violetten und grünen Blitzen direkt in der Luft schweben. Durch die Öffnung, die der Kreis freigab, konnte er nichts als Schwärze erkennen. Noch eher er eine weitere Frage an Lydia richten konnte, fiel ein Kürbis durch das Loch. ‚Ein Portal?‘, dachte Maalik bei sich und beobachtete den Kürbis, der etwa drei Schritte vor ihm landete. Er hatte so etwas wie ein Stück Baumrinde auf einer Seite, welches so etwas wie eine Maske darstellen könnte. Plötzlich begannen Ranken aus dem Kürbis zu schießen und die Löcher, die an Augen erinnerten, begannen grün zu leuchten. Eine der Ranken schoss auf sie zu. Doch Maalik streckte seinen Arm mit der Handfläche nach vorne aus und die Ranke schlug mit voller Wucht auf eine Wand aus rotem Feuer die einen Augenblick zuvor erschienen war. „Um deine Fragen zu beantworten“, sagte Lydia, während sie die beiden Pistolen zog, „das ist das Problem.“ Dann gab sie drei Schüsse ab, welche das Gebilde aus Baumrinde trafen. Die Ranken stoppten in ihrer Bewegung und einen Augenblick später explodierte der Kürbis in orangenen Brei. „Ich verstehe“, sagte Maalik trocken als die Feuerwand vor ihnen verschwand. „Ich vermute du hast schon einen Plan.“ „Ich habe schon versucht das Portal zu schließen“, begann Lydia zu erläutern, „aber etwas auf der anderen Seite hält es offen.“ „Ist es beidseitig passierbar?“, fragte Maalik. „Es gibt nur einen Weg das herauszufinden.“, erwiderte Lydia. Maalik schnaubte. „Ich hatte befürchtet, dass du das sagen würdest.“ Er streckte ihr seine Hand entgegen und sobald sie ihn berührte, spüret er wieder das vertraute Ziehen und es wurde schwarz um ihn herum.
Als Maalik die Augen wieder öffnete, befanden sie sich scheinbar noch an derselben Stelle wie zuvor. Doch obwohl der Mond noch immer rund und voll am Himmel thronte, war der Wald düsterer geworden. Die Bäume sahen krank aus und waren von einem schleimigen, giftgrünen Moos überwachsen. Es waren keine Sterne am Himmel zu sehen und ein grauer Nebel lag über dem Boden. Das Portal schwebte über ihnen, als hätte sich nichts verändert. „Jetzt müssen wir nur noch finden, was das Portal offenhält.“, sagte Lydia und schaute dabei erwartungsvoll zu Maalik. Dieser verdrehte mit einem Grinsen die Augen und hob die Hand. Er formte sie zu einer Schale und blies hinein. Auf seiner Handfläche sammelte sich ein Ball aus roten Funken, welcher in einen Nebel aus purpurn glitzerndem Staub zerbarst, als er ihn in die Luft warf. Zuerst passierte nichts, doch als sich die Wolke immer mehr ausbreitete wurde nach und nach ein Fluss aus violett blitzender Energie sichtbar der sich, auf weiter Ferne kommend, zum Portal hinzog und dieses zu speisen schien. „Das ist also unser Weg“, sagte der Engel und deutete in die Richtung, aus der sich das Energieband heranzog. Lydia nickte zustimmend. Ihre Mine war steinhart, was, wie Maalik nur zu gut wusste, darauf hindeutete, dass sie über die maßen konzentriert war. Nichts konnte sie jetzt noch aus der Fassung bringen. Als Maalik den ersten Schritt in Richtung der Quelle machte, knackte etwas unter seinem Schuh und ein Knurren drang aus dem nahen gelegenen Dickicht. Oder war es eher ein Röhren? Sofort hatte Lydia ihre Pistolen wieder gezückt und zielte in dir Richtung, aus der der Laut gekommen war. Maalik schnipste mit Daumen und Mittelfinger und eine kleine Flamme erschien vor ihm. Er griff danach und als sich seine Hand darum schloss, schoss purpurnes Feuer in einem Stahl aus seiner Faust und verdichtete sich zu einer schwarzen Klinge. Er legte die andere Hand um das Heft des rötlich schimmernden Anderthalbhänders und drehte sich auch in die Richtung des Buschwerks. Gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich ein Hirschkopf aus dem Geäst erhob. Das linke Geweih war abgebrochen und dunkles, verkrustetes Blut verklebte das Fell an Kopf und Hals. Eines der trüben Augen war bereits aus der Höhle gefallen und an dessen Stelle glomm ein milchig grünes Licht. Zwei Schüsse peitschten durch die Luft und die Projektile schlugen genau zwischen dem Auge und der leeren Höhle ein. Sie hinterließen zwei Löcher, aus denen ein dünnes Rinnsal aus Blut und verflüssigter Hirnmasse lief. Doch abgesehen von dem Rückstoß schien es das das Wesen kalt zu lassen. Das Getier trat nun vollends aus seinem Versteck und Maalik erstarrte. Solch eine Monstrosität hatte er seit dem Anfang der Zeiten nicht mehr gesehen. Der Kopf, welchen sie bisher als einziges zu Gesicht bekommen hatten, war mit unsauberen, beinahe hastig erscheinenden, Stichen auf dem Torso eines riesigen Ebers genäht worden. Die vorderen Gliedmaßen waren die eines schwarzen Bären und als Hinterläufe hatte es die starken Beine eines Kaltbluts. An verschiedenen Stellen war das Fell der Bestie aufgerissen und offenbarte das faulende Fleisch darunter. Das Geschöpf fasste Lydia in sein noch verbliebendes Auge und stürmte auf sie los. Sie gab erneut zwei, drei, vier Schüsse ab, welche in die Beingelenke trafen, ohne dass das Ungeheuer seine Bewegungen verlangsamte. Der einzige Unterschied war das knirschende Geräusch der Kugeln, die bei jeder Bewegung die Knochen der Gelenke mehr und mehr zermahlte. Nun sprang Maalik vor und zog, das Schwert mit beiden Händen schwingend, einen Schnitt über die gesamte Länge der Flanke. Die Wunde fing sofort Feuer. Doch auch das bewegte das Monster nicht dazu, seine Bewegungen zu verlangsamen. Es erreichte mit einem letzten mächtigen Satz Lydia, holte mit einer der riesigen Bärenpranken aus und schlug zu. Ein plopp war zu hören und sie war verschwunden. Zwei weitere Schüsse trafen das Wesen in den Hinterkopf. Plopp. Nun lag sie unter ihrem Gegner. Sie zog eines der Messer von ihrem Unterarm und schnitt ihm mit einer fließenden Bewegung den Bauch auf. Plopp. Noch bevor die faulenden Innereien auf den Boden fielen tauchte sie vor ihm auf und warf das Messer, welches zielsicher das verbleibende Auge traf. „Jetzt.“, rief sie Maalik zu. Dieser wechselte sein Schwert in die Rückhand und holte, nun mit der Klinge nach unten zeigend, weit über seinen Kopf aus. Sie erreichte ihn eine Sekunde später. Plopp. Beide erschienen über dem Monster und Maalik trieb die Klinge mit voller Wucht bis zur Parierstange in den Nacken desselben. Daraufhin sprangen die beiden zur Seite runter und der Engel zog sein, immer noch im Hals der Kreatur steckendes Schwert, mit sich und schnitt so, in einem perfekt synchronen Kreis, den Kopf der Bestie ab. Das Leuchten erstarb und mit einem Letzten Brüllen oder schreien oder Röhren schlug der Kopf auf dem Boden auf. Gefolgt von dem, auf den einzelnen Teilen zusammengesetzten, Körper. „Wir müssen weiter“, sagte Maalik. „Was ist mit den Wesen, die durch das Portal in unsere Welt gelangen?“, fragte Lydia mit seelenruhiger Stimme. „Mein Bruder wird sich darum kümmern.“, antwortete er. „Gabriel höchstpersönlich?“, fragte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Er war erstaunlich schnell bereit sein altes Flammenschwert mal wieder in die Hand zu nehmen“, verkündete Maalik schelmisch. „Dann sollten wir uns beeilen“, warf sie ohne Umschweife ein und lief davon. ‚Schon seltsam‘, dachte er bei sich, während er ihr hinterher hastete, ‚Gabriel hatte es ihm nie leicht gemacht ihn zu irgendwas zu bewegen. Doch sobald es um Blutvergießen ging, war nicht mehr viel Überredungskunst nötig.‘
Die Luft war mehr und mehr erfüllt von dem knistern statischer Ladungen, je näher sie dem Zentrum des Waldes kamen. Maalik lief knapp hinter Lydia her unter den Bäumen hindurch. Dem Strom an Energie konnten sie mittlerweile mit dem bloßen Auge folgen. Wenn man wusste, worauf man achten musste, konnte man ihn als leichtes Flimmern in der Luft wahrnehmen, dem Effekt von heißer Luft über einer Straße nicht unähnlich. Vor ihnen tat sich eine Lichtung auf, in deren Zentrum sich eine Violette Sphäre befand. Beschützt wurde diese durch ein Dutzend ‘Kürbisköpfe‘, wie Lydia sie nannte. Ohne ihr Voranschreiten zu verlangsamen stürzten sie aus dem Unterholz heraus. Ein Surren und Zischen war zu hören als ein Messer nach dem anderen durch die Luft pfiff und die ersten vier der Wächter in einer orangenen Fontäne explodierten. Maaliks Schwert fällte die ersten beiden Gegner noch bevor die anderen wussten, wie ihnen geschah. Ein weiterer Wirbel seiner Klinge und die nächsten zwei fielen. Lydia zog ihre Pistolen und erledigte zwei weitere mit ein paar gut gezielten Schüssen während ihr Begleiter mit dem Zeigefinger auf die Übrigen Wesen deutete, worauf hin sich jeweils ein kleiner Funken von seinem Finger löste und kurz darauf die beiden verbliebenen Wesen in einen kurzen aber dennoch prägnanten Feuerstrahl hüllten und nur ein Häufchen Asche zurückließ. Die Lichtung war geräumt. Lydia und Maalik stellten sich nebeneinander vor das Gebilde in der Mitte eben jener. In dieser Sphäre aus violett transparenter Energie sahen sie zwei, aus aneinander gereihten Hexagonen bestehende Kugeln, eine grün, eine violett, welche in wechselnden Geschwindigkeiten, ineinander verschlungen, sich selbst umkreisten. Ein Schuss peitschte durch die Luft und ein Klumpen aus zusammengeschmolzenem Kupfer fiel von der Sphäre herab. Die Kugeln drehten sich kurz schneller. „Es absorbiert die kinetische Energie der Kugel“, stellte Lydia fest. Maalik schwang sein Schwert über den Kopf und ließ es mit voller Wucht auf die violette Eneriebarriere herabfahren. Ein ein helles, vibrierendes Klingen erfüllte die Luft als die Klinge auf die Barriere traf und von dieser abrupt zum Stillstand gebracht wurde. Ein Stoß Feuer schoss in die Luft. „Da kommt wir nicht durch.“, bemerkte Maalik.
„Das hast du richtig erkannt.“, erklang plötzlich eine zischende Stimme von der anderen Seite der Lichtung. Eine Gestalt löste sich aus dem Schatten der knorrigen Bäume. Lydia hob eine Pistole um auf den Neuzugang zu zielen. Das Wesen, das nun in das fahle Licht des Mondes trat hatte das Gesicht eines alten, vertrockneten Mannes. Seine Augen leuchteten. Eins in grün und das andere in violett. Sein ebenfalls menschlicher Oberkörper wirkte, genau wie der Kopf eingefallen und ausgetrocknet, fast mumifiziert. An seiner Hüfte endete jedoch alles auch nur annähernd Menschliche, denn dort ging sein Körper in den schwarzen, haarbedeckten leib einer Spinne über. Riesengroß und mit acht langen, dünnen Beinen. In der Hand trug er einen Stab aus knorrigem Holz. Er lachte kurz auf das raue kratzige Geräusch ließ Maalik kurz erschaudern. Das Wesen erhob erneut die Stimme: „Ihr könnt es nicht mehr stoppen. Kaum jemand kann durch diesen Schild dringen.“ Maalik überlegte fieberhaft. Jedes System hatte eine Schwachstelle. Nur welche war es bei diesem? „Und der, der es kann, sollte mittlerweile tot sein.“, dröhnte es in ihrem Kopf während ihr das Blut durch die Ohren rauschte. Wer konnte das nur sein? Wer konnte einen Schild aus undurchdringlicher übernatürlicher Energie überwinden? Er sah zu Lydia und seine Gesichtszüge entgleisten. In ihrem Gesicht stand das blanke Entsetzen und Tränen hatten sich ihren Weg über ihre Wangen gebahnt und fielen in dicken Tropfen zu Boden. Und sofort war es ihm klar. Sie gab zwei Schüsse ab während sie zu Ihm rannte und seinen Arm ergriff. Plopp.
Sie standen im Hausflur vor Lydias Wohnung. Maalik hatte gerade das flaue Gefühl im Magen überwunden, da klopfte Lydia schon an die Tür neben der ihren. Keiner antwortete. Gerade wollte Maalik ihr seine Hilfe anbieten, da holte sie aus und trat mit einem kräftigen Tritt die Tür ein. Der Raum dahinter war dunkel. Alle Lichter im Raum schienen zersprungen zu sein. Sofort erhob Maalik seine Hand und ein Kugel aus reinem Licht erschien darin. Was er im Schein des Lichts sah, ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. Vor ihnen, mitten im Raum, lag in einer roten Pfütze eine Frau mittleren Alters. Eine Fliege saß auf einem ihrer vor schreck noch weit aufgerissenen Augen. In den Armen hielt sie ein Bündel, dessen weißer Stoff sich rot gefärbt hatte. Ein riesiges Loch klaffte in dem Bündel und in der Brust der Frau. Und Maalik brauchte nicht weiter hinzusehen, um zu wissen, dass der schlimmste aller Fälle eingetreten war.
Fortsetzung folgt…
2 Antworten auf „Der Eindringling“
Eine gute Geschichte. Ich glaube bei dir erkennt man sehr gut, dass du durch das routine mäßige Schreiben besser darin wirst. Deine Formulierungen passen besser zusammen und du hast es sehr gut raus, alles in ihre Kleinigkeiten zu beschreiben ohne dich dabei zu verlieren. Die Alieninvasion hat zwar gefehlt aber die Fantasy Teile hast du ziemlich gut umgesetzt. Eine tolle Erweiterung zu deiner ersten Geschichte. Ich bin gespannt wie es weiter geht
Die Vorgeschichte zu Oliver und Maalik – erneut ein gelungenes Stück Fantasy. Die Kampfszenen gehören definitiv zu deinen Stärken. Du beschreibst sehr bildhaft, wie der Kampf abläuft und so etwas liebe ich sehr. Was mir diesmal leider gefehlt hat, war das Gefühl, mit dem du „Seelendieb“ vollgepackt hast. Da es diesmal aber eine andere Protagonistin gegeben hat, ist es nicht weiter dramatisch. Allerdings würde ich mir sehr wünschen, wieder mehr davon zu lesen. Und dieser Cliffhanger zum Schluss… ah, der treibt mich fast in die Verzweiflung. Deshalb freue ich mich sehr auf die Fortsetzung!