Ich kann mich noch daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Eigentlich sollte es ein ganz normaler Arbeitstag für mich werden. Als eine von weiteren tausend Piloten unserer Spezies war es meine Aufgabe, die Galaxie nach neuen bewohnbaren Planeten zu durchsuchen. Es war nicht so, als wäre unser Planet nicht gut, oder als wäre er gefährdet. Doch leider ist die Bevölkerungszahl so immens angestiegen, dass wir uns fast selber auf die Füße getreten sind. Also brauchten wir einen weiteren Planeten.
Es war ein schöner Tag. Ich kann mich noch genau an den Geruch des Windes erinnern und an sein Flüstern. Ebenso wie an den Anblick der wunderschönen Landschaft und an meine Artgenossen. Die Heimat bleibt doch immer die Heimat. Doch leider waren diese Eindrücke vorerst die Letzten, die ich von ihr sammeln sollte. Ich schaute mich noch ein letztes Mal um und stieg in mein Raumschiff. Es war nicht sonderlich groß. Wie die anderen war auch meines nur für eine Person ausgelegt. Mehr war auch nicht nötig. Jeder von uns war bestens zum Bedienen seines eigenen Schiffes ausgebildet und je mehr Leute sich in einem Schiff aufhalten, desto mehr Unstimmigkeiten gibt es. Außerdem waren die Raumschiffe Hochleistungsmaschinen, und die dementsprechende Kraft sollte uns schnell und sicher durch die Galaxie und wieder zurück bringen. Mit dem Gedanken, abends wieder zu hause zu sein, setzte ich mich also in meinen Sitz und schloss die Einstiegsluke, welche im Grunde genommen mein komplettes Dach bildete. Ich checkte alle Geräte und Werter der Maschinen und ging meine Liste im Kopf noch einmal durch. Mein Pager piepste. Als ich meinen Arm hob leuchtete sofort das Hologramm meines Vorgesetzen auf und berichtete mir, in welchen Teil des Universums und bis zu welcher Entfernung meine Reise heute gehen sollte. Da wir inzwischen schon weite Teile erkundet hatten, wurden wir immer weiter ausgesandt. Natürlich wuchs damit auch die Gefahr, dass wir irgendwo stranden oder gar verloren gingen. Aber in den letzten fünfhundert Jahren war das erst einmal vorgekommen. Außerdem sollte man an sowas auch keine Gedanken verschwenden. Angst mindert die Konzentration. Mein Vorgesetzter gab mir die Koordinaten durch und ich gab sie in meinen Boardcomputer ein. Diese Reise wäre vielleicht doch nicht an einem Tag erledigt. Weiterhin optimistisch, startete ich die Maschinen und führte meine Alice, wie ich sie getauft hatte, gen Himmel und raus aus unserer Atmosphäre. Sofort fiel mir ein, was ich vergessen hatte. Ich zog schnell meine dreifach verglaste Sonnenbrille hervor und setzte sie mir auf. Ohne sie wäre ich aufgeschmissen. Bei zwei Sonnen am Himmel, kann man ganz schön heftig geblendet werden.
Als ich unsere Atmosphäre verlassen hatte, kontrollierte ich erneut die Koordinaten und checkte die Instrumente. Alles war perfekt vorbereitet. Also warf ich meine Düsen an starte in die tiefe schwarze Weite, die das Universum mit sich führt. Einige Minuten vergingen und alles lief nach Plan. Ich durchflog einen kleinen Asteroiden-Gürtel. Dank der Erkennungssoftware meiner Alice war das eine Leichtigkeit für mich. Ich liebte das sogar. Freie Sicht, keine Störungen. Also immer weiter ins Nichts. Nach einigen Stunden gaben die Instrumente meines Raumschiffes plötzlich Störungswarnungen heraus. Die Erkennungssoftware fiel aus, ebenso wie die Geschwindigkeitsanzeige. Da ich mir noch nicht sicher war, weshalb mein Schiff verrückt spielte, drosselte ich die Geschwindigkeit, bis ich nur noch schwebte. Dies stellte sich als eine schlechte Idee heraus, da auf einmal alles ausviel. Sogar die Cockpitbeleuchtung versagte. Genervte seufzte ich und suchte nach dem Notversorgungsknopf. Mit schwachem Licht versorgt, versuchte ich nun, meinen Vorgesetzten zu kontaktieren. Meine beiden Kommunikationschips zeigten keine Regung. Ich war verloren im All ohne Kotaktmöglichkeit. Natürlich war ich auch für solche Fälle geschult und begann Stück für Stück mit den Tests um den Fehler zu finden. Im Augenwinkel bewegte sich etwas mit erhöter Geschwindigkeit. Ich versuchte um mich herum etwas zu erkennen. Verschiedene Gegenstände flogen schnell an mir vorbei, bis ich merkte, dass auch ich mich bewegte. Ehe ich verstand was los war, wurde mein Raumschiff in die gewaltige Tiefe gezogen, die auch als Wurmloch bekannt war.
Erster Erdentag
Als ich wieder zu mir kam, musste ich schreien vor Schmerz. Ich konnte jede Bruchstelle meiner Knochen und jede Verletzung meiner Organe spüren. Meines Körperbaus und meines Stoffwechsels sei Dank, verheilten meine Verletzungen jedoch binnen Sekunden und ich konnte mich auf das Wichtigste konzentrieren: wo war ich gelandet und wie kam ich nach Hause? Ich krabbelte aus meinem Schiff heraus und versuchte die Umgebung zu deuten. Zu meiner Verwunderung erkannte ich fast nichts. Alles schien in einen dunklen Nebelschleier gehüllt zu sein. Ich dachte zuerst, es würde am Wetter hier liegen doch nach einem kurzen Blick in den Himmel wunderte ich mich über meine eingeschränkte Sicht nicht mehr. An diesem Himmel befindet sich bloß eine Sonne und die scheint unglaublich weit weg zu sein. Meine Augen waren viel helleres gewöhnt wodurch es einige Minuten dauerte, bis ich mich langsam daran gewöhnte. So dunkel wie hier, war es bei uns nur nachts. Zum Glück ist mein Körper, wie die meiner Artgenossen sehr anpassungsfähig und so konnte ich mich nicht nur an die schlechten Sichtverhältnisse gewöhnen, sondern auch an die viel niedrigere Temperatur. Ich schaute auf meinen Arm, auf dem die Anzeige meines Chips in klarer weißer Schrift zu sehen war. Zu Hause steuerte ich damit meine komplette Wohnung. Immerhin meine Parameter konnte ich hier damit überprüfen. Sie waren so weit in Ordnung, kein Grund zur Sorge. Als ich alle meine Sinne und meinen Kreislauf stabilisiert hatte, versuchte ich mich etwas umzusehen. Als ich den riesigen Haufen Metall neben mir betrachtete, übermannte mich die Verzweiflung. Mein Raumschiff war vollkommen zerstört. Niemals hätte man die eigentliche Form davon auch nur erraten können. Auf der einen Seite, an der einst ein großer Flügel befestigt war, klaffte nun ein riesiger Schlitz. Der andere Flügel war mehrfach angebrochen und konnte sich mit mehr Glück als Verstand am Rumpf halten. Überall standen Metallspitzen ab und das Glas der Einstiegsluke war in Tausende von Teilen zerbrochen. Meine Alice konnte mich definitiv nicht mehr nach Hause bringen. Ich sank zu Boden, versuchte die Beherrschung nicht vollends zu verlieren und mich stattdessen auf meinen Verstand und meine technische Ausbildung zu besinnen. In der Hoffnung, dass das Innere des Wracks in einem besseren Zustand war, kletterte ich erneut hinein um den Schaden dort abzuschätzen. Obwohl das Innere dem Äußeren erschreckend glich, waren einige Geräte scheinbar nicht so schlecht getroffen wie andere. Der Ortungssensor schien halbwegs intakt zu sein und so versuchte ich meine Position auszumachen. Diese verdammte Anomalie hatte mich mehrere tausend Lichtjahre vom Kurs abgebracht. Auf dieser Entfernung konnte ich weder ein Signal von meinem Heimatplaneten, noch von verwandten Raumschiffen ausmachen. Die Situation war also schlimmer als ich zuerst gedacht hätte. Doch Jammern brachte mich an dieser Stelle nicht weiter und so startete ich mein Signal, in der Hoffnung, dass es jemand erreichen und orten konnte und machte mich anschließend wieder auf den Weg nach draußen um meine Umgebung zu untersuchen. Die Natur hier war ganz und gar anders als unsere. Hier herrschte das Grün eindeutig vor. Bis zum Horizont konnte man hauptsächlich Pflanzen verschiedener Gattungen erkennen. Deswegen taufte ich diesen Planeten unter dem Namen Erde. Bei uns gab es sowas auch aber irgendwie – anders. Ich kann es nicht beschreiben. Unsere Pflanzen schienen lebendiger. Sie wiegen und schaukeln sich. Hier wirkte alles so traurig. Die Umgebungsgeräusche kamen scheinbar mehr von dem Wind und anderen Kreaturen. Bei uns machten die Pflanzen allein die schönsten Klänge, die man sich nicht mal im Traum ausdenken kann. Die Luft ist trockener und sprüht weniger vor Energie. Alles in allem wirkte die Natur sehr tot und kraftlos. Wie soll man hier die Energie auffüllen, die ein Körper täglich braucht? Bei uns zu Hause, schöpft man das Meiste von ihr aus der Umgebung und ruht sich alle zwei bis drei Tage ein paar wenige Stunden aus. Für meinen Aufenthalt an diesem Ort, musste ich mir wohl eine andere Strategie überlegen. Da ich nicht ewig neben meinem Wrack verharren konnte, ich es aber auch nicht verlieren wollte überlegte ich, wie man sich wohl am Besten orientieren konnte. Da der Schatten der Pflanzen schnell zu wandern schien, setzte ich mich auf den Boden und beobachtete die Sonne. Ich wartete so lange, bis sie zweimal verstrich um eine grobe Übersicht über den Nacht Tag Rhythmus zu bekommen. Sehr komisch. Die kurze Zeitspanne und die geschätzte Entfernung des Himmelskörpers, verrieten mir, dass dieser Planet um einiges kleiner sein musste als meiner. Kurz darüber philosophiert, machte ich mich nun auf meinen Weg und versuchte mir den Standort des Wracks einzuprägen. Schnell kam ich an einen kleinen Bach. In ihm floss eine scheinbar dursichtige Flüssigkeit. Sie war geruchlos und äußerst dünnflüssig. Scheint sehr nutzlos zu sein, dachte ich mir und lief stromaufwärts. Ich kam an den verschiedensten Lebewesen vorbei, die unseren nicht unähnlich schienen. Viele mit Fell, mit Federn, mit Borsten. Das war alles sehr interessant, aber helfen würden sie mir auch nicht. Im Gegenteil, eines griff mich fast an. Ein großes Tier mit spitzen Zähnen, gewaltigen Pranken und dickem Fell, reagierte sehr aggressiv auf mein Auftreten. Beim sprinten erreiche ich eine Schnelligkeit von fünfzig Stundenkilometern, was mir bei der Flucht vor ihm sehr gelegen kam. Die Fähigkeit war hier echt nützlich, bei mir zu Hause brachte mir das im Zweikampf mit unseren Kreaturen jedoch recht wenig. Allgemein waren sie sehr viel größer und schneller als diese hier. Na wenigstens muss ich mir keine Sorgen machen, gefressen zu werden, kam mir in den Sinn und ich folgte weiter meinem selbst festgelegtem Weg.
Einige Zeit verstrich, bis ich irgendwann Geräusche wahrnahm, die sich nach einer Art Sprache anhörten. Mehr als zehn Kilometer konnten sie nicht weg sein, das war immerhin meine Gehörsensibilität. Ich beeilte mich und erreichte schnell eine Art Lager. Viele Häuser waren dort gebaut. Unterschiedlich groß sahen sie relativ stabil aus. Sie bestanden hauptsächlich aus Holz und Stein. Ziemlich riskant so zu leben. Auf einem Baum lebt es sich da nun wirklich ein bisschen sicherer. Wie können sie denn hier unten überleben? Ich nahm Anlauf und sprang auf eines der Dächer, um mich erstmal umsehen zu können. Positiv überrascht sah ich mir die Lebewesen an, die meiner Spezies verblüffend ähnlich sehen. Ein bisschen kleiner und ihre Haut war matter. Wahrscheinlich wegen der niedrigen UV-Strahlung hier. Unsere Haut musste wesentlich mehr Sonnenschutz auf bringen und reflektierte eher. aus einer weiteren Straße, kam gleich ein ganzer Mob gelaufen. Laut schreiend, liefen sie hinter zwei Männern her, die zwei von ihnen, nennen wir sie Menschen, gefesselt hielten und vor sich her trieben. Sie führten sie auf einen großen Platz mit einem Holzgebilde. Auf dem Gebilde befand sich eine Art Gestell, an dem eine scharfkantige Metallscheibe befestigt war. Dort angekommen, wurden die beiden gefesselten Männer die Treppen rauf auf das Holzgebilde geführt und einer von ihnen musste sich vor das Gestell knien. Er wurde nach vorn gebeugt und in dem Moment, in dem sein Kopf sich unter der Metallscheibe befand, schnellte sie herunter und teilte ihn vom restlichen Körper ab. Die Menge tobte. Dann kam der zweite dran. Ich konnte es nicht fassen. Nicht nur, dass sie eine enorme Gewaltbereitschaft zeigten, so nutzen sie auch noch barbarische Methoden, um ihre Gewalt auszuüben. Wer richtet denn vor aller Augen seine eigene Spezies hin? Warum sollte man seine Gemeinschaft verkleinern wollen und dann auch noch auf solch eine drastische Art und Weise? Bei uns passierte so etwas nicht. Das letzte Mal, dass einer meiner Gattung auf einen anderen losgegangen ist, ist Jahrtausende her. Mir war sofort bewusst, dass ich vorsichtig sein musste. Wenn diese Menschen bereits gegenseitig auf sich losgehen, wie würden sie dann gegenüber Fremden reagieren? Ich hatte keine Wahl und musste mich wohl oder übel anpassen, um möglichst nicht aufzufallen. Dauerhaft verstecken war wohl schwer möglich. Also nutze ich die Tatsache, dass alle gespannt auf die Blutfontäne ihrer Nachbarn gafften, sprang vom Dach und hüpfte durch eines der Fenster, um mich im Haus umzusehen. Schnell fand ich einen Schrank, in dem sich Kleidung befand und steckte sie ein. Ich nahm einen interessanten Geruch war und folgte ihm in die Küche. Dort fand ich in einem Kessel über dem Kamin ein kleines Stück Fleisch mit einigen Knollen und etwas Flüssigkeit. So bekommen sie also ihre Energie. Sie essen tatsächlich. Diesen Fakt konnte ich nur belächeln. Nahrung brauchten bei uns nur noch die Tiere. Aber durch die fehlende Energie in der Luft brauchte ich eine alternative Quelle, also nahm ich den Kessel mit, er war ziemlich leicht und sprang wieder aus dem Fenster heraus. Als ich Richtung Wald rannte schaute ich mich immer wieder um um sicher zu stellen, dass mir niemand folgen würde. Ich suchte mir den am stabilsten wirkenden Baum, was eine Weile dauerte, und kletterte darauf. Wenn ich überlege, dass wir unsere Häuser auf Bäumen errichten, wirken diese hier sehr mickrig. Aber er würde mich schon tragen. Ich kletterte also rauf, bis in die Krone und setzte mich. Durch die Blätter hindurch hatte ich einen guten Ausblick über das Menschenlager und konnte sogar meine Alice in der Ferne erkennen. Natürlich nur schemenhaft. Meine Sehstärke war etwas geschwächt durch das fehlende Sonnenlicht. Ich spielte mit dem Gedanken mir hier ein kleines Lager zu bauen, doch zuallererst, musste ich mich umziehen und etwas zu mir nehmen. Die Umgebung machte mir auf Dauer ein bisschen zu schaffen. In der Nähe sah ich einen kleinen See und daneben einen Höhleneingang. Bis ich mein Baumhaus fertig hatte, sollte ich dort mein Lager aufschlagen. Gesagt getan, also sprang ich von dem Baum und lief zur Höhle. Nachdem ich sichergestellt hatte, dass mir nichts in ihr gefährlich werden konnte, zog ich mich aus und lief zum See. Die klare Flüssigkeit in ihm lud zum Hineingehen ein, also tat ich das. Es war kalt, aber sehr entspannend. Ich schloss kurz meine Augen und versuchte an nichts zu denken. Diese kurze gedankliche Auszeit hatte ein reges Ende, als plötzlich dieselbe Flüssigkeit, wie sie im See war, vom Himmel fiel. Binnen weniger Minuten wurde der Himmel nahezu schwarz und ein lautes Donnern hallte von ihm herab, gefolgt von hin und wieder auftretenden Blitzen. Schnell lief ich zur Höhle zurück. In ihr war es so dunkel, dass ich fast nichts erkennen konnte. Mir wurde kalt und ich musste mir ein Feuer entzünden, um nicht zu erfrieren. Der Temperaturunterschied zwischen hier und meiner Heimat waren ungefähr 45°C. Als ich ein paar Holzstücke zusammen hatte, versuchte ich mich an den Unterricht an meiner Akademie zu erinnern. Noch nie musste ich ein Feuer machen. Doch nach einigen Versuchen gelang mir auch das und ich konnte die recht überschaubare Höhle und mich etwas aufwärmen.
Tag 10
Einige Tage sind nun verstrichen und ich habe mir in dieser Zeit eine beachtliche kleine Konstruktion auf meinen Baum gebaut. Zwar nicht sonderlich luxeriös, aber der Witterung gewachsen, konnte ich mir eine Behausung bauen. Ich bin zwar stolz auf meine Arbeit doch kämpfe ich permanent mit den Tränen. Die Lebensumstände sind kein Vergleich zu meiner Heimat, aber ich will mich dem Gefühl der Trauer nicht hingeben. Meine Mutter sagte immer, sie wäre ein lähmendes und schwächendes Gefühl, also lasse ich sie gar nicht erst richtig zu. Ich muss mein Ziel vor Augen halten. Heute werde ich mich ins Lager der Menschen begeben, um sie zu studieren. Ich muss einfach besser einschätzen können mit was für einer Spezies ich hier festsitze. Bisher machen sie keinen guten Eindruck.
Ich schätze ich werde direkt in ihre Mitte treten um ihre Sprache zu analysieren. Bereits bei der ersten Beobachtung konnte ich feststellen, dass sie nicht allzu umfangreich war. Von daher müsste ich sie schnell beherrschen.
Tag 30
Weitere Wochen sind verstrichen und ich kann von Stolz behaupten, dass ich mich nahezu perfekt mit den Menschen verständigen kann. Ebenso habe ich ihre Verhaltensweise ziemlich gut übernehmen können. Durch ihre niedrige Entwicklung, war das nicht allzu schwer. Nur an ihre Brutalität komme ich einfach nicht ran. Sie prügeln und beschimpfen sich ständig. Immer wieder muss ich beobachten, wie ein Mann einer Frau entschieden zu nahe kommt, ohne das sie es möchte und ich habe selten ein so aggressives Verhalten gegenüber Kindern erlebt. Es wäre zwar ein Leichtes gewesen, dazwischen zu gehen und sie alle auszuschalten, aber das Risiko aufzufallen ist einfach zu groß. Ich muss mein Temperament zügeln, ansonsten wird mir das teuer zu stehen kommen.
Tag 180
Ich konnte in der Vergangenen Zeit etwas Erstaunliches beobachten. Die Wetterverhältnisse auf diesem Planeten scheinen dauernd zu wechseln ebenso die allgemeine Temperatur. Als ich ankam, standen die Pflanzen hier und voller Blüte und es war zumindest aushaltbar warm. Inzwischen ist die Erde allerdings von einer weißen kristallen Schicht bedeckt und es ist so kalt, dass die Flüssigkeit in dem See gefroren ist. Ich hoffe stark, dass sie diese Verhältnisse wieder ändern. Sowas hält man kaum aus.
Täglich bin ich an meinem Raumschiff, aber leider gibt es keine Zeichen von meinen Artgenossen.
Das menschliche Verhalten verstehe ich immer besser. Sie sind eine sehr einfache Lebensform. Entwicklungstechnisch, haben sie noch keine Fortschritte gemacht. Ich werde weitere Notizen und Beobachtungen anstreben.
Tag 365
In Jahr ist nun vergangen. Die erste Jahreszeit, die ich hier erlebt habe ist nun ein zweites Mal aufgetreten und ich bin enttäuscht. Nicht nur, dass ich noch kein Zeichen meiner Artgenossen habe, die Menschen haben sich noch nicht weiterentwickelt. Sie verhalten sich immer noch primitiv und aggressiv. Ich habe mir heute einen Streit angesehen. Ein Mann schrie scheinbar seine Frau an. Ich entschied mich dazu, Veränderung im menschlichen Dasein herbei zu führen um die Welt etwas zum Positiven zu beeinflussen und schritt ein. Ich ergriff Partei für die junge Frau und verteidigte sie vehement. Das Resultat daraus? Eine Gruppe junger Männer – inklusive dem Mann aus dem Streit – schnappten mich und zerrten mich in eine Seitenstraße. Sie verprügelten mich, beschimpften mich und vergewaltigten mich, aufgrund meiner Ungehorsamkeit, wie sie es nannten. Ich kann nicht mehr. Dieser Spezies ist nicht zu helfen.
Tag 1825
Fünf Jahre sind nun vergangen. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich habe versucht mein Schiff mit allen Mitteln zu reparieren aber es ist unmöglich. Ich sehe es nun ein, ich sitze hier vollkommen fest. Meine Hoffnung liegt nun ganz bei dem technischen Fortschritten, die die Menschen hoffentlich bald machen. Bisher gibt es keine Veränderung. Mein Glück ist, dass ich durch den schnellen Fortschritt der Zeit viel langsamer altere als die Menschen. Ich befürchte ich muss einfach abwarten und versuchen zu überleben.
Tag 3650
Ich weine. Ich weine jeden Tag um meine Vergangenheit. Je mehr die Zeit vergeht. Desto schlimmer ist meine Trauer um den Verlust meiner Heimat. Dies ist mein letzter Versuch mein Volk zu erreichen. Dies ist meine letzte Antriebsrakete. Falls jemand diese Mitteilung in den Weiten des Universums findet: ich habe den Ortungschip meines Raumschiffes mit der letzten gelieferten Position von mir an diesen Brief gehängt. Ein erneuter Versuch ist nicht möglich. Ich bitte euch nur um eins: zerstört diesen Planeten! Die Menschen Hier haben in den letzten zehn Jahren mehr Chaos und Hass verbreitet als meiner in den letzten Tausend. Ich bin davon überzeugt, dass sie eine Gefahr und eine Bedrohung für alle anderen Völker darstellen werden. Deshalb habe ich mein Raumschiff begraben, in der Hoffnung so ihren Fortschritt weiter aufzuhalten. Ich bitte euch: tut etwas gegen diese Krankheit, die sich Mensch nennt.
Ich bleibe der Weile auf meinem Baum, beobachte und warte und hoffe darauf eines Tages diesen Planeten wieder verlassen zu können.
Mein Name ist W- 5813, Spitzname: Merida,
vom Planeten PSR B1620 aus dem Sternbild Skorpion.
Ich wünsche euch ewigen Frieden.
Eine Antwort auf „Hilferuf durchs All“
Meiner Meinung nach eine unglaublich gute Unsetzung des Alien(-invasion) Thema. Sehr gesellschaftskritisch und eine gelungene Abwechslung zu der verbreiteten Vorstellung von Auserirdischen, die agressiver sind als Menschen. Leider sind die Fantasy Themen etwas zu kurz gekommen und auch das Helloween-Ambiente habe ich etwas vermisst. Alles in allem gefällt mir die Geschichte aus der Sicht des hier gestrandeten und von den gewalttätigen Menschen so schockierten Aliens. Ich finde es drück gut aus, das eine Vernichtung der Erde aus einem anderen Blickwinkel eine Mildtat für das Universum wäre.