Nur mühsam konnte Liam den Kurs halten und die Wellen ausgleichen, die gegen das Ruderboot donnerten. Der Wind tobte einem Orkan gleich und die Nebelwand ließ ihn kaum 50 Zentimeter weit sehen. Obwohl Fiann direkt hinter ihm saß, konnte er ihre Gestalt nur schemenhaft wahrnehmen. Sie versuchte hektisch das Wasser aus dem alten Kahn zu schöpfen. Ihre Stimme drang nur leise durch den Sturm, doch er musste sich ohnehin nicht anstrengen es zu hören. Er wusste es bereits, denn sie wiederholte diesen Satz seit sie aufgebrochen waren. Es war wie ein Mantra für sie.
„Was mache ich hier eigentlich?“
„Wir sind gleich da!“ Er versuchte sie zu beruhigen.
„Das kannst du nicht wissen! Wir haben uns bestimmt verirrt!“
„Vertrau mir, ich weiß es einfach! Wir sind gleich da!“
Im nächsten Moment bereits wurden sie mit Wucht nach vorne getrieben. Das Boot war auf Grund gelaufen.
„Siehst du, ich sagte doch wir sind gleich da.“ Er war erleichtert, dass er wieder Boden unter den Füßen hatte, und hievte einen der beiden Rucksäcke auf seinen Rücken. Er griff nach Fianns Hand, um ihr aus dem Boot zu helfen. Sie packte zu und sprang über den Bootsrand.
„Das ist doch ohnehin nur Zeitverschwendung. Ein altes Märchen, mehr nicht.“ Sie war noch immer nicht überzeugt, dass der Ausflug etwas bringen würde, außer vielleicht einer schweren Erkältung.
Es klatschte laut, als sie wenig elegant im Wasser landete. Sie fluchte leise. Liam zog sie zu sich hoch und strich ihr eine nasse Strähne aus dem Gesicht. Fiann lehnte sich schnell in das Boot, um den zweiten Rucksack herauszuheben.
„Also, wo soll das deiner Meinung nach jetzt sein?“ Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie genervt war.
Er zog einen Kompass aus der Tasche und zeigte nach Norden. „Etwa hundert Meter in diese Richtung.“
Sie ließ ihm den Vortritt. Nach nur wenigen Metern stieß sie gegen seinen Rücken, als er abrupt stehenblieb.
„Was ist los? Hier ist nichts, oder?“ Sie hatte nichts erwartet und dennoch war sie enttäuscht.
Liam seufzte leise, griff nach ihrer Hand und zog sie einen Meter weiter. Fiann konnte nicht glauben was sie sah. Eben konnte sie noch die eigene Hand vor lauter Nebel nicht sehen, nun hatte sie klare Sicht. Und nicht nur das, es schien die Sonne.
„Liam? Wie …?“
Sie ging einen Schritt zurück und der Regen peitschte ihr sofort wieder ins Gesicht. Liam zog sie zu sich zurück. Ein kritischer Blick auf die Uhr verriet Fiann, dass es eine Stunde vor Mitternacht war. Das gebotene Bild sprach jedoch dagegen.
„Komm, lass uns weiter gehen. Wir sollten keine Zeit verlieren. Wir können später noch darüber nachdenken.“ Liam ging wieder voraus.
Es dauerte etwas bis Fiann ihm folgte. Die Sonne wärmte ihre Haut und bereits nach kurzer Zeit waren ihre Kleider trocken.
„Liam, noch können wir umkehren. Wer weiß was das für ein Ort ist. Vermutlich ist das eine Basis von IHNEN.“
Fiann setzte nur zögerlich einen Schritt vor den anderen. Sie wollte nicht auf den scharfkantigen Stein stürzen. Liam, war bereits viele Meter vor ihr. Links und rechts drängten sich dicht an dicht Bäume, die sich aus dem weichen, moosbedeckten Erdreich weit über ihre Köpfe emporhoben. In der Mitte ließen sie einen Pfad.
„Nein, hier waren SIE nicht. Sieh nur wie schön und friedlich es hier ist. Diesen Ort haben SIE noch nicht zerstört.“ Liams Augen strahlten in einem hellen Meergrün. Er lächelte sie an, wie er es schon lange nicht getan hatte.
„Komm, es kann nicht mehr weit sein.“ Er wartete, bis sie aufgeschlossen hatte und nahm sie bei der Hand, als er weiter ging. Fiann zupfte an den Rucksackträgern herum und er ließ sie wieder los.
Der Pfad zog sich etwa 50 Schritte in den Wald hinein, bevor er in eine große Lichtung mündete. In der Mitte stand ein Baum mit einem Stamm der bestimmt zwei Meter dick war, wenn nicht mehr. Unzählige Verästelungen ragten in die Höhe und verschwanden in einem grünen Baldachin aus Blättern.
„Komm“, rief Liam und lief nun aufgeregt zum Baum. Er stolperte und konnte nur knapp einen Sturz verhindern.
Fiann verlangsamte ihren Schritt nun noch mehr. Der Baum bildete den Mittelpunkt der Lichtung und war in ein gleisendes Licht getaucht. Sie näherte sich nur sehr vorsichtig und ihr Herzschlag beschleunigte sich bei jedem Schritt.
Liam lief bereits um den Baum herum: „Es muss doch hier irgendwo sein.“
Als Fiann endlich angekommen war, sank sie ins Moos und streckte eine Hand nach dem Baum aus. Es fühlte sich an, als würde sie einen todgeglaubten Freund wiedersehen.
„Suche nach einer Vertiefung im Baum“, rief Liam ihr zu.
Es dauerte, bis er wahrnahm was nun geschah. „Ähm, Fiann?“
Sie kniete noch am Boden und berührte den Baum. Ihre Augen waren geschlossen und sie summte etwas. Eine Melodie? Nein, sie begann Worte zu formen. Es wandelte sich in eine Art Singsang. Erst nur leise, doch sie wurde immer lauter. Schließlich schrie sie fast: „Coeden Bywyd. Agorwch y giât. Meistres y llyn, gadewch inni basio. Caniatáu i ni fynd i mewn i’r Byd Arall. Arwain ni at y brenin, y mae ei amser i ddychwelyd nawr.”
Über ihnen verdunkelte sich der Himmel und ein Sturm kam auf. Doch auf der Lichtung veränderte sich nichts. Kein Windhauch wehte und auch der Baum blieb hell erleuchtet. Erschrocken riss er sie zur Seite, als hinter ihnen ein Blitz einschlug. An der Stelle formte sich ein kreisrundes Gebilde.
“Liam, was ist das?”
“Ich glaube du hast ein Portal geöffnet.”
Fiann zog die Augenbrauen hoch und verzog den Mund.
“Ja klar, ich habe das gerufen. Und wie soll ich das gemacht haben? Sprich Freund und tritt ein?” Sie schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.
“Fiann, du bist eben noch vor dem Baum gekniet und hast etwas auf Walisisch gesprochen. Ich kann zwar nur ein paar Brocken, aber ich weiß wie sich die Sprache anhört.”
“Und vermutlich bin ich dann noch nackt im Ringelreihen um den Baum getanzt. Hör mal Liam, ich bin mit dir gekommen, aber sicher nicht damit du mich auf den Arm nehmen kannst.”
“Und wie erklärst du dir dann das hier?” er deutete auf das Gebilde, in dessen inneren sich Schwarz und Violett in einem Strudel bewegten.
“Vielleicht ist das so etwas wie eine Fata Morgana?” Sie glaubte selbst nicht daran.
Nun war es Liam, der mit den Augen rollte und den Kopf schüttelte.
“Komm schon, lass uns hindurch gehen. Dafür sind wir doch hier”, forderte er sie auf. Sie schüttelte vehement den Kopf.
“Wovor hast du Angst Fiann? Vor einer Fata Morgana?”
Er versuchte sie hinter sich herzuziehen, doch Fiann stemmte sich mit aller Macht gegen ihn. Er wusste sie würde nicht allein zurückbleiben wollen und schließlich doch mitgehen. Er umging die anstehende Diskussion, indem er sie hochhob und sich über die Schulter legte.
“Verdammt Liam! Lass mich los! Du kannst mich nicht zwingen!”
Dann schritt er mit ihr durch das Portal.
Als sie auf der anderen Seite des Portals herauskamen, war Fiann alle Farbe aus dem Gesicht gewichen. Sie hielt sich den Bauch, als Liam sie wieder auf dem Boden abstellte. Sie wollte ihn schlagen, doch musste sie sich im nächsten Moment bereits übergeben. Aus den Augenwinkeln sah sie noch, wie sich das Portal schloss, aber sie konnte nichts mehr dagegen tun.
Als ihr Magen leer war und sich nach und nach wieder beruhigte, merkte sie, dass sie zitterte und Liam sie zur Beruhigung umarmte.
“Schhhh, schhhh”, machte er leise.
Einen kurzen Moment erlaubte sie sich, die Umarmung zu genießen. Dann schob sie ihn zur Seite und versuchte sich einen Überblick zu schaffen.
“Wo sind wir hier?”
“Sieht aus wie ein Kerker”, stellte Liam fest.
Er hatte recht, es sah aus wie der Kerker einer der mittelalterlichen Burgen, die sie als Kinder manchmal besucht hatten. Die ungleichmäßigen Steine. Vergitterte Zellen. Fackeln an den Wänden. Ein Bereich für die Wachleute in der Mitte, von dem aus man alles überblicken konnte.
“Sieht so aus, als wäre hier schon lange niemand mehr gewesen”, bemerkte Fiann und fuhr mit dem Finger über den Wachtisch, um Liam den staubigen Finger unter die Nase zu halten.
“Da geht es hoch”, zeigte er sich wenig beeindruckt und deutete zu einer Wendeltreppe, über die er sie bereits im nächsten Moment hinter sich herzog.
Beinahe wäre sie gestolpert, weil die einzelnen Stufen unterschiedliche Höhen hatten und zum Teil uneben waren. An anderen Stellen waren sie abgenutzt, was darauf schließen ließ, dass sie früher oft benutzt worden waren. Viel früher, den Spinnweben nach zu urteilen. Ein Schauer lief Fianns Rücken hinunter.
Sie konnten das Ende der Treppe sehen und Liam beschleunigte seinen Schritt.
“Verdammt, entweder du wirst langsamer oder du lässt meine Hand los, bevor du blindlings weiterläufst”, zeterte Fiann hinter ihm.
“Tut mir leid”, er ließ ihre Hand los und verlangsamte das Tempo, “ich glaube wir sind gleich da.”
Sie seufzte lautstark.
Als sie das Ende der Treppe erreichten, fanden sie sich in einem weiteren Raum wieder. Tische, Stühle, ein Kamin und wieder eine Menge Staub. Vermutlich eine Art Aufenthaltsraum. Womöglich für das Wachpersonal. Angrenzend befand sich ein Versorgungskorridor, von dem aus mehrere Türen wegführten.
Eine davon beherbergte die Küche, wie sie feststellen konnten. Sie war wesentlich sauberer, als das was sie bisher gesehen hatten. Es schien als hätte hier jemand vor kurzem gefegt. Fiann konnte kaum Staub ausmachen. Im Kamin schwelte etwas Glut, darüber hing ein Kessel zum Trocknen. Er war innen noch feucht. Ihre Muskeln spannten sich an und sie sah zu Liam, aber der schien keineswegs beunruhigt und trat bereits wieder auf den Flur, um die anderen Räume zu erkunden. Da wohl kein anderer Weg aus der Küche führte, folgte sie ihm langsam.
Er legte ein ziemliches Tempo vor. Meist warf er nur einen kurzen Blick in das neue Zimmer. Verbarg sich nichts Interessantes darin, oder gab es dort keine anderen Ausgänge, ging er bereits weiter. Liam versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie nervös er war. Zur Beruhigung ballte er wiederholt seine Hände. Er war zwar bereits weitergekommen, als er es sich je erträumt hatte, aber er wusste nicht was ihn erwartete. Er musste die Nerven behalten, sonst würde Fiann panisch werden. Und das war das letzte was er wollte. Er war ihr so unendlich dankbar, dass sie mit ihm gekommen war, wenn auch etwas widerwillig. Er hätte nicht gedacht, dass sie den Mut aufbringen würde und doch war sie ihm gefolgt. Konnte ihn nicht allein gehen lassen. Fiann. Sie kannten sich, seit sie Kinder waren. Ihre Eltern waren bereits Nachbarn und Freunde gewesen. Damals, als noch alles gut war. Bevor SIE gekommen waren.
Er hielt abrupt im Gedanken inne, als er die letzte Tür am Ende des Ganges aufstieß.
„Fiann, hier geht es weiter!”
Der Raum, den sie nun betraten, war riesig. Ein großer, runder Tisch bildete das Zentrum. Dreizehn Stühle standen ringsum. Die Tischplatte war mit Wappen und Namen verziert. Schilde mit den selben Emblemen hingen an den Wänden dahinter. Sie dürften bisher nur als Zierde gedient haben, denn bei näherer Betrachtung, konnte man keine Kampfspuren darauf entdecken und bis auf etwas Staub, wirkten sie wie neu.
Die Beiden bewegten sich in entgegengesetzte Richtungen um den Tisch.
Liam rannte beinahe hektisch. Er suchte etwas Bestimmtes, einen Namen.
Fiann ließ sich Zeit. Andächtig strich sie über die eingelassenen Schriftzüge und über die Wappen. Nie hätte sie gedacht, dass auch nur irgendetwas an den Legenden und Sagen wahr sein könnte. Aber hier war sie nun. Parzival, Tristan, Galahad, Gawain, Lancelot und Erec hatte sie bisher entdeckt. Dann ging sie zu Liam und sah, was er voller Staunen anstarrte.
„Artus“, flüsterte sie leise.
Sie mussten nun beide lächeln und Fiann konnte sogar ein kurzes Lachen nicht unterdrücken.
Sie ging zum nächsten Sitzplatz.
„Sieh nur, hier. Guinevere!“ überrascht sah sie zu Liam.
„Aber das würde bedeuten“, weiter kam sie nicht, eine weibliche Stimme unterbrach sie.
„Das würde bedeuten, dass sie ein Ritter der Tafelrunde wäre.“
Erschrocken drehten sie sich zu der Person um. Zu den drei Personen, wie sie schließlich feststellten. Keiner von beiden hatte mitbekommen, dass jemand außer ihnen das Zimmer betreten hatte.
Die drei Fremden, zwei Männer und die Frau, trugen schlichte Kleidung. Eine beige Leinenhose, ein weißes Leinenhemd, braune Lederstiefel und ein schmaler, brauner Gürtel, an dem Schwert und Dolch befestigt waren.
Das stand sehr im Gegensatz zu ihren eigenen Jeans, T-Shirts und den Sneaker.
Liam räusperte sich und fand als erster die Sprache wieder.
„Ähm ja. Hi, ich bin Liam und das ist Fiann“, er ging auf die drei zu und streckte ihnen die Hand entgegen.
Das Gesicht der anderen blieb verschlossen und Fiann konnte nicht deuten, ob sie freundlich empfangen wurden, oder ob sie als Eindringlinge galten. Vermutlich letzteres.
Die Frau überragte sie um einen halben Kopf und war die kleinste der dreien. Die beiden Männer hatten etwa Liams Größe, aber er hatte die muskulösere Statur.
Fiann wappnete sich innerlich für einen Kampf, auch wenn sie selbst wohl wenig dazu beitragen konnte. Doch sie konnte Liam nicht allein lassen, also setzte sie sich in Bewegung und blieb nur einen Schritt hinter ihm. Er hielt ihnen noch immer die Hand hin und wartete. Fiann sah, wie sich die Mienen der dreien verhärteten und sie zunächst auf seine Hand starten, dann in sein Gesicht und schließlich wieder auf sich selbst.
Die Hände wanderten zu den Schwertern.
Fiann musste schwer schlucken. Das war es nun. Das war also ihr Ende. In einer anderen Welt, in einer anderen Zeit, wo niemand sie kannte und niemand um sie trauern würde.
Die Stille schien ihr endlos. Es waren erst Sekunden, aber sie hätte schwören können, dass es Minuten waren.
Plötzlich erhellte schallendes Gelächter den Raum und einer der Männer ergriff Liams Hand.
„Wir haben euch erwartet“, sagte er schließlich.
Die Gesichter der dreien waren nun viel freundlicher und einladend.
„Bitte verzeiht uns. Wir wollten euch nicht erschrecken“, sagte nun der andere.
„Das ist Galahad, Guinevere und ich bin Artus. Aber nennt uns bitte Gal, Gwen und Art.“
„Freut mich“, Liam erwiderte das Nicken der anderen.
Schließlich zog er Fiann, die immer noch mit ihrer Fassung rang, neben sich. Dass er die Hand auf ihrem Rücken ließ, beruhigte sie etwas. Als sie aufhörte zu zittern, machte sie einen Schritt zur Seite und beendete den Kontakt zu ihm.
„Kommt, ihr solltet euch etwas stärken, während wir reden“, Art zeigte mit einer schwungvollen Bewegung in den Nebenraum.
Sie saßen vor dem Kamin, der eine wohlige Wärme ausstrahlte. Man reichte Wein, Brot und einen Hirscheintopf, wie man ihnen sagte.
Während sie aßen, hatte Fiann Zeit die anderen zu beobachten.
Gal war schlank und sehr drahtig. Ein kurzgeschnittener, dunkler Vollbart umrahmte sein Gesicht. Seine sanftmütigen Augen erinnerten sie an Bambi, doch zweifelte sie keinen Moment daran, dass er eine Kampfmaschine war, wenn es sein musste.
Art hatte graue Schläfen, die einen Kontrast zu seinen dunklen Haaren bildeten. Er hatte kurze Locken, die an ihm nicht sonderlich gut aussahen, und einen Drei-Tage-Bart. Die Muskeln sahen schlaff aus. Vermutlich war es früher einmal anders gewesen, die Ansätze konnte man noch sehen. Er sah abgespannt und müde aus. Art wirkte alt, nicht wie sie sich den König aus den Legenden vorgestellt hätte.
Gwen war sportlich und nicht so zierlich wie sie erwartet hätte. Die lange, rotbraune Mähne versuchte sie in einem lässigen Zopf zu bändigen. Sie hatte wache Augen, denen nichts zu entgehen schienen. Als würde sie das bestätigen wollen, sah sie plötzlich mit einem durchdringenden Blick auf. Fiann sah ertappt zu Boden.
Liam durchbrach schließlich das Schweigen.
„Ihr habt gesagt, dass ihr uns erwartet habt? Wie kann das sein? Woher wusstet ihr, dass wir kommen würden? Wisst ihr auch warum?“
Gal war der erste der antwortete: „Es wurde vorausgesagt. Vor sehr langer Zeit. Wir wissen, dass ihr Hilfe braucht, aber nicht mehr.“
„Ich verstehe. Nun, dann erzähle ich euch, warum wir hier sind. Vor etwa einem Jahr kamen SIE. Gestaltwandler aus dem All,“ begann Liam zu erzählen. „Wie sich herausstellte, hatten SIE schon lange unter uns gelebt. Sie haben uns studiert. Wie wir leben, was uns wichtig ist, was unsere Schwachstellen sind. Und dann haben sie ihre Verstärkung gerufen. Es waren hunderte Schiffe, die den Himmel verdunkelten. Tausende Gestaltwandler darin. Wir waren auf etwas in dieser Art nicht vorbereitet. Viele von uns starben bereits beim Erstschlag, andere in den Wochen darauf. Die menschlichen Überlebenden sind nun Sklaven und hausen zusammengepfercht in Slums.“
„Ist es überall auf der Welt so?“ erkundigte sich Art.
„Das wissen wir nicht. Wir können nicht mehr über unsere Technik kommunizieren. Aber ich denke ja.“
„Und ihr seid nun hier, weil ihr hofft, dass Art euch helfen kann?“ stellte Gwen fest, den Blick noch immer auf Fiann gerichtet, die versuchte die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. Die Reflektion des Feuers in ihren feuchten Augen verriet sie.
Fiann nickte schwach.
„Es geht nicht einmal um uns, aber ich habe einen kleinen Bruder, Connor. Er ist so ein toller Junge und er musste in seinem Leben schon so viel durchmachen, als unsere Eltern starben. Er soll jetzt nicht auch noch als Sklave aufwachsen“, erklärte Liam leise.
„Liam hat sich an die Legenden erinnert und das es heißt, dass Artus zurückkehren wird, wenn die Not am größten ist.“ Fiann schluckte und ihre Stimme brach beinahe. „Aber ich glaube nicht, dass ihr uns helfen könnt. Die Waffentechnik der Gestaltwandler ist sehr viel weiter als eure. Und sie sind so unglaublich viele.“
Liam setzte sich neben sie, um sie in den Arm zu nehmen.
„Schon gut“, winkte sie wenig überzeugend ab. Er respektierte es und wahrte den Abstand.
„Es ist nicht so, dass wir nicht mit Technologie umgehen können. Wir haben nur vor langer Zeit entschieden, dass es nicht nur unsere Welt, sondern auch uns zerstört, wenn wir sie weiterentwickeln, darum wurde sie verbannt“, erklärte Art.
„Wir werden euch helfen so gut wir können“, sagte Gwen bestimmt. „Doch das können wir erst, wenn ihr uns bei einigen Vorbereitungen geholfen habt. Ruht euch heute noch aus. Gal zeigt euch, wo ihr schlafen könnt. Morgen geht es los.“
Ihre feste Stimme ließ durchscheinen, dass sie keinen Widerspruch duldete.
Die Nacht begann zu spät und endete zu früh, denn Liam und Fiann hatten noch lange die Eindrücke des Tages besprochen. Die Sonne war kaum aufgegangen, als Gal sie weckte.
„Kommt, ihr solltet noch jemanden kennenlernen.“ Mit diesen Worten eilte er auch schon aus dem Zimmer und sie hatten fast Mühe damit seinem schnellen Schritt zu folgen. Er führte sie die Treppen hinab in den Raum, in dem sie tags zuvor bereits zusammengesessen waren.
Beim Anblick der Frau, die sich am Kamin wärmte, lief Fiann unwillkürlich ein Schauer über den Rücken. Die großgewachsene Gestalt machte ihr wieder deutlich, dass sie die kleinste unter ihnen war. Die langen, dunklen Haare ließen die Haut noch bleicher wirken, als sie ohnehin schon war. Unter dem schwarzen Umhang konnte man kaum die Statur erkennen. Nur wo das ebenfalls schwarze Kleid hervorlugte, konnte man eine schlanke Figur erahnen.
Liam wollte bereits auf die Fremde zugehen, hielt jedoch inne, als sie sich umdrehte und ihn mit ihrem stechenden Blick ansah. Ihn musterte war wohl zutreffender.
Sie standen beieinander und kamen sich vor wie kleine Schulkinder, die beim Schwänzen erwischt worden waren und nun vor dem Direktor standen.
„Das sind sie?“ wandte sich die Fremde wieder Gal zu. Die raue Stimme ging ihnen durch Mark und Bein.
Gal nickte zustimmend und die Fremde zog die Stirn kraus.
Liam stellte sich leicht vor Fiann. Zu gerne hätte sie sich nun hinter ihm versteckt, denn die ganze Situation war ihr immer noch suspekt. Aber, dass sie nun sogar einer Musterung unterzogen wurde und dafür scheinbar auch noch ein Ungenügend kassierte, war ihr doch zu viel.
„Und Sie sind?“ fragte sie trotzig.
„Schätzchen, wenn du nicht nett bist, bin ich dein schlimmster Albtraum.“
Fiann schnaubte verächtlich und bevor sie eine weitere Bemerkung machen konnte, legte sich von hinten eine Hand auf ihre Schulter. Liam konnte es nicht sein, er stand vor ihr. Als sie sich umsah, sah sie in Gwens Augen. Tiefblau waren sie, mit einem smaragdgrünen Schimmer am Rande der Iris.
„Fiann! Liam! Das ist Morgana, Arts Schwester.“
Erstaunt sahen sie die beiden an und Morgana machte sich keine Umstände ihr schiefes, selbstgefälliges Lächeln zu verbergen. Im Gegenteil, sie hob den Kopf etwas höher und sah noch mehr von oben auf sie herab.
Fiann ließ sich nicht einschüchtern und spannte ihre Muskeln an. Sie wollte bereits zu einer wahren Schimpftirade ansetzen, doch Gwen verstärkte den Druck auf ihre Schulter etwas.
„Wollen wir uns nicht setzen?“ fragte sie und zog Fiann mit sich zum Tisch.
Gwen schüttelte kaum merklich den Kopf und stellte sich dann so, dass Morgana nicht sehen konnte, wie sie tonlos das Wort ‚nicht‘ formte.
Gal ergriff nun das Wort und begann zu erzählen.
„Vor langer Zeit kamen Art sein Schwert Excalibur und die passende Schwertscheide abhanden. Ohne Excalibur kann Art euch nicht begleiten und ihr müsst uns dabei helfen, beides zurückzuholen. Und die ehrenwerte Morgana“, er verneigte sich mit einem leichten Lächeln vor ihr, „weiß glücklicherweise, wo sich beides befinden soll.“
„Es gibt einen Nekromanten, Beliar. Er soll beides besitzen. Unser Glück ist, dass er es nicht bei sich hat. Unser Unglück ist, dass er es entweder von einer Horde Wiedergänger bewachen lässt oder was schlimmer wäre, vom Wanderer.“ Morganas Miene verfinsterte sich, als sie erzählte.
Liam erkannte, dass ihr diese Vorstellung nicht gefiel, also musste er nachhaken. „Warum ist ein Wanderer schlimmer als eine Horde Wiedergänger? Es handelt sich doch nur um einen, oder nicht?“
„Der Wanderer ist ein Drache,“ erklärte Morgana. „Ein untoter Drache. Er ist Beliars General.“
Einen Moment lang war es still, während die Information verarbeitet wurde.
„Wo ist Art?“ Fiann war jetzt erst aufgefallen, dass sie nicht vollzählig waren.
„Er fordert einen Gefallen ein,“ antwortete Gal. „Damit wir wissen, wo wir anfangen sollen. Wir werden euch schon einmal ausstatten, damit es gleich losgehen kann, sobald er zurück ist.“
Nach einiger Zeit waren sie neu eingekleidet und bewaffnet.
Die neumodische Kleidung wurde gegen Lederrüstung und Lederhelm getauscht. Es bot zumindest etwas Schutz und war leicht genug, um sich bewegen zu können. Ein Umhang rundete das Bild ab.
Liam hatte noch ein Kettenhemd angelegt und fühlte sich gleich wie ein Held. Sogar seine Körperhaltung hatte sich verändert. Er strahlte sofort eine ungewohnte Autorität aus.
Fiann hatte das Kettenhemd ebenfalls probiert, doch schon bald musste sie unter dem ungewohnten Gewicht stöhnen. Es stundenlang, gar tagelang zu tragen, schien ihr unmöglich.
Man hatte beide mit Schwert, Schild und Dolch ausgerüstet. Viel konnte man ihnen in der kurzen Zeit nicht beibringen, aber zumindest hatte man ihnen einige Grundstellungen gezeigt, die verhindern sollten, dass sie sich selbst verletzten.
Gwen würde sie begleiten. Sie war komplett in schwarze Kleidung gehüllt. Keinerlei Rüstung war auszumachen. Einen Bogen, einen Köcher mit Pfeilen und einen Dolch, mehr trug sie nicht.
Schließlich stieß Art wieder zu ihnen.
„Ihr müsst zum Wolfshügel,“ erläuterte er an Gwen gewandt.
Er breitete eine Karte vor ihnen aus.
„Bis hier kann euch Morgana bringen, ohne dass man auf euch aufmerksam wird. Dort wird man euch mit Pferden und Verpflegung ausstatten.“ Er zeigte auf einen Punkt, der wohl etwa zwei Tagesmärsche vom Wolfshügel entfernt war.
„Am besten ihr lasst die Pferde dann in diesem Dorf und geht zu Fuß weiter. Es gibt eine Höhle deren Eingang auf der Nordseite ist. Du kennst sie?“ fragte er an Gwen gewandt, die bestätigend nickte. „Dort befindet sich Excalibur. Aber auch eine Horde Untoter.“
„Excalibur? Was ist mit der Schwertscheide?“ erkundigte sich Liam.
„Das ist die schlechte Nachricht. Die befindet sich beim Wanderer.“ Er schob seinen Finger weiter Richtung Osten in ein Gebiet, das von Bergen übersät war.
„Aber das Schwert ist wichtiger. Im Moment. Es reicht, wenn ich das wiederbekomme. Dann werde ich euch zurück in eure Welt begleiten.“
Fiann fühlte sich wie in einem schlechten Traum. Excalibur, Artus, Untote und Drachen. Aber sie erwachte einfach nicht daraus. Liam sah sie besorgt an und legte seinen Arm um ihre Schulter.
„Es geht schon“, versuchte sie ihn zu beruhigen. Doch auch das Lächeln, das sie sich aufzwang, konnte ihn nicht überzeugen.
„Komm, lass uns ein paar Schritte gehen“, schlug er vor.
„Nein, schon gut. Ich gehe kurz frische Luft schnappen und du siehst zu, dass du alle Informationen mitbekommst.“ Damit verschwand sie aus der Tür und ließ ihn mit den anderen zurück.
„Er liebt dich.“
Fiann schreckte aus ihren Gedanken hoch, als Gwen sie ansprach. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich jemand zu ihr gesellt hatte.
„Aber du ihn nicht“, fügte Gwen weiter an.
Fiann schüttelte leicht den Kopf. Sie überlegte kurz, ob sie darüber sprechen wollte, vor allem mit einer für sie fremden Person. Doch schließlich überwand sie sich.
„Nein. Ich liebe ihn, aber nicht so wie er es sich wünscht. Er ist wie ein Bruder für mich. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mir nicht wünsche, dass ich ihn doch nur lieben könnte wie er mich. Zumindest ein wenig.“ Die letzten Worte waren kaum noch ein Flüstern. „Aber ich kann es einfach nicht.“
Sie sah zu Gwen und erkannte Verständnis in ihrem Gesicht. Sie musste nicht erst fragen, um eine Antwort zu bekommen.
„Wie bei Art und mir. Wir heirateten aus politischen Gründen. Mein Vater traf die Entscheidung, mich hatte man nicht gefragt. Versteh mich nicht falsch, Art ist großartig. Das war er immer. Ich habe mir lange eingeredet, dass ich ihn irgendwann lieben würde, aber es ging eben doch nie über Freundschaft hinaus.“ Sie hatte den schockierten Blick erwartet. „Ja ich weiß, die Legenden sagen etwas Anderes. Aber das sind eben nur Geschichten.“ Sie machte eine kurze Pause. „Ich dachte immer die Liebe würde mich unerwartet treffen. Wie ein Blitz. Ein Knall und da ist diese eine Person. Vielleicht auch jemand den man schon länger kennt. Und man lebt gemeinsam glücklich bis ans Ende seiner Tage. Schon klar, das ist sehr naiv und die Zeit hat mich auch etwas Anderes gelehrt.“
Sie sahen sich einen Moment an, bis Fiann ihre Stimme wiederfand und zustimmte. „Ich weiß was du meinst. Es ist eine schöne Vorstellung. Man trifft den einen Menschen und weiß es ist Bestimmung. Aber eines Tages wirst du erwachsen und dir wird klar, dass das nur in einem Märchen passiert. Mit Glück findet man jemanden, dem man am Herzen liegt und der einen respektiert. Aber man wurde mit romantischen Geschichten so manipuliert, dass einem selbst das nicht reicht und man mehr will. Und man ist unglücklich, weil man nie bekommt was man sich wünscht.“
Fiann seufzte tief. „Gwen?“
„Hmmm?“
„Wie kann es sein, dass ihr noch hier seid?“
Die Frage brannte Fiann schon die ganze Zeit unter den Nägeln.
„Ich meine, ich bin froh, zumindest kann Liam weiter Hoffnung schöpfen, aber ich verstehe es nicht. Es sind in unserer Welt so viele Jahrhunderte vergangen, seit eure Geschichten angeblich passiert sind. Vergeht die Zeit hier anders, ist es das? Seid ihr unsterblich? Oder ist es bloß ein Traum, aus dem ich nicht aufwache?“
„Kein Traum“, Gwen kniff sie in den Arm und grinste sie an. Sie rieb sich die Stelle, auch wenn sie nicht wirklich schmerzte. „Und nein, wir sind nicht unsterblich. Es vergeht auch die Zeit gleich schnell. Hier, wie dort. Es ist…“, sie stockte kurz, um die richtigen Worte zu finden. „Wir haben unsere Bestimmung noch nicht erfüllt. Art, Gal, Morgana und ich. Wir sind alle Menschen. Wir werden krank, wir bluten, wir sterben. Aber jeder von uns vieren hat noch eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Erst dann ist es an der Zeit für uns zu gehen.“
„Was ist eure Bestimmung?“ Fiann war neugierig.
„Für jeden eine andere.“
„Was ist deine Aufgabe, Gwen?“
„Das wirst du noch früh genug erfahren.“ Sie grinste Fiann an, doch es war klar, dass sie im Moment nicht mehr Informationen preisgeben würde.
Dann wurde Gwens Blick wieder ernst.
„Fiann, leg dich nicht mit Morgana an. Seit Merlin nicht mehr ist, ist sie nach der Herrin vom See vielleicht die mächtigste Magierin hier. Wir brauchen sie und glaub mir, du willst sie nicht zum Feind haben. Ich weiß, wie das ist.“ Ihr stand die aufrichtige Sorge ins Gesicht geschrieben. Fiann nickte.
„Und noch ein Tipp, wenn du etwas vor ihr geheim halten möchtest, flüstere keinesfalls in ihrer Nähe. Sie kann ein Kaninchen über 5 Kilometer hinweg niesen hören.“
Sie mussten beide lachen.
Gwen wandte sich zum Gehen, doch Fiann hielt sie an der Hand zurück.
„Gwen? Werden wir das überleben?“ Sie wusste nicht warum, aber sie vertraute der Frau.
„Wir werden alles daransetzen. Und solange ich in deiner Nähe bin, wird dir nichts geschehen.“ Gwen zwinkerte ihr zu und kehrte wieder zu den anderen zurück.
„Hättest du geglaubt, dass wir jemals auf Greifen fliegen würden?“ Liam war noch immer begeistert. Er freute sich wie ein kleines Kind. Unweigerlich mussten Fiann und Gwen grinsen.
„Ich meine, hättest du gedacht, dass sie so ein weiches Fell haben?“ Er überlegte kurz. „Also dort wo sie Fell und keine Federn haben. Also nicht, dass die Federn nicht auch weich gewesen wären. Ach, ihr wisst doch was ich meine.“
Morgana hatte Greifen gerufen, die sie wie geplant zur Pferdestation geflogen hatten. Von dort waren sie mit den Pferden zu dem Dorf in der Nähe des Wolfshügels geritten, wo sie schließlich übernachtet hatten. Nach dem Frühstück waren sie aufgebrochen.
Der Wolfshügel war ein Berg von etwa 3000 Metern Höhe. Das Tal war in ein sattes Grün getaucht. Sie folgten einem breiten Pfad und kamen schnell voran. Etwa nach einem Drittel des Weges wichen die Wiesen zusehends dem kargen Stein und Geröll und der Pfad wurde schmäler, bis er schließlich ganz verschwand. Der sanfte Anstieg hatte sich in einen steilen Hang verwandelt.
„Lasst uns hier Rast machen, bevor es wirklich beschwerlich wird.“ Gwen setzte sich auf einen Felsen.
„In ein paar hundert Metern, kommt ein Felsvorsprung.“ Sie deutete auf einen Punkt über ihnen. „Er führt um den Berg auf die andere Seite, an der Höhle vorbei.“
„Wir hätten doch auch einfach auf unseren Greifen hinfliegen, schnell in die Höhle springen und sofort wieder wegfliegen können“, maulte Liam unzufrieden und bot Fiann einen der wenigen Grasflecken an, um sich niederzulassen. Wenig elegant ließ er sich daneben auf den Boden plumpsen.
„Sie können Magie spüren und alles was damit zu tun hat. Also auch die Greife, die Morgana gehören. Damit hätten sie uns erwartet und wären vorbereitet. Das ist das letzte das wir wollen und würde alles nur noch komplizierter machen.“
„Warum habt ihr nie selbst das Schwert geholt. Es gehört doch Art.“
„Das haben wir versucht, Liam. Anfangs. Es war sogar an einem weniger gut bewachten Ort als hier. Doch wir scheiterten Mal um Mal. Also mussten wir einsehen, dass wir nicht dazu bestimmt waren das Schwert zurückzuholen.“
„Aber wir sind es“, grinste er übers ganze Gesicht.
„Die Chancen stehen gut.“ Gwen versuchte zuversichtlich zu wirken, doch Fiann konnte sie nicht überzeugen.
„Okay, was verschweigst du uns“, erkundigte sich diese deshalb.
Gwen stöhnte und äußerte ihre Bedenken. „Ihr seid nicht die ersten die von der anderen Seite kamen. Es haben schon andere vor euch versucht. Der Erfolg blieb immer aus. Zu oft musste ich den Weg zurück allein antreten.“ Gwen wurde immer leiser und sah nun unsicher von Fiann zu Liam und wieder zurück.
„Aber wenn die es nicht geschafft haben“, Fianns Stimme versagte.
„Keine Sorge, wir schaffen das schon.“ Liam drückte ihre Hand, doch sie schüttelte mutlos den Kopf.
„Doch, du wirst sehen, wir schaffen das. Wir haben etwas, was die nicht hatten.“ Nun sahen ihn beide Frauen verwundert an.
„Na, die hatten mich nicht.“ Er schlug sich vergnügt auf die Brust. Damit konnte er beiden ein kleines, wenn auch schiefes Lächeln entlocken.
„Ich glaube auch, dass ihr diejenigen seid, die es schaffen werden.“ Gwen schaffte es ihre Sorge zur Seite zu schieben. „Ich weiß nicht wie die anderen es zu uns geschafft haben, aber ihr wart die ersten die durchs Portal direkt nach Camelot kamen. So wie es die Prophezeiung vorausgesagt hat. Ihr müsst es sein. Ich hoffe es so sehr.“ Sie beobachtete Fiann, die gedankenverloren mit dem Gras spielte. Als könnte sie Gedanken lesen, beantwortete sie bereits die Frage die Fiann auf der Zunge lag. „Du möchtest wissen, was die Prophezeiung ist. Im Grunde heißt es, dass eines Tages jemand kommen wird, der unsere Hilfe braucht. Im Gegenzug wird er das Reich befreien.“ Sie sah die Unwissenheit der anderen. „Befreien von Belial, dem Nekromanten.“
„Das wäre doch der Hammer, wenn wir das wären“, freute sich Liam.
„Woher kommt die Prophezeiung? Und hat sich schon etwas davon erfüllt?“ Fiann war wenig überzeugt.
„Ihr seid hier.“ Gwen lächelte sie an. „Merlin hat es vorausgesagt. Es war kurz bevor er starb. Auch sein Tod war Teil der Weissagung.“
„Gwen? Dieses Portal … wie kann es sein, dass Fiann das Portal auf Walisisch öffnet, ohne die Sprache zu beherrschen?“
„Ich habe das Portal nicht geöffnet. Und ich spreche sehr wohl walisisch.“ Fiann machte einen Schmollmund.
„Du kennst noch weniger Wörter als ich“, zog er sie auf. Dann sah er erwartungsvoll zu Gwen. Er sah gerade noch ihr verträumtes Lächeln, bevor es eine Sekunde später wieder verschwand. Es versetzte ihm einen Stich ins Herz, denn er wusste, dass es der Frau neben ihm galt. Der Frau, die er so lange liebte. Sie hatten bereits im Sandkasten miteinander gespielt. Ihre Eltern waren schon befreundet gewesen. Sie wurden beste Freunde. Als Fiann anfing sich für andere Jungs zu interessieren, war ihm klar geworden, dass es mehr als Freundschaft für ihn war. Es hatte zwei Jahre gedauert, bis er sich endlich getraut hatte ihr seine Gefühle zu offenbaren. Er war am Boden zerstört, als sie ihm sagte, dass sie ihn als Freund liebte und schätzte, aber mehr nicht zwischen ihnen sieht. Seitdem hatte sich auch die Art wie sie mit ihm umging verändert. Wenn er ihr nahekam, auch wenn keine Absicht dahinterstand, suchte sie den Abstand. Er wusste, dass es aussichtslos war, aber er konnte nichts dagegen tun. Er hatte versucht andere zu lieben, doch es endete immer in einer Katastrophe.
„Was waren die Worte, um das Portal zu öffnen?“ Gwens Frage holte ihn in die Gegenwart zurück.
Er wiederholte, woran er sich erinnern konnte.
„Baum des Lebens. Öffne das Tor. Herrin vom See, lass uns passieren. Erlaube uns, die andere Welt zu betreten. Führe uns zum König, dessen Zeit der Rückkehr gekommen ist“, übersetzte Gwen. „Ihr wart beim Baum des Lebens. Was ist passiert, kurz bevor du die Worte gesprochen hast?“
„Ich habe keine Worte gesprochen.“
„Fiann, konzentriert dich, bitte. Was ist passiert, bevor das Portal aufgetaucht ist.“ Gwens Stimme zitterte.
„Ich weiß nicht, ich habe mich hingekniet und den Baum berührt. Es war ein wenig so als hätte er mich gerufen. Es fühlte sich seltsam vertraut an. Und dann war plötzlich das Portal da“, erzählte Fiann.
„Du hast die Augen geschlossen und gesummt. Also eigentlich gesungen. Und dann geschrien“, erinnerte sich Liam.
„Seltsam vertraut“, wiederholte Gwen leise. Dann erhellte sich ihr Gesicht und sie sprang auf. „Los, wir haben schon viel zu lange gerastet. Wir müssen weiter.“
Die anderen beiden sahen sich ratlos an, packten aber doch zusammen und folgten ihr.
Gwen schien die immer steiler werdende Wand mühelos wie eine Gazelle zu erklimmen. Fiann fluchte da sie immer wegrutschte. Es war schwer Halt zu finden bei dem vielen Geröll und den scharfkantigen Steinen. Liam hinter ihr sorgte dafür, dass sie nicht stürzte.
Gwen war bereits auf den Felsvorsprung geklettert, als die beiden anderen ankamen. Fiann war die nächste die hochklettern sollte. Liam half ihr mit einer Räuberleiter, während Gwen ihr die Hand entgegenstreckte und sie hochzog.
„Alles in Ordnung?“ erkundigte sich Gwen und nahm eine von Fianns Händen in ihre und untersuchte sie. Sie blutete.
„Du hast dich geschnitten. Warte, ich helfe Liam hoch und dann sehen wir uns das an. Hier haben wir noch genug Platz dafür.“
Als Liam ebenfalls auf dem Vorsprung war, hielt er Gwen bereits den Wasserschlauch hin. Sie reinigte vorsichtig die Wunde und zog einige Kräuter aus der Tasche, die sie ein paar Mal kaute. Den angesammelten Speichel spuckte sie aus. Die zerkauten Kräuter, legte sie schließlich auf den Schnitt und verband das ganze notdürftig mit einem Stoff, den Liam ihr aus der Tasche reichte.
„Das ist Traivan“, erklärte Gwen. „Es ist ein tödliches Gift, wenn man es schluckt. Aber wenn man es kaut, entwickelt es eine Wirkung, die desinfiziert und hilft Entzündungen zu vermeiden.“
Sie gab Fianns Hand wieder frei.
„Danke“, sagte diese und glaubte zu spüren, dass die Wunde bereits angefangen hatte zu heilen.
„Jederzeit gerne“, lächelte Gwen.
Liam drehte sich der Magen um. Er schob sich an den beiden vorbei und übernahm die Spitze.
„Hier gibt es ohnehin nur noch einen Weg. Da werden wir uns schon nicht verlaufen“, witzelte er, um seinen Unmut zu verbergen.
Je weiter sie den Berg umrundeten und je näher sie der Höhle kamen, umso schmäler wurde der Vorsprung. Schließlich mussten sie sich nahe an die Felswand pressen und kleine Schritte vorsichtig nebeneinandersetzen. Liams Statur erlaubte es ihm nicht sich noch näher an den Stein in seinem Rücken zu pressen. Er war ungesichert, was ihm den Schweiß auf die Stirn und die Angst ins Gesicht trieb. Fiann neben ihm ging es nicht besser. Sie kämpfte verzweifelt gegen die Panik an und ihr Herz hämmerte schmerzhaft gegen ihre Brust. Gwen neben ihnen schien weniger aufgeregt zu sein. Kein Wunder, dachte sich Liam bitter, als fast Unsterbliche musste sie sich kaum Sorgen machen.
Sie kamen nur langsam voran, aber nach einiger Zeit hatten sie einen kleinen Bereich unter der Höhle erreicht. Er war nur knapp von dem Weg entfernt, den ihre Bewohner nutzten.
Der Schatten umhüllte sie und sie konnten sich unbemerkt nähern.
„Und nun?“ fragte Liam neugierig. „Einfach rein und alle niedermetzeln die uns in den Weg kommen?“ Es war klar, dass er mit Humor versuchte seine Unsicherheit und Angst zu überspielen.
Gwen rollte dennoch die Augen. „Nein, bleibt in meiner Nähe und achtet auf eure Schritte. Solange wir keinen Laut von uns geben und gegen keinen von ihnen stoßen, werden sie uns nicht bemerken.“
Liam sah sie fragend an.
Gwen zog ihren Dolch. Das Metall schien beinahe schwarz und reflektierte nicht. Der Griff war mit schwarzem Leder überzogen. Sie zog den Knauf an ihre Lippen und flüsterte einige Worte. Schließlich umklammerte sie die Klinge und zog sie durch ihre bloße Hand wieder heraus. Fiann erschrak und wollte bereits nach der blutenden Hand greifen, doch Gwen winkte ab.
„Magie verlangt immer einen Preis“, erklärte sie ruhig.
„Warum wird diese Magie kein Problem sein, aber ein Greif schon?“ Liam schob trotzig seine Unterlippe nach vor.
„Weil dies hier ein Verhüllungszauber ist. Stark genug, um die eigene Magie zu verhüllen und uns drei. Aber zu schwach für drei Greife zusätzlich, noch dazu in schnellerer Bewegung als wir jetzt.“
„Wie lange haben wir?“ erkundigte sich nun Fiann.
„Vielleicht 30 Minuten“, war die ernüchternde Antwort.
„Seid ihr bereit euch unter die Untoten zu mischen?“ Gwen bedachte ihre Begleiter mit einem prüfenden Blick. Sie war sich sicher, dass beide sich der Gefahr nicht bewusst waren und sie sich nicht einmal vorstellen konnten, womit sie es in dieser Welt zu tun bekommen konnten. Und das war nicht hilfreich in der momentanen Situation. Die Euphorie, die sie vor kurzem noch gespürt hatte, war verflogen. Nun fühlte sie sich, als würde sie Lämmer zur Schlachtbank führen. Das eine starr vor Angst und das andere zu sorglos. Liam wollte seine Liebe beeindrucken und der strahlende Held sein. Als wollte er Gwens Gedanken bestätigen, zog er sein Schwert, doch sie hielt ihn zurück. Unwirsch ließ er es wieder in der Scheide verschwinden.
„Es ist nicht die Zeit für Übermut. Wir müssen vorsichtig sein. Tot bringt ihr weder uns noch eurer Welt etwas.“ Gwen sah in eindringlich an. Nun war er es, der die Augen verdrehte und dazu schnaubte.
„Liam, sie hat recht. Bitte versprich, dass du dich ruhig verhältst“, bat nun Fiann. Ihr konnte er keinen Wunsch abschlagen. Er wusste, dass es vernünftiger war, aber er wollte auf etwas einschlagen. Jedes Mal, wenn er sah welche Blicke Gwen seiner Geliebten zuwarf, schürte es seine Eifersucht. Aber er würde sich zusammenreißen. Es zumindest versuchen. Fiann zu liebe.
„Kein Wort und zusammenbleiben. Bereit?“ erkundigte sich Gwen erneut.
Diesmal nickten alle, wenn auch nur zaghaft.
Sie übernahm wieder die Führung und hievte sich mit Leichtigkeit auf den Zugang zur Höhle. Zunächst half sie Liam hoch. Ein paar Steine rutschten in den Abgrund, als er versuchte sich hochzustemmen. Er mag zwar wie ein Ritter aussehen, aber er war manchmal einfach viel zu unachtsam. Gwen hielt den Atem an und horchte in die Höhle hinein. Eine Minute. Zwei. Erleichtert atmete sie auf, es regte sich nichts. Sie hielt Fiann die Hand hin, um auch ihr nach oben zu helfen, doch Liam stellte sich schnell vor sie und zog seine Angebetete bereits an beiden Händen hoch.
Gwen schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Sie schluckte den Ärger herunter. Was übrig blieb, war Mitleid. Er hatte Fiann auf ein Podest gestellt und bemühte sich um sie, aber es war einfach zu viel. Auf diese Weise würde die Kluft zwischen ihnen nur weiter anwachsen. Eines Tages würde sie es in seiner Nähe nicht mehr aushalten und die Katastrophe war perfekt. Gwen konnte verstehen, dass Fiann eine gewisse Anziehungskraft hatte. Die kleine, zierliche Gestalt. Die Art wie sie die Unterlippe manchmal vorschob. Der traurige Blick. Es konnte den Beschützerinstinkt wecken. Ob Fiann sich dessen bewusst war, was sie in anderen auslösen konnte? Auf den ersten Blick war sie die hilflose Maid in Nöten.
Doch Gwen sah mehr. In Fiann schlummerte eine Jägerin und wenn sie eines Tages erwachte, würde sie keinen Beschützer mehr benötigen. Man sah es in ihren Augen. In diesen braunen Augen, die manchmal ein gelbes Leuchten bekamen und an eine Löwin auf Beutezug erinnerten. Gefährlich und aufregend zugleich.
Gwen schob den Gedanken zur Seite und konzentrierte sich wieder auf das hier und jetzt. Einer von beiden könnte der nächste Regent des Landes werden und es war nicht angemessen diese Gedanken zuzulassen. Über keinen von ihnen.
Es waren keine Wachen außerhalb der Höhle. Das war nicht weiter ungewöhnlich bei Wiedergängern. Gwen ging vorsichtig voran und hörte auf jeden Laut. Behutsam schoben sie sich durch die ersten Gänge. Es gab kaum Beleuchtung, was ihnen nur in die Hände spielte. Der Verhüllungszauber würde sein Übriges tun.
Zunächst kamen sie gut voran, doch nach wenigen Minuten mündete der Gang in unzählige Abzweigungen. Zu viele, um sie alle rechtzeitig untersuchen zu können. Gwen versuchte in sich hineinzuhören, um vielleicht ein kleines Echo von Excalibur wahrzunehmen. Sie bat auch die beiden anderen darum. Wenn einer von ihnen der zukünftige Herrscher war, so bestand vielleicht schon eine Verbindung zum Schwert.
Aus dem Bauch heraus entschieden Fiann und Gwen sich für den gleichen Tunnel. Liam war anderer Meinung, fügte sich aber der Mehrheit, wenn auch widerwillig.
Als sie wenige Meter in den Gang vorgedrungen waren, kam ihnen eine Gruppe von Wiedergängern entgegengeschlurft. Beinahe hätte Fiann losgeschrien, doch Gwen hielt ihr gerade noch rechtzeitig den Mund zu. Sie drängte ihren Körper gegen Fiann und diese damit gegen die Höhlenwand. Sie zwang die andere sie anzusehen und versuchte sie zu beruhigen, indem sie ihr über das Haar strich. Aber sie spürte das Zittern der anderen in jeder Faser. Gwen deutete Liam sich ebenfalls an die Wand zu pressen.
Die Wiedergänger zeigten unterschiedliche Grade der Verwesung. Von einer braunen, ledrigen Haut bis zu Exemplaren, wo Teile der Haut und des Fleisches fehlten, oder in Fetzen herabhingen, war alles dabei. Bei einem konnte man die Schädelknochen durchblitzen sehen. Auch Gwen musste sich ablenken, um nicht ihren gesamten Mageninhalt zu entleeren. Sie sah in die braunen Augen ihr gegenüber. Als die Wiedergänger um die Ecke waren, stieß Liam sie unsanft an der Schulter an. Langsam ließ Gwen die Hände sinken. Einen Moment länger blieben sie und Fiann stehen und sahen sich in die Augen. Schließlich nickten sich die beiden zu, um sich gegenseitig zu versichern, dass alles wieder in Ordnung war.
Sie setzen ihren Weg fort und nach einigen Windungen war es so weit. Am Ende des Ganges. Ein Schwert. Im Stein? Ein Lichtstrahl ließ es hell erstrahlen. Man hätte sich die Szenerie nicht schöner ausdenken können. Liam straffte die Schultern und wirkte gleich noch größer als sonst. Er wollte bereits an den Frauen vorbei gehen, doch Gwen hielt ihn am Arm fest. „Zu leicht“, sagte sie nur leise. Er sah die beiden anderen an. In seiner Schläfe fing eine Ader an zu pulsieren. Vielleicht wollte Gwen sich profilieren, überlegte er. Ihm seinen Ruhm nehmen. Vielleicht sich so an seine Geliebte ranmachen. Das konnte er nicht zulassen. Er presste seine Kiefer zusammen. Er sollte der Held sein. Nein, er WÜRDE der Held sein. Wenn er stark war, konnte er Fiann alle Angst nehmen. Er würde sie vor allem beschützen. Sie würden endlich mit Artus nach Hause zurückkehren. Endlich weg von hier. Fort von Gwen. Die Eifersucht verdrängte jegliche Vernunft. Gegen alle bisherigen Männer hatte er etwas unternehmen können. Sie alle konnten Fiann nichts bieten, was er nicht auch hatte. Und notfalls setzte er sie unter Druck. Das hatte er schon getan, erinnerte er sich. Einmal hatte er einen Mann verprügelt, der nicht gut für sie war. Der sie betrogen hatte. Er hatte gesehen wie sich der Lump mit einer anderen Frau im Café getroffen hatte. Er wollte nicht, dass Fiann verletzt wurde. Doch das hier war anders. Gwen war eine Frau. Nicht, dass sich Fiann bisher zu Frauen hingezogen gefühlt hatte, doch er wollte es auch nicht darauf ankommen lassen.
Blitzartig schob Liam alle Gedanken zur Seite, streichelte Fiann über die Wange und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. Er zog sein Schwert und ging auf Excalibur zu. Als er aus den Schatten des Verhüllungszaubers trat, wurde es plötzlich laut in den Gängen. Noch bevor Fiann sie kommen sah, hatte Gwen bereits einige von ihnen mit Pfeil und Bogen niedergestreckt. Es kamen immer mehr aus den Gängen, die sie eben noch hinter sich gelassen hatten. Zu viele, als dass Fiann sie zählen könnte. Sie zog ihr Schwert, doch kaum lag die Klinge frei, wurde es ihr bereits von einer dieser widerlichen Kreaturen aus der Hand geschlagen. Sie wurde von Gwen hinter sich gezogen, die das Schwert aufhob und sie vor den Monstern schützte. Eine schnelle Parade links, ein Angriff rechts. Eine schnelle Drehung, der wieder eine Parade folgte. Gwen hielt sie mit einer Hand an ihren Rücken gepresst, damit sie jeder ihrer Bewegungen folgte. Kurz sah Fiann zu Liam, der Excalibur aus dem Stein ziehen wollte, doch er tat sich sichtlich schwer. Er versuchte es so verbissen, dass er nicht bemerkte, als ein Wiedergänger aus dem Schatten trat.
„LIAM, NEIN!“ Fianns angsterfüllter Schrei hallte durch die Gänge. Doch es war zu spät. Ein Langschwert bohrte sich zwischen seine Schulterblätter und die schmale Klinge trat aus seiner Brust wieder hervor. Sie riss sich von Gwen los und wollte zu ihm laufen, um zu helfen. Doch alles kam ihr plötzlich so langsam vor. Sie fühlte sich, als würde sich alles in Zeitlupe bewegen. Wie sie auf ihn zu rannte, wie er zu Boden sank. Er drehte den Kopf zu ihr und lächelte. Sie sah, dass er ihren Namen auf den Lippen trug, doch sie konnte ihn nicht hören. Es dauerte quälend lange bis sie ihn erreicht hatte und doch waren es nur wenige Schritte gewesen, die zwischen ihnen gelegen hatten.
„Liam, nein!“ Die Stimme versagte ihr den Dienst.
Sie zog seinen Kopf auf ihren Schoß. Seine Augen starrten sie an. Jegliches Leben war aus ihnen gewichen. All die Liebe war daraus verschwunden. Kein Schalk mehr, der durchblitzte. Es war zu spät. Nun brachen die Tränen wie durch einen Damm. Wie durch einen Schleier nahm sie wahr, dass Gwen langsam zurückgedrängt wurde. Immer mehr von diesen Kreaturen drangen in den Gang. Sie erhob sich langsam, aber bestimmt. Sie griff nach dem Schwertgriff und zog Excalibur aus dem Stein. Ihre Gedanken waren leer. Alles was sie in sich fand, war Wut. Einige der Kreaturen traten zunächst wie erschrocken einen Schritt zurück. Doch dann hatten sie sich neu orientiert. Sie ließen von Gwen ab und wandten sich nun Fiann zu. Man hörte die Knochen ihrer Gegner brechen, als sie Excalibur mit kräftigen Hieben gegen sie schlug. Das Schwert schien ihre Bewegungen zu führen und verbesserte ihre Reaktion. Als alle Gegner sich von Gwen abgewandt hatten, sah diese sich um. Ein Mundwinkel zuckte nach oben, als sie sah, dass Fianns Augen gefährlich gelb schimmerten und die Jägerin erwacht war. Sie hatten eine neue Königin. Fiann musste nur noch überleben.
Schließlich räumten sie gemeinsam einen nach dem anderen aus dem Weg, indem sie die Wiedergänger nun in die Mangel nahmen. Das war leichter als gedacht, da sie Gwen vollkommen ignorierten. Die Leichen stapelten sich zwischen ihnen, als Fiann wieder zu Liam auf die Knie sank.
„Wir können nicht hierbleiben. Wir müssen weg.“ Sie hörte Gwen sprechen, doch es wollte in ihrem Kopf keinen Sinn ergeben.
„Komm, das waren beileibe nicht alle. Es gibt viel mehr von ihnen. Wir müssen los“, drängte Gwen weiter. Sie konnte Fiann nicht hochziehen, also kniete sie sich daneben und sprach nochmal sanfter. „Komm, wir müssen gehen, wenn wir das überleben wollen.“
„Aber Liam … wir müssen ihn mitnehmen.“
Gwen konnte hören wie sich Schritte geschwind näherten. Viele Schritte.
„Fiann, es tut mir leid, aber das geht nicht. Wir haben die Zeit nicht. Er ist zu schwer.“ Sie legte ihre Finger an das Kinn der anderen und drehte ihren Kopf zu sich. „Du musst jetzt stark sein. Für Connor.“
„Für Connor“, wiederholte Fiann leise. Sie schloss Liams Augen und presste ihm zum Abschied einen Kuss auf die kalten Lippen. „Ich werde dich nie vergessen, mein Freund. Ich werde dich in meinem Herzen behalten. Und ich verspreche gut auf Connor achtzugeben.“ Dann stand sie auf, umklammerte den Griff von Excalibur fester, nickte Gwen zu und ging festen Schrittes den Weg, den sie gekommen waren.
Beim Verlassen der Höhle, hatten sie noch einige Wiedergänger aus dem Weg räumen müssen. Gwen rief mit einem Spruch, den sie von Morgana bekommen hatte, die Greifen.
Der Weg zurück nach Camelot, schien endlos zu sein. Fiann sprach kein Wort, auch nicht als sie angekommen waren. Sie war in ihrer Trauer gefangen. Wortlos hatte sie Art sein Schwert überreicht und ging in das Zimmer, in dem sie noch zwei Nächte zuvor geschlafen hatten. Sie war erschöpft und wollte nur noch schlafen. Nein, eigentlich wollte sie aus diesem Albtraum erwachen und wenn sie wach würde, dann wäre Liam noch hier. Würde sie voller Liebe ansehen und sie würde ihn diesmal vielleicht nicht zurückweisen. Wenn er nur wieder da wäre.
Sie wusste sie würde ihn auch dann wieder abweisen. Sie liebte ihn nicht und konnte auch nicht damit umgehen, dass er sie auf ein Podest gestellt hatte. Aber sie mochte den Gedanken an eine alternative Zukunft mit ihm und für den Moment hatte es etwas Tröstendes.
Die anderen bereiteten alles für die Abreise vor. Art würde Fiann begleiten. Er wirkte um Jahre jünger, war fröhlicher als sonst und schien nicht mehr so müde.
Als es Zeit für den Abschied war, überreichte Gwen Fiann ihren Dolch. Sie nahm ihr das Versprechen ab, dass sie ihn eines Tages zurückbringen würde.
Morgana hatte ganze Arbeit geleistet, ihr Portal spielte alle Farben. Sie schritten durch die Pforte und landeten zur Mittagsstunde direkt in einer der Hochburgen der Gestaltwandler.
Fiann hätte sich nicht gedacht, dass Art mit seinem Schwert hilfreich war, doch sie hatte sich geirrt. Zunächst nutzten sie den Verhüllungszauber, um nah genug heranzukommen. Dann nutzten sie das Überraschungsmoment und Art tötete so viele wie möglich mit seinem Schwert. Tatsächlich konnte er nicht nur mit dieser Waffe umgehen. Als die Zahl der Feinde zunahm, nahmen sie beide die Fernfeuerwaffen der Gestaltwandler auf und er zeigte Fiann, wie man damit umging. Wie weit war ihre Technologie entwickelt gewesen, bevor sie verbannt wurde?
Es war ein herber Rückschlag für die Aliens. Viele nahmen wieder die Gestalt der Menschen an, doch es half ihnen nichts. Man konnte jetzt einen Unterschied sehen.
Fiann hatte Art zum Glastonbury Tor begleitet, wo er Excalibur in die Erde gestoßen hatte. Es schickte ein gleisendes Licht zum Himmel, dass sich wie ein Schutzschild über die Erde gelegt hatte. Nach wenigen Sekunden verschwand das Licht wieder. Doch ab diesem Zeitpunkt wirkten die Aliens nicht mehr so menschlich, wenn sie gewandelt waren.
Die Zahl der Rebellen und Untergrundkämpfer nahm stetig zu. Es vergingen viele Wochen voll unerbittlicher Kämpfe, doch dann hatten die Menschen endlich wieder die Oberhand und die letzten Gestaltwandler wurden vertrieben.
Für Connor war es besonders schwer. Er hatte seinen Bruder, und damit den Rest seiner Familie verloren. Nun war Fiann alles was er hatte. Und er war alles was sie hatte. Sie hatte ihm immer wieder erzählt, dass sein Bruder ein Held war und die Befreiung nur möglich war, weil er dafür gekämpft hatte. Weil er für ihn, Connor gekämpft hatte.
Art brachte Fiann den Kampf mit dem Schwert bei. Sie wurde in der kurzen Zeit keine Meisterin, aber sie würde sich zu verteidigen wissen. Auch konnte nur er die Magie Excaliburs freisetzen. Sie würde es lernen, versicherte er. In der anderen Welt, wenn sie sich entschließen würde, ihren vorherbestimmten Platz einzunehmen.
Halloween war das erste Fest nach dem endgültigen Sieg gegen die Gestaltwandler. Die Menschen ließen es sich nicht nehmen es ausgelassen zu feiern. Connor hatte sich entschieden sich als Skelett zu verkleiden. Fiann erinnerte sich dabei an die Wiedergänger und es schüttelte sie. Sie hatte noch immer Albträume. Durchlebte die Momente in der Höhle immer wieder. Sah fast jede Nacht, wie Liam starb. Doch sie wollte Connor nicht die Freude verderben.
Art machte sich bereit in seine Welt zurückzukehren. Der Schleier in die andere Welt war dünn während dieser Tage. Sie wollte ihm Gwens Dolch geben, damit er ihn wieder seiner Besitzerin überreichen konnte. Doch er lächelte nur und sagte, dass Gwen sich freuen würde, wenn sie das eines Tages selbst täte.
Sie gingen gemeinsam mit Connor auf Beutezug. Es war nicht viel was die Menschen in dieser schweren Zeit geben konnten, aber die Kinder sollten eine schöne Zeit haben. Man wollte ihnen Hoffnung und ein bisschen Normalität geben, weshalb jeder versuchte, zumindest ein paar Süßigkeiten zu erübrigen.
Als sie ihre Runde beendeten, verabschiedete sich Art.
Er umarmte Fiann.
„Du solltest dich wirklich entschließen in die andere Welt zurückzukehren. Du wirst gebraucht.“ Er wuschelte Connor durchs Haar. „Ihr beide werdet gebraucht. Gwen hat mir davon erzählt was passiert ist, als das Portal gerufen wurde. Was du beim Baum gespürt hast, diese Verbindung, das war Merlin. Er war mir immer ein treuer Freund gewesen. Du konntest ihn spüren, weil du von meinem Blute bist, Fiann. Meine Zeit ist vorbei, aber deine beginnt erst mein Kind.“
Connor zog an ihrem Arm und als sie sich hinunterlehnte flüsterte er ihr ins Ohr. „Bitte lass uns dort hin.“
„Wir werden sehen“, lächelte sie ihn an.
Dann drehte sie sich wieder zu Art. Erst jetzt hatte sie verstanden, was er eben gesagt hatte. Sie sah nur noch seine Silhouette, die im Nebel verschwand.