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Season 1

Her Royal Highness

Lesedauer 12 Minuten

Das Herz hämmerte in ihrer Brust, als Catherine durch die Gänge hetzte. Wenn die Information stimmte, war das Schlimmste eingetreten, das hätte passieren können.
Beinahe hätte sie eine Bedienstete über den Haufen gerannt, die nur noch knapp zur Seite springen konnte.
Sie lief aus der Eingangstüre, die Treppen des Schlosses hinunter in Richtung der Stallungen.
„Richard! Richard!“ Sie schrie so laut sie konnte.
Einige Köpfe drehten sich zu ihr um. Sie hielt weiter auf ihr Ziel zu.
Schließlich fand sie ihn in einer der Pferdeboxen.
„Richard“, flüsterte sie. „Ist es wahr?“
Er sah sie traurig an und nickte.
Sie konnte die Tränen nicht zurückhalten und wollte es auch gar nicht.
„Nein, bitte nicht. Das kannst du nicht tun“, verzweifelt sank sie vor Richard auf die Knie.
Er hockte sich zu ihr und nahm sie in den Arm. Nun war es egal, ob sie gesehen wurden oder nicht, das Unglück war bereits passiert. Er zog sie näher an seine Brust. Seine Stimme zitterte. „Ich muss, ich habe keine andere Wahl.“
An ihn gepresst, schüttelte Catherine ihren Kopf. Sie schluchzte laut und es brach ihm das Herz. Ihre Tränen durchnässten seine Kleider, doch es war ihm egal. Er wollte ihr allen Schmerz ersparen, wusste jedoch, dass sie bald wohl noch mehr ertragen musste.
Er küsste ihre Stirn und legte dann seine Wange auf die Stelle.
„Lass uns fortlaufen. Noch heute Nacht. Wir fahren nach Dover und von dort mit dem nächsten Schiff nach Frankreich“, flehte sie.
„Es tut mir so leid. Sie lassen mich nicht mehr unbeaufsichtigt. Ich werde nicht mehr vom Anwesen kommen.“
„Wann?“, erkundigte sie sich, der Verzweiflung nahe.
„Beim Morgengrauen.“
„Schon?“ Sie sah ihn entgeistert an.
„Schon gut, Catherine. Die Zeit mit dir war es wert. Ich würde nicht zögern es nochmal so zu machen. Tragt mich in eurem Herzen, Mylady. Und wer weiß, vielleicht geht es gut aus.“ Er versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln, doch es gelang ihm nur mäßig. Schließlich küsste er sie.

Catherine lehnte am offenen Fenster. Sie hatte vor Angst kein Auge zugemacht. Noch lag die Nacht über ihnen, doch schon bald würde sie den ersten Sonnenstrahlen weichen müssen. Ihre Schwester trat an ihre Seite und legte einen Arm um sie.
„Warum hast du mir nichts gesagt. Ich hätte euch geholfen“, erkundigte sich Anne.
Doch Catherine schwieg und ließ mutlos die Schultern hängen. Den Blick hielt sie starr in die Ferne gerichtet.
Ihre Schwester versuchte es nochmal. „Erzähl mir von ihm. Von euch. Wie hat alles angefangen?“
Diesmal lächelte Catherine.
„Erinnerst du dich an letztes Jahr? Die Ballsaison? Unser Kutscher war erkrankt.“
Anne nickte bestätigend und lauschte weiter den Worten ihrer jüngeren Schwester.
„Richard musste stattdessen einspringen. Zunächst habe ich ihn nicht beachtet. Auch war Vater stets um mich herum. Doch dann habe ich dich in Pemberley besucht. Es war das erste Mal, dass wir allein waren. Wir hatten ein Problem mit der Kutsche und er musste sie reparieren. Als ich mich erkundigte, wie lange es dauern würde, war er unausstehlich. Er dachte ich wolle ihn antreiben, doch das lag nicht in meiner Absicht. Ich wollte nur abschätzen können, ob es gleich weiter ging, oder ob ich einen Spaziergang machen könnte. Er war so frech und ich fand ihn so furchtbar, also zeigte ich ihm immer wieder, dass ich über ihm stand. Ich war die Tochter eines Earls und er nur ein Kutscher.“
Catherine schloss einen Moment die Augen, bevor sie fortfuhr.
„Als wir nach zwei Wochen wieder nach Hause fuhren, regnete es so stark, dass man kaum 10 Meter weit sehen konnte. Wir wurden von zwei Räubern überfallen. Richard hatte sich zwischen sie und mich gestellt. Einen streckte er nieder, der andere flüchtete schließlich. Sie haben ihn verwundet. Es war ein Kratzer und nicht schlimm. Er winkte ab und wollte weiter. Aber er blutete und ich gab keine Ruhe, bis ich die Wunde angesehen und verbunden hatte. Ich werde nie vergessen, wie er vom Regen durchnässt vor mir stand. Ich konnte nicht anders als ihn zu küssen. Zunächst schob er mich von sich fort. Erklärte mir, dass wir das nicht dürfen. Doch dann küsste er mich. Als wir wieder hier waren, versuchten wir vernünftig zu sein und uns aus dem Weg zu gehen. Aber es nutzte alles nichts. Die Liebe war stärker als wir. Wir versuchten nicht über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Aber wir waren trotzdem so vorsichtig.“
Die Sonne schickte ihre ersten Boten und das Dunkel der Nacht wich langsam einem Grau.
Plötzlich wurde die Stille von zwei Schüssen zerrissen, die aus der Ferne hallten. Ein Schwarm Krähen wurde aufgescheucht und die Vögel flohen in alle Richtungen.
Die Frauen erschraken und Anne zog ihre Schwester an sich, die einer Ohnmacht nahe war.

„Das kannst du nicht machen, ich bin die Tochter eines Earls“, schrie Catherine ihren Bruder wütend an.
„Daran hättest du denken müssen, bevor du dich mit dem Stallmeister vergnügt hast. Nun müssen wir froh sein, dass dich überhaupt jemand heiraten möchte“, erwiderte er trocken.
„Wollen wir hoffen, dass Sir Lewis nur schnell genug um deine Hand anhält und du nicht vielleicht zuvor noch einen Bastard zur Welt bringst. Dann wäre fraglich, ob du überhaupt jemanden abbekommst.“ Er liebte seine Schwester und hasste es so hart sein zu müssen, doch er musste tun, was er für das Beste erachtete. Für sie und die Ehre seiner Familie. Als sein Vater herausgefunden hatte, dass Catherine ein Verhältnis mit dem Stallmeister hatte, forderte er diesen zum Duell, um ihre Ehre, und die der Familie, wiederherzustellen. Es war klar, dass das für ihren Geliebten den Tod bedeutete, denn sein Vater hatte noch nie sein Ziel verfehlt. Doch auch Richard hatte getroffen. Der Earl starb drei Tage nach dem Duell. Als einziger männlicher Nachkomme erbte er den Titel mit sämtlichen Besitztümern und war für seine Schwester verantwortlich, solange sie nicht verheiratet war.
„Catherine, es ist das Beste für dich. Das Beste für unsere Familie.“ Er versuchte sie zu beschwichtigen.
Nur knapp flog eine Vase an seinem Kopf vorbei. Das war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
„Sobald du verheiratet bist, wirst du in Rosings Park leben. Du kannst dich jetzt schon an deinen neuen Namen gewöhnen. Lady Catherine de Bourgh.“ Damit überließ er sie ihren Gedanken und verließ das Zimmer.


Etwa 250 Jahre später …

Das Klopfen an der Tür riss Liz aus dem Schlaf.
„Miss Bennet!“, rief eine tiefe Stimme nach ihr.
„Miss Bennet, sind Sie da?“
Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und zog sich etwas über. Müde schlurfte sie zur Eingangstür. Sie öffnete die Tür einen Spalt, soweit es die Verriegelungskette zuließ.
„Miss Bennet?“, erkundigte sich der Mann.
Liz unterzog ihn einer kurzen Musterung. Groß, schlank, dunkelhaarig. Vielleicht Mitte 20. Schöne, dunkle Augen. Er trug einen maßgefertigten Anzug und hielt einen Gehstock in der einen und einen Hut in der anderen Hand. Alles in allem ein sehr attraktiver Mann.
„Miss Bennet, ich muss mit Ihnen sprechen. Darf ich hereinkommen?“
Sie überlegte einen Moment.
„Ich versichere Ihnen, ich habe keine bösen Absichten.“ Er hob die Hände, als wollte er seine Aussage so unterstreichen.
Er hatte ein freundliches Gesicht und wirkte tatsächlich nicht gefährlich.
Liz zögerte, bevor sie ihm schließlich die Tür öffnete und Platz machte.
„Bitte, treten Sie ein, Mister?“ Sie sah ihn fragend an.
„Mister Darcy“, stellte er sich vor und betrat die Wohnung.
Er folgte ihr in den Wohnraum.
Liz setzte sich an den kleinen Tisch. „Bitte setzen Sie sich doch. Wie kann ich Ihnen helfen, Mister Darcy? Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
Er winkte ab.
„Vielen Dank Miss Bennet, ich stehe lieber. Ich werde ohne Umschweife zum Punkt kommen. Wie Sie bestimmt wissen, steht es schlecht um die Gesundheit unseres geliebten Königs.“
„Das ist allgemein bekannt, aber ich weiß nicht, wie ich da helfen soll.“
„Nun, vor Jahren haben die Aufständischen Jagd auf die Mitglieder der königlichen Familie gemacht. Das, der große Krieg, der daraufhin ausbrach, und die folgenden Seuchen, haben dafür gesorgt, dass die Reihen der königlichen Familie sehr ausgedünnt wurden. Der Premierminister hat eine Kommission ins Leben gerufen, die bestimmen soll, wer unserem König auf den Thron folgen wird, wenn es mit ihm zu Ende geht.“
„Mister Darcy, bei allem Respekt. Ich weiß leider noch immer nicht, was ich damit zu tun habe. Ich werde Ihnen kaum bei der Suche nach einem Thronfolger helfen können.“
„Tut mir leid, Miss Bennet. Das ist so nicht richtig. Ich weiß nicht, inwieweit Sie sich mit der Geschichte von Georg IV. auskennen.“
„Georg August Friedrich, geboren 1762, gekrönt 1820, gestorben 1830. Aus Mangel an einem Thronfolger, folgte ihm sein Bruder William IV. nach. Diesen Georg IV. meinen Sie?“ Als sie seinen verwunderten Blick sah, triumphierte sie innerlich.
„Ich habe Geschichte studiert, Mister Darcy. Britische Monarchen sind mein Spezialgebiet“, lächelte sie ihn süffisant an.
„Ja, diesen George IV. meine ich. Miss Bennet, wie Sie dann vermutlich wissen, war er eine Ehe mit Maria Fitzherbert eingegangen, die vom Königshaus als ungültig erklärt wurde. Was niemand wusste war, dass sie 1795, als sich der König von ihr getrennt hatte, schwanger war. Es war ein Sohn, sein Name war Richard, den sie von Verwandten am Land hatte aufziehen lassen. Erst Jahre später, hat sie es dem König eingestanden.“
„Warum hat er seinen Sohn nicht legitimiert. Dann hätte er doch einen Nachfolger gehabt“, unterbrach sie ihn neugierig.
„Den Briefen nach zu urteilen, die wir gefunden haben, hatte er es vor. Doch der König war noch verheiratet und seine Tochter guter Hoffnung. Als sie jedoch bei einer Totgeburt starb, war es bereits zu spät seinen Sohn zu legitimieren. Er war bei einem Duell getötet worden“, erklärte Darcy weiter.
„Nun, dann ist doch alles wie gehabt. Es gibt keine Nachkommen“, stellte Liz fest.
„Als der König erfahren hatte, dass sein Sohn gestorben war, hatte er nicht weiter nachforschen lassen. Doch gab es am Hof einige Berater, die es getan hatten. Richard hatte sich in die Tochter eines Earls verliebt, Catherine. Die Affäre wurde entdeckt und der Earl hatte ihn zum Duell gefordert. Richard starb noch an Ort und Stelle, der Earl drei Tage später an den Folgen einer Schusswunde. Sein Sohn hatte Catherine sehr schnell verheiratet, weil er befürchtet hatte, dass sie schwanger sein könnte. Und tatsächlich kam etwa 7 Monate danach, in Abwesenheit ihres Mannes, eine Tochter zur Welt. Man hatte die Hebamme und den Priester bestochen und das Geburtsdatum gefälscht. Die Tochter Anne wurde zwei Monate jünger gemacht. Catherines Mann schöpfte keinen Verdacht und erkannte das Kind an.“
„Mister Darcy, das ist aus historischer Sicht eine Sensation und ich freue mich, dass Sie es mir erzählt haben, doch ich weiß leider noch immer nicht weshalb.“ Langsam wurde sie ungeduldig.
„Miss Bennet, Sie sind eine Nachfahrin von Anne, der Enkelin von George IV.“
Liz brach in schallendes Gelächter aus. Das war wohl ein Witz. Mister Darcy hat sich einen Scherz mit ihr erlaubt. Einen sehr schlechten. Nur warum?
„Mister Darcy, ich glaube Sie sollten nun gehen.“
„Verzeihung Miss Bennet, aber ich muss Sie bitten mit mir zu kommen. Der Premierminister hat mich damit beauftragt Sie zu finden. Nun wo ich Sie gefunden habe, muss ich Sie zu ihm bringen, damit er mit Ihnen sprechen kann.“
„Wissen Sie was, ich glaube Ihnen nicht. Wenn der Premierminister mit mir sprechen möchte, kann er ja gerne herkommen.“
Er ignorierte ihre herausfordernde Stimme und den Spott in ihrem Blick.
„Es tut mir leid, Miss Bennet. Ich weiß, dass es ein Schock für Sie sein muss, aber Sie sind die nächste in der Thronfolge. Wir sind viele Generationen zurückgegangen und haben viele Spuren verfolgt. Es gibt noch andere, aber Sie haben aus heutiger Sicht den größten Anspruch.“
„Was wenn ich ablehne?“
„Dann würde sich für Sie nichts ändern. Ich müsste den nächsten auf der Liste finden. Ich habe gehört, er soll in Frankreich leben. Miss Bennet, ich werde Ihnen nichts vormachen. Wenn Sie annehmen, wird Ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Als Königin hätten Sie es nicht leichter. Vermutlich ist das Gegenteil der Fall. Doch wenn Sie ablehnen, werden Sie sich Ihr ganzes Leben fragen, was gewesen wäre, wenn Sie angenommen hätten. Und Sie würden Ihrem Land bereits den Dienst erweisen, dass es nicht von einem Franzosen regiert würde.“
Es war das erste Mal, dass sie ihn lächeln sah.

Mehrere Monate waren vergangen, seit Fitzwilliam Darcy Liz aufgesucht hatte. Nun stand er in Uniform vor ihr. Er war ein stattlicher Mann und sein strahlendes Lächeln ließ ihr Herz schneller schlagen.
„Miss Elizabeth, ich freue mich, dass ich heute an Ihrer Seite stehen darf.“
„Ich hätte mir niemand anderen mehr gewünscht, um diesen Weg mit mir zu gehen, Mister Darcy.“
Dankbar legte sie ihre Hand auf den Arm, den er ihr reichte. Sie hatte in den letzten Monaten viel Unterricht gehabt, doch noch immer wusste sie nicht alles über den Ablauf am Hof. Nun hieß es den heutigen Tag zu überstehen.
Darcy war in den letzten Monaten zu einem Vertrauten und Freund geworden, den sie nicht missen wollte.
Er gab ihr die Sicherheit, die sie so dringend benötigte.
Sie schritten einige Meter auf die schwere Tür zu. Er wies die Wachen an, noch einen Moment mit dem Öffnen zu warten.
„Sind Sie bereit, Miss Elizabeth?“
„Das ist das letzte Mal, dass Sie mich so nennen werden, nicht wahr?“
„Da haben Sie recht. Alles andere wäre unangebracht.“
„Mister Darcy, ich möchte mich bedanken, dass Sie mich begleiten.“
Er drehte sich nun zu ihr um und sah ihr tief in die Augen.
„Niemand hätte mich davon abhalten können.“
Sie war etwa einen Kopf kleiner als er. So musste sie ihn zu sich herunterziehen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Ihr Herz setzte einen Moment aus und sie spürte, wie sie vor Aufregung zitterte, kurz bevor sich ihre Lippen für einen sehnsüchtigen Kuss fanden.
„Liz“, stöhnte er.
Das Räuspern der Wache, holte sie in die Gegenwart zurück. Er schenkte ihr noch ein Lächeln, bevor seine Miene starr wurde.
„Bereit?“, erkundigte er sich.
In diesem Moment wusste sie, sie würde niemanden sonst an ihrer Seite dulden als ihn. Schließlich nickte sie und die Wachen öffneten die Tür.
Sie schritten in den Saal, in dem die Höchsten des Landes warteten. Der Herold zu ihrer Rechten klopfte mit seinem Stab dreimal auf den Boden, um sich Gehör zu verschaffen.
„Her Royal Highness, Elizabeth III., von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Königreiche und Territorien, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens.“

Inspiriert von „Stolz und Vorurteil“, einer der, wie ich finde, schönsten Liebesgeschichten, auch wenn ich ihr nicht gerecht werden kann.

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