Seine Hand griff nach der letzten Flasche. Da fragte er sich, war das wirklich seine letzte Flasche für heute? Und, wie lang war wohl die erste Flasche her? Nicht heute. Generell. Er konnte sich nicht erinnern, also trank er den letzten Schluck aus. Durch den Flaschenboden sah er seine Kinder. Hör auf zu trinken, flehten sie. Das werde ich, sagte er immer und immer wieder.
Neben seinen Kindern weinte seine Schwester und meinte, dass sich die tote Mutter im Grabe umdrehte. Dann schrie auch noch sein Bruder, er wäre genauso wie der Vater.
Absurd. Er war gewiss nicht wie sein Vater. Immerhin liebte er seine Kinder. Und rauchen tat er auch nicht. Pfui, Zigaretten!
Er machte einen Schluck aus der nächsten letzten Flasche.
Wenn er doch nur das Trinken so hassen würde wie das Rauchen. Aber er war nicht wie sein Vater. Auf keinen Fall. Nein. Er war nicht sein Vater. Aber er wünschte sich nichts sehnlicher, als seinen Vater bei sich zu haben. Schon seit er klein war, wollte er nur bei seinem Vater sein. Auch wenn seine Mutter ihm ständig sagte, dass es besser ohne Vater war. Er würde ihn nur enttäuschen, er wäre keine gute Gesellschaft, er wäre ihm kein echter Vater. Je mehr Schlechtes seine Mutter über den Vater sagte, desto mehr wollte er seinen Vater sehen. Und als er ihn in Jugendjahren endlich sah, bewahrheitete sich alles, was seine Mutter gesagt hatte. Doch es war zu spät. Die Liebe zu seinem Vater war zu groß. Denn lauter als seine Mutter war stets die Stimme in seinem Kopf, die ihm sagte, dass sein Vater seinetwegen gegangen war. Dass sein Vater seinetwegen keine gute Gesellschaft war. Dass er selbst Schuld war, dass ihm sein Vater kein echter Vater sein konnte. Und mit einem Mal erinnerte er sich an seine allerste Flasche und wie sein Vater ihm diese reichte. Sie tranken gemeinsam. Vater und Sohn. Denn mit einer Flasche in der Hand sprach der Vater die allernettesten Worte. Aber auch die allerschlimmsten. Die Flasche lockerte nicht nur die Lippen seines Vaters, sondern auch dessen Herz. Und schon bald auch sein eigenes. In der tat, fiel es mit der Flasche um vieles leichter, Liebe und Zuneigung zu zeigen. Noch leichter fiel es ihm später auf das Grab seines Vaters zu schimpfen.
Ein weiterer Schluck. Die Flasche wieder halbleer.
Auf das Grab seiner Mutter würde er niemals schimpfen. Unmöglich. Seine Mutter war eine Heilige. Sie hatte immer alles ihrer Familie gegeben. Geld, Kleidung, Essen. Neben all dem blieb eben keine Zeit für Umarmungen und Streicheleinheiten. Sie gab und gab. Sie füllte damit sein Portemonnaie und seinen Magen. Nicht aber sein Herz. Nicht ohne Grund hatte er in ihrer Nähe stets das Gefühl, meilenweit von ihr entfernet zu sein. Jedesmal, wenn er die Hand nach ihr ausstreckte, erwischten seine Finger bloß die nächste Flasche. Jetzt, wo die Mutter beim Herrgott war, spürte er nichts als Leere in seinem Inneren. Aber wenn er trank, kam die Liebe in sein Herz. Ihre Liebe. Ihre Wärme. Er wollte dieses Gefühl für immer in Erinnerung behalten. Ein weiterer Schluck und die Liebe verschwand. Sie tauschte den Platz mit der Wut.
Der letzte Schluck. Eine neue Flasche. Die letzte für heute. Vielleicht? Hoffentlich?
Ja, die Wut spürte er auch jetzt wieder. Es war diese Last. Diese gottverdammte Last, die ihm auferlegt wurde. Und wieder war sein Vater Schuld. Weil er gegangen war. Was war ihm denn anderes übrig geblieben, als der neue Mann im Haus zu werden? Während die Mutter alles für die Familie gab und bis in die Nacht arbeitete, kümmerte er sich um seine Geschwister. Die Nachbarn lobten ihn, denn er war so ein braver Sohn. Aber ihre Hilfe hatten sie nie angeboten. Stattdessen hatten sie ihm alle dabei zugesehen, wie er, ein Kind, die Last eines Erwachsenen zu stemmen versuchte. Und heute war diese Last so groß, dass er sie unmöglich wieder ablegen konnte. Aber mit dem ersten Schluck aus der Flasche wurde sie ein wenig erträglicher. Nach der fünften Flasche war die Last nicht schwerer als eine Feder, weshalb er endlich die Kraft hatte, seiner Wut freien Lauf zu lassen. Nur um am nächsten Tag wieder unter dieser Last erdrückt zu werden.
Die wievielte Flasche war es heute? Sicherlich mehr als fünf. Seine Wut war ebenfalls bereits verflogen.
Es folgte Klarheit. Nur kurz und flüchtig. Meist war davon am nächsten Morgen nicht mal mehr ein Funken übrig. So betrachtete er nun die Flasche in seiner Hand. War sie von Anfang an seine Zukunft gewesen? War nicht er sondern sie das Ergebnis der Erziehung seiner Eltern? Seiner Großeltern? Seiner Urgroßeltern? Hatte man die Flasche über Generationen am Stammbaum weitergereicht? Wer hatte die erste Flasche genommen? Und wer würde die letzte absetzen?
Er? Heute schon?
Hatte er nicht gelernt, dass er nur mit einer Flasche in der Hand seinem Vater nahe sein konnte? Dass er durch sie die Liebe seiner Mutter spürte? Dass er mit ihrer Hilfe von Herzen sprechen konnte? Dass sie ihm als einzige half, die Last der Welt ein Stück mitzutragen?
Oder war es längst zu spät? Hatte er die Flasche bereits an seine Kinder weitergegeben?
Bei dem Gedanken zögerte er, als er zur nächsten Flasche griff.
War er, wie alle vor ihm und alle nach ihm, zum Scheitern verurteilt?
Er trank die Flasche aus. Es war seine letzte. Mal wieder.
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Zum Scheitern verurteilt?
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