Louis spürte ihre Hand immer noch auf seiner Wange. So weich, so liebevoll, so perfekt. Er grinste und legte seine eigene daran.
„Er sagt, er würde sich zurückziehen“, hatte Mira gestern bekannt gegeben. „Wenn ich mich für dich entscheide, stünde er uns nicht im Weg.“
„Und wie wirst du dich entscheiden?“, hatte Louis sie gefragt. „Er oder ich?“
Die Frage aller Fragen. Seit Wochen stand sie unausgesprochen zwischen ihnen. Beim Dinner im Nobelrestaurant, beim Spaziergang durch den Schlosspark, beim ersten Kuss und vielen weiteren, die sie so ausgiebig genossen, als wären sie beide wieder vierzehn.
Louis hätte nie gedacht, den Sommer seines Lebens in seinen späten Vierzigern nachzuholen. Eigentlich hatte er mit diesem Teil seines Lebens abgeschlossen. Seltsam, wie die Dinge einem plötzlich zufliegen, wenn man nicht mehr mit ihnen rechnet. Und Mira war wortwörtlich vom Himmel gefallen. Damals, als sie auf einmal im Eissalon gegenüber von ihm saß. Ihr wunderschönes Gesicht hatte Louis so sehr aus dem Konzept gebracht, dass er die einfachsten Umgangsformen, wie „Hallo“ und „Wie geht’s?“ vergaß. In Miras Gegenwart fand er ohnehin nie die richtigen Worte. Darum war es umso erstaunlicher, wie rasch sie einander mochten. Anfangs hatte Mira ihn wie einen alten Kumpel behandelt. Die Gespräche wurden von Mal zu Mal lockerer und Louis, der zwar weiterhin von ihrer Schönheit aus der Fassung gebracht wurde, fiel es immer leichter, er selbst zu sein. Als er ihre Hand zum ersten Mal nahm, flatterten die Schmetterlinge in seinem Bauch und jedem im Umkreis mussten die Herzen in seinen Augen aufgefallen sein.
Mein Gott, er hatte sich Hals über Kopf in sie verliebt. Es war wie ein Flugzeugabsturz – unaufhaltsam. In ihrer Nähe kribbelte sein gesamter Körper und schmerzte, wenn er nicht bei ihr war.
Ja, Louis könnte dramatische Shakespeare Stücke über die Liebe zu Mira schreiben. Denn er musste sich ja ausgerechnet in eine bereits vergebene Frau verlieben. Die Tragödie schrieb sich also quasi von selbst.
Es hatte auch nicht lange gedauert, bis Mira ihm beichtete, dass sie mit Harald nicht mehr glücklich war. Doch eine Trennung schien leichter gesagt, als getan.
„Wir haben so viel zusammen durchgemacht“, hatte Mira erklärt. „Das hat uns zusammengeschweißt. Ich habe gedacht, wir würden für immer zusammen bleiben. Bis ich dich traf, Louis.“
„Und ich dachte, ich würde für immer alleine bleiben“, hatte Louis erwidert. „Bis ich dich traf, Mira.“
Was folgte, war eine Nacht, die alles nur noch komplizierter gemacht hatte.
Und dann hatte Mira eine Sprachnachricht auf seinem Handy hinterlassen. Vorgestern Nacht.
„Ich habe es Harald gesagt. Er weiß das mit uns. Verdammt, was haben wir getan? Ich bin so wütend. Er ist so wütend. Ich wünschte, ich wäre bei dir, Louis.“ Bevor die Nachricht zu Ende war, ertönte ein lautes Klirren, als wäre ein Fenster zu Bruch gegangen.
Am nächsten Morgen war Louis auf der Stelle zu Mira gefahren. Sie hatte ihn überglücklich empfangen. Alle Fenster ihrer Wohnung waren heil. Nicht aber der Spiegel im Badezimmer.
„Ich war einfach so wütend. Ich wollte doch Harald niemals verletzen. Er hat gesagt, er würde sich zurückziehen. Wenn ich mich für dich entscheide, stünde er uns nicht im Weg.“
„Und wie wirst du dich entscheiden? Er oder ich?“
Mit jener Frage hatte er sie gestern zurückgelassen.
Nun stand er aber mit stolzer Brust vor Miras Haustür. Freute sich auf ihre sanfte Berührung. Konnte es nicht abwarten, sie an sich zu drücken und nie wieder loszulassen.
Ich entscheide mich für dich!, stand in der SMS von vorhin. Ich muss dich sehen! Komm zu mir!
Als Louis an der Tür klopfen wollte, bemerkte er die rote Rose. Sie steckte unten im Türspalt.
„Mira?!“, rief er, als er ihre Wohnung betrat.
Es blieb still. Dafür sprach der Pfad aus Rosenblüten Bände. Er führte von der Eingangstür durch den Flur, an Wohnzimmer und Badezimmer vorbei und bog dann bei der Schlafzimmertür ab. Louis legte seine Jacke ab, schlüpfte aus den Schuhen und fing an sein Hemd aufzuknöpfen. Der Duft ihres Parfüms lag in der Luft und ließ seinen Puls ansteigen. Louis streifte sein Hemd ab, dann machte er sich an seinen Gürtel. Vor der Schlafzimmertür atmete er leise durch. Er konnte sein Glück kaum fassen. Mit wilden Schmetterlingen im Bauch drückte er die Türklinke nach unten.
Verschlossen.
„Mira?!“, rief er und klopfte sanft gegen die Tür. „Ich bin’s!“
Stille. Oder vernahm er da ein leises Schluchzen?
„Ich bin es, Louis! Gehts dir gut?“, rief er erneut.
„L-Louis?“, flüsterte Mira hinter der Türe aufgeregt.
„Ist etwas passiert?“, fragte er. Sie hatte sich in ihr Schlafzimmer eingesperrt und weinte. Irgendwas war definitiv vorgefallen.
Das Schluchzen wurde lauter. Louis hätte am liebsten die Türe eingetreten, um zu ihr zu gelangen und sie in den Arm zu nehmen. Stattdessen klopfte er erneut.
„Mir gehts gut“, sagte Mira mit brüchiger Stimme.
„Hast du dich etwa an einem Rosendorn gestochen? Ich weiß, wie verdammt weh das tut.“
„W-was?“
„Meinetwegen hättest du dir nicht diese Mühe machen müssen, Mira“, sagte Louis und nahm eine Hand voll Blütenblätter in die Hand. „So viele Rosen müssen eine Menge Geld gekostet haben.“
„Louis?“ Miras Stimme erklang nun genau hinter der Türe. „Wovon sprichst du? Welche Rosen?“
Die Schlafzimmertür ging einen Spalt auf. Louis trat anstandshalber einen Schritt zurück. Miras rechte Gesichtshälfte spähte durch den Spalt. Eine lose Strähne hing ihr übers Auge, von dem schwarze Rinnsale hinabliefen.
Sie flüsterte etwas.
„Was sagst du?“, fragte Louis und beugte sich vor.
„Das … war ich nicht.“
„Wer dann?“
„Harald.“
Noch bevor er ganz realisierte, was sie gesagt hatte, traf ihn plötzlich etwas Hartes am Kopf und er landete mit dem Gesicht im roten Blütenweg.
„MIRA!“, rief eine wütende Stimme, dann verlor Louis das Bewusstsein.
Aus der Ferne schrie Mira: „LOUIS! LOUIS! WACH AUF! BITTE! LOU-!“
Louis schreckte hoch.
„Ccccchhhh!“
Seine Hände waren zu beiden Seiten mit Handschellen an Stuhllehnen gekettet.
„Mira?!“, rief er instinktiv. „Mira, wo bist du?“
„Ccccccchhhh!“
Louis versuchte den Kopf zu drehen, doch war der mit irgendwas an die Rückenlehne fixiert. Ebenso seine Beine. Er schüttelte seinen ganzen Körper. Der Sessel verlor das Gleichgewicht und kippte mit Louis zur Seite.
„Ccccchhhh!“
Er wandte sich im Sessel, versuchte zu strampeln, scherte mit den Handschellen an den Lehnen. Vergeblich. In der seitlichen Position zeigten Louis’ Befreiungsversuche keine Wirkung.
„Mira!“, rief er erneut. „Sag doch was!“
„Ccccchhhh!!!“
Diesmal reagierte er auf das seltsame Geräusch. Bis eben hatte er es nicht zuordnen können. Nun, da er machtlos am Boden lag, fiel ihm aber der große Standspiegel vor ihm auf. Darin spiegelte sich Miras Bett. Der Ursprung des Geräuschs.
„Mira?“
„Cchhh …“
„Mira?!“
„Cchh …“
Er sah die zuckenden Zehen an der Bettkante.
„MIRA!“
Wieder rüttelte Louis an Armen und Beinen. RATSCH! Sein linkes Bein löste sich. Aber mehr als ins Leere zu treten, gelang ihm damit nicht.
Er sah wieder zum Bett.
„Chhh …“
Die Zehen zuckten nur mehr leicht.
Gerade wollte er sich erneut in Rage rütteln, als ihm die Fotos auffielen. Sie hingen links und rechts am Spiegel.
Mira und er im Eissalon, wo sie sich kennengelernt hatten.
Mira und er im Nobelrestaurant, wo sie ihr erstes Date verbracht hatten.
Mira und er im Schlosspark, eng umschlungen unter dem Kastanienbaum.
Mira und er.
Mira und er.
Mira und er.
„Wie …?“, stammelte Louis und starrte auf die Fotos. ‚Wie‘ war eine wirklich gute Frage!
Wie kamen die Fotos hier her?
Wie wurden sie gemacht?
Vor allem aber: Wie konnte das Datum darauf drei Jahre zurückliegen?
Und dann sah Louis noch etwas. Eigentlich war es die ganze Zeit in seinem Blickfeld, aber die Zehen und die Fotos hatten ihn davon abgelenkt.
Ein kleiner Schlüssel.
Bei dessen Anblick durchflutete neue Kraft seinen Körper. Louis wackelte und strampelte, bis sein freier Fuß endlich den Spiegel berührte. Zuerst nur seine Zehenspitze. Dann der ganze Ballen. Ein fester Tritt. Ein zweiter. Ein dritter. Der Spiegel fiel nach vorne. Direkt auf Louis. Ein ohrenbetäubendes Klirren hallte durchs Schlafzimmer. Unzählige Scherben und Splitter regneten auf Louis herab.
Benommen suchte er den Boden vor sich ab. Die vielen Scherben spiegelten sein zerschundenes Gesicht wider. Louis fuhr mit der linken Handschellen bis zum Ende der Lehne und hatte so ein wenig Spielraum, um mit den Fingern die Scherben wegzuwischen. Kleine Stiche ließen ihn aufstöhnen. Bald waren seine Finger blutverschmiert. Und dann fand er den Schlüssel! Es ging sich gerade noch so aus, dass er die Hände nahe genug zueinander führen konnte, um den Schlüssel ins Schloss zu stecken.
Klick! Die rechten Handschellen fielen von seinem Handgelenk. Gleich darauf war auch seine andere Hand befreit. Er riss sich das Klebeband vom Kopf und vom rechten Fuß.
„Mira“, stöhnte er und stemmte den leeren Spiegelrahmen von sich.
Endlich war er frei und konnte aufstehen.
„Mira!“, rief er zum Bett gewandt. „Mira …?“
Aufgerissene Augen starrten ihm entgegen. Die Arme zu beiden Seiten an die Bettpfosten gebunden. Am Hals eine klaffende Wunde. Das Bett und ihr nackter Körper blutbedeckt.
Über dem Bett stand in blutverschmierter Schrift: Ich gebe dich frei!
Louis’ Kehle schnürte sich bei diesem Anblick zusammen. Er erstarrte. Konnte nicht weglaufen. Konnte nicht wegsehen. Mira. Seine Mira!
Auf ihrem Bauch lag eine kleine, rechteckige Karte. Louis griff automatisch danach. Immerhin hatte er die Karte schon mehrfach in der Hand gehabt. Sein Führerschein.
Doch da stand nicht sein Name. Sondern …
Harald.
Mit zufriedenem Lächeln starrte er auf den Bildschirm, wo im Video eben noch Louis den Führerschein in der Hand hielt, im nächsten Moment war er in Haralds Hand. Er drehte den Kopf und sah direkt in die Kamera, die er an der Zimmerdecke montiert hatte. Jene, von der Mira nichts gewusst hatte.
Oh, Mira.
So oft hatte sie ihm versichert, dass sie ihn liebte. Trotz seiner … Krankheit. Sie wollte es unbedingt sehen. Um ihn zu verstehen. Damals, vor ein paar Wochen im Eissalon.
Unser Eissalon.
Aber, dass sie sich in die Krankheit verliebte und diese schon bald mehr mochte als ihn, war nicht geplant gewesen!
Ich werde euch nicht im Weg stehen. So hatte er es ihr versprochen. Aber Mira hatte auch versprochen, ihn für immer zu lieben. Sie waren eben beide schlecht im Einhalten von Versprechen.
Harald klappte den Laptop zu. Völlig nackt stellte er sich auf den Rosenblütenweg.
Der war nicht für dich, Louis.
Er atmete durch. Die Sirenen ertönten. Wie Fanfaren begleiteten sie ihn auf seinem Weg über die Blüten. Am Badezimmer vorbei, wo er vorgestern die Beherrschung verloren hatte und gegen Miras Spiegel geschlagen hatte. Ob sie es bereits geahnt hatte? Nicht ohne Grund hatte sie sich in ihr Schlafzimmer eingesperrt, als er sie ein letztes Mal sehen wollte. Mit Rosen zum Abschied.
Er schlenderte ins Schlafzimmer, wo der Boden mit Splittern und Fotos gepflastert war. Fotos, die Miras und seine langjährige Beziehung zeigten.
Bevor du meine Krankheit lieben lerntest.
Er legte sich ins Bett. Strich mit dem Zeigefinger über Miras kalten, blutigen Körper. Auch jetzt war sie immer noch wunderschön.
Die Sirenen waren nun vor der Wohnung angekommen. Keine Minute später ertönte heftiges Klopfen an der Eingangstür.
Er küsste Miras schlaffe Lippen und fuhr mit der Hand unters Kopfkissen.
Im Flur knallte die Wohnungstür auf. Aufgeregte Schritte und Stimmen stürmten herein.
Ich gebe dich frei, dachte Harald und zog die Hand unterm Kissen hervor. Er grinste zufrieden.
Im Türrahmen erschien ein uniformierter Polizist mit gezogener Pistole.
„Keine Bew-!“, rief er, als es ihm die Sprache verschlug.
Der nackte Mann am Bett grinste ihm verstörend entgegen, ehe er sich mit einem Küchenmesser langsam die Kehle aufschnitt.
Er grinste den Polizisten an, bis seine Augen so starr wie die seiner Geliebten waren.
2 Antworten auf „Ich gebe dich frei“
Totaler Wandel der Story und etwas womit ich so gar nicht gerechnet habe! Mir reicht der Horror-Faktor völlig aus-es muss nicht immer durch und durch blutig zugehen. Es ist ja blutig und ich persönlich finde Horror auf der Psycho-Ebene viel furchterregender als eine Beschreibung von einem Blut-Massaker. Die Wendung hat mich überrascht… gut gelungen!!
Eine sehr aufregende Geschichte. Idyllisch zu Anfang mit einem drastischen und unerwarteten Wandel. Den Twist habe ich bis zum Ende nicht kommen sehen, was die Geschichte umso spannender gemacht hat. Alles in allem eine wirklich gut gelungene Zusammenführung beider Themen