Hastig läuft die junge Frau durch die kühle Nachtluft. Ihre langen ebenholzfarbenen Haare mit einem Tuch bedeckt, hofft sie unentdeckt in den von Nebel durchzogenen Gassen Venedigs zu bleiben. Sie sieht sich immer wieder um, schaut über ihre Schulter um sicher zu gehen, dass ihr niemand folgt.
Bewusst hält sie sich nur im Dunkeln auf, umgeht viel belaufene Straßen wobei sie nie einen Weg 2x abläuft. Sie kennt diese Stadt wie ihre Westentasche. Schließlich wuchs sie hier auf.
Giovanna schaut noch einmal nach hinten, geht um die Ecke und spürt plötzliche 2 Starke Hände. Eine Hand hält ihr den Mund zu während die andere sie in eine dunkle Ecke zerrt. Der Schock sitzt tief und sofort gehen ihr die schlimmsten Gedanken durch den Kopf.
Sie wird durch einen kleinen Eingang gedrückt. Die Tür, ihre scheinbar einzige Fluchtmöglichkeit, wurde schwungvoll zugeworfen worauf sich der Raum um sie herum in völlige Dunkelheit hüllte. In Erwartung großer Schmerzen oder gar dem schnellen Tod durch einen Handlanger ihres Ehemannes, raste ihr Herz. Es drohte bald aus ihrer Brust zu springen, als die Sekunden der Anspannung durch eine vertraute Stimme durchbrochen wurden: „Ich kann dein Herz hören. Sag mir, dass es nur für mich schlägt.“
Pedro. Der einladende Klang seiner Stimme ließ ihre Knie weich werden und der Hauch seines warmen Atems auf ihrer Haut bescherte ihr ein Kribbeln am ganzen Körper.
Sie drehte sich zu ihm um und begrüßte ihn mit einem Kuss. Diese Lippen fand sie selbst blind. In einer Umarmung, wie sie vor Leidenschaft kaum zu übertreffen war, verharrten sie einige Momente, ehe sich ihre Lippen und Körper voneinander lösten und Pedro dazu im stande war den Raum zu beleuchten. Die Dunkelheit wurde aus dem Raum verdrängt. Jetzt konnte sie ihm endlich wieder in sein wunderschönes Gesicht blicken. In seinen rehbraunen Augen hatte sie sich schon so oft verloren. Sie strahlte über das ganze Gesicht als sie das verschmitzte Lächeln in seinem sah.
“Ich habe dich vermisst.” hauchte sie ihm entgegen. “Ich musste jede Sekunde an dich denken.”
Sie küssten sich wieder. Beide wussten, dass sie keine Zeit verschenken sollten. Ihre Treffen waren stets von kurzer Dauer und fanden im Geheimen statt. Anders war es leider nicht möglich, denn Giovanna’s Mann Flavio würde beide aus dieser Welt verschwinden lassen, würde er von ihrer Affäre erfahren. Flavio war das Oberhaupt der hier ansässigen Mafia und ein dementsprechend gefährlicher Mann. Früher war das anders. Als sie noch jung waren, war Flavio ein herzensguter und leidenschaftlicher Mensch. Er hätte seiner Giovanna die Sterne vom Himmel geholt, hätte er nur gekonnt. Doch nach seinem Eintritt in die Mala del Brenta, durch unglückliche Umstände und aus Geldproblemen, hatte er sich über die Jahre verändert. Je mehr er in der Gruppierung aufstieg umso kälter wurde er. Sein Humor wurde ersetzt durch Gehässigkeit und Boshaftigkeit. Vor einigen Jahren noch hätte er keiner Fliege was zuleide getan, er war stets ein Mann der Worte. Doch tut man nicht was er will hat man heute schneller eine geladene Waffe am Kopf als man den Namen Flavio Bianchi aussprechen kann.
Sogar seiner geliebten Frau gegenüber wurde er bereits gewalttätig. Giovanna vereinsamte über die Zeit und so kam es dazu, dass sie aus Mangel eines Auswegs aus ihrer Situation bereits einmal am Balkongeländer stand, bereit zu springen und ihre Verzweiflung zu beenden.
An dieser Stelle kam Pedro ins Spiel.
Pedro war zu dieser Zeit die neue rechte Hand von Flavio, da sein Vorgänger durch diverse Umstände aus seinem Dienst entlassen wurde.
Am Anfang noch skeptisch musste Giovanna allerdings feststellen, dass Pedro anders war als die übrigen Mitglieder der Vereinigung. Durch empathische Worte und unzählige Stunden voller Verständnis und Warmherzigkeit schaffte er es sie aus ihrer Gedankenspirale und ihrer Verzweiflung zu retten. Sie verliebten sich und wider jeglichen gesunden Menschenverstandes gaben sie sich schließlich ihrer Leidenschaft und gegenseitigen Zuneigung hin und begannen eine Affäre.
Ihre Anfänge liegen bereits 2 Jahre zurück. Während dieser Zeit gab es viele heimliche treffen und versteckte Botschaften. Immerzu rechneten sie damit, dass ihre Liebelei entdeckt werden könnte wodurch die wenigen Momente ihrer Zweisamkeit umso kostbarer für die beiden waren. Giovanna wollte sich nicht ausmalen was passieren würde, wenn Flavio dahinter käme. Die Angst um sich selbst wurde nur durch die große Sorgen um ihren Liebsten noch übertroffen. Was beide nicht ahnten war das baldige Ende der Liebelei denn der Sturm braute sich bereits zusammen.
Einige Stunden später, der Himmel lag in einem tiefen schwarz über der Stadt des Wassers, war die Zeit des Abschieds gekommen. Pedro machte den Reißverschluss von Giovanna’s bodenlangen Kleid zu. Er liebte dieses Kleidungsstück an ihr, welches ihre weibliche Figur umschmeichelte wie die unzähligen Kanäle die Straßen Venedigs umschmeichelten. Er küsste ihren Nacken.
„Wann werden wir uns wiedersehen?“ fragte er vorsichtig während er sie mit einem Arm zärtlich umfasste und ihr mit der anderen Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht striff.
„Ich werde dir eine Nachricht hinterlassen. Ich hoffe doch aber bald.“
Er lächelte zufrieden. Bevor er sie in die Nacht entließ, küsste er sie noch ein letztes Mal. Das Gefühl ihrer weichen Lippen würde er vermissen, bis sie beide sich erneut in einer innigen Umarmung vereinigen würden.
Sie ging zur Tür, drehte sich noch ein letztes Mal zu ihm um: „Ich liebe dich mein Herz.“
„Du bist mein Leben, Schönheit“ antwortete er.
Sie öffnete die Tür und wollte gerade in die Nachtluft entschwinden, als sie in die Gesichter von Francesco und Luca blickte. Die liebsten Handlanger ihres Mannes.
„Hallo Giovanna. Na, hattest du einen schönen Abend?“ Ein boshaftes Grinsen machte sich in Luca’s Gesicht breit. Sofort wurde das Glück der letzten Stunden zum Alptraum. „Jetzt ist alles vorbei.“ schoss es der jungen Frau in den Sinn.
Francesco ergriff ihren Arm und machte Ansätze sie auf die Straße zu zerren. Sie stolperte über das Kopfsteinpflaster und stürzte. Um sie am Weglaufen zu hindern, richtete Francesco seine geladene Waffe auf Giovanna. „Bleib wo du bist“, patzte er ihr entgegen. In dem Moment stürzte Pedro, den Ernst der Lage erkennend, aus dem kleinen Häuschen, welches ihr heutiges Liebesnest gewesen war und riss Luca zu Boden. Die beiden fingen am Boden liegend an zu kämpfen, bis es Pedro schließlich gelang seinen Gegner bewusstlos zu schlagen. Er rappelte sich auf und wollte sich auf Francesco stürzen, als ein Schuss ihn zum stoppen zwang.
Pedro brach in sich zusammen. Vom Schmerz gelähmt schnappte er nach Luft und hielt sich die stark blutende Wunde an seiner Brust. Giovanna schrie auf und warf sich sofort zwischen die beiden Männer. Bei dem Versuch Pedro vor schlimmeren zu schützen fing sie sich einen Schlag mit der Rückseite Francesco’s Waffe ein. Doch völlig hilflos war sie nicht. Durch ihre Lebensumstände und der ständigen Bedrohung hatte sie bereits einige Stunden im Bereich des Nahkampfes hinter sich und konnte ihren Angreifer mit wenigen Handgriffen zunächst entwaffnen und anschließend durch einen einzigen Schlag auf den Kehlkopf restlos ausschalten. Francesco brach zusammen und rührte sich nicht mehr.
Giovanna beugte sich über Pedro und versuchte die Blutung zu stoppen.
„Lauf weg.“ brachte Pedro nur krächzend hervor. „Denke an unseren Plan“.
Giovanna fing an zu weinen „Ohne dich schaffe ich das nicht. Du musst Aufstehen!“ Er nahm ihre Hand und schaute ihr tief in die Augen: „Ich kann nicht aufstehen. Ich verliere zu viel Blut. Geh ohne mich. Rette dich aus dieser verdammten Hölle!“
Schluchzend beugte sie sich zu ihm runter und küsste ihn. Eine Träne lief ihr übers Gesicht. „Du bist mein ein und alles. Ich werde dich immer lieben.“ Mit diesen Worten löste sie sich von Pedro. Sie nahm die Waffe in die Hand und lief davon. Zurückschauen konnte sie nicht. Den Anblick hätte sie nicht nochmal ertragen.
So schnell ihre Beine sie trugen rannte sie durch die engen Gassen. Sie wusste sie hatte nun keine Zeit mehr. Flavio wusste bescheid und die einzige Chance darauf nicht verschleppt und gerichtet zu werden war eine schnelle Flucht. Seit Monaten bereits hatte das Liebespaar einen Plan zurecht gelegt. Für den Fall, dass sie auffliegen sollten, lagen fertig gepackte Taschen mit etwas Kleidung, Geld und 2 gefälschten Pässen bereit. Sie musste nur schnell genug sein und sich vor den zahlreichen Spitzeln ihres Mannes in acht nehmen. Sie dachte dauernd an die Qualen, welche ihr Mann im Stande war ihr zuzufügen, wenn er sie in die Hände bekommt. Viele seiner Widersacher hatte sie in den letzten Jahren vor Schmerz und Angst schreien gehört. Doch sie würde keines von seinen Opfern werden.
Mit der Entschlossenheit einer Löwin rannte sie weiter die Straßen entlang. Ihre Lunge brannte und ihre Beine fühlten sich so an, als würden sie gleich unter der Belastung zusammenbrechen. Vollkommen außer Atem erreichte sie schließlich die Anlegestelle, an der Pedros Boot anlag. Sie löste das Tau, nahm etwas Anlauf und sprang auf das Boot, um ihm einen Schubs zu geben. Sie wollte gerade den Motor einschalten, als Schüsse kurz über ihrem Kopf durch die Luft hallten. 3 weitere Kumpanen Flavios waren bereits am Steg angekommen um sie zu holen. Einer von ihnen, ein Glatzkopf, nahm Anlauf und setzte zum Sprung an. Er erreichte das Boot gerade noch so doch Giovanna nahm reflexartig eines der Sicherheitspaddel und verpasste ihm einen so heftigen Schlag, das sein Schädel dadurch eine tiefe Kerbe davontrug. Er viel von Board und stürzte ins Wasser.
Giovanna startete den Motor und steuerte das kleine Rennboot so schnell wie es der Motor zuließ durch die Kanäle der Stadt und Richtung Festland. Sie konnte die Freiheit bereits schmecken.
Eine Woche war seit dem vergangen und Giovanna, immer noch in einem alten Motelzimmer verschanzt, wartete. Sie wartete auf den nächsten Trupp bösartiger Mafiamitglieder, welche sie auf Befehl ihres Mannes hin holen sollten.
Der Schock über das Erlebte saß noch tief in ihren Knochen. Die ständige Angst dieser Tage hatte sie ausgelaugt und müde gemacht. Und ihr lieber Pedro. Die Erinnerung an ihn waren so schmerzhaft wie ein Messerstich ins Herz. Wieder stiegen ihr die Tränen in die Augen. Sie hoffte, dass er auf der Straße verblutete bevor Flavio ihn zu fassen bekam.
Ihre Gedanken wurden unterbrochen als ihr Handy vibrierte. Ihr Handy hatte sie vollkommen vergessen. Sie nahm es in die Hand und schaute nach der Mitteilung. Es war ein Video. Als sie es abspielte konnte sie ihren Augen nicht trauen. Es war Pedro, gefesselt an einen Stuhl. Sein Gesicht war beinahe zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden. Blutüberströmt und mit etlichen Wunden am ganzen Körper schrie er vor Schmerz. Sie wurde Zeuge davon, wie ihr eigener Mann die Liebe ihres Lebens nach und nach fast schon zerlegte. Einige Finger fehlten ihm und sogar ein Bein war nur noch zur Hälfte an seiner Position. Er folterte ihn mit all der Bösartigkeit, die er sich in den letzten Jahren antrainiert hatte.
Schließlich hielt Pedro es nicht mehr aus. Unter schier unendlichen Qualen brachte er das Wort „Vicenza“ hervor. Flavio nahm das Handy und ging näher an Pedro heran. Er hielt es ihm direkt ans Gesicht. „Verzeih mir.“ stammelte er blutspuckend, bevor Flavio sein Leiden durch ein Messerstich tief ins Auge beendete.
Einen kurzen Moment war alles ganz still. Nur Pedros Blut hörte man während es aus seinem Körper auf den Boden tropfte. Das Handy wurde gedreht. Nun war Flavios Gesicht zu sehen und mit Schadenfreude in der Stimme sagte er zufrieden lächelnd „Wir sind unterwegs, meine Liebe Giovanna.“ Danach war das Video beendet.
Sie ließ das Handy auf den Boden fallen und rannte ins Bad. Sie übergab sich in die Toilette und brach vor ihr zusammen. Schluchzend wie ein kleines Kind und am ganzen Körper zitternd verfiel sie in absolute Panik. Sie wusste nicht mehr was sie machen sollte. Er würde sie jagen und er würde sie kriegen. Egal wohin sie fliehen würde.
Einige Minuten verbrachte Giovanna auf dem Fußboden des Motelbadezimmers. Ihr Miene veränderte sich und aus Trauer wurde Wut. Sie fasste für sich einen Entschluss: „Nur einer von uns wird untergehen und die Jenige werde nicht ich sein.“
Sie stand auf und ging zurück ins Schlafzimmer. Schnell packte sie ihre wenigen Sachen zusammen, rief sich ein Taxi und machte sich auf den Weg zum nächsten Polizeipräsidium.
„Schönen guten Tag junge Dame. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Guten Tag. Mein Name ist Giovanna Bianchi und ich habe Informationen, die zur Verhaftung vom Vorsitzenden der Mala del Brenta führen. „
3 Monate später
Natalia öffnete ihre Augen. Noch etwas schlaftrunken stolperte sie unbeholfen zum Fenster um die großen Vorhänge zurück zu ziehen. Der Anblick vom Lake St. Claire am Morgen würde sie wohl nie ermüden.
Sie beobachtete eine Weile den Sonnenaufgang und spürte wie die aufgehende Sonne ihr Wärme und Trost spendete.
Einige Wochen sind vergangen, seit dem sie ihren Exmann bei der Italienischen Polizei angezeigt hatte und durch die Italienische Regierung in den Zeugenschutz einberufen wurde.
Flavio hat überall Kontakte und so wurde er von einem Mittelsmann der Behörden gewarnt und konnte fliehen.
Ihren bisherigen Namen, Giovanna Bianchi, musste sie ablegen. Den Kontakt zu Freunden und Verwandten wurde komplett abgebrochen. Ihre neue Heimat war nun Detroit in Michigan. Detroit war nicht schlecht und sie hatte sich schon gut eingelebt doch vermisste sie ihre Heimat. Die warmen Sommertage und die ständige leicht salzige Brise fehlten ihr sehr.
Auch wenn die Wahrscheinlichkeit relativ gering war, dass Flavio sie hier finden würde, lebte sie in ständiger Angst. Noch immer drehte sie sich regelmäßig um und überprüfte, ob sie verfolgt wurde. Bisher verlief jedoch alles reibungslos. Sie meidete Sozial-Media und Großveranstaltungen. Ihre neue Arbeit, in einem kleinen Buchladen, wirkte beruhigend und erdend auf sie und trotz ihrer Vergangenheit und dem Verlust ihres geliebten Pedros, war sie glücklich. Sie war keine Gefangene mehr in einem goldenen Käfig.
Natalia ging in die Küche und machte sich einen Espresso. Auch wenn sie ihre Italienische Seite so gut wie es ging verstecken wollte, die Kaffeekultur konnte sie nicht aufgeben. Anschließend ging sie zum Briefkasten, um sich die tägliche Zeitung zu holen.
Mit Papier und Koffein bewaffnet, setzte sie sich auf ihren Balkon und fing an die Post auseinander zu nehmen.
Ein Briefumschlag fiel aus der eingerollten Zeitung auf ihren Schoß und neugierig schaute sie ihn sich an.
Sie erschrak. Auf dem Brief war kein Absender zu erkennen. Dort stand lediglich ein Name. Giovanna.
Ihr wurde schlecht. Sie begann am ganzen Körper zu zittern. Sie öffnete den Brief und begann zu lesen:
„Meine liebe Giovanna,
wir sind auf dem Weg.
In ewiger Liebe, Flavio.“
Gänsehaut machte sich an ihrem ganzen Körper breit. Sie stieß gegen ihren Kaffee und kleckerte. Ganz durcheinander ging sie in die Küche um einen Lappen zu holen, als ihre Wohnungstür mit einem gewaltigen Schlag aufgetreten wurde.
Eine Antwort auf „In Betonschuhen in der Lagune“
Großartige Geschichte! Drama, Herzschmerz, den Lauf einer Pistole an der Stirn und einen Kuss auf den Lippen. Alles was man in einer guten Mafia Story haben möchte. Mich hat auch dein dialektbedingter Ausdruck ein paar Mal zum lachen gebracht. Ich habe Zeile um Zeile mitgefiebert und, ohh Gott!, ich hasse dich für den Cliffhanger XD