Lorun späte um die Ecke. Niemand war zu sehen. Lautlos schlüpfte er über den Gang, denn dank seiner Schuhe berührte er den Boden nie wirklich. Diesen Zustand verdankte er den kleinen, autarken Gravitations-Umkehrern, mit denen die Sohlen ausgestattet waren. Er betätigte den Taster an der Wand und mit einem leisen Surren glitt die Tür auf der anderen Seite des Ganges auf. Er glitt hinein und die Tür schloss sich hinter ihm. Er befand sich in einem großen Raum. Kisten und Silos stapelten sich mehrere Meter hoch bis unter die Decke. Anscheinend war er in einem Lagerraum gelandet. Es gab schlimmeres. Lagerräume waren zumeist nicht überwacht. Außerdem wurden sie seltener von Mitgliedern der Besatzung aufgesucht. Er griff in seine Tasche und zog ein kleines Metallenes Blättchen heraus, etwa so groß wie ein Knopf. Dieses drückte er an den oberen Teil des Türstocks. Es blieb daran haften. Dann ging er weiter, schlich zwischen den Kisten hindurch bis er auf ein großes Fenster traf. Er erlaubte sich einen kurzen Moment und blickte hinaus. Vor seinen Augen sah er einen dichten, leuchtenden Nebel. Und dort im Zentrum eine Schönheit, von der nicht viele Menschen behaupten konnte, diese mit eigenen Augen gesehen zu haben. Dort, jenseits der handbreiten Scheibe aus transparentem Aluminium, inmitten der glühenden Gase und umgeben von der unendlichen schwärze des Alls wurde ein Stern geboren. Eine Naturgewalt, die an anmutiger Schönheit und brachialer Gewalt nur durch ein Phänomen im ganzen Universum überboten werden konnte. Ein Anflug von Melancholie und das Gefühl, unendlich winzig zu sein, ergriffen Besitz von Ihm. Doch nur für einen Moment. Dann schloss er die Augen, atmete einmal tief durch und fokussierte sich. Er hatte eine Aufgabe.
Ein Flüstern. Lorun. Ein Schrei in einer Sprache, die er nicht verstand. Ein weinendes Kind. Eine Frau in Weiß. Immer mehr Stimmen, die wild durcheinanderwirbelten und doch eine monotone Klangmasse bildeten.
„Lorun!“
Er schlug die Augen auf. Die Stimmen waren verstummt. Vor ihm sah er Kyla. Sie saß Ihm gegenüber in der spärlich beleuchteten Kabine.
„Geht es dir gut? Wirst du Seekrank?“
Er schüttelte seinen Kopf und sah sie verdutzt an. Dann fasste er sich wieder und antwortete. „Mir geht es gut. Mach dir lieber um dich sorgen“, sagte er verschmitzt. „Major auf einer Genesis-Station. Hut ab!“ Niemand wusste mehr woher dieses Sprichwort kam aber von den wenigen Aufzeichnungen, die man von der alten Welt noch hatte, vermutete man, dass es so viel hieß wie “Lass dich nicht erschießen“.
Sie winkte ab. „Ach das wird schon. Außerdem habe ich dich ja. Meinen fleißigen Hilfs-Sheriff.“, sagte sie und grinste.
„Du sollst mich doch nicht so nennen“, erwiderte Lorun patzig.
Ein Ruckeln, das durch den Schiffsrumpf ging, unterbrach Ihre Unterhaltung. Lorun hörte, wie die Feldgeneratoren, die bis eben noch auf Hochtouren ließen, nun langsam herunterfuhren.
Die Beleuchtung des Schiffs flackerte leicht. Sie waren wohl grade aus dem Hyperraum gefallen. Dann hatte ihre Reise wohl bald ein Ende.
„Mach dich fertig. Wir sind gleich da“, sagte Kyla abgelenkt zu Lorun. Dieser streckte in militärischer Stränge die Hand an die Stirn und klopfte seine Hacken gegeneinander.
„Jawohl, Major!“, sagte er mit gespielter Ernsthaftigkeit. Sie rollte nur mit den Augen und ließ seine Bemerkung unkommentiert. Wahrscheinlich ging sie gerade im Kopf das Ankunftsprotokoll durch. Das sah Ihr ähnlich. Auch Lorun schossen die Gedanken nur so durch den Kopf. Natürlich war er hier um Ihr zu helfen. Doch er hatte einen Job. Und dann hatte er auch noch seine andere Mission. Doch etwas war seltsam. Als hätte er all das schon einmal erlebt. Ein weiteres Rütteln erfasste das Schiff als es an die Luftschleuse der Station andockte. Dann öffneten sich die Türen.
Lorun. Das Flüstern schwebte über das Meer an Stimmen, die gegen seinen Verstand schlugen, wie Wellen geben einen Felsen. Da war Sie wieder, die Frau in Weiß. Er versuchte das Bild zu fokussieren, ihr Gesicht zu erkennen. Doch je mehr er sich konzentrierte, desto mehr entglitt ihm das Bild. Der Singsang der entfernten Stimmen durchdrang sein Bewusstsein.
„Lorun Ka’El, bitte beim General melden“, erklang die Stimme der Stations-AI. Dieser legte die Plasmakupplung, die er gerate aus dem Solaris-Sprinter ausgebaut hatte, beiseite. Dann deaktivierte er das Schutz-Kraftfeld vor seinem Gesicht und mühte sich auf. Seine Fuß- und Kniegelenke schmerzten und sein Rücken ließ eine Reihe knackender Geräusch vernehmen als er diesen durchdrückte. Dann machte er sich auf den Weg zum General. Er verließ den Wartungshangar und bog nach links ab. Während des Gehens hielt er seinen linken Arm vor sich und sagte „General Zarm“. Seine Armmanschette piepte. Dieses lästige Geräusch musste er irgendwann nochmal ausschalten. Dann wurde eine holografische Karte der Anlage vor ihm in die Luft projiziert und eine rote Linie darauf wies ihm den Weg zu seinem vorher genannten Ziel. Das war ein ganz schönes Stück. Erst rechts, dann links, den langen Hauptgang hinunter und wieder rechts. Vorbei an den Mannschafts-Quartieren und der Krankenstation. Dann wieder links, noch einmal links und nach zwei Abzweigungen wieder rechts. Er bog um die erste Ecke und – stand vor dem Raum des Generals. Verdutzt schaute er auf die kleine Holo-Karte. Sie zeigte an, dass er vor der richtigen Tür stand. Seine Nackenhaare stellten sich auf als er den Taster an der Tür betätigte. Ein paar Augenblicke später öffnete sich die Tür und Lorun trat ein. Der Raum war geräumig und spartanisch eingerichtet. Die einzige Lichtquelle bildete die dezent leuchtende Platte des Schreibtisches, welcher vor einer riesigen Glasfront stand, die eine ganze Wand des Zimmer ersetzte. Auf der von Lorun abgekehrten Seite stand ein unbesetzter Stuhl. Es war die einzige Sitzgelegenheit. Man war scheinbar nicht daran interessiert, einen längerfristigen Diskurs zu führen. Hinter dem Schreibtisch stand der General. Er hatte dem eintretenden den Rücken zugewandt und schaute aus dem Fenster Auf den vor ihnen liegenden, riesigen blauen Planet. Lorun tat ein paar Schritte und blieb etwa einen Meter vor dem Schreibtisch stehe. „Wunderschön, nicht wahr?“, gab der General von sich. Weniger als Frage, doch viel mehr als Anmerkung. „Ja Sir“, antwortete Lorun dennoch. Ein Moment verging in dem keiner von beiden etwas sagte. Keiner von ihnen sich rührte. Loruns Anspannung wuchs mit jeder Sekunde während der General in Bewunderung für den stolzen Gasriesen vor ihnen versunken zu sein schien. Schließlich brach der Offizier das Schweigen ohne seinen Blick abzuwenden: „Ich habe einen Auftrag für dich. Sag, warst du schon einmal außerhalb unseres Sonnensystems?“ Lorun war für einen Moment verdutzt. „Nein, Herr General. Ich habe meine gesamte bisherige Dienstzeit hier auf der Neptun-Station verbracht.“, antwortete er schließlich. „Das wird sich ändern“, entgegnete der General. Kurz war es Loruns, als würde sein Sichtfeld flackern. „du bekommst eine neue Mission zugeteilt. Mit der nächsten Fähre wirst du nach IC-10 aufbrechen.“ „Die Starburst Galaxie im Andromeda-Untergruppe?“ Loruns Überraschung hatte sich in seine Stimme geschlichen und seine Kinnlade war heruntergeklappt und ließ ihn nur unter großer Anstrengung Worte formen. „Aber IC-10 ist über zwei Millionen Lichtjahre von hier entfernt!“ „2,2 Millionen.“ Korrigierte ihn der General. Loruns Gedanken überschlugen sich und während er sich selbst die Worte „Aber warum?“ fragen hörte, wurde ihm bewusst, dass er die Antwort bereits kannte. Irgendetwas war seltsam. Und sein Nacken kribbelte schon wieder. Er schloss die Augen und spürte dem unangenehmen Schauer nach, der sich über seinen Rücken hinunterzog. Die Worte seines Gegenübers blendete er aus. Er wusste, was der General sagte. Und dann wurde ihm alles klar.
„Du kannst mich jetzt rauslassen!“, sagte er laut. Der General stockte mitten im Satz, drehte Sicht um und… nichts. Dort wo Lorun das Gesicht des Generals sehen sollte, klaffte ein schwarzes Nichts. Ein weiteres flackern in Loruns Sichtfeld und alle Bewegung in der Scene war wie eingefroren. Selbst die langsame doch stetige Drehung des Planeten unter ihnen schien gestoppt zu haben. Lorun drehte sich um und vor ihm stand die Frau in Weiß. Wieder hörte er die Stimmen, doch ließen sie ihn diesmal kalt. Sein analytischer Verstand hatte die Kontrolle übernommen und hätte seine Emotionen in den Hintergrund gedrängt. „Es ist etwas schwer, ein Gesicht zu imitieren, das keiner von uns beiden je gesehen hat, nicht wahr?!“, sagte Lorun zu der vor ihm stehenden Frau. Wenn es denn eine Frau war. „Genug jetzt von deinen Spielchen. Ich habe dich durchschaut“, fuhr er fort. Die Frau ließ ein leichtes lächeln ihre Mundwinkel nach oben treiben. Dann löste sich der Raum um ihnen herum auf bis sie sich in allumfassender Schwärze gegenüberstanden. „sehr clever von dir“, entgegnete die Gestalt mit einer rauen Stimme, die ganz und gar nicht zu der vor ihm stehenden Gestalt passte. Darüber hinaus hatte diese, während er die Worte vernahm, nicht einmal den Mund geöffnet, geschwiegen den die Lippen bewegt um Worte zu formen. Die Stimme war einfach. Überall. Um ihn herum und in ihm drin. Dann versank alles in Dunkelheit und Lorun schlug die Augen auf.
Loruns Arme und Beine waren fixiert. So sehr er sich auch bemühte, er konnte sich nicht rühren. Ein schneller Blick verriet ihm, dass seine Lage so kritischer schwer hätte sein können. Er saß auf einem metallenen Gestell, ähnlich einem Stuhl in einem weißen, stark beleuchteten Raum. Ihm gegenüber stand die Frau in Weiß. Erneut hörte er eine Stimme in seinem Kopf, ohne dass sich die Lippen der Frau bewegten. Erstaunlich. Nicht viele Menschen bemerken mich. Lorun hätte sich irren können, doch er meinte, eine Spur Respekt in Ihren Worten erkennen zu können. Er konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Doch seine Situation blieb ernst. Er saß auf einem Verhörstuhl Millionen von Lichtjahren von seiner Heimat entfernt und harrte der Dinge die da kommen mochten.
Die Türen zu General Zarms Büro öffneten sich. Der General stand hintern seinem Schreibtisch und betrachtete die unendliche Weite, die sich vor ihm ausbreitete. „Ahh, ich sehe Sie sind zurück“, sagte er ohne seinen Blick von der verschlingenden Schwärze abzuwenden, „Haben Sie denn Ihren Auftrag erfüllt?“ Sein gegenüber trat ein paar Schritte in den Raum ohne dabei auch nur das kleinste Geräusch zu machen. „Ich habe alles hier. Projekt Aurora. Der Äther. Reisen in einem Augenblick.“ Ein Grinsen. Der General drehte sich um und streckte die Hand aus und fing den Ihm zugeworfenen Gegenstand auf. Es war klein, dünn und sah aus wie ein silberner Knopf. Zarm legte das Gerät auf eine kaum merklich umrandete Stelle auf seinem Schreibtisch und sagte: „Entschlüsseln!“ Die Platte des großen Möbelstücks leuchtete auf und auf man sah eine Anzeige des Fortschritts an. „Die Station?“, fragte er dann. „Zerstört. Ich habe die magnetische Stabilisierung der Fusionskammer heruntergefahren. Als ich in meinem Jäger saß, ist es zusammengebrochen. Ich habe die Station mit eignen Augen brennen gesehen. Außer mir hat kein anderer überlebt.“ Die Entschlüsselung der Daten war abgeschlossen und Zarm begutachtete seine Beute. Nach ein paar Augenblicken sah er hoch, seinem Gegenüber direkt in die Augen. „Sehr gut gemacht, Kyla“, vernahm Sie seine Stimme ohne, dass er seine Lippen auch nur bewegte.