Valmars Atem stand vor Ihm als er seinen Blick von der Spur abwand, die der wilde Eisenrücken im frisch gefallenen Schnee hinterlassen hatte und gen Horizont schaute. Ein weites, weißes Meer breitete sich vor ihm aus. Eine leicht abfallende Ebene bedeckt mit Schnee, wie ein kleines Kind, dass man unter einer warmen Decke verbarg und penibel darauf achtete, auch wirklich jeden Zentimeter freier Haut zu bedecken aus Angst, der scharfe Wind und die eisige Kälte könnten es dahinraffen.
Valmar atmete tief durch die Nase ein. Die Luft war frisch und rein. Er konnte keinen speziellen Geruch darin ausmachen. Sie schien fast klinisch rein zu sein. Befreit von allen Unreinheiten und jeder Altlast, die sie hätte mit sich tragen können.
Dann schlug er die Richtung ein, in die jene Spuren deuteten, welche er soeben begutachtet hatte. Er musste sich beeilen. Wenn die Spuren erstmal vom stetigen Schneetreiben des Windes unter demselben begraben lagen, war die Fährte kalt und er müsste von vorne beginnen.
Also stapfte er voran. Die Arme dich an seinen Körper gelegt, um den Scharfen Winden Puboes so wenig Angriffsfläche zu geben wie möglich. Nach ein paar Stunden des Marsches sah er vor sich einen Farbfleck, der die sonst so perfekte und abgerundete weiße Welt zerriss wie ein Vogeljunges, das nach Monaten des Wachsens die so makellose Schale seines Eies von innen aufbricht, um endlich Teil dieser Welt zu werden. Die Spur, welcher er folge, führt geradewegs auf diesen Fleck zu. Also marschierte er weiter durch den tiefen Schnee. Er fragte sich wie lange dieser hier schon lag, ohne je von der Sonne bezwungen worden zu sein. Es mussten Jahrhunderte sein.
Je näher er kam, desto genauer konnte er Details erkennen. Grünes, saftiges Gras. Hohe dunkle Tannen und ein kleiner See, von geschmolzenem Schnee getränkt, der es gewagt hatte, zu nahe in diese Oase inmitten der weißen Wüste vorzudringen. Valmar stoppte, um einen Augenblick in diesem Wunder der wilder Magie Ionias zu schwelgen. Es war ein wahrhaft einzigartiger Anblick und die Schönheit dieses Herzens der Tundra überwältigte ihn für einen Moment. Dann fing er sich wieder und suchte wieder nach der Spur, der er bis hier her gefolgt war. Der Eisenrücken war ganz sicher auch hier und schwelgte in der Wärme und dem Schutz den der kleine Hein bot. Die hohen Tannen, Fichten und Lärchen, die diesen bildeten, standen weit genug auseinander, dass auch ein so großen Geschöpf wie seine Beute ohne Probleme zwischen ihnen hindurchstreifen konnte. Als Valmar den Rand des Wäldchens erreichte, ging er in die Hocke und lauschte. Noch war kein Laut zu vernehmen außer das Zwitschern der Vögel, die zwischen den hohen Bäumen einander zuriefen. Doch das konnte sich schnell ändern, das wusste er. Also nahm er seinen Bogen aus dem Köcher auf seinem Rücken und hielt diesen, gemeinsam mit zwei Pfeilen, fest in der Hand, während er weiter der Spur folgte, die sich vor ihm über die Wurzeln und Flechten des Waldbodens zogen. Ein Knacken in den Kronen der Bäume ließ Ihn aufschrecken. Er sah nach oben und sein Blick glitt suchend über die Wipfel der ihn umgebenen Nadelhölzer. Doch konnte er nichts Ungewöhnliches erkennen. Aber was hieß schon ungewöhnlich? In Ionia gab es Wunder und Schrecken hinter jeder Ecke, eines unglaublicher als das Vorherige. Kurz schweifte seine Gedanken ab zu den Helden ab, die für die Rebellion kämpften. Xayah und Rakan. Nicht nur waren Sie furchteinflößende Krieger, Meister Ihrer Kampfkunst, die für die Freiheit ihres Volkes und der Magie kämpften, auch inspirierte ihre Liebe und Zuneigung zueinander ganze Dörfer – und auch Valmar.
Ein erneutes Rascheln holte seine Gedanken wieder in das Hier und Jetzt zurück. Noch immer konnte er nichts in den Kronen der so hohen Bäume erkennen. Wahrscheinlich war es nur ein Zapfenhörnchen, das sich von Ast zu Ast schwang, auf der Suche nach Nahrung. Er zwang sich, seine Konzentration wieder auf die Aufgabe zu lenken, wegen der er hier war. Der Eisenrücken. Also folgte er weiter den Spuren. Auf leisen Sohlen und mit gespitzten Ohren bewegte er sich den Abdrücken im Boden und den Abschürfungen an der Bäume Rinde folgend immer näher zu dem zentral gelegenen, klaren See. Kurz bevor er durch die letzte Baumreihe brach, erblickte er sein Ziel. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Er mochte ein noch so erfahrener Jäger sein, doch die Kreatur vor Ihm versetzte ihn dennoch in Aufregung. Die sechs Meter hohe, massige Gestalt stand am Ufer des Sees und schien mit großen Schlucken seinen Durst zu stillen. Sein Rückenpanzer, dem es seinen Namen verdankte, glitzerte im Licht der klaren Sonne. Valmar bewegte sich keinen Zentimeter. Auf offenem Feld hatte er keine Chance gegen dieses Ungetüm. Seine einzige Möglichkeit war, es in den Wald zu locken, wo es die eingeschränkte Beweglichkeit des Tieres zu seinem Vorteil nutzen konnte. Aus dem Dickicht heraus beobachtete er den Kollos und legte dabei einen Pfeil abschussbereit auf die Sehne. Doch dann spürte er wie der Wind drehte und plötzlich hob der Eisenrücken seinen Kopf und schnupperte mit seiner Schweinsgleichen Nase die Luft. Hatte er ihn bemerkt? Er raffte sich auf und lief, so leise ihn seine Schuhe tragen konnten, in einem lang gestreckten Halbkreis um das Tier herum. Doch das Biest blieb aufmerksam und angespannt. Da ein Rascheln! Er schnellte herum. Doch der Eisenrücken stand noch immer mit nach oben gerecktem Kopf am Rande des schillernden Sees. Valmar ließ es nicht aus den Augen. Hinter einen mächtigen Baumstamm verborgen harrte er der Dinge, die da geschehen mögen. Der Eisenrücken schnüffelte erneut die Luft und scharrte nervös mit den Hufen, was die weiche Erde am Ufer des Schmelzwassersees durchpflügte und aufgewühlt zurückließ. Dann, ganz plötzlich, drehte das Tier sich um und stürmte auf den Wald zu. Doch nicht auf ihn, sondern auf etwas zu, dass er nicht erkennen konnte. Er sprang auf und lief der Bestie hinterher. Was konnte ein Wesen von mehreren Tonnen Kampfgewicht so in Rage versetzen. Das Einzige was Ihm dazu einfiel, waren Menschen. Doch scheinbar hatte es ihn nicht gewittert.
Seine Gedanken wurden je von dem Surren eines Pfeiles unterbrochen. Er blickte hinab auf den Bogen, den er in seinen Händen hielt. Der Pfeil lag noch immer an der Sehne. Als nächstes nahm er einen wilden Schrei wahr als ein braunhaariger Mann aus der Krone einer der Bäume sprang und mit über den Kopf erhobener Klinge auf den Eisenrücken herabstürzte. Der Pfeil war an dem harten Rückenpanzer des Tieres abgeprallt und hatte nur den Effekt gehabt, es in noch mehr Aufruhr zu versetzen. Der Fremde, noch immer im Fall, wurde von der nervösen Reaktion des Biestes überrascht, als dieses den Kopf herumriss, um die Quelle dieses überaus nervtötendem Lärms zu erspähen. Er riss gerade noch sein Schwert herunter um es schützend vor sich zu halten als auch schon der Kopf des Eisenrückens gegen ihm rammte. Als erstes erreichte es seine Klinge, die der Fremde schützend vor sich gehalten hatte. Diese fügte dem Biest einen tiefen Schnitt im Auge zu. Dann, bedingt durch den restlichen Schwung, flog der andere Jäger zurück und mit dem Rücken gegen einen Baumstamm. Der Aufprall war so hart, dass es ihm die Luft aus den Lungen zu treiben schien. Er prallte an der harten Rinde ab und fiel zu Boden, wo er keuchend liegen blieb. Der Eisenrücken war indessen in eine panische Rage verfallen in der er nur noch blind um sich schlug. Das war Valmars Gelegenheit. Er stürzte aus seinem Versteck heraus und sprintete zu dem am Boden liegenden Menschen. Im Laufen nahm er ein Seil, dass er an einem Hacken an seinem Rucksack befestigt hatte und band das eine Ende an den Pfeil, der bereits Abschussbereit auf seinem Bogen lag. Als er den Fremden erreichte, spannte er seinen Bogen und schoss seinen Pfeil in den Wipfel des Baumes, unter dem sie sich befanden. Dann, ohne zu zögern, legte er den zweiten Pfeil an die Sehne und schoss diesen direkt hinterher auf denselben Ast. Der zweite Pfeil beschädigte diesen so sehr, dass er unter seinem eigenen Gewicht abbrach und in die Tiefe stürzte. Er schlang das andere Ende des Seils ein paar Mal um seinen Arm und griff mit dem anderen den nach Luft keuchenden Jäger, der vor ihm am Boden lag. Das Seil hatte sich über einen anderen Ast gelegt und wie der abgerissene in die Tiefe stürzte hob er die beiden Menschen in die Höhe. So weit, dass Valmar auf einen der weiter unten gelegenen Reiser springen konnte und den geretteten dort ablegen konnte. Dann zog er zwei neue Pfeile aus seinem Köcher und sprang wieder in die Tiefe.
Der Eisenrücken war noch immer in seiner blinden Rage gefangen, was Valmar gerade recht kam. Dadurch hatte er kein Auge für das übrig, was um ihn herum geschah. Valmar kam auf dem Waldboden auf, federte den Stoß mit den Knien ab, ließ das Seil los und lief um das Tier herum, bis er diesem gegenüberstand. Er schoss den ersten Pfeil in dessen anderes Auge und blendete das Monstrum damit komplett. Dann lief er in einem Bogen zu dessen Rückseite, schoss den zweiten Pfeil am Kopf des Biestes vorbei gegen einen Stein, welcher dort aus dem Waldboden ragte, vermutlich von einem Gletscher vor Urzeiten vom Gebirge in das Tal getragen. Der helle durchdringende Klang der metallenen Spitze des Pfeils auf dem Fels fing die Aufmerksamkeit des nun vollends geblendeten Tieres auf sich. Valmar ließ keine Zeit verstreichen. Er machte sich klein, rannte unter dem Bauch des Eisenrückens durch und zog sein Messer aus der Scheide, welche über seinem Lendenwirbelbereich quer an seinem Rücken befestigt war. Er ließ sich im Laufen auf den Rücken fallen, schlitterte durch den mitgenommenen Schwung noch ein paar Fuß, bis er unter dem Kopf des Ungetüms lag und schrie: „Hey, hier unten!“ Dann, als das Tier gerade seinen Kopf senkte und sein Maul öffnete, um Valmar einen Brüller entgegenzuschleudern, welcher ihm die Haare nach hinten blies, und ihn dann mit einem Happs zu verschlingen, legte dieser das Messer an die Bogensehne, spannte und schoss dieses genau in die weiche Stelle am Gaumen des Biestes. Dieses stoppte in seiner Bewegung, die nun nutzlosen Augen rollten nach hinten und Valmar konnte sich gerade noch rechtzeitig wegrollen bevor der Eisenrücken mit einem letzten Jaulen zusammenbrach.
Dann kehrte Ruhe ein. Valmar atmete ein paar Mal tief durch, bevor er sich aufrichtete. Der andere Jäger hatte sich scheinbar dahingehend erholt, dass er sich das Seil schnappte, dass Valmar losgelassen hatte und diesem auf den kühlen Waldboden folgte. Er schien nicht schwerwiegend verletzt zu sein. „Ich danke dir sehr für meine Rettung. Das hätte böse ausgehen können“, sagte dieser und grinste verschmitzt. Valmar lachte einmal laut auf. „Das kannst du laut sagen“, entgegnete er. Das Funkeln in den Augen des Fremden und dessen verschmitztes Grinsen ließ ihn allen Ärger vergessen, den er bis dato angesichts der nicht minder gefährlichen Situation verspürt hatte. Er streckte ihm die Hand entgegen. „Mein Name ist Valmar.“ Sein Gegenüber ergriff seine Hand. Überraschend weiche Finder strichen über Valmars Haut. Er lächelte zurück. „Ich bin Kai.“
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HerzLicht
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