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Season 2

Von tanzenden Schlangen und blauen Krokodilen

Lesedauer 26 Minuten

Das leichte Rumpeln verkündete, dass sie anlegten. Sie waren seit Wochen im Ägäischen Meer unterwegs. Von einem Hafen trieb es sie zum Nächsten.
Es würde das erste Mal sein, dass sie persischen Boden betrat.
Sie nahm sich einen Umhang und machte sich auf den Weg. Beinahe stieß sie mit ihrem Bootsführer zusammen, der sie über die Ankunft informieren wollte.
„Du bist zu spät, alter Freund“, lachte sie ihm entgegen.
„Und du kannst es nicht erwarten“, antwortete er.
Sein Blick war liebevoll. Über all die Jahre war er ihr ein treuer Freund und Begleiter geworden. Beinahe ein Vater.
„Ist das alles was du mitnimmst? Kein Schwert? Keine Rüstung?“
„Barnabas, alter Freund, ich möchte nur ein paar Informationen. Keinen Krieg gewinnen. Und wenn es hart auf hart kommt, habe ich immer noch das hier.“
Sie zog hinter ihrem Rücken einen Dolch hervor. Es war nur ein geringer Ersatz für den Speer des Leonidas, den sie vor einiger Zeit ihrem Freund Herodotos gab, als sich ihre Wege getrennt hatten.
„Geh zumindest nicht allein. Nimm dir zwei starke Männer mit.“
„Ich möchte nicht auffallen. Sie würden mir dabei bestimmt nicht helfen.“
Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie an ihm vorbei ging. Er war immer besorgt um ihre Sicherheit, auch wenn er im Laufe der letzten Jahre mehr bleibende Narben erhalten hatte als sie.
„Kassandra, pass zumindest auf dich auf.“
Sie blieb nochmal stehen und blickte zu ihm zurück. Sie sah die ehrliche Sorge in seinen Augen. Aber auch etwas anderes. Wehmut. Es würde wohl das letzte Abenteuer sein, dass sie miteinander erleben würden. Danach würde er zu seiner Frau zurückkehren und sich zur Ruhe setzen.
„Immer!“, sagte sie knapp und lächelte.
Es waren aufregende Zeiten gewesen. Schöne und auch weniger schöne Erlebnisse auf die sie gemeinsam blicken konnten. Es würde einsam werden, wenn er nicht dabei war.
Doch noch war es nicht so weit. Sie musste sich auf das hier und jetzt konzentrieren.
Sie sprang vom Schiffsrand auf die Anlegestelle, ohne auf die Planke zu achten, die als Übergang gelegt worden war.
Sais war, verglichen mit den letzten Städten, die sie besucht hatten, eine richtige Großstadt. Der Hafen war übersät mit Menschen, die Schiffe be- und entluden. Händler, die ihre Fracht immer gut im Auge behielten. Kassandra folgte dem Strom der Leute und fand sich schließlich am Markt wieder.
Hier wurden die verschiedensten Waren feilgeboten. Gewürze neben Fisch, Körbe neben Stoffen und natürlich auch Sklaven. Die menschliche Ware bestand aus gutgebauten Männern und schönen Frauen jeglicher Herkunft. Ein eindeutiges Zeichen, dass sie sich hier auf einem Markt befanden, der regelmäßig von der Oberschicht besucht wurde. Sie kannte ähnliche Städte bereits. Irgendwo gab es einen zweiten Markt, wo die Sklaven angeboten wurden, die körperlich nicht so gut aussahen, oder die sich hier aus anderen Gründen nicht verkauft hatten. Diese armen Menschen wurden schlechter behandelt als die meisten Hunde. Vor allem, wenn sie kein Geld einbrachten. Der Tod wäre für die meisten gnädiger gewesen.
Kassandra sah sich nach Waren aus ihrer Heimat um. Ein spartanischer Händler würde es ihr leichter machen an Informationen zu kommen.
Sie wurde nicht enttäuscht. Ein Weinhändler mittleren Alters.
„Guten Tag, mein Freund“, begrüßte sie ihn.
„Guten Tag, Fremde.“
„Was habt ihr für Weine?“
Er beäugte sie skeptisch.
„Das kommt ganz darauf an, wieviel Geld ihr habt.“
„Das kommt ganz darauf an, wie gut euer Wein ist.“
Kassandra versuchte unschuldig auszusehen, aber sie war schnell durchschaut.
„Was wollt ihr wirklich?“
„Vor etwa drei Tagen, ist ein athenischer Marmor Händler angekommen. Doch hatte er mehr als Marmor im Gepäck. Wisst ihr vielleicht, wo ich ihn finden kann?“
„Warum sollte ich euch das sagen?“
Die Rivalität die zu Hause herrschte, war hier wohl kein Thema.
„Ihr wisst von wem ich spreche und er ist hier. Das sind schon mal zwei gute Neuigkeiten.“
Kassandra zückte ein kleines Säckchen. Es klimperte verdächtig, als sie es auf den Tresen legte. Nun gehörte ihr die gesamte Aufmerksamkeit des Händlers.
Sie legte die ersten Münzen auf den Tisch.
„Du fragst nach Timotheos. Ein schmieriger Kerl, aber wohlhabend und einflussreich. Jemand mit dem man sich besser nicht anlegen sollte.“
Die nächsten Münzen wechselten den Besitzer.
„Er hat ein Haus in der Oberstadt. Er ist ein angesehener Händler, der alles besorgen kann. Wenn der Preis stimmt. Es heißt er soll ein Kind von der Insel Keos entführt und hergebracht haben.“
Wieder wanderten Münzen über den Tresen.
„Keine Ahnung warum das Kind so wichtig ist. Aber entweder hat er es an jemanden übergeben, oder es befindet sich in seinem Haus.“
„Und wo finde ich sein Haus genau?“
„In der Nähe des großen Tempels. Es ist höher gebaut als die anderen Häuser um ihn herum. Du kannst es eigentlich nicht verfehlen.“
„Was ist dein bester Wein. Ich möchte doch nicht mit leeren Händen gehen.“
„Hier, das ist ein ganz besonderer Tropfen. Aus meinem privaten Vorrat. Koste … koste!“
Er stellte zwei Becher auf den Tisch und goss etwas der roten Flüssigkeit in jeden davon. Sie stießen an und erfreut leerte er seinen Wein in einem Zug.
Kassandra, war nicht so schnell wie er. Schon als sie ihren Becher hob, stieg ihr ein vertrauter Geruch in die Nase. Eine Erinnerung an die schlimmste Übelkeit ihres Lebens überkam sie.
„Lass mich raten, er ist von der Insel Kos?“
Der Händler war ganz begeistert.
„Woher weißt du das?“
„Markos‘ Weingut, nicht wahr?“
„Eine echte Kennerin.“
„Markos, alter Freund. Selbst wenn du weit entfernt bist, bringst du mich noch in Schwierigkeiten.“
Sie wollte nicht unhöflich sein und kippte das Gesöff ebenfalls hinunter. Der Händler war so verzückt, dass er ihr angewidertes Gesicht nicht zu bemerken schien.
Er hielt ihr eine volle Flasche hin.
„Hier, die geht aufs Haus, mit der folgenden Information. Es gibt ein Mädchen in der Stadt auf das Timotheos ein Auge geworfen hat. Sie ist eine begnadete Tänzerin. Doch sie will von ihm nichts wissen. Sie kann dir bestimmt helfen, wenn der Preis stimmt.“
„Wo finde ich sie?“
„Ihr Name ist Eleni und sie ist die personifizierte Schönheit. Als wäre Aphrodite selbst auf dieses Stück Erde herabgestiegen.“
Die Herzen in seinen Augen konnte Kassandra kaum übersehen.
„Eleni also. Und wo finde ich sie?“
Sie wiederholte sich nicht gerne und spürte Ungeduld in sich aufsteigen.
„In der Taverne zum blauen Krokodil. Sie ist die Sklavin des Besitzers. Aber lass dich nicht täuschen. Sie weiß, wie sie die Männer um den Finger wickeln muss und hat viele Freiheiten. Nach Sonnenuntergang wirst du sie in der Taverne finden.“
Sie nickte ihm zu und wollte ihm die restlichen Münzen geben, doch er winkte ab.
„Ein Geschenk für eine liebe Freundin, die guten Wein erkennt und ihn so sehr zu schätzen weiß wie ich.“
Sie lächelte und ging.
Markos‘ Wein war das widerlichste was man zu sich nehmen konnte. Zumindest wusste sie, dass sie diesen Stand meiden würde, wenn sie etwas Gutes trinken wollte.

Kassandra hatte noch einige Stunden bis zum Sonnenuntergang. Diese nutzte sie, um sich mit der Stadt vertraut zu machen. Sie suchte sowohl nach der Taverne, dem großen Tempel und Timotheos‘ Haus. Prägte sich alle Wege ein. Auch solche die über die Häuser führten.
Der Händler hatte nicht gelogen. Das Haus war nicht zu verfehlen. Timotheos besaß ein Anwesen, dass selbst in der Oberstadt seinesgleichen suchte. Es hatte bestimmt zwei Stöcke mehr als die anderen Häuser rundherum.
Doch es war auch gut bewacht. Mindestens ein Dutzend Wachen waren allein vor dem Haus zu sehen. Kein Winkel war unbeobachtet.
Sie könnte sich ihren Weg durchkämpfen, bezweifelte aber, dass sie es mit dem Kind aus der Stadt schaffen würde.
Sie brauchte einen anderen Weg. Vielleicht konnte Eleni ihr tatsächlich helfen. Wenn Timotheos sie so begehrte, würde es für sie ein Leichtes sein, in das Haus zu kommen und ihn abzulenken. Vielleicht konnte sie Kassandra sogar mit hineinschmuggeln.
Doch warum sollte sie Kassandra helfen? Sie musste sich noch den Köder für Eleni überlegen. Hoffentlich würde sie mehr wissen, wenn sie die Frau sah.
Als Kassandra die Taverne zum blauen Krokodil betrat, hatte sie bereits ein schlechtes Gefühl.
Jeder in diesem Raum richtete ihre Augen auf sie.
Unbeeindruckt ließ sie sich an einem der wenigen freien Tische nieder.
Nach und nach füllten sich auch die anderen Plätze und der Geräuschpegel stieg.
Zu jedem wurden Speisen und Getränke gebracht.
Einige Augenpaare waren noch immer auf sie gerichtet. Besonders zwei Tische weiter, beobachtete man sie genau. Ein kleiner untersetzter Mann, der von zwei großen Kerlen, vermutlich Leibwächtern, begleitet wurde.
Ihre Blicke trafen sich und sie konnte es sich nicht verkneifen ihm zuzuprosten.
Sein Gesichtsausdruck wurde düsterer.
„Ich weiß genau, wer du bist!“, schrie er über die Tische hinweg.
Das brachte ihm die Aufmerksamkeit der übrigen Gäste ein.
„Du bist die spartanische Söldnerin! Kassandra!“
Sie war diesen Teil ihres Lebens leid.
„Lass mich raten, ich habe deinen Bruder getötet? Dich um einen Gewinn betrogen? Deine Frau verführt? Oder deinen Mann?“
Gelangweilt sah sie ihn an.
Sein Kopf wurde hochrot und man sah, dass er gleich vor Wut explodieren würde.
„Du Schlampe hast eines meiner Schiffe versenkt.“
„Ich?“, fragte sie unschuldig. „Ein Händlerschiff habe ich noch nie versenkt.“
„Es war kein Händlerschiff! Los Jungs, holt sie euch! Sie soll für meinen Verlust büßen.“
Der Tavernen Besitzer versuchte noch zu beschwichtigen, wirkte dabei jedoch eher verloren. Autorität war keine seiner Stärken.
Kassandra blieb ruhig sitzen, was die zwei Schläger extra anzuspornen schien.
Im letzten Moment bewegte sie sich und duckte sich unter ihnen weg und ihre Hiebe landeten im Leeren. Nun stand sie hinter den Beiden. Als diese sich zu ihr umdrehten, verfehlten Kassandras Fäuste ihr Ziel nicht. Einen der beiden traf sie an der Schläfe. Es erwischte ihn unvorbereitet und schickte ihn sofort ins Land der Träume.
Den zweiten traf sie am Kinn, doch er reagierte kaum darauf. Sein nächster Schlag, in ihren Magen, saß. Kassandra blieb die Luft weg und sie wand sich einen Moment vor Schmerzen.
„Malaka!“, rief sie laut, bevor sie ihre Hände in seinem Nacken verschränkte und mit ihrem Knie seine Weichteile gefühlt in seinen Oberkörper verfrachtete.
Lange würde ihn das nicht außer Gefecht setzen. Aber vielleicht einen kurzen Moment. Lange genug um, …
Sie sah sich nach dem kleinen Mann um, der alles angefangen hatte.
„Du!“
Sie deutete auf ihn.
Er versuchte sich noch kleiner zu machen und wollte bereits Reißaus nehmen. Doch Kassandra war schneller.
„Entweder du gibst Ruhe und vergisst alles was mit mir zu tun hat, oder ich werde dafür sorgen, dass dich das gleiche Schicksal ereilt wie dein undichter Kahn.“
Kassandra hielt ihn mit einem Arm am Kragen und er hatte Mühe sich auf seinen Zehenspitzen zu halten. Mit ihrer anderen Hand ballte sie eine Faust und hielt sie schlagbereit in seiner Augenhöhe.
Die Furcht stand ihm ins Gesicht geschrieben. Bestimmt schwor er nun alles, nur damit Kassandra von ihm abließ.
Musik drang an ihr Ohr. Klänge die sie noch nie gehört hatte.
Wie aus weiter Ferne hörte sie den kleinen Mann nur noch sprechen.
„Kein Adler. Was ist ein Adler? Nein, vielleicht eine Krähe. Oder eine Möwe. Das ist es, es war eine Frau begleitet von einer Möwe.“
Sie hörte die Worte, doch sie ergaben keinen Sinn mehr.
Langsam drehte sich Kassandra nach der Musik um.
Eine junge Frau betrat den Raum. Sie war in wenige Stoffe gekleidet und ihre Haut blitzte an einigen Stellen durch.
Viel konnte man sehen, doch wurde auch vieles der Fantasie überlassen.
Kassandra hatte keine Ahnung, wieso sie plötzlich wieder an ihrem Platz saß.
Die junge Frau bewegte sich perfekt zur Musik. Sie ließ ihre Hüften rhythmisch kreisen, während sie es verstand ihren Oberkörper dabei nicht zu bewegen. Nur ihre Arme bewegte sie leicht schwingend über und vor ihrem Körper. Es erinnerte an das Schlängeln einer Schlange. Die langen, blonden Haare waren zu unzähligen, dünnen Zöpfen geflochten und lenkten Kassandras Blick auf den perfekten Bauch der jungen Frau. Das abwechselnde Anspannen und anschließende Entspannen der Muskeln erweckten den Eindruck, als würde der Bauch selbst tanzen.
Die Augen waren dunkel umrandet, damit ihre hellblaue Farbe noch stechender wirkte.
Der Tanz war kontrolliert und wohl einstudiert.
Das Aussehen und die Bewegungen, in Kombination mit der Musik, wirkten hypnotisch.
Für einen Moment vergaß Kassandra, wo und weshalb sie hier war, bis der Blick der fremden Frau sie direkt traf. Kurz hatte sie das Gefühl, als würde die Tänzerin in ihre Seele blicken und alle Geheimnisse aufdecken. Und mit einem Mal, war sie weg.
Kassandra bemerkte, wie trocken ihr Mund plötzlich war und leerte den Krug vor sich auf ex.
Sofort eilte der Wirt zu ihr und brachte ihr einen neuen Krug, den dasselbe Schicksal ereilte wie der zuvor.
„Ja, sie hat diese Wirkung“, lachte er stolz. „Seit ich sie als Sklavin bei mir habe, hat sich der Umsatz verdreifacht.“
Kassandra räusperte sich und fand ihre Stimme wieder.
„Bestimmt ist sie heiß begehrt. Und das nicht nur von deiner Konkurrenz.“
„Ja, aber ich mache mir keine Sorgen. Sie ist meine Sklavin und ich werde einen Teufel tun sie zu verkaufen oder freizugeben.“
Man konnte förmlich die Goldtaler in seinen Augen sehen. Der Händler am Markt hatte von vielen Freiheiten gesprochen, doch war es wohl mehr der goldene Käfig.
Kassandra beglich die Zeche und verließ die Taverne.
Bereits tagsüber war ihr aufgefallen, dass die Taverne an ein anderes Haus anschloss. Dort waren im Untergeschoss alle Fenster verbarrikadiert. Nun brannte im obersten Stockwerk Licht.
Es war nicht schwer herauszufinden, weshalb.
Das Licht der umliegenden Häuser war schwach und die Straße ohne Beleuchtung. Die Dunkelheit würde ihren Weg zu Elenis Gefängnis sichern.
Es kostete sie etwas Anstrengung, doch schließlich hatte Kassandra den Pfad gefunden, über den sie nach oben klettern konnte. Sie polterte durch das oberste Fenster. Eleni sah sich nicht um, doch als sie sprach konnte man den Schelm in ihrer Stimme deutlich hören.
„Ich dachte mir schon, dass du öfter kletterst, um Spaß zu haben.“
„Eigentlich bin ich wegen etwas anderem hier als Spaß.“
Wie konnte etwas der Wahrheit entsprechen und dennoch eine Lüge sein?
Eleni erhob sich und näherte sich Kassandra.
„Nun, eigentlich geht es hier auch um mein Vergnügen. Und das wirst du mir doch nicht verwehren wollen?“, fragte Eleni anzüglich und fuhr mit einem Finger vom Kinn der Söldnerin, weiter zwischen ihren Brüsten hinab Richtung Bauch.
Jetzt musste Kassandra grinsen. Sie hatte noch nie gewusst, wie man eine solche Einladung ausschlug.

Der Morgen brach bereits an, als sie endlich voneinander abließen und nur noch beieinander lagen.
Eleni fuhr mit einem Finger Kassandras Muskeln nach.
„Also schöne Kriegerin. Warum bist du in Sais?“
„Die Tochter einer Freundin wurde entführt. Ich möchte dafür sorgen, dass sie sicher zu ihrer Mutter zurückkehrt.“
„Und du bist bei mir, damit ich dir helfe.“
Es war keine Frage. Eleni war klug.
„Um wen geht es?“, erkundigte sie sich.
„Um Timotheos. Ein Händler der in der Oberstadt lebt.“
„Ja, ich kenne ihn. Und welche Rolle hast du für mich vorgesehen?“
„Ich muss unbemerkt in sein Haus. Und die Tochter wieder hinaus.“
„Also bin ich die Ablenkung“, stellte sie trocken fest.
„Außer du hast einen anderen Plan?“
„Nein, ich denke das ist eine gute Idee. Timotheos ist kein Problem für mich. Und ich weiß auch schon, wie ich dich hineinbringe.“
„Ich möchte nur nicht, dass du gezwungen bist, etwas zu tun, das du nicht möchtest.“
„Lass das meine Sorge sein. Ich denke, das werde ich umgehen können.“
Kassandra war erleichtert. Sie bat Eleni nicht gerne darum.
„Was bekomme ich dafür?“, begann Eleni die Preisverhandlung.
Kassandra tat schockiert.
„Du meinst mein Körpereinsatz ist dir nicht genug Anreiz?“
Eleni lachte und das erste Mal seit Kassandra hier war, schien die Wärme auch ihre Augen zu erreichen.
„Das ist schon vergnüglich, doch wir wissen beide, dass es nur von kurzer Dauer ist. Ich würde nicht mit dir auf Abenteuer gehen und du würdest dich nicht an einen Ort binden.“
„Du möchtest, dass ich dich von hier fortbringe.“
„Ja, das möchte ich. Ich kann nicht mein ganzes Leben in diesem Käfig hier verbringen.“
„Damit bin ich mehr als einverstanden. Es wäre zu schade, wenn eine Blume wie du, in diesem Haus verwelken würde. Ich kann dich nach Kos bringen. Mein Freund Markos hat dort ein Weingut und produziert den abscheulichsten Wein, den du dir vorstellen kannst. Er wird dich in allerlei Schwierigkeiten bringen, aber er wird dich beschützen. Irgendwie. Und wenn du weißt, wo hin du möchtest, wird er dich sicher ans Ziel bringen.“
„Einverstanden.“
Sie besiegelten die Vereinbarung mit einem Kuss.
„Ich wusste, dass die Ankunft der Adlerfrau mein Leben verändern würde.“
Es war nicht das erste Mal, dass Kassandra diese Worte von jemandem hörte, doch auch nach so langer Zeit war sie noch immer nicht daran gewöhnt.
Die weiteren Details waren schnell geklärt.
Eleni sandte einen Boten zu Timotheos, der sie am Abend erwarten würde. Er würde viel Geld an ihren Meister zahlen, damit würde auch der Besitzer des blauen Krokodils kein Problem darstellen.
Im Gegenteil, mit Goldmünzen in den Augen, tat er was Eleni vorausgesehen hatte. Er sorgte dafür, dass sie in einer Sänfte zu Timotheos gebracht wurde. Vier starke Männer würden sie tragen und am Weg hin und wieder retour bewachen. Bei der Sänfte bestand Eleni auf ein Modell, welches etwas erhöht war. Für seinen Goldesel tat das blaue Krokodil fast alles.
Die Erhöhung gab Kassandra die Möglichkeit sich darin zu verstecken.
Gesagt, getan.
Bereits aus der Entfernung konnte man die Musik hören. Timotheos gab wohl ein Fest. Wie auch immer Eleni das zustande gebracht hatte, aber sie würde nicht mit ihm allein sein müssen. Kassandra fiel eine Last von den Schultern. Es hätte sie betrübt, wenn Eleni ihren Körper an den schmierigen Händler verkauft hätte.
Als sie ankamen, sorgte Eleni dafür, dass alle nur sie ansahen und Kassandra in der Dunkelheit der Nacht an anderer Stelle ins Haus kam.
So weit so gut. Die Wachen hatte sie umgangen. Nun musste sie nur noch das Kind finden.
Kassandra vermutete, dass er es im Keller versteckt hielt. Also schlich sie durch die Gänge und suchte den Weg nach unten. Unauffällig folgte sie einem Bediensteten durch das Haus und fand schließlich den Zugang zu einem Keller, in dem Getränke gelagert wurden.
Sie wartete bis der Bedienstete gegangen war und nahm die Fackel, die an der Tür befestigt war.
Der Keller war ein langer Schlauch und je weiter man ging, desto vergorener roch es.
Es war keine Tür zu erkennen, außer jener, durch die sie gekommen war. Das gab Kassandra nicht gerade Zuversicht.
Am Ende des Kellers angekommen, stand sie vor einem großen Fass. Es wirkte deplatziert. Ein Fass unter vielen, hätte sie noch verstanden, doch es war das einzige im ganzen Keller und glich einer Monstrosität, so riesig war es. Und es war überraschend kurz. Wie kann ein Fass, dass zwei Meter hoch ist, nur etwa einen halben Meter lang sein?
Kassandra sah sich alles genauer an und bemerkte, dass das Fass erst hinter der Mauer endete. Es gab keine Geheimtür, sie hatte das Holz abgetastet und abgeklopft. Keine Schleifspuren vor dem Fass.
Sie stemmte sich mit der Schulter dagegen und schob mit voller Kraft. Tatsächlich gab das übergroße Gefäß nach und bewegte sich langsam nach hinten. Das Holz quietschte leicht als es über den Steinboden scharrte, doch hallte das Geräusch im Keller nach und wurde lauter. Kassandra musste immer wieder in den Raum hineinhören, um festzustellen, ob jemand ihr Treiben bemerkte.
Sie hatte wohl Glück. Vermutlich waren alle zu sehr mit dem Fest beschäftigt.
Als sie endlich hinter das Fass schlüpfen konnte, konnte sie kaum ihren Augen trauen.
Gitterstäbe waren in Stein eingelassen und bildeten bestimmt 10 kleine Zellen.
Nur eine war belegt.
„Athina, endlich habe ich dich gefunden.“
Sie eilte hin und prüfte gleich, ob sich die Zelle irgendwie öffnen ließe. Sie hatte keinen Schlüssel, also untersuchte sie die Türangeln. Vielleicht wenn sie, …
„Sieh an, was uns der Wind hereingeweht hat. Ein seltenes Vögelchen hat freiwillig den Weg in sein neues Zuhause gefunden.“
Kassandra wirbelte herum. Vor ihr stand ein Mann mittleren Alters. Sein selbstgefälliges Grinsen erinnerte an einen Hai. Es rief Übelkeit in ihr hervor. Der Chiton des Mannes war rot. Die Nuance traf beinahe die Farbe des Blutes, doch Kassandra ging nicht davon aus, dass er die Drecksarbeit selbst erledigte. Dafür hatte er bestimmt Männer.
„Dieses Vögelchen wird dich töten und dir die Augen aushacken“, schleuderte sie ihm bestimmt entgegen.
„Du und welche Armee?“, fragte er belustigt.
Wie auf ein Zeichen bauten sich vier, mit Keulen und Prügeln bewaffnete Männer neben ihm auf.
„Dachtest du wirklich, ich wüsste nicht, dass du hier bist? Bei den Göttern, was dachtest du, warum ich dieses Gör entführt habe. Mir war klar, dass ich dich so herlocken würde“, stellte er zufrieden fest. „Und deine Vorstellung im blauen Krokodil, verriet mir, welchen Weg du nehmen würdest, um zu mir zu kommen. Also musste ich nur noch warten. Und es war nicht schwer Eleni alle Einzelheiten zu entlocken.“
„Eleni!“, rief Kassandra erschrocken. „Was hast du mit ihr gemacht?“
„Warum sollte ich etwas mit ihr gemacht haben. Wie kommst du darauf? Sie brannte beinahe darauf mir alles zu erzählen. Beinahe!“
Er schenkte ihr sein strahlendstes Lächeln.
„Die ganze Entführung also, nur um mich herzulocken? Warum?“
„Es gibt eine Menge Menschen, die viel Geld für dich bezahlen werden. Und die Kleine“, er deutete mit seinem Kopf zu Athina, „gibt es für mich als Sahnehäubchen obendrauf. Sie wird ein hübsches Sümmchen am Sklavenmarkt bringen.“
Ohne auf einen Kommentar von Kassandra zu warten, machte er auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum.
„Ihr könnt alles tun, nur tötet sie nicht!“, hörte man es noch aus dem ersten Keller zu ihnen hallen.
Reflexartig griff Kassandra nach ihrem Schwert, doch fasste sie ins Leere. Ihr fiel wieder ein, dass sie alle Waffen auf der Adrasteia, ihrem Schiff gelassen hatte. Alle bis auf den Dolch den sie hinter dem Rücken trug. Sie zog ihn hervor und schätzte ihre Gegner ab. Leicht vornüber gebeugt ging sie in Wartestellung.
Wenn ihre Gegner sich in eine Richtung bewegten, bewegte sie sich mit. Schwenkten sie in die andere Richtung, tat sie es ihnen gleich. Sie taxierten einander und es glich einem Tanz.
Doch Kassandra war nicht für ihre Geduld bekannt.
„Also dann, lasst uns tanzen!“, sagte sie noch, als sie bereits auf den Mann links außen zu eilte. Noch bevor er mit seinem Prügel zur Gänze ausholen konnte, schob sie sich an seiner rechten Seite vorbei, packte dabei seinen Arm und drehte ihn nach hinten. Sie hielt ihn auf seinem Rücken verschränkt. Der Mann schrie vor Schmerz und Überraschung und ließ die Waffe fallen.
Das hatte sie gefährlich nahe an die anderen Opponenten gebracht. Ein zweiter war fast in Reichweite und mit nur einem Schritt schloss er den Abstand zwischen ihnen und stand nun seitlich von Kassandra. Er holte mit Wucht aus. Kassandra schaffte es gerade noch einen Schritt zurückzumachen und den Mann, dessen Hand sie noch immer am Rücken fixiert hatte, mitzuziehen. Diesen traf der Prügel mit aller Kraft am Kopf und hinterließ eine klaffende Wunde, aus der sogleich Blut floss. Er fiel zu Boden und Kassandra musste ihn loslassen. Sie holte mit ihrem Dolch aus und stieß ihn in die Schulter des Gegners, der eben noch die Keule nach ihr geschlagen hatte.
Ein anderer war nun hinter ihr und trat ihr in die Kniekehle. Das ließ Kassandra einknicken und gab dem Mann in ihrem Rücken die Möglichkeit ihre Arme zu packen und festzuhalten. Schneller als ihr lieb war, trafen sie Keule und Prügel auf der Brust und in der Magengegend. Für einen langen Moment blieb ihr die Luft weg. Ein zweites Mal trafen sie die Männer mit ihren Waffen.
Kassandra schloss für eine Sekunde ihre Augen und sammelte ihre Kräfte.
Sie erhob sich und zog ihre Arme ruckartig nach vorne. Der Kerl hinter ihr lockerte den Griff zwar etwas, um nicht gegen ihren Rücken gezogen zu werden, aber er hielt sie immer noch fest.
Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass Kassandra mit einem wuchtigen Tritt einen der Gegner vor sich, einige Meter nach hinten gegen die Steinwand schleuderte. Man hörte die Mauer leicht bröckeln. Die Wucht des Tritts ließ ihre Arme wieder nach hinten schnellen und sie traf den Angreifer hinter sich mit einem Ellenbogen am Kinn.
Zwei waren raus. Blieb nur noch der Angreifer vor ihr, dem noch immer der Dolch aus der Schulter ragte, den sie ihm zuvor hineingerammt hatte, sowie der Schläger hinter ihr, der sie bis eben noch festgehalten hatte, bevor sein Kinn nähere Bekanntschaft mit Kassandras Ellenbogen geschlossen hatte.
Jener mit dem Dolch in der Schulter bedachte sie mit einem Blick, der einer wilden Bestie glich. Er hatte die Augen weit aufgerissen. Wütend. Fast hatte sie das Gefühl, als würde er aus Ohren und Nasenlöchern rauchen, während er wie ein wilder Stier schnaubte. Er erinnerte sie an den Minotaurus, gegen den sie vor ein paar Jahren antreten musste. Plötzlich ging alles sehr schnell.
Als der Mann hinter ihr sie nach vorne stieß, rannte der Wilde vor ihr los. Er erwischte sie mit seiner Schulter an der Brust und riss sie mit nach hinten. Der Aufprall an der Wand war hart. Kassandra wurde alle Luft aus der Lunge gepresst. Sie keuchte und japste. Als sie wieder atmen konnte, setzte ein Hustenanfall ein. Sie ging zu Boden und die beiden Angreifer beugten sich über sie und packten sie an je einem Arm. Sie zogen an ihr, als würden sie Kassandra in der Hälfte auseinanderreißen wollen. Vielleicht wollten sie das tatsächlich.
Doch sie hatten ihr die Möglichkeit gegeben, den Körper wieder ein wenig zu beruhigen. Der Widerstand, den ihr die Beiden gaben, reichte aus, um sich an ihnen wieder hochzuziehen. Sie stemmte sich mit ihren Beinen gegen die beiden Schläger. Mit einem Ruck zog sie die Arme an ihren Oberkörper und die beiden Männer gegeneinander. Mit mehr Schwung als erwartet, prallten die beiden zusammen. Dabei rammte der eine dem anderen den Dolch noch weiter in seine Schulter. Er winselte vor Schmerzen und kauerte sich am Boden zusammen. Blieb nur noch einer und als Kassandras Fäuste auf ihn einprasselten und ihn als Trainingssack missbrauchten, nahm er Reißaus.
„Athina!“, rief Kassandra, während sie ihren Dolch, sehr zum Schmerz des einen Angreifers, wieder an sich nahm. Das junge Mädchen hatte sich in seine Zelle in der hintersten Ecke gegen die Mauer gedrückt und am Boden zusammengerollt. Die Arme vor dem Gesicht versteckten die Tränen, doch Kassandra konnte sie hören.
Bei einem der Männer, die nun am Boden lagen, fand sie den Schlüssel, um die Kerkertür zu öffnen.
Sie ging auf das junge Mädchen zu und zog sie in ihre Arme.
Die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen und schon bald hatten sie Kassandras Kleidung durchnässt.
„Schon gut, Athina. Es ist in Ordnung. Haben sie dir etwas angetan?“
Ein Kopfschütteln beruhigte ihre schlimmsten Befürchtungen.
„Wir müssen hier weg! Schnell!“, sagte Kassandra ruhig, aber bestimmt.
Das Mädchen bewegte sich kaum, also hob Kassandra sie hoch und trug sie, fest an sich gepresst.
Der Weg durch den Keller war frei und es war kein Problem nach draußen zu gelangen.
Timotheos war sich seiner Sache sehr sicher gewesen und hatte die Wachen verringert.
Athina in ihren Armen, hatte sich langsam beruhigt. Kassandra deutete ihr, sich im Gebüsch in der Nähe zu verstecken. Sie erklärte, eine Frau mit blonden, langen, geflochtenen Haaren würde aus der Tür kommen und die Sänftenträger ablenken. Athina würde sich dann in der Sänfte verstecken können.
Kassandra selbst würde noch etwas erledigen müssen und sie werden sich danach am Schiff treffen. Man würde auf Athina achtgeben und dafür sorgen, dass sie unbehelligt dort ankommt.

Kassandra drang wieder in Timotheos‘ Anwesen vor. Diesmal in die andere Richtung, zur Musik hin.
Sie hielt sich wieder dicht an der Mauer und im Schatten.
Timotheos feierte mit seinen Gästen in einem kleinen Innenhof, der von Arkaden umgeben war.
Sie konnte Eleni erkennen, die stocksteif an ihrem Platz saß. Unbemerkt schob sich Kassandra in ihr Blickfeld und Eleni stand auf.
Sie verabschiedete sich zügig von ihrem Gastgeber. Er wollte sie zurückhalten und kam gefährlich nahe an sie heran, doch erinnerte sie ihn daran, dass der Eigentümer des blauen Krokodils bestimmt, nicht sonderlich erfreut wäre, wenn ihr Auftritt heute ausfallen würde. Timotheos schien nicht sonderlich beeindruckt, doch ließ er sie gehen. Er erinnerte sich wohl daran, dass er zwar viel Einfluss hatte, aber so manch Bewunderer Elenis ihm in diesem Punkt doch noch überlegen war.
Er machte sich nicht erst die Mühe sie zu verabschieden und kümmerte sich um die anderen Anwesenden, die, sofern Kassandra das beurteilen konnte, nur aus Saufkumpanen bestanden.
Als Eleni sich an ihr vorbei schob, warf sie Kassandra einen aufrichtig beruhigten Blick zu.
Einige Minuten verharrte Kassandra im Schatten. Sie wollte sicher sein, dass die Sänfte einen Vorsprung hatte.
„Wollen wir mal sehen, wie die Schlampe hinter Gittern aussieht“, hörte Kassandra Timotheos irgendwann sagen.
Das war ihr Stichwort.
Er schwankte bereits gefährlich stark.
Blitzschnell verließ Kassandra die schützenden Schatten und sprang über eine Bank auf Timotheos zu. Den Dolch in der Hand und auf ihr Ziel gerichtet. Mühelos versenkte sie den Stahl in seinem Hals.
„Diese Schlampe, wirst du nie hinter deinen Gittern sehen. Und auch sonst niemanden mehr. Und nur um sicher zu sein“, weiter sprach sie nicht.
Er röchelte nur noch und doch wollte Kassandra auf Nummer sicher gehen und löste ihr Versprechen von eben ein. Sie drückte ihre Daumen in beide Augenhöhlen. Es dauerte nicht lange bis die beiden Glaskörper, die einmal die Wunder der Welt einfingen, nachgaben und die Flüssigkeit, gepaart mit Blut, über ihre Daumen floss.
Zufrieden überließ sie Timotheos seinem Schicksal.
Noch immer hatte sich keiner seiner Freunde in ihre Richtung bewegt. Sie war sich nicht mal sicher, ob sie überhaupt schon realisiert hatten, was hier gerade geschehen war.
Doch das gab ihr genug Zeit zu verschwinden.
Als sie bereits halb durch das Gebäude gelaufen war, hörte sie nun den Tumult hinter sich. Jemand schlug Alarm.
Kassandra grinste nur.
Sie lief in den oberen Stock und durchquerte einige Räume, bis sie schließlich auf einem Balkon war. Ohne darüber nachzudenken, sprang sie von der Brüstung hinunter und landete sicher auf dem Boden.
„Fangt mich doch!“ schrie sie übermütig.
Sie schien sogar ein wenig zu warten, damit die Wache, die nun endlich erschien, zu ihr aufschließen konnte.
Sie lief über die Straße und sprang über ein paar Kisten und Tonnen auf den Balkon eines anderen Hauses.
Von dort hangelte sie sich über einen Vorsprung, auf das Dach.
Über ihr kreischte ein Adler.
Kassandra musste nicht erst aufblicken. Er gab von oben die Kommandos und sie lief in die Richtung, in die er sie lotste. So war es schon immer gewesen, seit sie ihn hatte. Ikaros war ihr seit jeher wie ein schützender Engel gewesen.
Sie hatten den Weg in Richtung Landesinneres gewählt und es dauerte nicht lange und sie hatte ihre Verfolger abgehängt. Schließlich wurde sie langsamer und änderte die Richtung.
Sie hielt nun auf den Hafen zu. Die Häuser standen dicht genug, um von einem Dach zum anderen zu springen. Sie erreichte die Stadtmauer und kletterte an ihr hoch.
Sie hielt nach der Adrasteia Ausschau. Tatsächlich konnte sie ihr Schiff erkennen.
Drei Feuerschalen waren entzündet worden. Alle auf der Seite, die zum Hafen hinzeigte.
Das Schiff schien sich zu bewegen.
Kassandra setzte ihren Weg auf der Mauer fort. Es dauerte nicht lange und die ersten Soldaten bemerkten sie.
Kamen sie ihr entgegen, rammte sie die Männer mit ihrer Schulter, um sie auszubremsen.
Die Männer, die sie verfolgten, hatten kaum eine Chance ihr nachzukommen.
Kassandra lief weiter.
Sie spürte einen Pfeil an sich vorbeifliegen. Dann noch einer.
Ein Blick über ihre Schulter nach hinten, brachte ihr die Gewissheit, dass kein weiterer Pfeil fliegen würde.
Ikaros flog um den Schützen herum und fuhr im immer wieder mit seinen Krallen ins Gesicht, so dass der Mann nun nach dem Adler schlug.
Kassandra setzte ihren Weg fort und folgte der Mauer.
Die Adrasteia kam ihr langsam entgegen, so auch das Ende der Mauer.
Sie hörte Soldaten hinter sich rufen, doch statt zu stoppen beschleunigte sie.
Am Rand der Mauer stieß sie sich mit aller Kraft ab, breitete ihre Arme aus, und stürzte mit dem Kopf voran in die Tiefe. Unter der Mauer war eine Klippe, die bestimmt 30 Meter hoch war.
Kurz bevor sie ins Meer tauchte, schob sie ihre Hände über den Kopf und tauchte mit ihnen zuerst ins Wasser. Sie schwamm ihrem Schiff entgegen und Barnabas hatte bereits ein Seil befestigt, damit sie daran an Deck klettern konnte.
Athina eilte ihr entgegen und brach sofort in Tränen der Erleichterung aus.
„Schon gut Kleines. Jetzt wird alles gut.“
Kassandra schlang ihre Arme um das Mädchen und drückte es an sich. Sie sah sich um und erblickte schließlich die blonde Frau und nickte ihr dankbar zu.
„Barnabas, wir machen Halt auf Kos, danach bringen wir Athina zu ihrer Mutter nach Keos.“
„Aye! Setzt das Segel!“, schrie er noch bevor er sich hinter das Steuerrad klemmte.
„Möge Poseidon uns hold sein“, flüsterte Kassandra.

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