Tick-Tack! Tick-Tack! Tick-Tack!
Vincent warf einen Blick auf seine Taschenuhr. Nur noch wenige Minuten.
Er befestigte den Lauf auf dem Gewehr, schraubte das Fernglas fest und warf nochmal einen letzten prüfenden Blick auf die Zahnradkonstruktion im Inneren. Am Tag zuvor hatte er alles fein säuberlich gereinigt und geölt. Heute darf nichts schief gehen. Alles hing von diesem einen Schuss ab.
Er hatte nur diese eine Chance.
Ein Geräusch hinter sich, ließ ihn herumfahren.
Instinktiv richtete er auch die Waffe in die Richtung.
„Victor! Ich habe befürchtet, dass ich dich hier finden würde.“
„Lucille, du hast mich erschreckt. Aber ich nehme an, das war auch deine Absicht.“
„Was tust du hier, Victor? Wieso das alles?“
Sie ging auf ihn zu und sah aus dem Fenster auf die gegenüberliegende Seite. Der Atem stockte ihr.
„Ich habe dir bereits gesagt warum! Ich muss meine Familie retten“, gab er zitternd zur Antwort.
„Aber meine möchtest du zerstören?“
Sie deutete auf das Haus gegenüber.
„Nein, das möchte ich nicht. Aber das ist der Preis, um meine beiden Schwestern zu retten.“
„Du zerstörst nicht nur meine Familie. Es ist die Zukunft, die du auf dem Gewissen haben wirst. Die Zukunft aller Menschen. Willst du das?“
Er schluckte. Seine Hände zitterten, als er das Gewehr wieder auf das Haus gegenüber richtete.
„Nein, das will ich nicht. Aber ich habe keine andere Wahl.“
„Du hast immer eine Wahl. Lass uns gehen Victor. Wir verlassen London. Sogar ganz Britannien, wenn du willst. Noch heute!“
Lucille hielt ihm die Hand hin und hoffte er würde sie annehmen. Er schien zu überlegen und ein Teil von ihm wollte sie ergreifen. Sie konnte sehen, wie seine Hand immer wieder zuckte. Doch stattdessen klappte er nochmal sein Gewehr auseinander, um das Innere zu betrachten. Als er es wieder zusammenklappte, gab er einen Leerschuss ab. Er stellte sicher, dass alles funktionierte.
Lucille schüttelte den Kopf und schloss traurig die Augen.
Victor prüfte den Winkel und den Wind.
Tick-Tack! Tick-Tack!
„Es tut mir leid Liebling. Aber ich kann nicht meine Schwestern dem Tod ausliefern.“
„Das weißt du nicht, Victor. Er könnte sie verschonen, wenn du nicht mehr greifbar bist.“
„Du hast recht, das könnte er tun. Aber das wird er nicht. Moriarty hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er sie töten wird, wenn ich nicht tue, was er verlangt.“
„Und wenn er sie tötet, auch wenn du tust, was er möchte?“
Diese Variante war ihm mehrfach in den Sinn gekommen.
„Du hast recht, aber ich kann das Risiko nicht eingehen. Ich wäre schuld an ihrem Tod.“
„Und wenn du es tust, bist du schuld an meines Vaters Tod!“, schrie sie außer sich.
„Ich weiß“, flüsterte er leise.
„Warum tust du es dann?“
Lucilles Worte waren kaum noch hörbar. Tränen glitten leise über ihr Gesicht, bevor sie vom Kinn auf den Boden tropften. Sie ging vor Victor in die Knie und umarmte ihn von der Seite.
„Ich liebe dich, Victor! Nichts wird das ändern können. Doch wenn du das tust, werde ich dich mehr hassen, als ich dich lieben kann.“
„Und ich werde mich selbst noch mehr hassen“, bestätigte er verzweifelt.
Sein Blick glitt in den Himmel. Er war klar und auch wenn es bereits später Abend war, so waren noch immer viele Luftschiffe unterwegs. Sie unterschieden sich nur auf eine Art von den Dampfschiffen am Wasser. Sie bliesen die heiße Luft in den Ballon über sich, welcher dafür sorgte, dass sie flogen. Victor hatte nie verstanden, warum man überhaupt noch Dampfschiffe am Wasser betrieb. Vielleicht war es nur aus nostalgischen Gründen.
Nun würde er dafür sorgen, dass die Menschen in dieser Zeit stecken blieben. Er würde den Fortschritt verhindern.
„Dein Vater steht kurz davor den Äther nutzbar zu machen. Er hat sich eine Menge Feinde damit geschaffen“, versuchte Victor sich schwach zu rechtfertigen.
„Es tut mir leid, mein Schatz! Ich liebe dich so sehr, aber ich kann nicht den Tod meiner Schwestern auf meine Schultern laden.“
Er küsste Lucille und sie wusste es würde das letzte Mal sein. Er hatte seine Entscheidung getroffen.
Ein letzter Blick auf die Taschenuhr, verriet beiden, dass die letzten Sekunden gekommen waren.
Victor nahm sein Gewehr fest in die Hand.
Gleich würde Lucilles Vater auf den Balkon treten, wie er es jeden Abend machte, um dem Lied von Big Ben zu lauschen, bevor er sich ins Bett begab.
Tick-Tack!
Ihr Vater trat auf den Balkon.
Big Ben erklang hinter ihnen und begann sein Lied.
Victor spannte.
Ein Schuss!
„Schatz, du kommst spät nach Hause.“
„Ja, tut mir leid Mutter. Ich musste noch etwas erledigen.“
Das Zittern in der Stimme, ließ die Mutter besorgt ins Zimmer treten.
„Ist alles in Ordnung, mein Kind?“
Ein Kopfschütteln war die Antwort. Tränenüberströmt warf sich die Gestalt in die Arme der Mutter.
„Habt ihr euch gestritten? Victor und du? Keine Sorge, das wird schon wieder. Jeder kann sehen, wie sehr ihr euch liebt. Möchtest du ihn nicht zum Essen am Wochenende einladen?“
„Nein, Mutter. Es ist vorbei. Er wird nie wieder kommen“, schluchzend versuchte Lucille zu erklären. „Er ist weg, für immer.“
„Ach Kleines, das tut mir leid.“
Ihre Mutter zog sie fest an sich. Minutenlang standen sie beinander, doch Lucille beruhigte sich nicht.
„Möchtest du vielleicht auf dein Zimmer gehen? Ich werde dir einen Tee hochbringen.“
Lucille nickte schwach und schlurfte die Treppen nach oben.
In ihrem Zimmer angekommen, schloss sie die Türe und lehnte sich von innen an.
Noch immer konnte sie spüren, wie ihr Revolver die Trommel drehte und die Kugel in Position brachte. Wie diese mit einem Rückstoß aus der Waffe gefeuert wurde. Sie sah vor ihrem geistigen Auge, wie Victor sie erschrocken angesehen hatte, bevor sein Körper zusammensackte. Sie strich ihm die Haare aus den Augen, die sie immer noch anblickten, bevor Lucille sie geschlossen hatte.
Als Big Ben sein Lied zu Ende gespielt hatte, war sie bereits am Weg nach hause. Ihr Vater war wieder ins Zimmer gegangen und hatte sich schlafen gelegt.
Victor war nur der erste gewesen. Sie weiß, ihr Vater hatte mächtige Feinde und es war nur eine Frage der Zeit, bis es der nächste versuchen würde. Sie hoffte inständig, dass sie es wieder verhindern könnte. Doch eines war sicher, sie würde sich niemals mehr auf jemanden einlassen. Zu groß war der Schmerz, dass sie die Liebe ihres Lebens hatte töten müssen, um ihre Familie zu schützen. Sie weiß, Victor hatte ähnlich gefühlt, als er seine Entscheidung getroffen hatte.
Lucille schwor sich bei ihrem Leben, dass sie Moriarty jagen würde. Sie würde dafür sorgen, dass er bekam, was er verdient hatte.
Sie zog eine Visitenkarte aus ihrem Nachtkästchen hervor.
Dieser Mann würde ihr dabei helfen können.
Sie las den Namen, der in großen Lettern auf dem Papier stand: Sherlock Holmes