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Season 2

Liebes Tagebuch

Lesedauer 9 Minuten

23. Februar:

Liebes Tagebuch,
es scheint, als wäre ich endlich über den Berg. Ich habe heute kaum noch an sie gedacht. Seit sie mich verlassen hat, habe ich kaum aufstehen können und sieh mich nun an: Wieder standhaft im Leben und voller Tatendrang. Es scheint alles von selbst zu gehen und meine Laune hat sich seitdem auch erheblich gebessert. Das liegt aber wahrscheinlich nicht nur an mir. Stell dir vor: Ich habe heute jemanden kennen gelernt. Beim Einkaufen sind wir heute quasi übereinander gestolpert. Und morgen treffen wir uns an diesem kleinen Kaffeehaus drei Straßen weiter. Das mit den leckeren Muffins und den großen Glasfronten. Mhh, Ich kann es förmlich vor mir sehen. Ich kann kaum abwarten, bis wir uns wiedersehen. Diese braunen lockigen Haare, das wohlgeformte Gesicht und diese runde Brille, die jenes noch intelligenter erscheinen lässt. Und ich habe das Parfum noch immer in der Nase. Aber ich höre besser auf zu schwärmen. Morgen werde ich sie ja wiedersehen, diese liebliche Gestalt. Bis dahin habe ich noch zu tun, denn das Böse (die Arbeit) schläft nie. Ich sollte überprüfen, ob meine Werkzeuge vollständig und einsatzbereit sind. Denn morgen ist ein neuer Tag und wir wollen uns ja nicht durch ungeahnte Zwischenfälle zu unserem Date verspäten.


24. Februar:

Liebes Tagebuch,
das Treffen mit Luca war märchenhaft. Wir haben einen Kaffee nach dem anderen getrunken und uns sogar ein Stück Torte geteilt. Stundenlang haben wir geredet und gelacht. Sein Lachen ist so klar und lieblich wie der Klang einer Glocke und die sich im Augenwinkel bildenden Lachfältchen tun noch ihr übriges. Wir haben uns stundenlang unterhalten über meine Arbeit, seine Familie und was wir uns im Leben erträumen. Ich konnte mich am Abend kaum von ihm trennen, als wir uns verabschiedet haben. Er sagte, dass er mich wiedersehen wolle, und mein Herz machte einen Satz. Nicht schnell genug konnte ich ihm beteuern, dass ich genauso fühle. Und wieder hätte ich in seinen dunklen, warmen Augen versinken können. Doch schaffte ich es mich loszureißen. Mein Heimweg fühlte sich an, als würde ich dahinschweben und gleichzeitig wollte mich mein schwerer werdendes Herz wieder herunterziehen. Kaum war ich zuhause, habe ich ihm schreiben müssen. Ich habe es einfach nicht ausgehalten. Ich bin gespannt, wann wir uns wiedersehen werden, und kann es kaum erwarten. Hoffentlich mag er mich auch so gerne, wie ich ihn. Ich kann es kaum erwarten ihn wiederzusehen. Den restlichen Abend werde ich mal schauen, was ich auf den sozialen Medien so finde. Ich hoffe er hat ein paar Bilder online.


26. Februar

Liebes Tagebuch,
Ich denke, ich bin verliebt. Ich habe mich wieder mit Luca getroffen und wir sind zusammen durch den Park spaziert. Trotz dessen, dass wir bei unseren vorherigen Treffen und schon über Stunden hinweg unterhalten haben, geht uns der Gesprächsstoff nicht aus. Ich liebe es ihm dabei zuzuhören, wie er von seinem Leben erzählt, seiner Arbeit und seinen Freunden. Noch habe ich jedoch keinen von ihnen kennen gelernt. Doch das werde ich bestimmt bald. Wir trafen uns zwar erst vor ein paar Tagen, doch habe ich das Gefühl, dass wir uns schon ewig kennen und ich denke, dass er genauso fühlt. Heute konnte ich nicht widerstehen ihm noch eine Weile nachzugehen, nachdem wir uns verabschiedet hatten. Ich wollte ihn einfach noch ein wenig anschauen und sei es auch nur aus der Ferne. Außerdem weiß ich jetzt, wo er wohnt. Und so eine Adresse kann einem schonmal nützlich werden. Vielleicht sollte ich ihm mal Blumen nach Hause schicken? Oder ist es dafür noch etwas zu früh? Wie dem auch sei. Wie mein werter Vater immer sagte: Besser haben als brauchen. Was wohl seine Eltern von mir halten? Und wann werde ich sie kennen lernen? Oder hält er mich etwa vor seinen Freunden und seiner Familie geheim? Das fände ich schon etwas aufregend, aber auf Dauer ist das natürlich auch nicht schön. Aber das wird die Zeit zeigen. Am Wochenende werden wir uns wiedersehen und ich kann mich wieder in seine weichen, warmen Arme begeben. Dorthin, wo ich mich wahrhaft zuhause fühle.


1. März

Liebes Tagebuch:
Ich bin am Ende! Luca hat unser Treffen am Wochenende abgesagt. Er meinte, es sei ihm etwas Wichtiges dazwischengekommen. Was kann denn wichtiger sein, als dass wir uns wiedersehen? Oder geht da etwas noch etwas anderes vor? Ist er vielleicht meiner schon überdrüssig geworden und trifft sich schon heimlich mit anderen? Ich muss es herausfinden! Halte dein Lesebändchen fest; Wir gehen auf ein Abenteuer!

Nur gut, dass ich mir seine Adresse aufgeschrieben hatte. Ein kleines Mehrfamilienhaus. Von der Wohnungsnummer ausgehend, ist es eine Wohnung im Erdgeschoss. Mit etwas Glück ja die, deren große Wohnzimmerfenster genau auf die Straße zeigen, auf deren gegenüberliegenden Seite ich mich im Schatten eines parkenden Transporters halte. Und, gelobt sei die Göttin, ich habe Glück. Gerade ist das Licht angegangen. Luca kommt von einem Winkel, den ich aus meiner derzeitigen Position nicht ausmachen kann, zum Fenster getreten. Hinter ihm kann ich eine zweite Gestalt erkennen. Ich hatte also Recht. Mein Herz bricht ein klein Wenig mehr. Der zweite Mann, der nun auch in mein Blickfeld tritt und sich kurz darauf Luca gegenüber niederlässt, sieht um einiges älter aus als er. Und er ist nicht mal halb so schön. Mein Atem stockt. Er hat Lucas Hände ergriffen und hält sie nun in seinen riesigen Pranken. Ich schaue wieder zu Luca. Er sieht nicht glücklich aus. Ich er vielleicht gegen seinen Willen in dieser Situation? Zwingt sich dieser hässliche Riese etwa meinem Luca auf. Ich muss etwas tun.

Puh, ich komme gerade erst wieder zu Atem. Nachdem ich einen recht ordentlichen Stein gefunden hatte, habe ich damit die Scheibe des Autos versucht zu zerschmeißen, das am ehesten nach dem alten Sack da drin aussah. Und scheinbar hatte mein Gespür mich nicht getauscht, denn ich sah, wie die beiden erschrocken nach draußen blickten. Ich hatte mich geschwind hinter dem nächsten Fahrzeug versteckt und gehofft, dass die Beleuchtung (auch wenn fraglich ist, ob sie die Bezeichnung als dieselbe verdient) ihr übriges tat. Als ich sah, wie der Mann aufsprang und aus meinem Blickfeld eilte habe ich meine Beine in die Hand genommen. Ich brauchte keine Konfrontation mit dieser geborenen Killermaschine. Aber zumindest gab es Luca die Gelegenheit, sich zu verbarrikadieren.


2. März

Liebes Tagebuch,
Scheinbar war meine Aktion von gestern Abend erfolgreich. Als ich heute Morgen an Lucas Haus rein zufällig vorgelaufen bin, war das Auto und scheinbar auch der Mann verschwunden. Aber ganz sicher konnte ich mir nicht sein, also habe ich gewartet. Es hat fast eine Stunde gedauert, dann habe ich Luca aus dem Haus kommen sehen. Wunderschön, wie ich ihn in meiner Vorstellung immer gesehen habe, wenn auch etwas blasser als gewöhnlich. Oder habe ich mir das nur eingebildet? Vielleicht war es die Morgensonne. Aber ich konnte ich anders, als ihm zu folgen. Doch als er an einer Haltestelle in einen Bus stieg habe ich ihn verloren. Wo er wohl hinfahren mag? Ein kurzer Check auf meinem Telefon gibt keinen weiteren Aufschluss. Er hat nirgendwo etwas gepostet. Auch sein Online-Kalender hat keinen Eintrag. Also bleibt mir nur eine Möglichkeit.

Nachdem ich bei ein paar Leuten geklingelt habe, hat mir eine Frauenstimme die Tür geöffnet, nachdem ich ihr erzählt habe, ich sei von einem Paketdienst und wolle nur eine Sendung abgeben. Das Schloss an Lucas Wohnungstür ist ein einfaches Zylinderschloss. Nicht gerade sicher, da man sich mit einem Dietrich recht einfach Zutritt verschaffen kann, wie ich bewiesen habe.  Seine Wohnung ist nicht groß, aber offen geschnitten und, durch die großen Fenster, lichtdurchflutet. Die Möbel waren zusammengewürfelt, hatten jedoch eine einladende, vertraute Gesamtausstrahlung. Ich atme tief ein. Sein Geruch liegt in der Luft. Dieser herrliche Duft nach seiner warmen Umarmung. An den Wänden des Flurs hängen Fotos von Luca und verschiedenen anderen Personen. Er sieht so hübsch aus, wenn er lächelt. Ich schaue mir die Bilder eins nach dem anderen an, während ich langsam den Gang entlang gehe auf die Tür zu, hinter dir ich sein Schlafzimmer vermute. Wieder gut geraten. Ich trete in den Raum und lasse die einströmenden Eindrücke auf mich wirken. Das Zimmer ist ebenso hell wie der Wohnbereich. An der Wand steht ein großer Kleiderschrank mit Schwebetüren, die zur Seite aufgeschoben werden. Auf dem Boden lieben fallen gelassene Kleidungsstücke. Ich hebe ein Hemd auf und rieche daran. Für einen Augenblick bade ich in seinem Duft und vergesse, wo ich bin. Sein Bett ist ungemacht und noch von der Nacht zerzaust. Wie ein Süchtiger auf der Suche nach seinem nächsten Schuss lasse ich das Hemd fallen und gehe zum Bett. Noch bevor ich mich runterbeuge, kann ich ihn wieder riechen. Diesmal stärker, herber, männlicher. Ich begrabe mich unter seiner Decke und ziehe in einem langen, tiefen Atemzug die Luft durch die Nase ein, um so viel Luca wie möglich in mich aufzunehmen. Dann höre ich, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben wird und sich die Wohnungstür öffnet. Ist Luca etwa schon zurück? Panisch schaue ich mich im Raum um. Ich brauche einen Ausweg. Es lässt sich etwas schwerer erklären, warum ich in seine Wohnung eingebrochen bin. Seine Schritte nähern sich.
Die Tür geht auf und Luca tritt in den Raum. Ich halte die Luft an, um kein Geräusch von mir zu geben. Er kommt mir immer näher. Mein Herz schlägt immer schneller und als seine Füße vor mir zum Halt kommen, überschlägt es sich fast und ich bin mir sicher, er müsse mein Herz hören, so laut wie es schlägt. Dann schiebt er die Tür des Schrankes auf, nimmt etwas heraus. Mir wird etwas schwindelig, denn ich wage noch immer nicht zu atmen. Dann dreht sich Luca um und verlässt den Raum. Kurze Zeit später höre ich die Eingangstür ins Schloss fallen. Ruckartig stoße ich die angehaltene Luft aus und atme ein paar Mal tief durch, bevor ich unter dem Bett hervorkrieche. Das war knapp. Ich sollte nicht noch länger hierbleiben. Ich sammle ich das fallengelassene Hemd auf und stecke es in meine Tasche. Im Herausgehen pflücke ich noch eines der Fotos von Luca von der Wand und verstaue es in der Innentasche meiner Jacke.
Als ich das Haus verlasse muss ich lächeln. Je mehr ich über ihm weiß, desto besser, denke ich mir. Wir werden das perfekte Paar sein!

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