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Der Literatur-Strich

Der Kellerbergkeller

Lesedauer 7 Minuten

„Du bist’s!“
„Och Mann, das ist doch unfair. Deine Beine sind viel länger als meine. Da erwische ich dich nie“, schmollte Martin.
Er brauchte immer ewig, um Christoph zu fangen. Und kaum hatte er ihn, dauerte es nur Momente und er war schon wieder dran. Kein Wunder, lagen doch 5 Jahre und mindestens 30 Zentimeter Größe zwischen ihnen.
Sie liefen über die freie Fläche, den Hügel hoch zum Spielplatz und schließlich in Richtung der Keller. Abrupt blieb Christoph stehen und sein Bruder knallte gegen seinen Rücken.
„Was soll das? Das zählt aber als fangen und du bist wieder dran“, keuchte Martin.
Der Ältere drehte sich um. Sein Grinsen verwandelte sich in ein ernstes Gesicht, noch bevor sein Spielgefährte es ausmachen konnte.
„Wir sollten nicht in die Nähe der Keller kommen.“
„Warum nicht? Sind doch nur Keller.“
„Das denkst du. Hier ist es gefährlich. Und es ist bald wieder so weit.“
„Was redest du? Was ist bald wieder so weit? Du ärgerst dich nur, weil ich dich gefangen hab. Gib’s doch einfach zu, du bist gestolpert und darum habe ich dich erwischt.“
„Nein, ganz sicher nicht“, Christoph schüttelte heftig den Kopf. Seine Augen waren geweitet und als er einen Schritt auf seinen Bruder zumachte, schüttelte er sich.
„Es ist unheimlich bei den Kellern. Es verschwinden Menschen und sie tauchen Wochen später tot wieder auf“, erklärte er seinem kleinen Bruder weiter.
„Davon habe ich noch nie gehört. Du willst mir nur Angst einjagen.“
„Nein, ganz bestimmt nicht. Ich schwöre.“
Christoph hielt zwei seiner Finger ausgestreckt nach oben. Die andere Hand hatte er am Rücken, damit sein Bruder nicht sehen konnte, wie er dort die Finger überkreuzte.
„Ich werde ganz einfach Mama fragen. Ich glaube dir nicht“, trotzte Martin.
„Das kannst du gerne machen. Aber die Erwachsenen werden dir die Wahrheit nicht erzählen. Die wollen nicht, dass du dich fürchtest. Ich werde dir alles sagen, du sollst nicht hier vorbei gehen, ohne zu wissen in welcher Gefahr du dich befindest.“
Martin war sich sicher, dass sein Bruder log. Doch was er sah, war Angst.
„Und was soll das für eine Gefahr sein? Was passiert denn schon groß am Kellerberg?“
„Sag doch mal ehrlich. Hast du denn schon mal jemanden gesehen, der diese Keller betreten hat?“
Sein Bruder musste überlegen, schüttelte aber schließlich den Kopf. Nun war sich Christoph sicher, sein Bruder würde ihm alles glauben.
„Alle 50 Jahre verschwinden hier Menschen. Keiner weiß warum. Und ein paar Wochen später tauchen sie dann plötzlich wieder auf. Die Leichen werden mit Wunden übersäht und blutleer vor den Kellern gefunden.“
Martins angewiderte Grimasse spornte ihn nur weiter an und er schob seinen Bruder vorsichtig in Richtung der Keller.
„Das letzte Mal war es am 5. Juni 1938.“
„Das ist doch Quatsch. Dann wären morgen die 50 Jahre voll und jemand würde hier verschwinden. Da würde doch die Polizei alles absperren und beobachten, damit das nicht passiert.“
„Nicht einmal die trauen sich her.“
Christoph schob seinen Bruder weiter zu einem der maroden wirkenden Tore.
„Vor 50 Jahren ist hier ein Mann verschwunden. Als man seine Leiche fand, wurde sofort sein Bruder verdächtigt. Angeblich ging es um Streitigkeiten wegen einer Erbschaft. Man konnte es ihm nie nachweisen und bis heute behauptet er, dass er unschuldig ist. Angeblich wollte man nur von den unheimlichen Vorgängen am Kellerberg ablenken. Ein Bauernopfer, um Panik zu vermeiden. Es heißt man soll manchmal seltsame Geräusche hören, wenn man an den Kellern vorbei geht. Ich habe es selbst schon gehört.“
Er deutete nun auf den von Rost zerfressenen Eingang, der Dank der Dunkelheit des Kellers nichts von innen preisgab.
„Das ist der Ort. Hier haben sie ihn gefunden.“ Er machte eine dramatische Pause. „Manche sagen, dass man das Höllenfeuer lodern sieht, wenn man hineinschaut.“
Christoph blickte durch eines der Rostlöcher und sein Bruder tat es ihm gleich.
„Siehst du das?“, fragte er den Jüngeren unschuldig.
„Nein, was?“ Martin strengte sich an, in der Dunkelheit etwas auszumachen.
Ein schauderhaftes Quietschen ließ ihn einen Satz nach hinten machen und er stieß einen hohen Laut aus. Es dauerte einen Moment, bis sein Herz sich beruhigte und er das Lachen seines Bruders hörte.
„Du bist so ein Idiot! Das sag ich Mama!“
Nun erkannte er auch das Metall in Christophs Hand, mit dem er auf dem rostigen Tor gekratzt hatte, um das Quietschen zu verursachen.
„Mach nur. Erzähl ihr doch davon. Dann bist du nicht nur ein feiger Hosenscheißer, sondern auch noch eine Petze!“
Das wollte Martin nicht auf sich sitzenlassen. Jeder hätte sich in der Situation erschrocken. Er rannte auf seinen Bruder zu, doch der war schneller.
„Na los, fang mich doch, wenn du kannst!“
Christophs Lachen schallte über den gesamten Kellerberg.


Martin wälzte sich in seinem Bett. Es gingen ihm die Ereignisse des Tages im Kopf rum und es ärgerte ihn noch immer, dass ein Bruder ihn einen feigen Hosenscheißer genannt hatte. Er wollte ihm beweisen, dass er falsch lag.
Die Uhr zeigte kurz vor Mitternacht an.
Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang er aus dem Bett und zog sich an. Er verstaute seine Taschenlampe und ein paar Comics im Rucksack und schlich über den Flur aus der Haustür hinaus.
Die Nacht war kühl und der Mond hatte Schwierigkeiten sich durch die Wolkendecke zu kämpfen. Martin schlang die Jacke fester um seinen Körper. Er stieg den Hügel am Kellerberg hinauf und es schauderte ihn, doch er würde es seinem Bruder schon zeigen. Ihm war nur kalt, er hatte keine Angst. Vor nichts und niemandem. Und wenn er es sich nur lange genug einredete, dann würde er es auch selbst glauben.
Die Keller waren ruhig, also setzte er sich auf eine Bank beim Spielplatz. Er zog die Taschenlampe und einen Comic aus seinem Rucksack und begann zu lesen.
Der Wind strich durch die Bäume und brachte deren Schatten zum Tanzen.
Das Knacken der Äste war ihm unheimlich, so kauerte er sich noch etwas mehr zusammen.

Ein Regentropfen riss ihn aus der Konzentration, mit der er Mickey Mouse und Donald Duck bedacht hatte. Wie lange mochte er schon hier gesessen haben?
Er suchte in seinem Rucksack nach einem Regenschutz.
„Mist!“, entfleuchte ihm ein Fluch, als er nicht fündig wurde.
Er könnte nun wieder gehen, dann wäre er vielleicht wieder zuhause, bevor es richtig aus den Wolken gießen würde. Aber Christoph würde ihn nur weiter feig nennen und hätte einen Beweis mehr.
Ein Schatten bewegte sich in seinen Augenwinkeln. Danach folgte ein Krachen.
Martin zuckte zusammen und blickte zu den Kellern.
Soll ihn sein Bruder doch für feig halten. Sein Herz wummerte in seiner Brust.
Er stopfte die Comics in den Rucksack, als ihn eine plötzliche Wärme erfasste. Der Regen schien verschwunden und er musste sich seiner Jacke entledigen, um nicht zu schwitzen.
Das Tor, an dem sie tagsüber gewesen waren, war einen Spalt geöffnet.
Helles Licht flackerte durch die Öffnung. Seltsam war auch, dass die Rostlöcher dunkel blieben. Martin war neugierig, was es damit auf sich hatte.
Er ging näher und versuchte, aus einer noch sicheren Entfernung, durch den Schlitz etwas zu erblicken. Doch der Winkel war wohl schlecht, denn er konnte nichts weiter erkennen. Nur den flackernden Lichtschein, nicht jedoch seine Herkunft.
Mittlerweile hatte er seinen Pullover ausgezogen. Es wurde immer wärmer. Noch wärmer als es tagsüber gewesen war, obwohl sie da herumgetollt waren.
„Feiger Hosenscheißer“, hörte er ein Flüstern aus dem Keller.
„Christoph? Bist du das?“
„Hahaha, erzähl es doch Mama, du Petze!“
„Bist du mir hierher gefolgt du Blödmann? Du erschreckst mich nicht mehr!“, Martin ging zielsicher auf den Keller zu. „Und, dass du es weißt, ich war zuerst hier. Ich bin also nicht feig!“
Er öffnete das Metalltor, das nur ächzend nachgab. Sein gellender Schrei schnitt durch die Stille der Nacht. Darauf folgte der dumpfe Laut, mit dem sein Rucksack auf den Boden knallte.

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