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Der Literatur-Strich

Schicksalssprung 

Lesedauer 4 Minuten

 

 

 

„Und nun die letzte Teilnehmerin in der Kategorie Weitsprung: Cornelia Weber für den SV Schwechat!“ 
Ihr Name schallte über den gesamten Platz. Cornelia Weber. Es war das erste Mal, dass sie an einem internationalen Turnier teilnahm, doch der Ausgang würde über ihr weiteres Leben entscheiden. Sie wollte mindestens unter die ersten Fünf kommen. Nur dann würde sie eine weitere Karriere im Sport überhaupt in Betracht ziehen. Sie war bereits unter den Top10. Gerade so. Um unter die ersten 5 zu kommen, musste sie 30 Zentimeter weiter springen, als ihr bester Versuch bisher war. Um zu gewinnen, fehlten ihr über 50 Zentimeter. Nun würde sich zeigen, wie gut sie war. Wie sehr sie das hier wollte. Was war die Alternative? Ein Bürojob? 40 Stunden in der Woche in Meetings, am Telefon oder vor dem Computer verbringen. War das wirklich eine Alternative? Cornelia schauderte es.   
Oder vielleicht würde sie im Handel enden. Dazu verdammt anderen Menschen fröhlich zu begegnen, auch wenn sie traurig war. Nein, das würde sie nicht. Das konnte sie nicht.  
Was dann? Was war die Alternative?  
Sie konnte nichts anderes. Wollte sich auch nichts anderes vorstellen.  
Cornelia versuchte sich auf den Sprung zu konzentrieren, doch die Gedanken wollten nicht von ihr ablassen. Sie sprang ein wenig am Stand, um die Muskeln weiter aufzuwärmen.  
Das Rudolf-Tonn-Stadion war gut besucht. Das Wetter war gut zu ihnen und schickte die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings auf die Tribüne.  
Vor wenigen Wochen erst war das Stadion wieder freigegeben worden. Es war die erste Veranstaltung seit der Renovierung. Wenn man von den Fußballspielen absehen mochte. Auch wenn ihre Leistung bisher nicht danach aussah, so hatte sie hier Heimvorteil. Einige Besucher jubelten ihr zu. Manche schrien ihren Namen.  
Cornelia riss ihre Hände in die Höhe und klatschte den Zusehern zu. Es half ihr sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auf den einen Sprung, an dem alles hing. Nun konnte sie zeigen, dass die Jahre des Trainings nicht umsonst waren. Jeder würde sehen, wie sehr sie das alles wollte. Wie sehr sie es verdiente.  
Cornelia richtete sich nun zur Sandgrube aus. Einen Moment lang konnte sie alles andere verdrängen. Hörte nichts. Sie setzte sich in Bewegung. Mit jedem Schritt legte sie an Geschwindigkeit zu.  
Plötzlich hörte sie es doch. Es war wie ein Rhythmus, der sich an ihren Lauf anpasste. Ein Chant der immer wieder von der Tribüne gerufen wurde.  
„NEL-LI! NEL-LI! NEL-LI!“ Die Zuschauer riefen ihren Spitznamen.  
Ein letzter Schritt. Sie stieß sich mit aller Kraft vom Absprungbalken ab. Die Erschütterung ging ihr durch Mark und Bein. Kurz ruderte sie mit den Armen, um sich aus der Rückenlage zu befreien und ihren Oberkörper nach vorne zu klappen. Es gab ihr nochmal ein wenig mehr Schub. Auch hatte Cornelia das Gefühl, als würde der Chor von den Sitzplätzen sie weiter durch die Luft tragen. 
Das war es, was sie wollte. In diesem Moment fühlte sie sich frei. In diesem Augenblick fühlte sie sich geliebt. In diesem kurzen Zeitraum war alles möglich.  
Der feuchte Sand linderte den Aufprall, als sie wieder auf der Erde aufkam. Cornelia ließ sich leicht seitlich, nach vorne gebeugt fallen, um sich mit den Händen aufstützen zu können. Sie wollte nicht durch ungeschicktes Aufstehen ein schlechteres Ergebnis erzielen.  
Als sie wieder stand, sah sie bereits die Schiedsrichter mit einem Maßband kommen. Nach wenigen Sekunden riss Cornelia die Hände in die Höhe und rannte in Richtung der Tribüne. Sie schüttelte Hände und umarmte jene Menschen, die ihr heute Flügel wachsen ließen. Heute, hier in diesem Moment, waren das keine Fremden. Nicht einfach nur Zuseher. Es waren Freunde. Nein, sie waren mehr als das. Sie waren Familie. Eine Familie, die ihr zu diesem Erfolg verholfen hatte.  
„Mit einer Weite von 6 Metern und 11 Zentimetern ist die Siegerin des diesjährigen U23-Finales, Cornelia Weber vom SV Schwechat!“

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