Kategorien
Der Literatur-Strich

Das Erbe des Hauses Niccolo

Lesedauer 16 Minuten

So aufgeregt wie jetzt, da sie an dem festlich mit Blumen geschmückten Altar stand, war Lucia die ganzen 17 Jahre ihres Lebens noch nicht gewesen. Die Goldstickereien auf ihrem roten Kleid glitzerten in der Morgensonne, welche durch das große runde Fenster über dem Altar fiel. Vor ihr, gekleidet in eine Robe aus demselben roten Stoff und mit Verzierungen passend zu ihrem Kleid, stand Paolo, ältester lebender Erbe des Hauses Niccolo – ihr Ehemann. Vor Gott und Menschen getraut, war sie nun sein. Dort, wo ihre Hand nach alter Tradition an die seine gebunden war, kribbelte ihre Haut. Als er seinen Kopf zu ihrem senkte, um den Bund mit einem innigen Kuss zu besiegeln, war ihr Glück vollkommen.

Ein lauter Schrei riss Lucia aus dem Schlaf. Sie schreckte hoch und blickte instinktiv neben sich. Dort neben ihr lag Paolo, welcher ebenfalls von dem lauten Geräusch geweckt worden war. Lucia sprang aus dem Bett und stürmte schon zur Tür hinaus, als sich Paolo gerade erhob. Im Flur des weitläufigen Hauses blieb sie stehen und spitzte die Ohren. Paolo erschien hinter ihr, während er sich gerade ein Hemd überwarf. Sie hörte ein Schluchzen und lief, gefolgt von ihrem Gatten, die Treppe hinunter. „Lucia, so warte doch!“, rief Paolo hinter ihr. Doch sie lief weiter den wehleidigen Lauten nach, welche von der Küche her zu ihr drangen. Sie schlug die Tür auf, blickte in den Raum und sackte auf die Knie, als sie den Ursprung des spätnächtlichen Tumultes erblickte. Die Hände vor den offenen Mund gepresst und die Augen weit aufgerissen sah sie im Schein der flackernden Kerzen eine Gestalt in der Ecke des Raums liegen. Eine rote Pfütze hatte sich um sie herum auf dem Boden ausgebreitet und eines Messers Griff ragte aus dem gräulich-bräunlichen Gesindegewand. Neben der jungen Frau, welche am Boden lag, kniete Andrea, die robust gebaute, in die Jahre gekommene Köchin des Anwesens. Von ihr schien der weckende Schrei ausgegangen zu sein und noch immer schluchzte sie vor sich hin, während sie neben der blassen Gestalt am Boden kniete. Paolo warf einen kurzen Blick auf das Geschehen und wandte sich dann zu Lucia. Er griff ihr unter die Arme, wie einem kleinen Kind, und zog sie auf die Beine. „Meine Liebe. Vielleicht solltest du dich wieder hinlegen, um diesen Schock zu verkraften“, sagte er mit ruhiger Stimme, doch das Zittern seiner Oberlippe verriet ihr, dass er sehr viel Beherrschung aufwand. „Mario!“, rief er laut und kurz darauf erschien einer der Bediensteten des Hauses. „Begleite meine Gattin bitte wieder in unser Schlafgemach.“ Lucia, noch immer in Schock, unternahm einen eher halbherzigen Versuch, sich Marios Händen zu erwehren, welche sie mit wenig Mühe in die Höhe hoben. Bevor Mario sie davontragen konnte, ergriff sie ihres Mannes Arm. „Was ist hier passiert?“, fragte sie mit brüchiger Stimme, „Nimmt denn unser Unglück kein Ende? “ Paolo legte seine Hand auf die ihre. „Keine Sorge, meine Liebste. Ich werde herausfinden, was hier vorgefallen ist.“ Sie blickte ihm tief in die Augen, als um die Wahrheit darin zu lesen, bis er den Blickkontakt abbrach, kurz zu Boden sah und sich dann wieder dem bleichen Körper der Küchenmagd zuwandte, deren Leben ihr mit der Flut ihres Blutes entronnen war. Lucia ließ ihres Gatten Arm los und erlaubte Mario so, sie von der Küche fort und die Treppe hinauf in ihr Gemach zu tragen. „Das Unglück scheint unser Haus zu verfolgen!“, dachte Lucia bei sich, noch immer aufgewühlt ob des eben Erlebten. Erst die Magd, welche vor ein paar Wochen beim Putzen die Treppe heruntergestürzt war und sich dabei den Hals gebrochen hatte. Dann der Stallknecht, welcher in den Stallungen durch die Heu-Luke in den Tod gestürzt war.‘ Doch der heutige Vorfall schien für sie weder ein Zu- noch ein Unfall gewesen zu sein. Sie konnte nur hoffen, dass ihr Paolo, trotz seiner scheinbaren Zweifel, hinter die Umstände dieses unglücklichen Zwischenfalls kommen würde.
In der Zwischenzeit hatten sie ihr Gemach erreicht und Mario bettete sie vorsichtig auf den weichen Leinen. Kurz darauf erschien ein weiterer Bediensteter mit einem Tonbecher, zur Hälfte gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Als sie trank, brannten ihr Mund und Hals und sie hustete ein paar Mal heftig. Doch dann breitete sich eine wohlige Wärme in ihrem Bauch aus und die Lider ihrer Augen wurden schwerer. Nach einem weiteren Schluck wurden ihre Gedanken langsamer, ja zähflüssiger, und kurz darauf fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als Lucia am nächsten Morgen erwachte, war die Sonne bereits aufgegangen und warf ihr güldenes Licht durch das Fenster des Schlafgemachs auf ihre Seite des Bettes. Die andere Hälfte, welche gewöhnlich von ihrem Paolo logiert wurde, war leer. Scheinbar war ihr Gatte, beschäftigt mit dem plötzlichen Todesfall von letzter Nacht, nicht noch einmal in die eheliche Bettstätte zurückgekehrt. So erhob sich Lucia, kleidete sich an und stieg die Treppe hinunter. Auf der Suche nach ihrem Angetrauten betrat sie die Küche, nur um diese in dem gewohnt geschäftigen Zustand und ohne jegliche Spur der spätnächtlichen Geschehnisse des Vortages vorzufinden. Paolo war nirgends zu erspähen. Andrea eilte ihr entgegen. „Signora, welch Freude, euch wohlauf zu sehen. Kann ich euch etwas zu essen bereiten? Ihr seht ausgezehrt aus.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, dirigierte sie eine Handvoll Mägde, welche sogleich anfingen, hölzerne Platten mit Trauben und Käse, einen Bastkorb mit Brot und einen Tonkrug mit verdünntem Wein auf dem Tisch im vor der Küche gelegenen Speisezimmer zu präparieren. Nach vergeblichen Versuchen, das Treiben zu unterbrechen, wand sich Lucia wieder an Andrea: „Eigentlich bin ich auf der Suche nach meinem Gatten.“ Kurz verengten sich die Augen der Köchin, bevor sie antwortete: „Ich nahm an, dass er bei euch sei. Nachdem er sich um die Beseitigung des armen Dings gekümmert hatte“, und sie deutete mit der Hand auf die Stelle am Boden, an der noch ein paar Stunden zuvor die Leiche der verblichenen Magd gelegen hatte, „wollte der Signore sich ebenfalls noch einmal zur Ruhe legen. Doch ist es nicht an mir, seiner Lordschaft Entscheidungen und Tätigkeiten zu hinterfragen.“ Lucia meinte, einen leicht trotzigen Unterton im letzten Satz vernommen zu haben, tat es aber als der vorherigen Nacht geschuldet ab. Sie bedankte sich und verließ die Küche. Gerade als sie sich an den Tisch setzte, öffnete sich die Tür und Paolo betrat das Haus. Er erblickte Lucia und schritt auf sie zu. Sein Haar war zerzaust, seine Kleidung zerknittert und unter seinen Augen lagen tiefe Schatten. „Meine Liebste. Ich hoffe, du konntest noch einmal schlafen, nachdem du diesen verstörenden Anblick ertragen musstest.“, sagte er, als er durch den Raum schritt, ihre Hand in die seine nahm und zu seinen Lippen führte. Dann richtete er sich wieder auf und schritt zu dem anderen Ende des Tisches, während er Andrea zurief, dass man auch ihm etwas zu essen bringen solle. Als er auf seinem kurzen Weg zum gegenüberliegenden Ende des Tisches Lucia den Rücken zuwandte, erspähte diese einen Halm Stroh, welcher sich in seinen langen schwarzen Haaren an der Hinterseite seines Kopfes verfangen hatte. Lucia stutzte. „Oh Paolo, ich schlief wie ein Stein. Doch bin ich heut Morgen erwacht, um deine Seite unseres Bettes unbelegt zu finden. Was hat dich ferngehalten von Rast und Schlaf? “ Paolo blickte kurz zu ihr auf, doch sein Blick entfloh dem ihren nach einer kurzen Weile. Ein paar Mägde kamen aus der Küche und brachten die georderten Speisen und einen weiteren Becher. Nachdem sie wieder in der Küche verschwunden war, antwortete der Herr des Hauses: „Ich habe mich des unglücklichen Kindes sterblicher Überreste angenommen. Betrüblicherweise hat mich Schlaf dadurch gemieden.“ Lucia suchte wieder in ihres Gemahles Augen zu schauen, doch dieser wich ihren Blicken aus. „Was ist geschehen, mein Liebster?“, fragte Lucia. Paolo nahm einen Schluck von seinem Becher. „Das ist schwer zu sagen. Es scheint, als wäre die Ärmste bis spät ihren Pflichten nachgekommen und habe dann, in einem Zustand von Ermüdung, das Gleichgewicht verloren und sei in das Messer gefallen, mit welchem sie gerade hantierte.“ Lucia betrachtete ihr Gemahl eingehend. Ihr schien, als wäre er nicht sonderlich überzeugt von dem, wovon er sie zu überzeugen versuchte.

Nachdem sie ihr Mahl beendet hatten, verließ Paolo das Anwesen, nachdem er verkündet hatte, er wolle einen Ausritt machen. In letzter Zeit war er, wie es Lucia auffiel, öfter als sonst ausgeritten. Doch seit Paolo ein neues Pferd erworben hatte, einen pechschwarzen Bardigiano-Hengst, schien er eine neue Begeisterung für das Reiten gefunden zu haben. Das Tier war von stattlicher Größe und hatte ein rabenschwarzes Fell, welches in der Sonne schimmerte. Paolo hatte eine beachtliche Summe für den Hengst gezahlt. So beachtlich, dass er den Stallburschen des Tieres gleich dazubekommen hatte. Ein junger Bursche mit feinen Gesichtszügen und langen, sich leicht wellenden braunen Haaren.
Nun saß Lucia in ihrem Gemach und bestickte ein Leinentuch mit einem Abbild der Szenerie, welche sich vor ihrem Fenster zeigte. Sie sah den blauen Himmel. Weit, tief und ohne auch nur einen Wolkenfetzen erstreckte er sich bis zum Horizont. Dort ging er in das Gelb-Grün der Felder und Wiesen über, die sich über Meilen um ihr Anwesen erstreckten, bis sie von der Mauer ihres Gehöfts unterbrochen wurden. Dort sah sie nun die ersten Gebäude, das Vorratslager und die Ställe. Sie sah Paolo, gefolgt von dem Stallknecht, aus dem vorderen Tor heraustreten, den Rappen an der Hand. Ihre Hand wurde langsamer und hielt letztendlich in der Bewegung inne als Lucia sah, dass der Bursche einen der braunen Wallache hinter sich führte, ebenfalls gesattelt. Sie beobachtete, wie ihr Mann seinen linken Fuß in dem Steigbügel platzierte und Schwung nahm. Dann stieß er sich mit seinem rechten Bein vom Boden ab, allerdings zu schwach. Der Stallbursche bemerkte dies und griff, ohne zu zögern, mit beiden Händen an den Hintern ihres Ehemanns, um diesem den nötigen extra Schwung zu geben. Nachdem jener sicher im Sattel angekommen war, saß auch der Bedienstete auf und die beiden ritten in einem leichten Trab aus ihrem Sichtfeld. Lucia saß noch eine Weile wie erstarrt da. Dann legte sie ihre Arbeit beiseite und beschloss, ihre eigenen Nachforschungen anzustellen. Diese wiederkehrenden Todesfälle. Paolos seltsames Verhalten in letzter Zeit. Irgendetwas ging vor sich und sie würde herausfinden, was!

„No, Signora.“, Andrea warf einen nervösen Blick über Lucias Schulter hin zur Tür, welche die Küche zum Speisezimmer hin öffnete, „nichts Seltsames ist mir aufgefallen.“ Die Herrin des Hauses bemerkte ein leichtes Zucken in dem Mundwinkel der Köchin. Wieder warf diese einen flüchtigen Blick zur Tür. Lucias Augen verengten sich ein wenig. „Gebot mein Gatte dir, Stillschweigen zu bewahren? “ „No, Signora“, erwiderte Andrea, normalerweise ein Bild an Selbstbewusstsein, mit nervösem Zittern in der Stimme. Lucia verlor langsam ihre Geduld. „Dann sprich frei von der Seele und erzähle mir, was du weißt.“ Andrea seufzte und, nach einem weiteren prüfenden Blick, sprach: „Nun, Signora. Alles, was ich weiß, ist: Keines meiner Mädchen ist so ungeschickt, in ein Messer zu laufen oder zu fallen. Und alle … ähm … Gefallenen“, Andrea machte eine Pause und bekreuzigte sich, „waren außerhalb der gewohnten Zeit unterwegs.“ Lucia sah ihre Köchin einen Moment an und überlegte. Es schien, auch Andrea hielt die vergangenen Tode für keine reinen Unfälle. „Aber wer?“, fragte sie nachdenklich zur Hälfte sich selber und zur Hälfte Andrea, welche mit einem Schulterzucken reagierte. Lucia versank in einem Moment der Nachdenklichkeit, bis sie sich erneut Andrea zuwandte: „Wer hat die anderen armen Seelen gefunden? Das Mädchen an der Treppe und den Burschen in den Stallungen? “ Andrea ging einen Moment in sich und angestrengte Denkfalten bildeten sich auf ihrer Stirn. „Nun, die Magd wurde von einem meiner Mädchen entdeckt, als diese in der Früh ihren Pflichten im Haus nachkommen wollte. Doch wer den Stallburschen gefunden hat, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht kann Mario euch weiterhelfen. “ „Kann ich mit dem Mädchen sprechen? “, fragte Lucia. „Natürlich, Signora. Doch ich weiß nicht, von wie viel Hilfe sie euch sein kann.“, erwiderte Andrea, bevor sie die Magd zu ihnen rief.

Andrea sollte Recht behalten. Die junge Bedienstete war ein einfaches Mädchen und Lucia war nicht in der Lage, mehr Informationen von ihr zu bekommen, welche für sie hilfreich gewesen wären. Also beschloss sie es bei Mario zu versuchen. Irgendeine Erklärung musste es geben. Je mehr sie über diese Tragödien herausfand, desto weniger glaubte sie daran, dass es sich um Unfälle handelte. Sie fand Mario auf dem Hof, wo er gerade ein paar Knechten neue Arbeiten zuwies. Als er seine Herrin kommen sah, verbeugte er sich. „Signora, eine seltene Ehre, euch über den Hof streifen zu sehen. Wie kann ich euch behilflich sein? “ Lucia lächelte ob der einfachen Freundlichkeit. „Ich hoffte, du könntest mir etwas über den Burschen erzählen, welchen du vor einiger Zeit im Stall fandest. Jener, der vom Heuboden gestürzt sein solle.“ Wie zur Bestätigung ihrer Vermutung zeigte auch Mario plötzlich dasselbe Verhalten wie Andrea. Sein breites Grinsen verschwand, die Linien auf seiner Stirn wurden tiefer und er sah sich nervös nach allen Seiten um. Lucia entging dies nicht. „Du denkst also auch, dass es kein Unfall war“, flüsterte Lucia bestimmt, doch mit ein wenig Überraschung in der Stimme. „Sí Signora“, erwiderte der Knecht, ebenfalls flüsternd. „Doch wenn dieser Verdacht besteht“, entgegnete Lucia, „warum hast du ihn nicht an meinen Gemahl herangetragen? “ Mario blickte erneut in einer schnellen Runde über den Hof, wie um sicherzustellen, dass keiner ihren Worten lauschen konnte. „Das tat ich, Signora. Doch euer Gatte tat diesen ab und gebot, ich solle mich nicht weiter mit der Sache beschäftigen.“ Lucia war überrascht. Sie hatten also möglicherweise einen Mörder im Haus, welcher schon drei Menschen auf dem Gewissen hatte, und ihr Mann versuchte, dies zu verschleiern? Den Gedanken, welcher ihr als Nächstes kam, verdrängte sie direkt wieder. Sie musste ihn konfrontieren und herausfinden, was es mit der ganzen Sache auf sich hatte.
„Mario“
„Sí, Signora?“
„Bitte lass mich umgehend wissen, wenn mein Gemahl von seinem Ausritt zurückgekehrt ist.“
„Sí Signora.“
Er verbeugte sich erneut. Dann schritt er von dannen und Lucia kehrte in das Haus zurück. Sie wollte ihre Gedanken sortieren, bevor sie ihren Gatten zur Rede stellte. Was in der Welt war nur in ihn gefahren? Sie kannte ihn als so sanft, so liebevoll. Doch in letzter Zeit war eine Kälte bei ihnen eingezogen, welche nun zwischen ihnen nistete wie die Störche auf dem Dach der Scheune. Und diese Angelegenheit, welche Lucia nun untersuchte, schien diese weiter zu füttern.

Als die Sonne ihren Weg zum Horizont mit immer schnelleren Schritten antrat, kam Mario, um seine Herrin über die Rückkehr Paolos zu unterrichten. Sie warf sich ein Tuch über die Schultern und verließ das Haus. Auf ihrem Weg zu den Stallungen lief sie Bediensteten über den Weg, welche nach Beendigung ihres Tagewerkes die Gesindequartiere aufsuchten. Andere liefen über das Gehöft und entzündeten kleine Kerzen, wo noch Licht benötigt wurde. Im Stall angekommen bemerkte sie als Erstes die beiden Pferde, welche noch immer gesattelt und aufgezäumt in der Stallgasse standen, gelangweilt mit den Hufen scharrend. Paolo war nirgends zu sehen. Gerade wollte sie den Stall auf der Suche nach ihrem Gemahl wieder verlassen, als sie ein leises Stöhnen vernahm. Sie horchte auf. Das Geräusch schien vom Heuboden zu kommen. Sie ging also zu der Leiter und raffte ihr Kleid, um nach oben zu steigen. Mit jeder erklommenen Sprosse wurde das rhythmisch wiederkehrende Stöhnen lauter. Sie erkannte dieses Geräusch und als sie endlich den Kopf durch die Luke recken konnte, traute sie ihren Augen kaum. Dort, auf einem Heuhaufen, lag Paolo; unbekleidet und mit geschlossenen Augen. Vor ihm stand eine Gestalt, ebenfalls nackt, mit langem braunem Haar. Sie erstarrte. Paolo lag dort, ein Bein auf der Schulter des Jünglings, das andere zur Seite weg gespreizt, seine Erektion so hart, dass sie ein paar Zentimeter über seinem Bauch in der Luft hing und im Rhythmus der Stöße des braunhaarigen Burschen wippte. Dieser hatte seine von der täglichen Arbeit gestärkten Hände an der Hüfte ihres Mannes und stöhnte zusammen mit ihm im Takt ihres Treibens, während er mit seinem zur Seite geneigten Kopf und feuchten Lippen den auf seiner Schulter liegenden Unterschenkel seines Herren liebkoste. Paolo hatte eine Hand auf die Brust seines Knechtes gelegt und mit der anderen an dessen Hüften gab er die Geschwindigkeit vor, welche sich stetig steigerte. Lucia sah, wie Paolos Hand begierig seines Spielgefährten Pobacke knetete und sie immer schneller und weiter zu sich heranzog. Das Keuchen der beiden wurde lauter und Lucia sah, wie ihr Gatte zu zucken begann. Noch ein paar Stöße und er entlud sich in hohem Bogen teilweise auf sich selbst, teilweise in das Heu unter ihm. Sein Stöhnen mischte sich in das des Burschen, der nun einen letzten tiefen Stoß machte und sich dann nach vorne fallen ließ, um auf Paolos Bauch zu landen. So blieben sie liegen, noch immer ineinander und laut keuchend.
Lucia konnte ihren Augen kaum glauben. Ihr Geliebter, ihr vor Gott angetrauter Ehemann ließ sich von einem dahergelaufenen Stallknecht derartig schänden? Die ersten Tränen liefen ihr über die Wangen. Nun ergab alles einen Sinn. Bevor sie es verhindern konnte, entfuhr ein Schluchzen ihrer Kehle. Sie schlug sich die Hand vor den Mund, doch es war zu spät. Die beiden Männer hatten das Geräusch vernommen und waren aufgeschreckt. Panisch sahen sie sich im Raum um, bis Paolos Blick auf die Luke fiel und direkt den von Lucia traf. Ihre Augen waren bereits von Tränen verschleiert, doch sie konnte klar die Überraschung, die Scham und den Schrecken in den seinen erkennen. Wenn er also für all dies verantwortlich war, musste sie verschwinden, und zwar schnell. Doch bevor sie auch nur eine Sprosse nach unten klettern konnte, hatte Paolo die kurze Strecke zwischen ihnen überwunden, sie an den Armen gepackt und nach oben gezogen. Nun stand sie da, hinter sich das Loch im Boden, an dem die Leiter lehnte, vor sich ihr nackter Mann. Beide sahen sich an, ohne etwas zu sagen. Lucia brauchte keine Worte, um zu wissen, was in ihrem Gatten vorging. Seine Augen zeigten alles. Schuld, Scham, Trauer, aber auch noch etwas anderes, das sie nicht deuten konnte. „Vergib mir, meine Liebste“, flüsterte Paolo. Dann gab er Lucia einen Stoß. Sie strauchelte, verlor das Gleichgewicht und stürzte nach hinten. Ihr Genick traf auf die Kante der Luke und sie fiel durch das Loch, durch welches sie zuvor gespäht hatte. Sie war bereits tot, als ihr Körper auf der festgetretenen Erde am Boden der Stallungen aufkam.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert