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Der Literatur-Strich

Die Geschichte der Sternschnuppen

Lesedauer 5 Minuten

„Wisst ihr eigentlich, wie Sternschnuppen entstehen?“, fragte Oma Jansen ihre beiden Enkel.
„Natürlich“, antwortete Felix sofort. „Das sind Partikel, die verglühen, wenn sie in die Erdatmo…“
Weiter kam er nicht, denn sofort fiel ihm seine kleine Schwester Rosalind ins Wort.
„Alles Quatsch. Das sind Wünsche, die vom Himmel fallen, wenn sie in Erfüllung gehen. Nicht wahr Oma?“
Die Kleine sah ihre Großmutter erwartungsvoll an.
„Das stimmt doch gar nicht. Wir haben in der Schule etwas Anderes gelernt.“
Felix war schon um einiges älter als seine Schwester. Diese bedachte ihn mit einem bösen Blick und streckte ihm die Zunge entgegen.
Oma Jansen lächelte ihre beiden Enkel liebevoll an: „Ihr habt beide recht.“
Sie zwinkerte Felix zu, der sich daraufhin wegdrehte. Er wusste ja, wie es wirklich war. Für die Märchen, die Großmutter immer wieder auftischte, war er wirklich schon zu alt, dachte er bei sich. Aber seiner kleinen Schwester zuliebe sagte er nichts weiter. Diese starrte ungläubig zu ihrer Großmutter.
„Wir haben beide recht?“
Sie bekam ein Nicken als Antwort.
„Das geht ja gar nicht!“ widersprach Rosalind.
„Doch, doch. Ich erzähle dir jetzt, wieso wir heute Sternschnuppen haben.“
Oma Jansen setzte sich zu Rosalind ans Bett und strich ihr eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht.
Dann begann sie mit leiser und sanfter Stimme zu erzählen:
„Es war einmal vor langer, langer Zeit, in einem sehr weit entfernten Land. Dort lebte ein junges, hübsches Mädchen von etwa 10 Jahren. Ihr Name war Danielle. Sie hatte braune Augen, die fast der Farbe eines wunderschönen Bernsteins glichen. Lange, braune Haare, die sich über die Schultern wellten. Doch die anderen im Dorf mieden sie. Sie war ihnen zu seltsam. Man sah sie oft am Feldrand sitzen und reden. Doch niemand war bei ihr.
Die anderen haben irgendwann aufgegeben, sie zu fragen, was das solle. Jedes Mal hat sie ihnen einen verwunderten Blick zugeworfen und gemeint: ‚Wieso fragt ihr so komisch? Ich rede doch mit den Tieren. Sie sollen dem Einhorn Grüße von mir bestellen.‘
Viele nannten sie eine verrückte Spinnerin, obwohl sie doch noch ein Kind war. Manche meinten, es würde Pech bringen, jemanden wie sie in der Stadt zu haben. Aber ihre Mutter war die einzige Heilerin in der Umgebung. Wenn jemand krank war, kam sie, um ihn wieder gesundzumachen. Sie liebte ihre Danielle. Sie nannte sie immer ihren kleinen Stern. Und da es die Heilerin nicht ohne ihre Tochter gab, ließ man sie in Ruhe.
Doch eines Tages kam großes Unglück über das Dorf. Die Pest brach aus. Niemand konnte helfen, auch Danielles Mutter nicht. Die Bewohner machten Danielle dafür verantwortlich. Immerhin, so war man überzeugt, bedeutete sie Pech für das Dorf. Es war eine sehr harte und eigenwillige Zeit gewesen. Böse Zungen behaupteten, dass man das junge Mädchen verbrennen müsse, damit die Krankheit ein Ende nehmen könne. Es vergingen ein paar Wochen und diese Menschen gewannen immer mehr Zuspruch. Man hat sich entschlossen, Danielle dem reinigenden Feuer zu übergeben, um die Stadt zu retten. Der Stadtvogt ließ das Mädchen von zu Hause holen. Ihre Mutter flehte und bettelte, dass er das doch überdenken möge. Ein unschuldiges Kind sei sie. Sie könne doch nichts für all dies. Doch er ließ sich nicht erweichen. Danielle wurde gefangen genommen und sollte am nächsten Tag auf dem Scheiterhaufen brennen. Die Heilerin betete um ein Wunder. Sie betete die ganze Nacht.
Am nächsten Tag wollte sie noch einmal einen Versuch wagen und mit den Bürgern sprechen. Vollkommen erschöpft schleppte sie sich zum Marktplatz, um auf die versammelten Menschen einzureden. Doch nichts half. So viele Menschen waren gekommen, obwohl es in Strömen regnete. Schließlich wurde Danielle herausgeführt.
Gerade, als man Danielle an den Pfahl binden wollte, ertönte ein lautes Donnern. Doch kein Blitz war dem vorangegangen. Die Wolken rissen auf einmal entzwei und gaben den Blick auf etwas Weißes frei. Noch weißer als Schnee je sein könnte. Es bewegte sich mit großer Geschwindigkeit in Richtung Erdboden. Die Bewohner trauten ihren Augen kaum, als sie sahen, wie ein Einhorn bei Danielle stehen blieb und ihr deutete, sie solle aufsteigen. Danielle flüsterte dem Einhorn noch etwas ins Ohr. Daraufhin trabte es zu der Heilerin und wartete, bis auch sie auf seinem Rücken saß. Noch bevor die Menge sich wieder gefangen hatte, waren sie gen Himmel verschwunden.
Lange Zeit erzählte man sich die Geschichte noch von Danielle, ihrer Mutter und dem wunderschönen Einhorn. Es heißt, dass jedes Mal, wenn man sich etwas wünscht, ein Stern am Himmel geboren wird. Und wenn es an der Zeit ist, diesen zu erfüllen, reitet Danielle auf ihrem Einhorn zum Stern hin, und bringt ihn zur Erde, um den Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen.“
„Und das sind dann die Sternschnuppen, oder?“, fragte Rosalind müde.
„Ja, das sind die Sternschnuppen, mein kleiner Stern“, antwortete ihre Oma leise.
Oma Jansen deckte ihre Enkelin noch zu und verließ dann leise den Raum.
Felix hatte die ganze Geschichte mit angehört, aber er wusste ja, wie es wirklich war.
Doch seit diesem Tag dachte er immer wieder an die Geschichte seiner Oma zurück und war sich sicher, Wünsche gehen in Erfüllung, es ist nur eine Frage der Zeit.

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