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Verena Schulz
Tick tack, tick tack.
Das permanente Geräusch des Zeigers kratzte allmählich an Anikas Nerven. Seit einigen Stunden musste sie bereits hier sitzen. Um genau zu sein, die ganze Nacht. Mit Mühe und Not konnte sie ihre Augen noch offen halten. Allerdings war Anika sich nicht ganz sicher, wie lange sie noch durchhalten würde. Sie verstand nicht, was sie noch hier sollte. In dem kleinen Verhörraum war es so, als ob die Zeit extra langsam ablaufen würde. Ungeduldig wartete sie darauf, dass sie endlich nach Hause durfte. Wobei sie nicht genau wusste, ob zu Hause der Ort war, zu dem sie heute zurückkehren wollte. Eigentlich nicht. Eigentlich war jeder Ort besser als das Haus ihrer Eltern. Nicht, dass sie ihre Eltern nicht liebte oder dass ihr Heim nicht gemütlich wäre, aber Erfahrungen können die Meinung über einen Menschen oder einen Ort sehr stark beeinflussen. Sowohl negativ als auch positiv. In diesem Falle, ganz klar negativ.
In den letzten Stunden hatte Anika genügend Zeit, sich in dem kleinen Raum um zu sehen. Er sah genauso aus, wie es im Fernsehen immer dargestellt wurde: der Boden war aus hellem Linoleum, die Wände gekleidet durch eine standard–weiße, rissige Tapete und in der Mitte drei Stühle um einen kleinen Edelstahltisch herum. Auf diesem befand sich ihr Wasserglas, ein Block und ein Stift. Die Beamten hatten wohl gehofft, dass sie zusätzlich zu der mündlichen auch noch eine schriftliche Aussage abgeben würde, oder im besten Falle, ein Geständnis. Letzteres kam jedoch nicht in Frage, wie auch ihr Alibi, welches aus einer geknickten Kinokarte bestand, einwandfrei beweisen konnte. Und das Erlebte der letzten Nacht aufzuschreiben, wäre Anika im Traum nicht eingefallen. Immerhin hatte sie den Polizisten bereits alle Angaben, welche sie machen konnte, mitgeteilt. Unter Tränen hatte sie in den letzten Stunden wieder und wieder erzählen müssen, was sie gesehen, wen sie gefunden und was sie danach getan hatte. Sie wusste selber, dass die Beschreibung eines Mannes, der von ihrem Elternhaus davongelaufen war, nicht gerade viel Aufschluss gab. Aber was hätte sie schon groß aus den gut 70 Metern Entfernung erkennen können? Er war groß, hatte kurze dunkle Haare auf dem Kopf und konnte ziemlich schnell laufen. Er war von der linken Straßenseite zur rechten gerannt, dann um die Kurve rum und war verschwunden. Das musste gestern Abend so gegen 10.00 Uhr gewesen sein. So genau konnte sie es allerdings nicht sagen, denn sie war noch ganz aus dem Häuschen gewesen, da sie gerade erst auf dem Heimweg von ihrem Date gewesen war.
Nach der Beobachtung war sie also den Weg weiter in Richtung ihres Hauses gegangen. Als sie dort angekommen war, hatte die Haustür weit offen gestanden. Anika hatte sofort ein mulmiges Gefühl bekommen und war dennoch ohne zu zögern hinein gegangen. Drinnen hatte sie erstmal nichts sehen können, was ihre Aufregung unterstützt hätte. Der Flur war, wie immer, aufgeräumt gewesen. Alles hatte an seinem Platz gestanden. In der Küche war es ebenso.
Sie hatte nach ihrer Schwester gerufen, jedoch hatte Sophie ihr nicht geantwortet, also hatte Anika beschlossen, dem leisen Geräusch zu folgen, von dem sie entschied, dass es der Fernseher sein musste. Sie war Richtung Wohnzimmer gegangen und begann dabei ihrer jüngeren Schwester zu erzählen, wie das Date mit Tim verlaufen war. Sie hätte auch niemals gedacht, dass sie einmal darüber würde. Tim war nicht gerade ihr Traumtyp. Aber aus irgendeinem Grund hatte sie eben auch nicht nein sagen können, als er sie gebeten hat, mit ihrm auszugehen. Dies und noch mehr, hatte sie also laut vor sich her gesagt, in Erwartung einer Reaktion von ihrer Schwester. Jedoch blieb diese aus. Sophie sagte nichts. Weder in diesem Moment noch später. An diese Stille würde sie sich wohl gewöhnen müssen.
Dieser Gedanke war es, der ihr einen dicken Kloß im Halse bescherte und ihr eine Träne über die Wange laufen ließ. Sie schluckte schwer und rieb sich die Augen. Anika sah zu ihren schwarz beschmierten Händen hinunter. Ihre Wimperntusche hatte scheinbar ihren Dienst boykottiert. ‘Wasserfest ist der Blödsinn auch nur, wenn man sich abschminken will.’ dachte sie, während sie erfolglos versuchte, die Farbe von ihren Fingern zu reiben, diese aber stattdessen noch weiter verschmierte.
Die Tür des Verhörraumes wurde schwungvoll geöffnt und ein Polizist betrat den Raum. Es war derselbe, welcher Anika über die letzten Stunden immer verschiedene Fragen mit demselben Inhalt zugemutet hatte.
“Frau Schubert, wir haben Ihr Alibi überprüft und Sie können vorerst gehen.“ Bitte bleiben Sie in der Stadt. Sobald wir neue Erkenntnisse gewonnen haben, werden wir Sie und Ihre Eltern darüber informieren.”, sagte er in einem bestimmten, aber dennoch weichen Tonfall.
Anika senkte den Blick zu Boden. Mit zittriger Stimme fragte sie: “Können Sie mich nach Hause fahren?”. Der Polizist sah sie mitleidig an und nickte stumm.
Wenige Minuten später fand sie sich selbst in einem Streifenwagen wieder. Ihr Kopf lehnte an dem Seitenfenster des Wagens. Es war angenehm kühl. Während die Landschaft an ihr vorbei zog und im Radio irgendein neumodischer Pop-Song lief, erlag Anika ihrer Erschöpfung und schlief ein.
‘Na los, gib dir einen Ruck!’ versuchte, sich selbst zu motivieren, das kleine Einfamilienhaus mit dem beachtlichen Vorgarten (welcher der ganze Stolz ihres Vaters war) zu betreten. Ihr war natürlich bewusst, dass die Tatortreiniger bereits im Haus gewesen waren. Es sollte also nichts mehr vorhanden sein, was sie erschrecken oder an die furchtbare letzte Nacht erinnern könnte. Wenn sie doch bloß das Gefühl des blanken Entsetzens überwinden könne, welches sie von dem Aufschließen der Haustür abhielt. Sie war im Stehen von Bein zu Bein getreten und kratzte sich das Gesicht. ‘Komm schon, du musst rein gehen, wenn du nicht die Nacht auf der Straße verbringen willst.’ Sicher hätte sie auch Unterschlupf bei den Nachbarn finden können. Aber wollte sie sich wirklich den Blicken und den Fragen der Anderen aussetzen? Definitiv nicht. Sie hatte ohnehin ein Problem mit überflüssigem Smalltalk und blieb am liebsten für sich. Zu Hause war der Ort, an dem sie sich immer am wohlsten gefühlt hatte, zumindest bis jetzt. Außerdem hatte sie nichts bei sich, außer ihrem Schlüssel, ihrem Handy und den Kleidern, die sie am Körper trug. Welche Wahl blieb ihr also?
Sie klammerte die Finger fester um den Schlüssel, den sie während der kompletten Fahrt vom Polizeipräsidium bis hierher in der Hand gehalten hatte.
Langsam und mit zittriger Hand führte sie den Schlüssel zum Schloss und schob ihn vorsichtig in den Schließzylinder, welcher nach einem kurzen Widerstand das typische Klack einer sich öffnenden Tür von sich gab. Sie drückte die Tür mit geschlossenen Augen auf, atmete tief durch und machte einen großen Schritt hinein. So blieb sie einige Momente stehen und wartete auf den Schauer. Irgendein Gefühl, dass sie von Kopf bis Fuß durchströmt und ihr eine Gänsehaut bereitet. Sie erwartete sich zu schütteln oder sich sogar zu übergeben, aber nichts dergleichen geschah. Sie stand einfach da, atmend und wartend. Also öffnete sie die Augen und sah sich um. Alles sah normal aus. Der Eingangsbereich ihres Wohnhauses war nach wie vor ordentlich und sauber, ganz so, wie ihn ihre Mutter vor drei Tagen hinterlassen hat. Anika machte die Tür hinter sich zu, verschloss diese und arbeitete sich vorsichtig durch den Eingangsbereich, weiter in das Hausinnere vor. Vorbei an der Küche und hin zum Wohnzimmer. Sie späte kurz hinein und betrat dann zögerlich den Raum. Wie ein kleines Mädchen, das sich nicht sicher war, was es tun sollte, stand sie dort. Sie fummelte mit ihren Fingern an den Jackenärmeln herum und ließ ihre Augen durch den Raum wandern.
Da war er. Der Beweis, dass jeder Mensch Fehler macht. Die Reinigungstruppe hatte vielleicht das große Chaos beseitigt, jedoch hatte sie ein umgeworfenes Bild übersehen, das vor dem Sofa und halb unter dem Wohnzimmertisch lag. Es musste von der Anbauwand gefallen sein, als er ihre Schwester durch den Raum gejagt hatte. Oder Sophie hatte es ihm entgegengeworfen, in der Hoffnung, sich einen kleinen Vorsprung zu verschaffen. Ob sowas einen Jäger wirklich aufhält? Oder ist das bloß ein trauriger Versuch, davon zu kommen? Kann man Menschenjäger überhaupt Jäger nennen? Immerhin tun sie genau das, was ihr Name vermuten lässt. Unterscheiden sie sich denn überhaupt von normalen Jägern? Beide stürzen sich auf Lebewesen und nutzen die hilflosen Momente der Beute aus, um sich auf die ein oder andere Weise an ihr zu vergehen. Wo sollte also der Unterschied sein? An der Gangart der Beute? Oder am Schauplatz der Jagd? An dieser Stelle einen Unterschied zu machen, kam ihr so falsch vor, wie die Socken über die Schuhe zu ziehen. In dem Moment fiel ihr auf, dass sie sich die Straßenschuhe nicht ausgezogen hatte, nachdem sie in das Haus gekommen war. Dabei war genau das eine der goldenen Regeln ihrer Mutter: “Straßenschuhe für die Straße, Hausschuhe für das Haus.” Sie war immer ganz fuchsig geworden, wenn jemand den Dreck von draußen nach drinnen brachte. Wie oft hatten sie und ihr Vater sich einer Predigt unterziehen müssen, wenn er sie nach der Gartenarbeit und in schmutziger Kleidung durch den Keller ins Haus gejagt hatte. Er hat genau gewusst, dass die dunklen Räume sie ängstigten und hatte sich hin und wieder den Spaß gemacht, sie zu erschrecken. Dabei war der ‘Draußendreck’ schon mal auf dem gerade gewischten Boden verteilt worden. Sicher war das momentan nicht die größte Sorge ihrer Mutter, aber sie noch mehr aufzuregen, als sie es sowieso tun würde, musste nicht sein. Also ging Anika gehorsam zum Schuhschrank, zog ihre Straßenschuhe aus und die Hausschuhe an. Es überkam sie ein Gefühl von Gewohnheit und für einen kurzen Moment vergaß sie die Tatsache, dass es nach dem Tod ihrer Schwester für eine lange Zeit keinen gewöhnlichen Alltag mehr geben würde. Für eine sehr lange Zeit. Würde es überhaupt jemals wieder eine Normalität geben? Ein angenehmes Gefühl von Sicherheit? Oder würde es von nun an nichts außer Leere und Trauer in diesem Haus geben? Würden ihre Eltern das Haus verkaufen und die damit verbundenen glücklichen Erinnerungen an ihre Kindheit gleich mit? Kann sie sich überhaupt auf diese Erinnerungen stützen? Wäre es nicht besser, diese besseren Zeiten zu vergessen und das ehemalige traute Heim zu verlassen? Ihr Schädel dröhnte beim Versuch eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Sie schüttelte ihren Kopf und zwang sich, sich auf das Jetzt zu konzentrieren: Erstmal die nächsten Tage überstehen. Sie musste ihren Eltern noch erklären, wie ihre kleine Schwester von ihrem Exfreund erschlagen werden konnte, obwohl Anika versprochen hatte, auf sie Acht zu geben. Sie hatte ihren Eltern schwören müssen, zu Hause zu bleiben und sich um sie zu kümmern. Das war der Deal, den sie eingegangen waren, um nicht ihre Großeltern übers Wochenende als Gäste im Haus zu haben. Die beiden Schwestern hatten sich doch so auf ein Mädelswochenende gefreut. Vor allem Sophie hatte sich sehr nach der gemeinsamen Zeit gesehnt, da sie kürzlich eine schlimme Trennung von ihrem Exfreund Joshua durchgemacht hatte. Die letzten Wochen waren nicht nur für Sophie, sondern auch für die restliche Familie sehr anstrengend gewesen. Abgesehen von den vielen Tränen, die während und nach einer Trennung bei den meisten, so auch bei Sophie, sintflutartig auftreten, konnte Joshua mit der Ablehnung seiner Geliebten nicht gut umgehen. Oft hatte er während dieser Zeit vor dem Haus gewartet, um sie abzufangen und mit ihr zu reden. Das ging so weit, dass Sophie sich ohne Begleitung nicht mehr aus dem Haus getraut hatte. Auch das Blockieren seiner Telefonnummer, was zwingend erforderlich war, da er sie zu jeder Tages- und Nachtzeit immer wieder kontaktieren wollte, war erfolglos gewesen. Wegwerf-Handys waren in der heutigen Zeit einfach und billig zu besorgen. Das hat er nicht nur Sophie auf ihrem privaten Telefon demonstriert, sondern er ließ die gesamte Familie an dieser Erkenntnis teilhaben, indem er immer wieder auf dem Festnetz angerufen hatte. Alle Familienmitglieder waren irgendwann nervlich so angespannt gewesen, dass niemand miteinander gesprochen hatte, da es andernfalls nur in Streit ausgeartet wäre. Selbst beim gemeinsamen Essen wurde wenn dann nur das Nötigste besprochen. So mussten zunächst mehrere Wochen ins Land gehen, bis es plötzlich von den einen auf den anderen Tag aufgehört hatte. Nach und nach hatte sich die allgemeine Laune entspannt und auch der Umgang innerhalb der Familie war wieder angenehmer geworden. Da ihre Eltern dem Frieden aber nach wie vor nicht ganz über den Weg trauten, hatten sie eben diese Abmachung geschlossen.
Ihre Eltern hatten sich voll und ganz auf sie verlassen. Und Anika hatte sie bitter enttäuscht. Sie hatte sich zu einem Date überreden lassen. Dabei konnte sie Tim nicht mal so gut leiden. Warum hatte sie sich hinreißen lassen? Warum war sie nicht einfach bei ihrer Schwester geblieben und hatte sich stattdessen mit ihr eine Schüssel Popcorn teilend einen Film angeschaut? Anika konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Eltern ihr diesen Fehler jemals verzeihen könnten. Sie würden sie verurteilen und sie als ihre Tochter verstoßen. Bei dem Gedanken schossen ihr sofort die Tränen in die Augen und sie musste sich zusammenreißen, um nicht auf der Stelle zusammenzubrechen. Sie konnte sich absolut nicht vorstellen, ohne ihre Familie in der Welt da draußen zu überleben. Ohne ihre Eltern und Sophie. Aber genau das war von nun an die schreckliche Realität . Die Familie war geschrumpft. Dafür waren die Trauer und die Verzweiflung gewachsen. Anika hielt sich die Hände an die Ohren. Ein erfolgloser Versuch, diese Gedanken zu vertreiben. Natürlich half es nicht. Als die Tränen anfingen über ihre Wangen zu kullern, hielt sie sich die Hände vor die Augen. Sie spürte, wie ein Schluchzer begann aufzusteigen und konnte und wollte ihn nicht unterdrücken. Sie ging in die Knie und gab sich einige Momente der Trauer hin, bevor sie schließlich noch einmal tief durchatmete und sich sammelte. Anika richtete sich wieder auf und rieb sich die Augen. Sie entschied, eine heiße Dusche zu nehmen, um das Unbehagen und die schauerliche Kälte abzuspülen, welche sich seit Betreten des Hauses überall verbreitet hatten.
Im Obergeschoss angekommen, betrat sie das Bad und sah sich im Spiegel an. Tiefe Augenringen und verwischte Schminke waren das Resultat von stundenlangem Weinen und einer schlaflosen Nacht im Verhörraum. Ihre langen, kastanienbraunen Haare hingen in Strähnen neben ihrem Gesicht. Anika erschrak vor sich selbst. Sie beugte sich etwas vor, um alles besser erkennen zu können. Mit ihrem Finger strich sie sich durch das Gesicht und malte dabei die kleinen Einkerbungen in ihrer Haut nach, welche in ein paar Jahren zu ausgeprägten Falten werden sollten. Nach einigen Momenten wandte sie sich ab. Ihre Sicht wurde langsam etwas verschwommen und ihre Lider minütlich schwerer. Anika zog sich aus und stieg in die Dusche. Es dauerte einen kurzen Moment, bis das Wasser aus dem Duschkopf von kalt, über warm, zu heiß wechselte. Fast schon war es zu heiß, jedoch war sie davon überzeugt, diese Hitze aushalten zu können. Oder besser: sie aushalten zu müssen. Sie war davon überzeugt, es verdient zu haben, sich zu verbrühen. Das Brennen ihrer Haut war immerhin nichts im Vergleich mit den Schmerzen und der Angst, die Sophie ihretwegen erleiden musste. Unfähig mit diesen selbstauferlegten Schuldgefühlen umzugehen, schlug sie mit der Faust gegen die Fliesen der Duschkabine. Zwei, dreimal bis sie von der Wand abließ und ihre Schläge gegen sich selbst, gegen ihren Oberschenkel richtete. Ihr Mund war weit aufgerissen durch den Schmerz, brachte jedoch keinen Ton heraus. Nach einigen weiteren Schlägen, hörte sie schließlich auf und nahm die Hitze des Wasser als übrige Geißelung hin. Als Anika wenige Minuten später aus der Dusche stieg, war der Raum vollständig in Wasserdampf gehüllt. Mit ihrem Handtuch wischte sie den Spiegel frei und musterte abschätzend ihre stark errötete Haut am ganzen Körper. Anschließend wanderte sie schlaftrunken in ihr Zimmer und legte sich, noch nass von er Dusche, ins Bett. Es war noch früher Nachmittag, aber die lange Nacht hatte sie so ausgezehrt, dass es sich anfühlte, als sei sie seit Tagen munter und unterwegs gewesen. Ihr Ausbruch im Badezimmer, hatte noch sein Übriges dazu geleistet und ihre letzten Reserven verbraucht. Das Gedankenkarussel drehte sich weiter, bis ihre Erschöpfung schließlich die Oberhand gewann und Anika, mit der Decke über dem Gesicht, in einen unruhigen Schlaf schickte.
Als sie einige Zeit später wieder erwachte, war ihre Kehle wie ausgetrocknet und sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Der Schlaf hatte sie traumlos zurückgelassen. Ihr Selbsthass war immer noch der gleiche. Es war bereits dunkel geworden und sie fragte sich, ob ihre Eltern wohl schon nach Hause gekommen waren.
Anika setzte sich auf und griff nach ihrem Handy. Es lag nicht auf ihrem Nachttisch, wo sie es für gewöhnlich immer ablegte. Sie stand auf, zog sich Unterwäsche, eine ausgeleierte Jogginghose und ein schlabbriges T-Shirt an und ging anschließend nach unten in die Küche, um einen Schluck Wasser zu trinken. Dort angekommen stellte sie fest, dass sie das Licht in der Küche angelassen zu haben schien. Durch die grellen Lampen blinzelnd, lief sie zum Küchenschrank und nahm sich ein Glas. Sie füllte es am Spülbecken mit Wasser und leerte die Hälfte des Glases in einem Zug. Das kühle Getränk war ein Segen. Noch während sie das Glas in der Hand hielt, kam ihr ein Gedanke in den Sinn: ‘Als ich heim gekommen bin, war es Nachmittag. Warum hab ich dann das Licht angemacht?’ Sie überkam ein kurzer Schauer, welchem ein starkes Gefühl von Unsicherheit folgte.
Anika drehte sich und sah sich um. Alles wirkte nach wie vor völlig normal. Ein kleiner Teil von ihr war dennoch im Begriff gewesen, sie anzuschreien, zur Tür zu gehen. Jedoch wurden ihre Zweifel von einem Vibrationsgeräusch unterbrochen: Sie entdeckte ihr Handy auf dem Glastisch, im hinteren Teil der Küche. Die Küche war nicht groß, Platz für einen kleinen Essbereich gab es dennoch. Eine weitere Regel in ihrem Haushalt besagte: „Beim Abendbrot wird Familienzeit nachgeholt“ Also wurde von diesem Esstisch täglich Gebrauch gemacht und die letzte Mahlzeit des Tages zusammen genossen. Sie stellte das Glas, welches sie nach wie vor in der Hand gehalten hatte, auf dem Tresen neben sich ab und ging zum Tisch. Auf ihrem Handy sah sie zwei Nachrichten von Tim: „Es war ein schöner Abend gestern. #wunschnachwiederholung 🙂 “ – gesendet 15:38 Uhr – und: „Ich hab bei Youtube einen Trailer über eine neue Actionkomödie gesehen. Der Titel ist ganz schön cringe aber wenn du Bock hast, können wir ja wieder zusammen ins Kino. Ich würde mich freuen ^^ “ – gesendet 21:24 Uhr. Ein Schmunzeln hatte auf ihren Lippen gelegen, jedoch unterdrückte sie es sofort. ‘Der hat mir gerade noch gefehlt. Seinetwegen ist die ganze Scheiße doch erst passiert!’ Diesmal stiegen ihr Tränen der Wut in die Augen. Diese Wut richtete sich nicht nur gegen sie selbst, auch Tim war ein Teil davon. Es war nicht richtig, ihm die Schuld zu geben. Das wusste sie. Aber es war doch so viel einfacher als sich einzugestehen, selbst schuld zu sein. Ihre Hand ballte eine Faust um ihr Telefon und sie hatte das Gefühl, das Handy gegen die Wand werfen zu müssen.
„Antworte ihm. Eine einseitige Liebe ist die schlimmste.“ Sie zuckte zusammen und fuhr herum. Ihr stockte der Atem. Ein kalter Schauer durchlief ihren Körper und zugleich stellten sich von Kopf bis Fuß alle Haare auf. „Joshua! Was machst du hier?“ mit zitternder Stimme hatte sie gerade so die Worte hervor gebracht, bevor sie abbrach.
„Ich musste zurück! Ich musste ihr nahe sein!“, schluchzend stand er vor ihr. „Wo sollte ich sonst sein? Sie ist doch mein Mädchen!“ Sie sah ihn erschrocken an. Unfähig sich zu rühren schossen ihr mehrere Gedanken gleichzeitig durch den Kopf: ‚Scheiße!‘, ‚Was tut der denn hier und wie ist er überhaupt reingekommen?‘, ‚Wie lange ist er schon hier?‘, ‚Wann kommen meine Eltern nach hause?‘, ‚Was mache ich jetzt?‘. Anika fühlte die Hitze in ihrem Kopf aufsteigen und kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Sie schaute sich um. Panisch suchte sie nach einer Antwort auf ihre letzte Frage. Aber nach was genau sollte sie Ausschau halten? Einem Fluchtweg? Einer Waffe? Das Fenster, welches sich links von ihr und dem Esstisch befand, war geschlossen. Hin zu laufen und es zu öffnen würde definitiv zu lange dauern. Alle scharfen Gegenstände, befanden sich in den Schubladen. „Messer, Schere, Gabel, Licht, gehören auf die Theke nicht.“, hatte ihre Mutter immer gesagt. Aber welches Schubfach? Ihr Kopf war plötzlich wie leer gefegt. An welches Schubfach ging sie immer, wenn sie einen Apfel vierteln wollte? Wo musste sie hingreifen, wenn sie eine Verpackung aufschneiden musste? Tag ein Tag aus hatte sie die Schränke hier geöffnet und plötzlich kam es ihr so vor, als wäre sie in einem fremden Haus. Sollte sie ihm etwas entgegen werfen? Wie Sophie es probiert hatte, als sie vor ihm hatte flüchten wollen? Aber was konnte sie dafür nehmen? Auf dem Tresen stand nichts. Es war das erste Mal, dass sie die Ordnung ihrer Mutter wirklich verteufelte. ‚Könnte ich ihm einen Stuhl entgegen schleudern?‘ eine blödsinnige Frage. Schwach wie ein Rehkitz würde sie ihn entweder nicht treffen, weil sie den Stuhl nicht weit genug werfen würde, oder sie wäre viel zu langsam. Wenn sie keine Hilfsmittel nutzen konnte, musste sie ihn eben so überwältigen. Den Gedanken verwarf sie allerdings, sobald er ihr in den Sinn kam. Was redete sie sich ein? Anika musterte ihn von oben bis unten. Eine Waffe sah sie zwar nicht, aber trotz all dessen hatte sie keine Chance gegen ihn. Joshua war ein ganzes Stück älter, was einer der Gründe war, warum ihre Eltern nicht allzu begeistert gewesen waren, als Sophie mit ihm nach Hause gekommen war. Man sah ihm an, dass er den ganzen Tag draußen im Grünen arbeitete: er war groß, breit gebaut und hatte Hände wie Teller. Nie hatte Anika verstanden, was ihre Schwester an ihm fand. Möglicherweise war es die Einbildung von Schutz, welchen man sich in Gegenwart eines ‘starken Mannes’ einredete und welche sich jetzt in ein Gefühl von absoluter Bedrohung gewandelt hat.
‚Nein, den schaffe ich auf keinen Fall.‘ dachte Anika. Ein Knoten hatte sich in ihrem Magen gebildet und ihre Hände zitterten, was sie vor ihm zu verstecken versuchte. Erneut bekam sie eine Gänsehaut und der Knoten im Magen hatte sich bis in ihren Hals hochgearbeitet. Alles in ihr hatte begonnen sich zu verkrampfen, bis ihr eine Idee kam: Sie musste Zeit schinden. Also schluckte sie den Kloß herunter und begann zu reden.
„Ich wusste nicht, dass du hier bist. Warum hast du nichts gesagt?“ Er sah sie an. Sah ihr direkt in die Augen. Sie konnte seine Trauer sehen. Sie war echt. Seine glasigen roten Augen erzählten eine Geschichte von Leid und Betroffenheit. Anika sah die Verzweiflung in seinem Blick. Hatte sie sich etwa geirrt? Als sie gestern Nacht heim gekommen war, hatte sie einen Mann gesehen, der durch ihren Vorgarten weg rannte und anschließend hatte sie ihre Schwester gefunden – erschlagen in den Trümmern der Einrichtung ihrer Eltern. Sie war sich zu 100% sicher, dass Joshua etwas damit zu tun hatte. Die Trennung der beiden war nicht rosig gewesen und definitiv nicht von ihm ausgegangen. Aber seine Körperhaltung schien eine andere Geschichte zu erzählen. Der eigentlich so ’starke‘ Mann stand vor ihr wie ein kleiner Junge, dem der Nikolaus eine Rute anstatt Schokolade in den Schuh gesteckt hatte. Er konnte nicht lange den Augenkontakt halten und sah ständig zu seinen Händen hinunter, die nervös seine Finger abwechselnd rieben. Seine Schultern waren zusammengesunken und seine Nase lief stark. Er hatte sie immer wieder an seinem Pulloverärmel abgewischt, sodass dieser schon ganz schmutzig aussah. Ihr waren Zweifel gekommen. Hatte sie sich wirklich so verschätzt? Oder war er wirklich in der Lage, diese Betroffenheit so glaubwürdig vorzutäuschen? Er mochte nicht gerade der intelligenteste sein, allerdings war er schon während seiner Beziehung mit Sophie sehr manipulativ und egozentrisch gewesen. So hatte sich Anikas Schwester während ihrer Beziehung stark zurück gezogen und etliche Freunde eingebüßt, bis sie sich endlich von Anika hatte überzeugen lassen, die Beziehung zu beenden.
War Anika also gerade im Begriff, eben dieser Manipulation zum Opfer zu fallen? Oder war er im Angesicht des schrecklichen Mordes an der Liebe seines Lebens (wie er Sophie immer genannt hatte) ein wahres Opfer des Verlustes, so wie ihre ganze Familie auch? Anika haderte mit sich.
Immerhin war sie ein ganzes Stück vom Haus entfernt gewesen, als sie den Mörder ihrer Schwester wegrennen gesehen hatte und erkannte nun, dass es durchaus jeder Mann hätte gewesen sein können. Wenn sie jetzt versuchte, sich daran zu erinnern, sah sie nur irgendjemand rennen und hörte eine Art Rauschen in ihrem Kopf. Verwirrt und unsicher beschloss sie, ihrem Bauchgefühl zu folgen und das Misstrauen abzuschütteln. Sie war davon überzeugt, dass jeder eine zweite Chance verdient hatte und vor allem wollte sie, dass die vielen Stimmen in ihrem Kopf, welche auf keinen gemeinsamen Nenner kamen, endlich Ruhe gaben. Also ging Anika vorsichtig auf ihn zu. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus: „Sophia ist nicht mehr da, Joshua. Was sollen wir denn jetzt machen?“, brachte sie hervor, während sich ihre Augen wieder mit Tränen füllten.
Joshuas Hand, welche ebenso kalt und schwitzig wie Anikas war, umfasste die ihre und drückte sie sanft. Danach zog er sie vorsichtig an sich ran und nahm sie in den Arm. Durch seine Körpergröße, welche Anikas um einiges überragte, lag ihr Kopf an seiner Brust auf und es fühlte sich so an, als könne er mit seinen langen Armen Anika zweimal umfassen. Es war eine warme und zugleich tröstende Umarmung. Minuten lang hatten sie sich gegenseitig gestützt und stumm geweint. Anika spürte, wie sein Pullover unter ihrem Gesicht langsam feucht von ihren Tränen wurde. Zurück halten konnte sie sie allerdings nicht. Keiner von beiden sprach ein Wort. ‘Reden ist silber, schweigen ist Gold’, kam es Anika in den Sinn. Gerne hatte ihr Vater diese Worte gesagt, während er versucht hatte, seinen drei Mädels in schwierigen Situationen Halt zu geben. Und es stimmte. Manchmal reicht es schon aus, beieinander zu sein. Das verstand Anika in diesem Augenblick.
Nach einiger Zeit löste sich ihre Umarmung und beide sahen sich in die Augen. Sie hatte geholfen. Nicht viel, aber genug, um Luft schnappen und ihre Gedanken ordnen zu können. Dann klingelte Anikas Telefon. Sie hatte sich komplett von Joshua gelöst, ging zu ihrem Handy und nahm den Anruf, ohne auf die Nummer zu achten, entgegen. „Schubert, hallo“ hörte sie sich selbst mit schwacher Stimme sagen. Sie räusperte sich und wiederholte ihre Begrüßung noch einmal deutlicher: „Schubert, hallo?“. Am anderen Ende meldete sich eine Männerstimme. Es war Tim. “Hi Ani, alles ok bei dir?”, er klang aufrichtig besorgt, “Ich wollte nur mal nachfragen. Du hast nicht auf meine Nachrichten geantwortet.”
Sie konnte sich nicht überwinden, ihm alles zu erzählen. Zumindest noch nicht. Stattdessen versuchte sie sich zu sammeln, indem sie mit geschlossenen Augen tief ein und aus atmete. Sie antwortete: “Hi Tim. Ja, alles gut. Ich war den ganzen Tag unterwegs und mein Handy war im Rucksack. Sorry dafür.”
“Ahh ok. Dann bin ich beruhigt. Wie denkste denn über den Film? Wollen wir da hin gehen?”. Anika zögerte kurz. Ihr war gerade nicht zum Reden zu Mute und sie kämpfte mit sich. Er unterbrach nach kurzer Zeit die Stille: “Wir können aber auch ein Eis essen gehen, ich ladˋ dich ein.”
Sie atmete wieder tief: “Das klingt gut. Ist beides für mich ok.” Anika gab sich größte Mühe, fröhlich und aufrichtig zu klingen, drückte sich jedoch während des Telefonats die Fingernägel so stark gegen die Handinnenfläche, dass sie später die Kerben hätte zählen können. “Sehr schön, da freu´ ich mich. Ich würde sagen, wir schreiben einfach wegen Tag und Zeit.” Sagte Tim vom anderen Ende der Leitung. Man konnte fast das breite Grinsen in seinem Gesicht hören.
“Gut. Hab´ einen schönen Abend.”, sagte sie, um das Gespräch zeitnah zu beenden. “Das wünsche ich dir auch, meine Liebe.”, erwiderte er und schließlich legten beide auf.
Das Telefonat hatte einige Minuten gedauert und währenddessen war Anika aus der Küche, durch den Flur und in das Wohnzimmer gewandert. Sie war Joshua nachgelaufen, der den Weg kurz vor ihr eingeschlagen hat. Er hatte auf dem Sofa Platz genommen, während sie noch einige Schritte im Raum auf und ab gelaufen war. Sichtlich durch das Telefonat erschöpft, ließ sie sich neben ihm auf das Sofa fallen. Anika stützte sich mit den Ellenbogen auf ihren Beinen ab und schlug die Hände vor ihr Gesicht. Sie zitterte. Obwohl sie erst gar nicht mit Tim telefonieren wollte, war sie in dem Moment froh gewesen, seine Stimme gehört zu haben. Seine Fröhlichkeit und die Aussicht auf die zukünftige gemeinsame Zeit, hatten ihr etwas Kraft für die nächsten Stunden gegeben. Anika ließ ihre Arme sinken und sich nach hinten gegen die Sofalehne fallen. Sie wandte sich Joshua zu und sah ihm ins Gesicht. Sein Ausdruck war nach wie vor unverändert. Joshua legte seinen Arm um sie und sie lehnten sich aneinander, während er über ihr Haar strich.
„Weißt du,“ begann er schließlich, „es ist so schwer zu begreifen, dass Sophie nicht mehr ist.“ Anika nickte und ihr schossen wieder die Bilder in den Kopf, welche sie am Vorabend im Haus zu Gesicht bekommen hatte. Wieder ging sie gedanklich durch, wie das alles nur hatte passieren können. Diese furchtbare Aneinanderkettung von allem: das Date mit Tim, das Auffinden von Sophie, die Befragungen auf dem Polizeipräsidium und schließlich die vielen Stunden des Wartens, Telefonierens und des Weinens.
Sie sah ihn an und öffnete ihren Mund, um etwas zu sagen, zögerte jedoch, schloss ihn wieder und sah weg. “Was ist? Sag mir, was du denkst”, sagte er auf ermutigende Art und Weise.
Anika hatte die Luft scharf eingezogen und fasste all ihren Mut zusammen: “Ich bin Schuld, dass das passieren konnte.”, sie zuppelte nervös am Saum ihres T-Shirts herum. “Wenn ich nicht aus dem Haus gegangen wäre, wäre sie nicht alleine gewesen und nichts davon wäre passiert.” Ihre Stimme wurde wackeliger und höher und die Tränen, welche sich in ihren Augen gesammelt hatten, liefen ihr jetzt über die Wangen. Ihr Kopf färbte sich rot, ihre Adern traten hervor und sie schluchzte laut. Anika konnte sich in dem Moment nicht mehr zurück halten und ihre Emotionen brachen aus ihr heraus. Sie weinte so stark, dass sie Schwierigkeiten hatte, gleichmäßig zu atmen. Ihre Nase lief, ihr Magen krampfte sich zusammen und ihre Schultern bebten.
Joshua hatte sie fester umschlungen und streichelte über ihr Haar. Als sich ihre Atmung schließlich etwas beruhigt hatte und auch ihr Schluchzen leiser geworden war, hob er ihr Kinn mit seinen Fingern leicht an, um in ihr Gesicht sehen zu können. Die Augen und die Nase waren rot, ihre Wangen ganz nass. Er strich ihre Tränen etwas fort und nahm ihr Gesicht in die Hand. “Es hätte nichts geändert, wenn du da gewesen wärst.”, sagte er mit ruhiger Stimme, “Es wäre bloß etwas schwieriger geworden.”
Anika runzelte die Stirn. Sie fühlte sich plötzlich sehr unbehaglich. “Wie meinst du das?”, fragte sie zögerlich und versuchte, sich von ihm zu lösen. Er hatte zunächst nichts gesagt. Sie bemerkte, dass seine Hand runter zu ihrer Kehle gewandert war. Dieser Moment war es, in dem sie begriff, dass sie ganz und gar nicht in der Sicherheit war, in der sie sich gewogen hatte.
Als sich sein Griff festigte, fiel ihr das Atmen zunehmend schwerer. Sie versuchte, seine Hand zu lösen. Jedoch war sein Griff zu stark, als dass sie etwas dagegen ausrichten konnte. “Joshua, du tust mir weh.”, keuchte sie. Doch anstatt von ihr abzulassen, verhärtete er seinen Griff und beugte sich zu ihr vor, sodass sie langsam nach hinten auf die Sitzfläche des Sofas gekippt war und schließlich zum Liegen kam. Anika hatte sich nicht getäuscht. Der Mann, den sie gestern Abend gesehen hat und von dem sie überzeugt war, dass es jemand wildfremdes sein musste, war doch ihr Schwager in spe gewesen. Der Mann, der ihr jetzt die Luft abschnürte. Er hatte nun beide Hände um ihren schlanken Hals gelegt. Dabei drückte er mit solch einer Intensität auf ihre Kehle, dass Anika nicht nur vor Atemnot, sondern auch vor Schmerz die Tränen in die Augen stiegen. Sie hatte mit ihren Händen die seinen gepackt und versuchte, zwischen seine Finger und ihre Haut zu gleiten. Als sie bemerkt hatte, dass diese Taktik nicht funktionierte, kratzte sie ihn. Als auch das keinen Erfolg versprach, versuchte sie, sein Gesicht zu verletzen. Jedoch wurde dieser klägliche Versuch von seinen langen Armen ebenfalls im Keim erstickt. Sie wollte ihn treten, doch sein Körpergewicht auf ihr verhinderte die Bewegung ihrer unteren Gliedmaßen. ‘Ich bin gefangen’, dachte sie, während ihre Lunge begann zu brennen und die Sterne funkelten vor ihren Augen. Der Druck in ihrem Kopf wurde immer größer und sie hatte das Gefühl, als ob er jeden Moment explodieren würde. Während die Schwärze langsam das Licht aus ihrem Sichtbereich verdrängte, rann ihr eine Träne aus den erröteten Augen. Joshua beugte seine Arme und sank mit seinem Gesicht näher an das ihre heran. Sein Gewicht lag nun völlig auf ihrem. Jetzt konnte sie fast keinen Zentimeter ihres Körpers mehr bewegen. Sich ihrem Schicksal ergebend, schloss Anika ihre Augen. Sie wollte sein Gesicht keine Sekunde länger ertragen. Wenn dies schon ihr Ende sein musste, wollte sie zumindest etwas schönes vor Augen haben: Sie dachte an ihre Familie, an das letzte Weihnachtsfest, an dem sie und ihre Schwester zusammen auf dem Sofa gesessen hatten, während ihre Eltern tänzelnd zu einem alten Frank Sinatra Song durch den Raum geschwebt waren. Ihre Mundwinkel zuckten leicht nach oben. Sicherlich war ihr nicht zum Lächeln zumute, aber diese Erinnerung ließ ihr Herz etwas höher schlagen. Damals war noch alles gut gewesen. Eine glückliche kleine Familie. Sie konnte fast schon das glühende Räucherstäbchen riechen, als das Bild verschwamm und sich vor ihrem inneren Auge ein neues formte, womit sie nicht gerechnet hatte: Sie sah Tim. Besser gesagt das breite Lächeln und das Funkeln seiner Augen, als sie am gestrigen Tage auf ihn zugelaufen war. ‘Doch verknallt. Schade.’ dachte sie, als Anika sich mit der Endgültigkeit abfand. Kurz bevor ihre Luftnot ihr zum Verhängnis hätte werden können, erhob Joshua das Wort. Seine Stimme bebte vor Wut und er zischte: “Du bist nicht alleine Schuld an Sophies Tod. Hätte sie nicht auf dich gehört und mir nicht das Herz gebrochen, hätte ich sie gar nicht töten brauchen und wir säßen jetzt nicht in dieser Scheiße.” Er stockte kurz. Anika hatte die Augen aufgeschlagen und sah gerade noch im letzten Moment eine Träne von seinem Kinn fallen. Sein Gesicht war eine Fratze aus Verzweiflung und Enttäuschung. Die Adern an seinen Schläfen waren hervorgetreten. Seine glasigen, nassen Augen waren das einzig menschliche an seinem Gesicht. Der Rest davon war dunkelrot angelaufen und seine Züge erhärtet. Anika hatte das Gefühl, er starre durch sie hindurch. Dann beugte er sich nach vorn und flüsterte in ihr Ohr: “Danke, dass du hier her zurück gekommen bist und es mir so einfach gemacht machst.”. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. Offensichtlich wollte er geduldig ausharren, bis das Licht restlos aus ihren Augen verschwunden war.
Von der Berührung seiner Lippen ausgehend, begann Anikas Körper zu kribbeln. Ein Ekelgefühl stieg in ihr auf und sie wurde wütend. Nicht mehr wütend auf sich selbst, sondern auf ihn. Wie hatte er es wagen können, nach all den Dingen, die er ihrer Schwester angetan hatte, die Schuld auf jemand anderen zu schieben als sich selbst? Getrieben davon und von dem Gefühl der Ungerechtigkeit, kehrte ihr Lebenswille zurück. Mit unerschütterlicher Entschlossenheit versuchte sie wieder, sich zu wehren und schaffte es zumindest, ihre Arme zu befreien, hatte dadurch jedoch beinahe keine Kraft mehr. Sie hatte sich, soweit es möglich war, umgesehen, konnte allerdings nichts in Reichweite erkennen, was ihr in diesem Moment helfen würde. Da fiel ihr das Bild wieder ein, das vor dem Sofa gelegen hatte. In der Hoffnung, dass es noch immer an Ort und Stelle lag, streckte sie Ihren Arm nach unten aus und tastete danach. Es dauerte einen Moment, doch dann konnte sie mit den Fingerspitzen den Rahmen des Fotos erfühlen. Sie hatte es geschaffte! Mit verkrampften Fingern zog sie es Richtung Sofa und konnte es mit der ganzen Hand ergreifen. Joshua hingegen schien so in seinem Zustand der völligen Mordlust gefangen zu sein, dass er ihre Bemühungen gar nicht zu bemerken schien. Anika kam es plötzlich so vor, als ob eine höhere Macht ihr eine Möglichkeit geben wollte, wirklich zu gewinnen.
Sie nahm das Bild fest in die Hand und rammte Joshua eine Ecke des Rahmens gegen seinen Schädel. Es war kein wettkampftauglicher Schlag, jedoch heftig genug, um ihm offensichtliche Schmerzen zuzufügen und für einen kurzen Augenblick aus der Fassung zu bringen. Diesen Augenblick wusste sie zu nutzen und sie mobilisierte jede Kraft, die ihr noch zur Verfügung stand. Sie stemmte ihren Körper auf und kippte zusammen mit Joshua vom Sofa. Dabei fielen sie, er voraus, auf den Glastisch des Wohnzimmers, welcher in unzählige Scherben zerbrach. Umgehend griff Anika zu der Obstschale, die auf dem Tisch stand. Sie war natürlich leer, da die Tatortreiniger das Obst ebenso wie die benutzten Gläser des Vortages bei der recht gründlichen Reinigung entfernt hatten. Mit voller Wucht schlug sie mit der Obstschale auf Joshua ein. In dem Moment sah sie ihn nicht mehr als Mensch. Die Wut in ihr war in puren Hass übergegangen. Dieser Hass hatte die Konturen seines Gesichtes vollständig verschluckt und Anika wollte nur, dass er aufhörte. Aufhörte zu reden. Aufhörte sich zu bewegen. Aufhörte sie zu bedrohen. Alles an ihm sollte einfach aufhören, irgendetwas zu tun. Also schlug sie zu. Immer und immer wieder. Er hatte seine riesigen Hände vor sein Gesicht gehalten, um es zu schützen, doch das half ihm in ihrem Rausch nicht. Ihre Ohren klingelten und sie hörte sich selbst einen Schrei ausstoßen, welcher jeden Krieger stolz gemacht hätte. Immer und immer wieder ließ sie die Obstschale auf seinen Kopf hinunter donnern. Das Blut, sein Blut, was ihr dabei entgegen spritzte, befeuerte ihre Rage noch weiter. Anika hörte erst auf, als er schließlich bewusstlos unter ihr lag. Sie konnte es kaum glauben: ‘Ich habe es geschafft!’ schrie ihre innerliche Stimme. Ein Schwall Euphorie überkam sie. Um keine Zeit zu verlieren, war sie zu schnell aufgestanden, was ihr Kreislauf ihr sehr übel nahm. Anika hatte für kurze Zeit Sterne vor Augen, ihr wurde schwindelig und sie hatte kurz die Befürchtung, selbst das Bewusstsein zu verlieren. Jedoch hielt das Adrenalin in ihrem Körper stark dagegen. Nach wenigen Augenblicken fühlte sie sich wieder stabil genug um zu gehen. Die Scherben des Tisches lagen um sie herum auf dem Boden. In ihrer Eile hatte sie ihre Schuh losen Füße vergessen und bei jedem Schritt schnitt ihr das Glas in die nackten Sohlen.
Ein paar schmerzhafte Sekunden später, hatte sie dieses Hindernis überwunden und eilte Richtung Haustür. Dabei hatte sie einige blutige Fußabdrücke auf dem Boden hinterlassen und rutschte aus. Anika wirbelte mit ihren Armen umher und konnte sich gerade so noch an der Kommode im Flur festhalten, wobei sie einige Bilder runter warf. Nach dem kurzen Schockmoment lief sie, jetzt etwas behutsamer, weiter Richtung Tür.
In ihrer Panik rüttelte Anika an ihr herum und ihr fiel wieder ein, dass sie sie nach Betreten des Hauses verschlossen hatte. Am Schlüsselbrett neben der Tür hing der Schlüssel nicht. Innerlich fluchte sie über ihre eigene Schludrigkeit. Schon in der Vergangenheit hatte sie ihren Schlüsselbund irgendwo im Haus verlegt, wodurch sie öfters in Schwulitäten gekommen war.
Anika war sich nicht wirklich sicher, wie lange Joshua bewusstlos am Boden liegen würde. Sie wusste nur, dass sie definitv nicht genügend Zeit hatte, nach dem verschollenen Schlüssel zu suchen. Da sie auch ihr Handy nicht bei sich hatte, eilte sie in die Küche. Dort war das einzige Festnetztelefon des Hauses. Ihr Vater pflegte immer zu sagen: “Eines Tages werdet ihr es brauchen. Und dann seid ihr froh darüber, dass wir es haben.” Normaler Weise war ihm eine solche Weisheit immer dann gelungen, wenn Anika und Sophie sich mal wieder über das benannte Gerät amüsiert hatten. In diesem Fall jedoch war Anika wirklich froh darüber, es an Ort und Stelle zu wissen. Sie ergriff das Telefon und wählte die 110. Der Anruf hatte nur wenige Minuten gedauert. Noch ganz außer Atem, hatte Anika immer wieder kurze Sprechpausen machen müssen. Trotz ihres schrecklich brennenden Halses schaffte sie es, sich zu konzentrieren und der Beamtin am Telefon alle notwendigen Informationen zu geben. Sie legte auf, noch bevor die Stimme am anderen Ende ihr Anweisungen des Schutzes hätte geben können und eilte erneut zum Hauseingang. Zwischen ihr und der wohl verdienten Freiheit lag eine Tür, welche zur Hälfte aus Glas bestand. Sie war mehr als nur gewillt, diese Scheibe mit der ihr verliebenen Kraft aufzuschlagen. Also nahm sie den Schirmständer neben dem Eingang und beförderte diesen mit voller Gewalt in die Glasscheibe. Sie brach ein wenig, jedoch noch lange nicht genug. Erneut schlug Anika gegen sie. So lange, bis das Glas zerbarst. Als die Scherben zu Boden fielen, wurde sie durch die glaslose Tür von vier weit aufgerissenen Augen angestarrt. “Anika! Was machst du da?” die Worte ihrer Mutter klangen gleichermaßen empört und besorgt. Anikas Vater stand mit offenem Mund daneben. “Er hat mich angegriffen! Er ist im Wohn – “ sie stockte. Die Worte in ihrem Mund wurden zu einem Säuseln, während ein pulsierender Schmerz sich von ihrem Hinterkopf in ihrem restlichen Schädel ausbreitete. Anika griff nach der schmerzenden Stelle. Ihre Hand traf auf eine riesige Glasscherbe, welche jetzt tief in ihrem Schädel steckte. Sie spürte, wie ihr warmes Blut den Nacken herunter lief. Langsam drehte sie sich um und blickte in das blutige und verquollene Gesicht von Joshua. Er grinste sie, mit ein paar Zähnen weniger als vorher, an. Ihre Mutter schrie vor Entsetzen auf und ihr Vater brüllte Joshua vor Wut etwas entgegen. Jedoch konnte Anika seine Worte nicht mehr verstehen. Sie stürzte zu Boden. Während sie dort in Mitten der Scherben und einer wachsenden Pfütze ihres eigenen Blutes lag, sah sie das Bild, welches sie vorhin von der Kommode geworfen hatte: es war ein Bild von Sophie. Das Letzte, was Anika sah, war das Lächeln ihrer Schwester, die sie zu sich zu rufen schien. Ihre Umgebung färbte sich schwarz und nach einem kurzen Röcheln machte sie ihren letzten Atemzug.