Alle Blicke richteten sich auf das Innere des Machtsitzes, wo sich die Moiren hinter großen, schweren Toren verbargen, denn die Schicksalsgöttinnen waren in Aufruhr. Dies war in der gesamten Geschichte des olympischen Pantheons noch nie vorgekommen, weshalb sich nicht nur in Zeus ein unruhiges Gefühl ausbreitete.
Klotho, Lachesis und Atropos hatten in ihren Jahrtausende währenden Leben bereits viele Fäden gesponnen und auch zerschnitten. Sie hatten die Schicksale von Sterblichen als auch Unsterblichen vorhergesehen und sie geführt, teilweise mehr, teilweise weniger. Doch was nun vor ihren Augen geschah, hätten sie niemals für möglich gehalten. Ein Faden spann sich selbst komplett aus dem Nichts heraus, als würde die Leere diesen freigeben. Seine Farbe, Form und Beschaffenheit waren ungewohnt in den Augen des Trias: Wenngleich die von ihnen gesponnenen Fäden ebenso unterschiedlich waren wie die Iris der Lebewesen‘ Augen hatten sie noch niemals einen gesehen, der aussah wie der in Diamant eingefangene Nachthimmel. Das Schicksal, dass sich selbstständig in das Gewebe einflocht, schimmerte mit jedem Lichtstrahl in unendlichen Farben als transparente Oberfläche, während sich in den Tiefen nachtschwarze Dunkelheit befand, die von winzigen Lichtpunkten sternengleich erhellt wurde.
Lachesis, die das Schicksal bemaß, schlug sich die Hände vor den Mund. „Schwestern!“, rief sie panisch. Noch nie war sie in solcher Aufregung gewesen, geschweige denn hatte solche Panik gespürt, wie in diesem Moment. Ihren Schwestern erging es genauso. „Das bin ich nicht“, murmelte die Weberin Klotho ungläubig. Es gab keinen Faden, der nicht von ihr gewebt worden war – bis zu diesem jähen Moment. Atropos fasste einen Entschluss und holte entschieden ihre Schere hervor, in der kaum eine Kerbe war, trotz der Jahrtausende währenden Benutzung. „Lasst ihn uns zerschneiden. Wer weiß, was für ein Unheil dieser Faden bringt“, sagte sie und trat hinan an das Gewebe. Doch bevor sie ihre Schere einsetzen konnte, hielt Lachesis sie auf. „Warte. Wir wissen nicht, was geschehen würde, wenn wir diesen Faden nun zerschneiden. Lasst es uns zuerst mit Sehen versuchen.“
Klotho nickte zustimmend und trat an ihre Schwestern heran. Sie nahmen Lachesis in ihre Mitte, fassten sich an den Händen und Klotho, sowie Atropos umschlangen den Faden. Die Augen des Trias wurden weiß, als sie hinabstürzen, in die Vision einer schwarzen Tiefe. Doch die Dunkelheit umfing sie nur für einen Augenblick, bevor das Bild vor dem inneren Auge farbenprächtig wurde. Sie sahen hinab und erkannten die Umrisse von Athen in weiter Ferne. Sie rochen die salzige Luft des Meeres, spürten die angenehme Sommerbrise und die Wärme der Mittagssonne auf ihrer Haut, denn genau dies spürte die junge Frau direkt unter ihnen.
„Sie ist zwar jung, aber erwachsen“, bemerkte Atropos leise, während sie das Gesicht genauer betrachtete. Die Fremde, denn das war sie, war nicht besonders groß gewachsen, besaß aber eindeutig schöne Rundungen, die sie als erwachsene Frau auswiesen. Ihre Haut war hell, beinahe so hell wie Alabaster, doch das Haar bewies ihre Fremdartigkeit in den Augen der Moiren am deutlichsten: es war von einer hellen pastellrosa Farbe, die sie so noch nie gesehen hatten. Als sie genauer hinsahen, entdeckten sie direkt neben der jungen Frau eine Gestalt, die ihnen genauso fremd war. Die Moiren tauschten einen Blick und schlossen ihr inneres Auge, während sie den Faden der Rosahaarigen wieder losließen, um dem König der Götter Bescheid zu geben.
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Das Erste, das Ava wahrnahm, war das Gefühl von seidigen Laken auf ihrer nackten Haut. Vorsichtig ließ sie ihre Hände über das weiche Material streichen, während sie lauschte, ob jemand in ihrer Nähe war. Doch abgesehen von ihrem eigenen Atem nahm sie nichts wahr, weshalb sie ihre großen Augen öffnete und sich umsah. Langsam setzte sie sich auf und versuchte zu verstehen, was ihr Blick aufnahm. Der Raum besaß hohe Decken, die von griechischen Säulen gestützt wurden, wobei sowohl der Boden, die Säulen, als auch die Decke aus Marmor zu bestanden. Sie saß inmitten des großen Raumes, der auf einer Seite hin offen gestaltet war, doch diese Öffnung war mit durchscheinenden Gazebahnen behangen, während sich direkt gegenüber eine große Tür befand. Ein Stück weit entfernt, nahe der Wand, befand sich eine riesige, in den Boden eingelassene Wanne, die bereits mit Wasser gefüllt war.
Das Bett, auf dem sie saß, befand sich in der Mitte des Raumes und war genauso überdimensional groß, wie auch alles andere in ihrer unmittelbaren Umgebung. Vorsichtig rutschte sie an eines der Enden und umschlang ihren nackten Körper mit dem seidenen Laken. Als sie ihre Füße testend auf den Boden stellte, war sie überrascht, denn der Marmor war warm. Sorgsam auf ihren Körper achtend, erhob Ava sich und setzte langsam einen Fuß vor den anderen, um erst einmal an die Gazebahnen heranzutreten und hinaussehen zu können. Was sie da sah, verschlug ihr den Atem.
Ein großer Balkon befand sich direkt vor ihr. Doch dieser war es nicht, der ihr so den Atem stahl, es war die Aussicht: Sie befand sich hoch oben, Wolken zogen direkt an ihr vorbei, während ihr Blick über eine marmorne Stadt glitt, die auf schwebenden Bergen gebaut worden war, verbunden durch Wolkenbrücken. Sämtliche Gebäude waren im Stil griechischer Tempeln errichtet. In der Ferne und unter der Stadt, sah sie das Meer. „Entweder bin ich tot, im Koma oder habe den Verstand verloren“, murmelte sie sich selbst zu. Wie war sie nur hierhergekommen? Gestern, sofern es gestern gewesen war, hatte sie noch ganz normal als angehende Archäologin des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts für ihre Doktorarbeit geforscht.
Mit einer Hand fasste sie sich an die Stirn, während sie versuchte, den Abend zu rekonstruieren. Der leitende Professor ihrer Ausgrabungsstätte hatte ihr noch ein neues Fundstück mitgegeben, dass sie analysieren und katalogisieren sollte. Es war ein Amulett gewesen, eindeutig einer Gottheit gewidmet, doch hatte sie nicht herausfinden können welcher. Ava wusste noch, dass sie irgendwann sehr müde geworden war, vermutlich war sie kurz darauf eingeschlafen. Als sie ihre Hand wieder von der Stirn nahm, entdeckte sie an der Innenseite ihres Handgelenks ein Zeichen. Es sah aus, als wäre es unter ihre Haut gebrannt worden, doch die Linien waren fein und schmerzten nicht bei der Berührung.
Es war ein Stundenglas umringt von der sich verzehrenden Schlange Ouroboros. Soweit sie wusste, waren beide Zeichen für die Griechen nicht, oder eher kaum, von Bedeutung gewesen. Das Unendlichkeitssymbol war bereits bei den alten Ägyptern aufgetaucht. Die Sanduhr dagegen war eine Erfindung des vierzehnten Jahrhunderts, also kannten die Griechen es nicht. Oder hatten sie es vielleicht doch gekannt, nur das Wissen war verloren gegangen? Nun fiel ihr auch wieder ein, dass exakt dieses Symbol auch auf dem Amulett gewesen war und sie es deshalb vorerst als Fälschung deklariert hatte.
Eine warme Brise blies ihr das Haar ins Gesicht, während es die Sonne mit ihren warmen Strahlen glänzen ließ. Da stach ihr auch die puderrosa Farbe ins Gesicht. Ungläubig nahm sie eine Strähne des knielangen Haares zwischen die Finger, um es zu betrachten. „Spätestens jetzt ist klar, dass dies ein Traum sein muss“, murmelte sie zu sich selbst. Als sie eingeschlafen war, war es noch langweilig braun und schulterlang gewesen.
„Es ist aber kein Traum“, erklang plötzlich eine liebliche, sehr melodiöse Stimme hinter ihr. Erschrocken wirbelte Ava herum. Vor ihr stand die wohl schönste Frau, die sie je gesehen hatte. Bodenlange, goldblonde Locken, die von mehreren Goldreifen in einer kunstvollen Frisur gehalten wurden, umschmeichelten ein herzförmiges Gesicht. Die helle, leicht goldstichige Haut schimmerte, als würde die junge Frau von innen heraus strahlen, während ihre großen Brüste, die breiten Hüften und die beinahe winzige Taille kaum von weißen Stoffbahnen bedeckt wurden, welche von goldenen Gürteln und Reifen zu einem Kleid drapiert worden waren, sodass es mehr enthüllte als bedeckte. Die mandelförmigen, grünen Augen waren von dichten, dunkeln Wimpern umrundet, während die kleine Nase leicht nach oben zeigte. Die vollen, kirschroten Lippen rundeten das Gesicht, gemeinsam mit geschwungenen, hellen Augenbrauen ab.
Das Lächeln, das die Fremde Ava schenkte, war charmant und fesselnd. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken“, kicherte sie glockenhell. „Wer bist du?“, entfuhr es Ava, bevor sie sich zurückhalten konnte. Ihre Stimme ließ die Blonde leicht erschauern. Sie war zwar hell, doch in ihr lauerte eine unvorstellbare Ruhe, der die Göttin ewig lauschen könnte. „Ich bin Aphrodite. Willkommen auf dem Olymp. Vielleicht hast du ja schon von mir gehört?“ Die blonde Göttin der Liebe konnte auf dem Gesicht der bleichen Frau vor ihr eindeutig ablesen, dass sie das hatte, wenngleich ihr nicht so ganz gefiel, welch Gefühlsregungen sich darauf abspiegelten. Unglaube, Faszination, Widerwillen, Neugierde, Bestürzung… So viele Regungen in wenigen Sekunden, dass selbst eine Göttin erstaunt war.
Schließlich entschied sich die Rosahaarige für einen neutralen Gesichtsausdruck, weshalb es Aphrodite möglich war, sie näher zu betrachten. Die Fremde war kleiner als sie selbst, hatte eindeutig größere Augen, die ihren Blick mit nachtschwarzer Iris erwiderten. Die Kurven konnten ihr gefährlich werden, denn wenngleich die Taille der Fremden breiter war als ihre eigene, rivalisierten Brüste und Hüften mit den ihrigen. Die Nase war gerade, die Lippen schmal und das Gesicht hatte eher eine breitere Form, dennoch war auch sie eine Schönheit, dass musste die Venusgöttin zugeben, wenn auch widerwillig. Konkurrenz konnte sie nicht sonderlich gut leiden. „Wie ist dein Name?“, fragte sie, nachdem sie ihre vorhergegangene Frage zwar mit dem Gesichtsausdruck, doch nicht mit Worten beantwortet bekommen hatte.
„Ava“, antwortete die Fremde schließlich. „Komm, Ava“, erwiderte sie und streckte ihr eine Hand entgegen. Zeus hatte ihr den Auftrag gegeben, sich um die Fremde, um Ava, zu kümmern und sie dann zu ihm und dem Rat der Dreizehn, dem auch Aphrodite selbst angehörte, zu bringen. „Wollen wir doch mal sehen, was wir für dich zum Anziehen finden.“
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Der Rat der Dreizehn, welcher aus den höchsten Göttern bestand, wartete bereits ungeduldig auf Aphrodite und die Fremde, die von den Moiren bloß Diamantenstern genannt wurde. Zeus, saß am Kopfende der großen Tafel aus goldenem Marmor und ließ den Blick über die Anwesenden schweifen. Hera, seine Gemahlin, saß zu seiner Linken, während Poseidon, sein Bruder, zu seiner Rechten saß. Der Gott des Meeres hatte seinen Dreizack in Reichweite seiner Hände an seinen Stuhl gelehnt und schien beinahe zu Tode gelangweilt. Die Rüstung aus Meeresstahl, die im Sonnenlicht eisblau schillerte, schmiegte sich an seinen Körper, während das weißblonde Haar kurzgeschnitten von den langen Aufenthalten unter der Meeresoberfläche zeugte. Wie auch sein eigenes Gesicht, zeugte das Gesicht seines Bruders Anzeichen von mittlerer Reife, wie es die Menschen wohl ausdrücken würden. Wenngleich alle Götter attraktiv in den Augen der Sterblichen waren, gab es doch auch Unterschiede, die nur die Unsterblichen wahrhaftig wahrnehmen konnten.
Zeus‘ Blick glitt zu seiner schönen Gattin Hera, die ebenfalls eher der Mutter ähnelte, die sie auch war, als der jungen Frau, wie es beispielsweise bei Aphrodite. Ihr hellbraunes Haar war hochdrapiert, während ihr zarter Körper mit den ausladenden Hüften in lavendelfarbenen Stoff, der der Farbe ihrer Augen glich, gehüllt war. Neben ihr saß seine Schwester Demeter, die momentan in Gestalt eines alten Weibes am Tisch Platz genommen hatte. Bei der Göttin der Dreifaltigkeit war es immer wieder eine Überraschung, da man nie wusste, welche der Gestalten sie annehmen würde, wenn man sie sah. Mal war es eine Jungfer, die Aphrodite ähnelte, mal die Mutter, welche Hera darstellte, mal war es das alte Weib, wie in diesem Moment. Sie trug dunkelgrüne Gewänder, das weiße Haar hing ihr glatt den strammen Rücken hinab. Auch wenn ihr Gesicht faltig war, fand sich in diesem und den wachen, stahlgrauen Augen eine gewisse Schönheit.
Demeter gegenüber saß die älteste seiner Schwestern, Hestia, die Jungfrau. Ihre Unschuld spiegelte sich in den riesigen, himmelblauen Augen wider. Das dunkelbraune Haar trug sie offen in großen Locken, die ihr bis zur Taille reichten, während ihr Kleid von weißer Farbe war. Neben Hestia saß sein Sohn Hermes. Das mittelbraune Haar war zu einem strengen Zopf geflochten, der knapp unter seinem Nacken endete. Seine Füße steckten, wie üblich, in seinen Flügelschuhen, während sein Körper in eine lederne Rüstung gehüllt war. Die wachen, graublauen Augen waren zur hohen Decke gewandt.
Hermes gegenüber saß dessen Bruder Apollon, dessen goldenes Haar zu einem losen Zopf, der über die Schulter geschwungen und somit über seine Brust fiel, gebunden war. Die ockerfarbenen Augen und die sonnengebräunte, goldene Haut zeugten von seiner Fähigkeit, den Sonnenwagen zu lenken. Die goldene Rüstung war in vieler Augen übertrieben prunkvoll, doch hatte er eine Vorliebe für Gold entwickelt, die sogar soweit reichte, dass auch seine Waffen mit Goldanteil geschmiedet worden waren. An seiner Seite saß die Jägergöttin Artemis, die gleichzeitig auch seine Zwillingsschwester war. So wie Apollon der Gott der Sonne war, war Artemis die Göttin des Mondes. Anstelle goldenen Haares besaß sie silberne Locken. Ihr Bogen bestand aus silbernem Metall, doch übertrieb sie es, anders als ihr Bruder, nicht mit ihrer Signaturfarbe, und kleidete sich gerne in seidenweiches Leder.
Der Platz ihr gegenüber war leer, denn er gehörte ihrer Schwester Aphrodite. Direkt neben Aphrodite saß deren Ehemann Hephaistos. Das schwarze, lockige Haar des größten Schmiedes in der gesamten Geschichte, wurde von einem eisernen Ring zurückgehalten. Seine Gesichtszüge waren hart und er wurde immer mit einem grimmigen Gesichtsausdruck gesehen. Böse Zungen fragten, ob er denn überhaupt Lächeln konnte. Seine Kleidung bestand nur aus einer ledernen Hose und einer ledernen Schürze, welche seine breiten Muskeln freigab. Seine Haut schien immer von leichtem Ruß bedeckt zu sein, während sich in seinen dunklen Augen mächtiges Wissen widerspiegelte.
Passend zum Gott des Schmiedes, saß der Gott des Krieges ihm gegenüber. Ares, wie Hephaistos Sohn des Zeus und der Hera, hatte ebenso schwarzes, doch um einiges wilderes Haar. Seine Gesichtszüge waren genauso markant, aber feiner als die seines Bruders. Er trug eine dunkle Rüstung aus Metall, unter der schwarzes Leder hervorschien. An seiner Hüfte hingen zwei Schwerter. Seine dunkelblauen Augen ähnelten denen seines Vaters, während sein strenger Blick mehr dem seiner Mutter glich. Athene, die Klügste der Kinder des Zeus, saß neben ihm. Ihr hellbraunes Haar war unter einem Helm verborgen. Sie trug ein beiges Kleid, doch darüber befand sich eine Brustplatte, aus demselben, edlen Material, aus dem auch ihr Helm geschaffen war. Eine Eule zeichnete sich auf dieser Platte ab, ihr Wappentier.
Der Platz ihr gegenüber war leer, den dieser gehörte Hades, dem Bruder des Zeus und Gott der Unterwelt. Doch der Herrscher der Toten war nicht anwesend. Er war so gut wie nie zugegen, denn seine Position erforderte beinahe unablässige Anwesenheit und Aufmerksamkeit von ihm. Niemand sprach ein Wort und langsam wurde selbst Zeus ungeduldig. Gerade als er sich erheben wollte, um nach dem Rechten zu sehen, glitten die riesigen Tore des wändelosen Raumes auf, der sich auf dem Gipfel des Olymp befand.
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Der Anblick, der sich Ava bot, als sie den Versammlungsort der mächtigsten Götter betrat, raubte ihr schier den Atem. Jede Gottheit an sich strahlte bereits eine enorme Macht aus, doch gepaart mit den hohen Säulen, die ein Tempeldach trugen und zu jeder Seite hin offen waren, und somit den Blick auf den Himmel und das darunterliegende Meer und die Wolken gaben, erledigten den Rest. Ihre ohnehin schon bleiche Haut schien fast durchscheinend zu werden. Immer wieder wiederholte sie ihr Mantra, das Mantra, das sie bei Verstand halten sollte. ‚Das alles ist nur ein Traum, genieße es solange es währt.‘ Sie holte tief Luft und versuchte ihren Herzschlag damit wieder zu beruhigen, was ihr allerdings nur mäßig gelang, denn alle zwölf Augenpaare der olympischen Götter waren auf sie gerichtet.
Der weißhaarige Götterkönig betrachtete das junge Ding mitfühlend, doch konnte er sich genauso wenig wie die Moiren einen Reim darauf machen, was genau sie nun war. Am ehesten schien sie einem Menschen zu ähneln, was ihr Verhalten anbelangte, doch ihre gesamte Gestalt erschien ätherisch, wie die einer Göttin, wenngleich sie im Gegensatz zu den ihm bekannten Gottheiten den magischen Schein vermisste, der ihre Haut von innen heraus leuchten ließ.
Die durchbohrenden Augen des Ares nahmen jede Kleinigkeit der fremden Frau auf. Das lange Haar, welches in rosaroten Locken zu einem losen Zopf geflochten und von Reifen aus Opal gehalten wurden. Das mintgrüne Kleid schmeichelte ihrer blassen Haut, während der Gürtelreif und die Schulterspangen, ebenfalls aus Opal geschliffen, das lange Kleid an den richtigen Stellen hielt. Ihr Gesicht war in seinen Augen fesselte ihn beinahe schon durch seine eigentlich gewöhnliche Langeweile. Bevor er wusste, was er tat, noch bevor ihn irgendjemand hätte aufhalten können, hatte er sich erhoben und vor sie gestellt. Seine große, raue Hand legte er auf ihre weiche, seidige Wange. Sie reichte Ares gerade bis zur Schulter, doch als sie ihm in die Augen sah, wusste er, er war verloren. Denn was wirklich von ihm Besitz ergriff, waren ihre nachtschwarzen Augen, in denen plötzlich Sterne erschienen, so, als hätte sie den Nachthimmel selbst in ihrer Iris gefangen genommen. Tief in seinem Inneren spürte er, wie sich ein fehlendes Puzzlestück an die richtige Stelle rückte. Sie war seine verloren geglaubte Hälfte, sein Herz. „Gefährtin“, entschlüpfte es seinen schmalen Lippen, die bisher nie ein sanftes Wort verloren hatten.
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Fortsetzung folgt…