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Der Literatur-Strich

Nicht während meiner Wache

Lesedauer 9 Minuten

„Hast du das gehört?“
Romeo sah hektisch zu seinem Freund.
„Was? Nein, Mann. Da war nichts.“
„Bist du dir sicher? Ich könnte schwören, dass ich etwas gehört habe.“
„Vielleicht war das mein Bauchgrummeln. Ich habe richtig Kohldampf.“
„Du hast immer Hunger, Buddy.“
Diese Erkenntnis entlockte Romeo sogar ein kleines Lächeln. Er entspannte sich ein wenig, nachdem er in der Gegend nichts Ungewöhnliches entdecken konnte.
„Was meinst du, was gibt es heute?“
„Wovon sprichst du?“
„Du weißt schon, zum Essen.“
„Ist das nicht egal? Du isst ohnehin alles mit gleichermaßen viel Genuss.“
„Das ist nicht wahr. Letztens gab es nur Obst. Das kann mir gestohlen bleiben.“
Buddy verzog sein Gesicht zu einer angeekelten Fratze und ahmte Würggeräusche nach. Romeo musste bei diesem Anblick so sehr lachen, dass er beinahe von der Erhöhung fiel, auf der er stand.
„Haltet die Klappe da drüben und konzentriert euch lieber auf die Umgebung!“, schallte eine hohe Stimme zu ihnen.
Romeo zuckte zusammen. Im Regelfall nahm er seinen Job sehr ernst. Er wusste genau, was auf dem Spiel stand. Aber manchmal schaffte es sein Freund, dass er für einen kurzen Moment die Last vergaß, die auf seine Schultern drückte. Bis er, so wie eben, von Lola wieder daran erinnert wurde.
„Tut mir leid, Boss“, entschuldigte er sich kleinlaut.
Als er seinen Blick wieder gen Horizont wandte, sah er noch in den Augenwinkeln, wie Buddy ihn und seine leicht demütige Haltung nachäffte. Dafür verpasste Romeo seinem Freund einen leichten Stoß.
„Hey, lass das nicht an mir aus. Nur weil Lola dich beim Spaß haben erwischt hat.“
„Das ist es ja nicht allein. Du weißt was passiert, wenn wir nicht aufpassen.“
„Ja, ich weiß. Es geht um die Kids. Wir machen unseren Job. Verdammt gut sogar. Da können sie es uns doch auf unsere Weise erledigen lassen. Wenn wir schon die ganze Zeit in der prallen Sonne rumstehen.“
„Schon gut, Buddy. Tut mir leid. Du hast ja irgendwie recht, aber…“
Weiter kam er nicht, bevor sein Freund ihn unterbrach.
„Aber, wenn du negativ beim Boss auffällst, kannst du vergessen jemals mit ihrer Tochter anzubandeln. Welche war es doch gleich?“
„Angel“, säuselte Romeo verträumt.
„Das kannst du sowieso vergessen. Du wirst nie gut genug für eine Tochter vom Boss sein.“
„Ja, meinst du?“
„Romeo, wie oft müssen wir das eigentlich noch durchkauen. Du bist ein Findelkind. Keiner weiß, wer deine Eltern sind. Und dass du von unserem Clan aufgenommen wurdest, hat dein ganzes Glück für mindestens zwei Leben aufgebraucht.“
„Du hast wohl recht“, seufzte Romeo.
Alles was sein Freund gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Er war als kleiner Junge, auf der Suche nach Essen, orientierungslos durch die Gegend gelaufen. Halb verhungert, war er bereits am Ende seiner Kräfte gewesen, als er auf den Clan traf. Normalerweise trauten sie Fremden nicht, doch ein territorialer Krieg, hatte sie zuvor sehr dezimiert, darum hat man ihn aufgenommen. Zunächst nur zur Probe. Er lernte schnell und brachte sich ein, wo er nur konnte. Er verdankte dem Clan sein Leben, da störte es ihn nicht, dass diese Probezeit nach zahllosen Monden, noch immer anzudauern schien. Immer noch begegnete man ihm mit Skepsis. Kaum jemand vertraute ihm. Er bemerkte das Flüstern, welches verstummte, sobald er sich näherte. Nur Buddy übernahm aus freien Stücken mit ihm gemeinsam die Wache. Und dann war da noch Angel. Sie begegnete ihm stets freundlich und ohne Vorbehalte. Es hatte ihn bereits erwischt, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Kurz nachdem er gerettet wurde und damit dem Tod von der Schippe gesprungen war, brachte sie sein Herz zum Wummern. Jedes Mal, wenn er sie sah, erinnerte er sich an diesen Moment und erlebte ihn wieder. Romeo versuchte so oft wie möglich in ihrer Nähe zu sein. Er wollte ihr mehr als nur auffallen. Sie sollte ihn so sehen, wie er sie sah. Darum meldete er sich jedes Mal freiwillig für den Wachdienst, wenn sie mit den Kindern draußen war, um sie beim Spielen zu beaufsichtigen.
„Hör mal Kleiner, ich würde dir ja wünschen, dass da was läuft, aber Angel hat da recht wenig Mitspracherecht solange Lola den Clan anführt. Und da sie später einmal die Nachfolge antreten soll, wird der Boss auch den Zukünftigen auswählen, wenn die Zeit reif ist. Also solltest du dich lieber daran gewöhnen, dass du sie mit einem anderen Kerl zusammen sehen wirst und mit ihren vielen Kindern, die alle nicht von dir sind.“
Romeos Schultern sackten nach unten und er versank in düsteren Gedanken.
„Lass den Kopf nicht hängen, ich denke Angel ist auch nicht sonderlich glücklich darüber, dass sie nicht selbst entscheiden kann. Ich will aber einfach nicht, dass du dir falsche Hoffnungen machst.“
Ein Schrei beendete die Unterhaltung. Diesmal war es nicht Lola, die sie zurechtwies.
Romeo wandte den Blick sofort in den Himmel.
„Los, alle rein!“, bellte er, während er noch die Situation analysierte.
Nun stimmten auch Lola und Buddy ein und riefen alle zusammen, damit sie sich verstecken konnten.
Sie hatten es so oft trainiert, dass blitzschnell alle in Sicherheit waren.
Als Romeo halb zur Pforte herein war, hatten sie alle bereits durchgezählt. Nur Lola war noch draußen. Normalerweise bildete sie das Schlusslicht, um auf eventuelle Nachzügler aufzupassen. 

Eine Ahnung ließ ihn nochmal hinaustreten. Da schnitt er auch schon der nächste Schrei durch den Wind. Man hörte kaum, wie der gefiederte Körper durch die Luft nach unten sauste.
„Lola, pass auf!“
Er rannte so schnell er konnte auf seinen Boss zu. Jetzt ging es um Leben und Tod. Kurz bevor er sie erreicht hatte, setzte er zu einem Sprung an. Er rammte den Adler mit voller Wucht und konnte ihn gerade noch abhalten, seine Krallen in Lola zu schlagen. Doch nun hatte er alle Aufmerksamkeit des Raubvogels auf sich gelenkt. Romeo versuchte sich so gut es ging, um die Füße des Feindes zu schlängeln. Immer nah an dessen Körper, während er selbst wiederholt zubiss. Der Adler holte mit seinen mächtigen Flügeln aus und brachte Romeo zum Wanken. Das gab ihm gerade genug Zeit, um ihm einen Hieb mit seinem scharfen Schnabel zu verpassen. Mit seinen Krallen bekam er den schmalen Körper jedoch nicht richtig zu fassen. Buddy war bereits mit Verstärkung angekommen. Alle kratzten und bissen nun auf den Adler ein, so dass ihm nichts weiter übrigblieb, als diesmal ohne Beute davonzufliegen. Mit einem ohrenbetäubenden Schrei stieß er sich in die Luft ab. Er kreiste noch ein paar Mal über dem Bau, bevor abließ. Diese Chance hatte er vertan.
Buddy zerrte den schwer verletzten Romeo in den Bau. Er würde nicht zulassen, dass er als Futter endete.


Ein Flüstern weckte ihn. Nur wenig Licht drang in die Höhle, doch gerade noch so viel, dass es ihn blendete. Die Glieder schmerzten und Romeo versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Vorsichtig untersuchte er sein hellbraunes Fell. Die blutverkrusteten Stellen, ließen seine Erinnerung zurückkehren. Der Adler!
Er sprang auf seine vier Pfoten und wollte bereits zum Höhlenausgang sprinten. Doch der Schmerz nahm überhand. Unter lautem Stöhnen schleppte er sich der Öffnung des Baues entgegen.
„Na Kleiner. Auch schon munter?“, witzelte Buddy, als er auf seinen Freund zulief.
Die Sorge in seiner Stimme war jedoch nicht zu überhören.
„Buddy, haben wir gewonnen?“
„Ja, alles gut. Außer dass du ein wenig ramponiert bist. Aber das wird schon wieder.“
Er tätschelte seinem Freund leicht den Kopf.
„Du hast übrigens mächtig Eindruck gemacht.“
„Habe ich das?“
„Klar! Also wundere dich über nichts, wenn wir da gleich zusammen rausmarschieren.“
Er musterte Romeo skeptisch.
„Ok, rauskriechen.“
Die Sonne kitzelte Romeos Nase, als er einen Schritt nach draußen machte. Sofort bildete sich eine Traube um ihn. Ein Haufen Fragen prasselten auf ihn ein. Wie es ihm gehe. Ob er Schmerzen habe. Ob er seine Taktik an die anderen weitergeben könnte, damit sie keine Angst mehr vor den Adlern haben müssten. Ob er die Kids in Zukunft unterrichten würde.
„Genug jetzt!“
Lola schälte sich durch die Menge.
„Los, haltet wieder Wache und bringt dem jungen Mann lieber etwas zur Stärkung.“
„Keine Sorge, Lola. Es geht schon. Ich werde gleich wieder auf die Kolonie aufpassen“, versuchte Romeo zu beschwichtigen.
„Quatsch. Du bist noch nicht so weit. Ruh dich noch etwas aus. Die Pflicht wird noch früh genug zurückkehren.“
Romeo sah verdutzt zu Buddy, doch der grinste nur und zuckte mit den Schultern.
„Ach, und glaub nicht, ich hätte nicht bemerkt, dass du in meine Tochter, Angel verliebt bist.“
„Was, wieso?“
Er fühlte sich ertappt und durchschaut.
„Ihr zwei habt laut genug gesprochen.“
Sie sah nun die beiden Freunde eindringlich an und deutete mit der Pfote von einem zum anderen.
„Keine Sorge, Lola. Ich kenne meinen Platz. Ich werde nichts versuchen.“
Zerknirscht senkte er den Blick und tat als suchte den Boden nach etwas Interessantem ab.
„Ich wollte nur sagen, wenn sie dich mag, dann könnt ihr euch gerne mal treffen.“
„Was? Wirklich?“
„Ich werde sie ohnehin nicht abhalten können, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Und so wie es aussieht, bist das aktuell du. Aber wehe ich höre Klagen über dich!“
„Ganz bestimmt nicht, Boss.“
Seine Lachfalten reichten von einem Ohr zum anderen.
„Buddy, komm. Wir lassen die beiden allein“, bestimmte sie.
„Aber wieso, Angel ist doch gar nicht hier.“
Da hörte es Buddy auch schon hinter sich rascheln.
„Oh, ach so.“
Er verließ den Ort mit Lola gemeinsam, konnte es sich jedoch nicht verkneifen, seinen Freund noch anzugrinsen, ihm zuzuzwinkern und kussähnliche Geräusche von sich zu geben.
„Du weißt schon, dass das meine Tochter ist, oder?“
Buddy sah den Boss an und ließ sofort demütig die Schultern hängen. Auf der nächsten Erhöhung machten es sich die beiden bequem.
Romeo sah ihnen noch kurz nach, bevor er sich zu Angel umdrehte.
„Es sieht so aus, als würde nun ein neues Leben für dich beginnen, Romeo.“
„Hallo Angel“, stammelte er beinahe.
„Ich habe dir etwas zur Stärkung mitgebracht.“
Sie ließ einen toten Skorpion vor dem jungen Mann fallen.
„Oh, ich bin plötzlich nicht mehr hungrig.“
Als er die Enttäuschung auf Angels Gesicht bemerkte, lenkte er ein.
„Aber wir können ihn uns ja teilen.“
„Das würde mich freuen.“
Jeder fing von einer Seite zu knabbern an.
„Ich denke alle haben eine Menge Fragen. Die habe ich auch. Drum fangen wir mit der ersten an, bevor ich gleich wieder zu den Kids muss.“
Er nickte nur.
„Was hast du gedacht, als du dem Adler entgegengesprungen bist?“
„Nicht während meiner Wache.“
Die Antwort schien Angel zu gefallen. Sie gab ihm einen kleinen Kuss und verabschiedete sich.
„Ich muss nun wieder los zu den Kleinen. Ruh dich noch aus, dann können wir das nächste Mal vielleicht zusammen spazieren oder jagen gehen.
Er grinste breit. Nun hatte er alles, wovon er sein ganzes Erdmännchen-Leben lang geträumt hat. Den Respekt des Clans und eine Chance auf Glück mit seiner Angebeteten. Und wie es schien, mochte sie ihn ebenfalls. Jetzt war alles gut.

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