Ramona sah sich verschlagen um, bevor sie in Windeseile die Straßenseite wechselte. Der Abend war bereits hereingebrochen und die Straßen der Stadt wurden nur noch vom leichten, violetten Schein der schon verschwundenen Sonne und den nach und nach angehenden Straßenlaternen beleuchtet, die in regelmäßigen Abständen den Gehweg säumten. Es lag der Geruch nach Kaffee in der Luft, vermischt mit einem leichten Hauch Benzin. Ramona eilte weiter die kleine Nebengasse hinunter und schaute sich immer wieder misstrauisch um. Soweit sie es sagen konnte, wurde sie nicht verfolgt. Eine Sirene heulte in einiger Entfernung auf und der Klang, sowie die aufblitzenden blauen Lichter, jagten ihr kurzzeitig einen Schrecken ein. Beinahe hätte sie das Kuvert fallen lassen, welches sie die ganze Zeit schon vor ihrer Brust an sich presste. Sie wechselte die Straßenseite und bog in eine noch engere Gasse ab, in der Hoffnung, dort etwaige Verfolger abschütteln zu können. Nur weil sie niemanden bemerkt hatte hieß das noch lange nicht, dass niemand hinter ihr her war. Als sie um die nächste Ecke bog blieb sie kurz im Schatten einer kleinen Nische stehen, die eine hervortretende Häuserfront bildete. Ihr Herz raste und sie versuchte ruhig und tief zu atmen um schnell wieder Energie zu schöpfen und weiterlaufen zu können. Sie warf einen Blick über die Schulter. Sie hatte sich schon um einiges vom Stadtzentrum mit seinen imposanten Bauten und modernen Hochhäusern entfernt. Gerade sah sie noch ein Blitzen hinter einer der Glasfronten als auch schon eine gewaltige Explosion mindestens drei Stockwerke augenblicklich pulverisierte. Der Rest des in den Himmel ragenden, postmodernen Wolkenkratzers fiel kurz darauf in sich zusammen und eine Druckwelle aus Staub, Schutt und Hitze erfasste Ramona. Sie hockte sich hin und hielt schützend einen Arm vor ihr Gesicht während sie mit hohem Druck gegen die Fassade vor ihr gepresst wurde. Sofort war die Luft erfüllt von Sirenen. Menschen wurden an ihr vorbei die Straße herunter geweht, als wären sie Blätter in einer warmen Sommerbriese. Überall schrien Menschen gegen das Tosen der Luftfront an, die an ihnen vorbeiflog und alles mit sich führte, dass sie erfassen konnte. Autos überschlugen sich. An der gegenüberliegenden Straßenseite fegte ein Kinderwagen den Gehweg hinab. Noch bevor sich Ramona erheben konnte, um dem darin schreienden Kind zu Hilfe eilen zu können, landete ein Müllcontainer auf dem Wagen und die Schreie des Säuglings erstarben je.
“Miss Parker? … Miss Parker!”
Die Stimme des Staatsanwalts holte Ramona wieder ins hier und jetzt zurück. Sie sammelte ihre Gedanken und ließ einen Moment ihren Blick durch den Raum schweifen, ehe sie wieder den Mann fixierte, der sie angesprochen hatte.
“Ja?!”, antwortete sie mit dünner Stimme.
“War das ihre Antwort?”
Sie sah ihren Gegenüber verwirrt an. Mr. Larssons Miene war nicht zu lesen. Was wäre er auch für ein Anwalt, wenn jeder gleich mit einem Blick erraten könnte, was er dachte.
“Es liegt uns eine eidesstattliche Aussage vor, nach der Sie zum Zeitpunkt des Zwischenfalls eilig den Tatort verlassen haben sollen. Möchten Sie das bestreiten?”
“Nein, aber…”
“Und Sie sind Angestellte bei einem Reinigungsbetrieb?”
“Ja.”
“Haben Sie dort Zugriff auf Chemikalien? Insbesondere Wasserstoffperoxid?”
“Ja.”
“Und Sie waren im Zuge ihrer Tätigkeit auch für das fragliche Gebäude zuständig und hatten eine Zugangskarte?”
Hilfesuchend sah Ramona zu Ralf, ihrem Verteidiger. Dieser reagierte sofort: “Einspruch, Euer Ehren. Meine Mandantin hat bereits zu Protokoll gegeben, dass sie zum Zeitpunkt der Tat nicht mehr im Besitz dieser Karte war.”
“Stattgegeben!”, verkündete der Richter sein Urteil.
Mr. Larsson sah zu seinem Assistenten, der hektisch einen Stapel Papiere durchforstete, anschließend seinen Chef anschaute und den Kopf schüttelte.
“Soweit uns bekannt ist, haben sie die Karte nicht als gestohlen gemeldet”, warf der Staatsanwalt ein.
“Einspruch, Euer Ehren”, sprang Ralf sofort in die Bresche, “Der verehrte Kollege hat die Aufgabe Antworten zu erwirken. Sollte er eine Aussage machen wollen, schlage ich vor ihn vereidigen zu lassen.”
“Stattgegeben!”, urteilte der Richter erneut.
“Na schön”, lenkte Mr. Larsson ein.
“Haben sie ihre Schlüsselkarte als gestohlen gemeldet?”
“Emily, beeil dich. Du kommst sonst zu spät.” Ramona stand im Flur ihrer Wohnung und durchsuchte ihre Taschen, ob sie auch alles mitgenommen hatte. Handy, Schlüssel, Portemonnaie, … “Schatz?”, rief sie in die Wohnung hinein. Ein gedämpftes “Jaha” drang durch eine der Türen. “Hast du meine Schlüsselkarte gesehen? Ich kann sie nicht finden.”
“Hast du in deiner Tasche nachgeschaut?”
“Ja natürlich.”
“Tja, dann weiß ich es auch nicht.”
Verdammt. Ramona wühlte die Schlüsselschale durch und lief auch nochmal in ihr Schlafzimmer, um ihre alte Kleidung zu durchsuchen. Doch nichts. Es war keine Karte zu finden. Dann musste sie halt erstmal mit Anna, ihrer Kollegin, ins Gebäude gehen und heute Abend nochmal gründlich suchen.
“Du kannst ja Dad fragen ob er dich reinlässt”, kam der sarkastische Vorschlag aus dem Zimmer ihrer Tochter.
“Ganz sicher nicht”, antwortete Ramona, “Ich bin froh über jeden Tag, an dem ich diesem Scheißkerl nicht über den Weg laufe.”
“Miss Parker?” Mr. Larssons harsche Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
“Nein. Ich hatte gehofft sie noch zu finden”, berichtete sie wahrheitsgetreu.
“Und haben sie die Karte wiedergefunden?”
“Nein”, Ramona schaute betroffen zu Boden. Sie hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend.
Mr. Larsson konnte sich schwerlich ein gewinnendes Lächeln verkneifen. “Der Daten des Sicherheitsdienstes zu Folge, wurde eben diese Karte benutzt, um sich eine halbe Stunde vor der Detonation des Sprengsatzes Zutritt zu dem Gebäude zu verschaffen. Waren Sie das?”, fragte er fast schelmisch. Es schien ihm eine gewisse Art perverse Freude zu verschaffen, sie dort sitzen zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass er sie Stück für Stück der Schlachtbank näher führte.
“Nein. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass…”
“Was meine Mandantin sagen möchte”, wurde sie schnell von Ralf unterbrochen, “ist, dass sie schon zu Protokoll gegeben hat, sich zum besagten Zeitpunkt nicht mehr im Besitz der Schlüsselkarte befunden zu haben.”
Ramona sah kurz wie Mr. Larsson seine Kiefermuskeln anspannte. Doch einen Moment darauf hatte er sich wieder unter Kontrolle. Als nächstes nahm er ein Foto aus einer Mappe und legte es vor Ramona auf das Pult wärend eine digitale Kopie auf einem der Bildschirme erschien um dem Rest des Saals auch einen Blick darauf zu ermöglichen. Es war eine Beretta 92. Eine typische 9 Millimeter Halbautomatik.
Ramona hörte nichts als ein unerträglich hohes Pfeifen, verursacht durch den ungedämpften Knall des Schusses, und das Rauschen ihres Blutes, welches von ihrem Herzen unbarmherzig und mit schnellen Schlägen durch ihre Venen gepresst wurde. Ihr Sichtfeld begann an den Rändern zu flackern als sie sich von dem Polizisten abwandte, der an der ockerfarbenen Hauswand zusammengesackt war. Der hintere Teil seines Schädels und Gehirns war über die Wand verteilt. Ihre Hände zitterten und mit der linken umklammerte sie krampfhaft den Griff der Waffe. Sie sah sich panisch um bevor sie, das Päckchen in der einen, und die Pistole in der anderen Hand, weiter die Straße herunterrannte. Hoffentlich hatte niemand das hier gesehen. Ein Außenstehender konnte diese Situation gar nicht anders deuten.
Sie rannte immer weiter, während ihre Sicht immer mehr einen roten Stich bekam. Sie versuchte ihn weg zu blinzeln, was das Ganze jedoch nur verschlimmerte. Sie fuhr sich mit dem Ärmel ihrer Bluse über die Augen und spürte dabei einen klebrigen Widerstand. Als sie ihren Arm betrachtete, sah sie Blut, das schon langsam anfing zu gerinnen, vermischt mit kleinen Teilen Hirnmasse. Ihr ganzes Gesicht musste damit gesprenkelt sein. Doch sie war schon lange einen tranceartigen Zustand geglitten, sodass sie das nicht mehr kümmerte.
“Mit dieser Waffe wurde der Polizist, Mr. Nardol, erschossen. Es war seine Dienstwaffe, auf der die Spurensicherung Ihre Fingerabdrücke sicherstellen konnte. Haben Sie etwas dazu zu sagen?”, fragte Mr. Larsson.
“Nur, dass ich ihn nicht erschossen habe”, antwortete Ramona mit wachsender Verzweiflung in ihrer Stimme.
“Sind sie sich da sicher?”
Ramona schaute erschrocken auf. Was sollte das denn heißen? Sie sah zu Ralf, welcher ebenfalls recht ratlos dreinschaute.
Mr. Larsson lächelte leicht und sagte dann: ”Ich ziehe die Frage zurück.” Und mit einem Blick zum Richter ergänzte er: ”Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.” Dieser nickte und wandte sich mit einem “Sie sind aus dem Zeugenstand entlassen, Miss Parker” an Ramona. Diese erhob sich und ging wieder zu ihrem Platz am Tisch des Angeklagten. Sie fühlte sich über die Maßen erschöpft und wollte nur noch, dass diese Farce zu Ende ging.
“Ich möchte eine weitere Zeugin aufrufen”, fuhr der Staatsanwalt ohne weiter Umschweife fort. Hinten ihm Saal erhob sich eine junge, dunkelhaarige Frau von seltener, natürlicher Schönheit. Sie schritt zügig, aber ohne Hast nach vorne.
“Miss Hollander”, sagte Mr. Larsson und deutete der umwerfenden Frau mit einer ausladenden Handbewegung den Weg zum Zeugen Pult. Sie legte ihre rechte Hand auf die auf dem Pult liegende Bibel.
Der Richter erhob die Stimme: „Schwören Sie die Wahrheit zusagen, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit?”
“Ich schwöre”, antwortete die Angesprochene. Danach setzte sie sich.
“Ihr Name ist Natasha Hollander?”, begann der Kläger die Befragung.
“Ja”
“Sie wohnen in einem der Häuser gegenüber des Tatorts?”
“Ja”
“Würden Sie bitte dem Gericht schildern, was sie an jenem Abend beobachtet hatten.”
“Natürlich. Ich hatte mich nach der Explosion unter meinem Küchentisch versteckt um dort Schutz zu suchen. Kurz darauf hörte ich einen Knall und lief zum Fenster. Als ich hinausblickte, sah ich die Angeklagte über dem Polizisten stehen. Sie hatte überall Blut auf dem Gesicht und dem Oberkörper und eine Waffe in der Hand. Sie sah sich kurz um, hob dann ein Kuvert vom Boden auf und lief davon.”
“Wie viel Zeit verging zwischen dem Schuss und Ihrem Blick aus dem Fenster?”
“Etwa eine Minute. Ich war geschockt von der Detonation und dem Schuss. Und ich musste noch einen Raum durchqueren, nachdem ich unter dem Tisch vor gekrochen war.”
“Sind Sie sich sicher, dass es diese Frau war”, er deutete auf Ramona, “die das Opfer erschossen hat?”
“Absolut. Ich erkenne Ihr Gesicht wieder.”
“Danke. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren”, beendete der Staatsanwalt.
Der Richter blickte zu Ralf. “Mr. Brown, haben sie noch Fragen an die Zeugin?”
Ralf erhob sich und stellte sich vor den Tisch.
“Haben sie gesehen wie meine Mandantin den Abzug betätigt hat?”
“Also, nein. Nicht direkt.”
“Also können Sie nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob Miss Parker den tödlichen Schuss abgegeben hat?”
“Naja, nein, aber…”
“Keine weiteren Fragen, Euer Ehren”, unterbrach sie Ralf sofort.
“Damit sind Sie aus dem Zeugenstand entlassen, Miss Hollander. Ich danke Ihnen“, entließ sie der Richter, welcher von ihrer Gestalt sichtlich angetan war, aus ihrem Amt.
“Ich möchte noch einen weiteren Beweis anbringen”, ergriff Mr. Larsson das Wort. Der Richter ließ ihn mit einer flüchtigen Handbewegung gewähren.
„Ich habe hier einen Bericht der Ballistik. Ein Knopfdruck seines Assistenten brachte wieder eine digitalisierte Version des Berichts auf den Bildschirm während der Staatsanwalt dem Richter das Original vorlegte. “Die Kugel, mit der Mr. Brown erschossen wurde, stammt aus einer Beretta 92. Derselben Waffe wie jene, welche die Angeklagte in Ihren Händen hielt.”
Der Richter überflog den Bericht und gab ihn dann an Mr. Larsson zurück.
Dann sah er über den Rand seiner Brille erst Mr. Larsson, dann Ralf und dann Ramona an. Dann fragte er: „Möchte einer von Ihnen noch etwas vorbringen?”
“Nein, Euer Ehren”, kam die zeitgleiche Antwort von den beiden Anwälten.
“Dann wäre die Hauptverhandlung damit beendet. Kommen wir zu den Schlussplädoyers. Mr. Larsson,”, der Richter deutete mit der Hand auf den Staatsanwalt,” wären Sie so frei.”
“Natürlich”, antwortete dieser. Er drehte sich um und schaute kurz mit einem schelmischen, fast giftigen Grinsen zu Ramona. Dann wandte er sich an die Zuschauer. “Meine Damen und Herren”, ein Blick zum Richterpult, ”Euer Ehren. Wie ich vorhin dargelegt habe, deuten alle Indizien darauf hin, dass die Angeklagte sowohl die Fähigkeiten als auch ein Motiv hatte diese Straftaten zu begehen. Sie hatte Zugang zu dem Gebäude. Die Schlüssellogs der Sicherheitsfirma bestätigen, dass sich mit Ihrer Sicherheitskarte eine halbe Stunde vor der Detonation jemand Zutritt zum Gebäude verschafft hat. Wir haben Berichte aus verschiedenen Quellen, welche die Angeklagte mit der Waffe und der Ermordung des Polizisten Greg Nardol in Zusammenhang bringen. Des Weiteren konnte die Angeklagte weder eine solide Verteidigung”, ein Seitenblick zu Ralf, “noch ein Alibi für die Tatzeit vorbringen. Da die Sachlage derart klar ist und die Beweise ausnahmslos in diese Richtung zeigen, komme ich zu folgenden Anträgen. Zum Anklagepunkten des terroristischen Anschlags, des Massenmords und der groben Sachbeschädigung plädiere ich auf die Höchststrafe. Zum Anklagepunkt des Mordes im Falle Greg Nardol plädiere ich ebenfalls auf die Höchststrafe. Ich danke Ihnen.”
Mr. Larsson neigte seinen Kopf und setzte sich dann, eine enorme Selbstsicherheit ausstrahlend, auf seinen Platz am Tisch der Anklage. Daraufhin erhob sich Ralf. Er rieb seine Hände ein paar Mal ineinander bevor er begann: „Meine Damen und Herren, Euer Ehren”, ein kurzes Nicken zum Richter, “Sie haben das Verfahren von Beginn an verfolgt. Die Staatsanwaltschaft hat verschiedene Beweise vorgebracht, welche versuchen, meine Mandantin mit den ihr zur Last gelegten Punkten in Verbindung zu bringen. Doch keiner dieser Beweise stellt die Schuldigkeit meiner Mandantin zu hundert Prozent fest. Ich bin noch nicht sehr lange Anwalt, doch auf der Universität habe ich einen Grundsatz gelernt auf den sich unser ganzes Rechtssystem aufbaut. In dubio pro reo; Im Zweifel für den Angeklagten. Der Kollege Larsson hat mit aller Mühe versucht Sie davon zu überzeugen, dass die Schuld meiner Mandantin absolut klar ist. Doch das ist sie nicht. Wenn Sie also nur den geringsten Zweifel haben, denken Sie daran – in dubio pro reo. Ich danke Ihnen.”
Der Richter ergriff das Wort: “Vielen Dank and die Herren Anwälte. Ich bin zu einer Entscheidung gekommen.” Im ganzen Saal hörte man das Knarzen von Stühlen, die über das schon in die Jahre gekommene Parkett geschoben wurden und das Rascheln von Kleidung, als sich alle Anwesenden erhoben.
“Wie geht es dir, Kleines?” Ramona musste sich beherrschen, nicht sofort in Tränen auszubrechen.
“Es geht”, kam die etwas zu lapidare Antwort von Emily.
“Wie ist es so in dem Schuppen?” Sie versuchte sich an einem heiseren Lachen, brachte allerdings nur ein paar bellende Laute heraus.
“Ich habe mich dran gewöhnt. Das Essen ist nicht so toll, aber wahrscheinlich besser als hier.” Emily ergriff die Hand ihrer Mutter.
“Bitte keine Berührungen”, ermahnte sie sofort eine der Wachen.
“Und hast du schon neue Freunde gefunden?”
“Noch nicht. Aber ich boxe mich da schon durch.”
“Das ist mein Mädchen.” Eine Träne löste sich trotz aller Anstrengungen von ihrem Auge und kullerte über ihre Wange. “Ich habe dich so, soo sehr lieb. Und es tut mir so leid, dass du jetzt ohne mich zurechtkommen musst.”
Emily verzog ihr Gesicht angestrengt um Ihrerseits den aufsteigenden Tränen Einhalt zu gebieten.
“Ich weiß es ist schwer. Aber wir müssen uns jetzt verabschieden. Ich muss nochmal mit Ralf sprechen.” Emily sprang auf und fiel Ihrer Mutter um den Hals. Diese atmete tief ein um den Geruch ihrer Tochter so lange wie möglich behalten zu können. Gleichzeitig sah sie besorgt zu der Wache. Doch dieser nickte ihr wohlwollend zu und schaute dann demonstrativ in eine andere Richtung. Als Ralf an den Tisch trat, löste sich Ramona von ihrer Tochter. „Warte doch bitte draußen auf mich“, sagte Ralf mit zuckersüßer Stimme zu Emily woraufhin diese, wenn auch wiederwillig, den Raum verließ.
„Es tut mir leid“, begann Ralf das Gespräch. „Ich habe alles versucht um das bestmögliche Ergebnis herauszuholen. Aber der Richter hat die Beweise als zu erdrückend angesehen.“
„Ich weiß. Du hättest nicht mehr tun können. Jetzt muss ich meine Zeit absitzen. Ich danke dir trotzdem für deine Mühen. Und dafür, dass du ein Auge auf Emily hast. Ich weiß nicht wie ich das jemals wieder gut machen kann.“
„Das musst du nicht. Ich werde mich bemühen, für Emily auf Dauer eine bessere Unterkunft zu finden. Sie ist ein liebes Mädchen.“
Ein Knacken erklang aus der Lautsprechanlage gefolgt von einer gelangweilt klingenden Frauenstimme: „Die Besuchszeit ist vorbei. Ich möchte Sie bitten sich zu verabschieden und in Ihre jeweiligen Zellen zurückzukehren“
„Dann sehen wir uns?“, fragte Ramona hoffungsvoll.
„Na klar“, antwortete Ralf, während er sein Portmonee heraus kramte, um seinen Anwaltsausweis herauszuholen. Er steckte vor einer der alten Visitenkarten von Ralf, als er noch bei der alten Kanzlei gearbeitet hatte. Aber noch etwas anderes fiel Ramona ins Auge. Eine weiße Karte mit einem Schlüssellogo darauf, welches ihr durchaus bekannt vorkam.
Er stand auf, zeigte der Wache an der Tür seinen Ausweis und wurde sofort durchgelassen.
Ramona wurde von einer stämmigen Wärterin in ihre Zelle geleitet. Sie war ins Grübeln verfallen. Woher hatte Ralf eine solche Schlüsselkarte. Hatte er sie noch von seinem Job bei der Kanzlei? Sie kannte ihn durch den Vater von Emily. Die beiden hatten dort gearbeitet, bevor Ralf gefeuert wurde.
Es durchfuhr sie wie ein Blitz. Noch bevor sich der Gedanke, der ihr gerade gekommen war, von einer Idee zu einer Erkenntnis verdichten konnte, spürte sie wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Sie spürte das leichte Knistern von statischen Entladungen, kurz bevor sie einen ohrenbetäubenden Knall vernahm und sie von einer Feuerwalze verschluckt wurde.
Eine Antwort auf „Des Teufels Advokat“
„Eine wirklich spannende Gerichtsverhandlung mit überraschendem Ende“, würde ich die Geschichte zusammenfassen. Mir hat sehr gefallen, wie du Ramonas Fall aufgerollt und dargelegt hast. Tatsächlich war ich mir stellenweise über ihre Schuld, beziehungsweise Unschuld, unsicher. Ein wenig erwartet, habe ich das Ende schon, was aber der Geschichte keinen Abbruch tut. Was mir allerdings eher weniger gefallen hat, war der Richter und seine Dialoge. Ja, ich verstehe, dass du seine Teilnahmslosigkeit darstellen wolltest, aber vielleicht wäre noch die ein oder andere Erwähnung gut gewesen, abgesehen von den kurzen Dialogsätzen. Beispielsweise: „sagte der Richter teilnahmslos und sah gelangweilt aus dem Fenster.“ Damit wäre es um einiges deutlicher geworden. Alles in allem ein sehr gelungener, kurzer Gerichtskrimi, vor allem das ultimative Ende war genial!