Samstag Abend
“Hab´ ich dir heute schon gesagt, wie unglaublich schön du bist?” er konnte ein Lächeln in ihrem Gesicht erkennen. Paul wusste immer, wie er sie zum Lächeln bringen konnte. Er musste es einfach tun. Sie hatte das schönste Lächeln von allen. Ein Lächeln, was ihn den ganzen Ärger und alles Schlimme in seinem Leben vergessen lässt. Ein Lächeln, bei dem ihr ganzes Gesicht strahlt und was ihn selbst auch immer zum Lächeln bringt. Er liebte dieses Lächeln, welches ihre Grübchen erscheinen ließ und ihren Augen mit kleinen Fältchen schmeichelte. Ihre Augen, ihre wunderschönen Augen. Mehr brauchte es nicht um ihn aus dieser Realität fort und in eine ganz neue zu schicken. Ein Blick in sie reichte, um alles um ihn herum verschwinden zu lassen. Diese strahlenden blauen Augen, die ihm das Gefühl geben, dass für einen Moment die komplette Welt still steht und es niemanden gibt, außer ihm selbst und sie. Oft wurde er von seiner Erzieherin und den Mädchen im Heim gezwungen, typische Liebesfilme zu sehen, ganz zu schweigen von den vielen romantischen Balladen, die er in der Schule immer lesen musste. Er fand die Darstellung der Liebe in solchen Werken immer für übertrieben und konnte sich einfach nicht vorstellen, dass so ein tiefgehendes Gefühl wirklich existierte. Bis er sie traf und in ihre strahlend blauen Augen sah. Ab da an verstand er sie, die Liebe. Er wusste nun wie es ist, jemanden mehr zu lieben als die eigene Person. Wie es sich anfühlte, jede Sekunde nur an den einen Menschen zu denken. Für sie würde er bis ans Ende der Welt gehen und für sie würde er alles sein. Niemals würde er sie allein lassen und würde immer versuchen sie zu schützen. Bis zu seinem letzten Atemzug wäre sie sein und er würde ganz ihr gehören.
Mit diesen Gedanken betrachtete er noch einige Zeit ihr Gesicht und zählte dabei ihre Sommersprossen, die wie Sterne am Himmel auf ihrer zarten und hellen Haut ruhten. Es schien so, als wäre sie eingeschlafen. Er küsste zärtlich ihre Lippen und flüsterte liebevoll: “Ich liebe dich, Isa.”
Sonntag Morgen
“Guten Morgen Paul. Hast du schon alles vorbereitet?” hallte es durch den großen Saal. “Guten Morgen Pastor Lorenz. Es ist alles fertig soweit. Ich entstaube nur noch die Orgel.” Von der Empore aus, blickte Paul nach unten. Er konnte von der Position gut sehen, wie ausgeprägt die kahle Stelle am Hinterkopf des Pastor bereits war. Aber mit Ende 50, kann man den Zustand seines Haupthaares allemal akzeptieren. Er war ein recht großer Mann, von kräftiger Statur. Falten zierten mittlerweile sein Gesicht und der ebenfalls ergraute Bart, machten das Gesamtbild perfekt. “Zuverlässig wie immer. Du bist der beste Küster, den man sich nur wünschen kann. Sei zu Hause auch so fleißig und du wirst deine zukünftige Frau sehr glücklich machen.” Mit einem Lächeln auf den Lippen, ging der Pastor in sein Kämmerchen hinter den Altar, um sich für die Predigt vorzubereiten.
Paul eilte die Treppen der Empore nach unten und folgte dem Pastor in seine Kammer. Er half ihm so viel er konnte. Das war Paul ihm schuldig, wie er fand. Der Pastor hatte ihm in seiner Kindheit immer geholfen. Nachdem er seine Eltern verlor, nahm Pastor Lorenz ihn im katholischen Kinderheim der Stadt unter seine Obhut. Er lehrte ihm was es bedeutete ein frommer Mensch zu sein und nach Gottes Willen zu handeln. Im Laufe der Jahre war er wie ein Vater für Paul geworden. Schließlich nahm er ihn mit in seine Kirche und zeigte ihm was es bedeutet, Küster zu sein. Paul hatte seine Berufung gefunden. Doch nicht nur innerhalb der Kirche konnte er auf das Vertrauen des Pastors setzen. Auch in den anderen Organisationen, die unter der Leitung der Kirche stehen, hatte Paul großes Ansehen und Leitete einige Selbsthilfegruppen, verteilte Essen im Obdachlosenheim und beriet die Bewohner des Altersheims `Zum Sonnenuntergang` zum Thema `Letzter Weg in Gottes Arme`. Er genoss seine Arbeit sehr und war sehr stolz darauf mit Anfang 20 bereits solch eine Stellung und solch einen Stand in der Gesellschaft vertreten zu können. Innerhalb der Kirche fühlte er sich seit klein auf geborgen und geschützt. Nur an einem Ort war er lieber als hier. Bei Isabelle. Obwohl er sich erst vor wenigen Stunden von ihr verabschiedet hatte, vermisste er sie bereits und konnte an nichts anderes mehr denken. Was wird sie wohl jetzt tun? An was wird sie wohl gerade denken? Er wusste, dass er sie heute nicht mehr sehen könnte. Weder sie noch ihre Eltern sind je bei ihm in der Kirche gewesen. “Das ist doch nichts weiter als Aberglaube und Hokuspokus.” hatte ihr Vater immer gesagt. Und doch hatte Paul ihn bereits mehrfach ertappt, wie er mit einer unsichtbaren Macht zu sprechen scheint. Vor allem dann, wenn er traurig ist. Isa teilte die Meinung ihres Vaters über die Kirche zwar, doch gab sie Paul nie das Gefühl, dass er im Unrecht wäre, wenn er über seine Arbeit oder seinen Glauben sprach. Noch ein Grund mehr, warum er sie so sehr liebte. “Na, bist du wieder weit weg? Los komm, die ersten Besucher werden gleich da sein, die Sonntags Predigt beginnt bald.”
Das war eine gute Predigt. Paul erkannte das daran, dass die Kollekte eine beachtliche Höhe eingebracht hatte. Er schloss das Geld wie gewohnt in den Save und machte das Licht aus. Er war der letzte. Alle waren bereits fort. Das war immer so. Paul machte dann immer noch einen letzten Kontrollgang. Er lief durch die einzelnen Sitzbank Reihen und sah plötzlich auf dem Boden etwas glitzern. Als Paul es aufhob erkannte er, dass es ein schmaler Ring war. Da er keinerlei Gravur zu haben schien entschied er, ihn mitzunehmen. “Das ist er, er ist perfekt. Es muss ein Zeichen Gottes sein, dass ausgerechnet ich ihn hier gefunden habe.” Paul entschloss Isabell mit diesem Ring die Frage aller Fragen zu stellen. Er war zwar nichts besonderes, eher bodenständig aber genauso war ihre Liebe auch. Freudig steckte er ihn in seine Tasche, ging zur Tür und schloss sie hinter sich ab. Bevor er das Gelände verließ sah er nochmal verträumt über den Friedhof. Gedanklich war er wieder bei seiner Isa. Er würde sie so gerne sehen. Doch zum Sonntag war das nicht möglich. Dieser Tag, war der Tag des Herren. Wenigstens an einem Tag der Woche, wollte er nicht an seine Sünden erinnert werden. Also widersetzte Paul sich seinem eigenen Willen und würde heute nicht zu ihr gehen. “Morgen sehen wir uns wieder. Morgen bist du wieder mein.”
Nach jeder Sonntagspredigt entschied Paul sich den Tag zu genießen und machte einen langen Spaziergang, der ihn quer durch die Stadt führte. Obwohl er direkt neben dem Friedhof wohnte wollte er immer noch ein Stück laufen. Er konnte so einen klaren Kopf bekommen und seine Gedanken einfach schweifen lassen. Paul lief durch die Gassen der Stadt und betrachtete die ganzen Häuser. Die meisten von ihnen waren Fachwerkhäuser, viel älter als er selbst. Paul war sich sicher, eines Tages würden er und Isabell ein solches Haus besitzen, mit einem Garten und allem was dazu gehörte. Auf seinem Weg kam er am Gemeinschaftszentrum der Stadt vorbei. An der großen Kundgebungstafel hingen immer die verschiedensten Informationen. Die Termine für diverse Stadtfeste und Veranstaltungen, Termine für die Predigen und vieles mehr. Eine Stelle der Tafel war jedoch nicht so freudig anzusehen. Der Abteil mit den Vermisstenmeldungen. In einer solchen Kleinstadt gab es natürlich nicht viele davon. Fast alle handelten von entlaufenen Katzen oder Hunden. Einer vermisste sogar sein Fahrrad. Bloß eine Anzeige stach hervor. Seit über einem Jahr war sie bereits der traurige Mittelpunkt der ganzen Tafel. Im Frühjahr des vergangenen Jahres verschwand eine junge Frau scheinbar spurlos. Bis heute konnte sie nicht gefunden werden. Jedes Mal wenn Paul das sah erschrak er kurz. Die junge Frau sah Isabell zum Verwechseln ähnlich. Das stimmte ihn traurig. “Wenn Isabell einfach verschwinden würde, das würde ich nicht verkraften. Ein Glück ist sie in Sicherheit. Bei mir. Dort, wird ihr nichts geschehen.” Er richtete sein Blick wieder von der Tafel weg und nahm seinen Heimweg weiter auf.
Montag Abend
Die Luft war kalt, als er sich auf den Weg machte, um Isa zu sehen. Dicker Nebel lag auf der ganzen Stadt und hüllte sie zusammen mit dem bereits hochstehenden Mond in ein weißes, leicht feuchtes Ambiente. Trotz der schlechten Sichtverhältnisse brauchte Paul keine Taschenlampe. Er kannte den Weg zu gut. Der Friedhof war zusammen mit der Kirche sein zweites Zuhause. Er wusste genau, wo er hintreten konnte. “Wir müssten den Weg mal pflastern lassen” dachte sich Paul, als er den Matsch unter seinen Schuhen spürte und fast darauf ausrutschte. Er lief noch einen kleinen Schlenker zum Grab von Frau Konrad. Sie war erst kürzlich verstorben und ihr Mann besorgte immer die schönsten Blumen für ihr Grab. Das war genau das i-Tüpfelchen für seinen großen Moment heute. Ein großer Strauß aus roten Rosen. Er roch an ihnen. “Perfekt!”
Als er endlich die kleine Hütte erreichte, öffnete er die Tür voller Vorfreude. “Da bist du ja! Ich habe dich so vermisst.” Obwohl sie bereits seit 3 Jahren zusammen waren, hatte Paul noch immer dieses Kribbeln, wenn er Isa sah. Er war immer noch aufgeregt, wenn er sie endlich wieder sehen konnte. Paul würde sie am liebsten immer bei sich haben. Doch das ging nicht. Er konnte sie nicht zu sich in die Wohnung holen. Ihre Eltern würden das nicht verstehen “Wenn man so jung ist, sollte man noch nicht zusammen wohnen. Ihr habt euch beide noch nichts aufgebaut und könnt gerade so auf eigenen Füßen stehen.” sagte ihr Vater schon damals, nachdem sie das erste Mal über eine gemeinsame Wohnung nachgedacht hatten. Eine zeitlang haben sie sich immer in seiner Wohnung getroffen. Paul war 3 Jahre Älter als sie und lebte seit er aus dem Heim ausgezogen war, alleine. Doch auch das ging nicht mehr. Seit kurzem hatte er einen Mitbewohner und er wollte nicht, dass Lukas Isa kennenlernte. Er war schon immer eifersüchtig gewesen doch mittlerweile nahm dieses Gefühl zu. Es war wie ein innerliches Brennen was eine tiefe Wut in ihm hervorbrachte. Nur eines konnte ihm von solch einem Wutanfall wieder abbringen. Isa´s wunderschöne Augen und ihre liebliche Stimme. Er wollte nichts sehnlicher, als sie nur für sich haben. Die Angst, dass jemand sie ihm wegnehmen könnte, war größer als alles andere. Also sah er sie immer im Geräteschuppen des Friedhofs. Dadurch, dass der Pastor ihm so vertraute, hatte er einen Schlüssel für die Hütte und konnte dort jeder Zeit hinein. Dort hatten sie ihr erstes Date und die Magie dieses Moments, war für ihn bis heute geblieben. Die Zeit war dort wie angehalten und er musste keine Angst haben, dass sie jemand stören würde. Dieses Versteck kannte fast niemand. Nur sie und er.
Inzwischen hatte er diese Hütte sogar zu einem recht gemütlichen Ort gemacht. Paul hatte alle Geräte in einen kleinen Abstellraum der Hütte untergebracht. Stattdessen befand sich dort auf engstem Raum gequetscht ein Schlafsofa und mehrere Kissen und Decken. Eine Essecke sowie eine kleine Kommode hatte er dort. Ein paar Dekostücke rundeten die ganze Sache ab. Er fand es dort sehr gemütlich. Sogar den alten Kamin, der aus unerklärlichen Gründen damals in den Schuppen gebaut wurde, konnte Paul wieder in den Gang bekommen um die kalten Tage und Nächte dort aushalten zu können. Nur das Beste für die Liebe seines Lebens.
Er zog die Vorhänge zurück und etwas Mondlicht trat durch die alten Fenster, die durch die Zeit schon ziemlich milchig geworden waren. Anschließend feuerte er den Kamin an, um die kühle Luft zu vertreiben. Seine Liebe durfte schließlich nicht frieren. Wobei sie sich über sowas nie beklagte. “Ich habe uns ein paar Sandwiches mitgebracht. So wie ich dich kenne, hast du bestimmt sowieso keinen Hunger. Nicht war? Ich kenn dich einfach zu gut” Er ging zu ihr und küsste sie. Der Duft der von ihr ausging, war für ihn nahezu betörend. Er roch ihn immer und überall. Manchmal, wenn sie schlief, beobachtete er sie und roch an ihr. An ihrem Haar, ihren Lippen und manchmal kroch er unter die Decke und versuchte sie ganz und gar einzuatmen. Er fuhr dann an ihren Brüsten runter, über ihren Bauch und machte Halt in ihrem Schoß. Er kam nur selten drum herum sie dort zu küssen. Paul wusste, dass ihr das gefiel. Er konnte dort Stunden verweilen. Er liebte es sie zu befriedigen. Letzten Endes war es genau das, worum es ihm ging. Sie sollte einfach glücklich sein. Noch einen Ausrutscher konnte er sich nicht erlauben. Er wollte sie nicht noch einmal unglücklich machen. So wie damals, als die Eifersucht ihn übermannte und er kurz die Kontrolle verlor. Er wollte ihr nicht wehtun. Paul wusste einfach nicht, wie ihm geschah. Er war nicht er selbst gewesen. Das hatte er ihr tausende Male versucht beizubringen. Doch scheinbar hatte sie es schon vergessen. Sie beschwerte sich nie. Eigentlich war sie die meiste Zeit sehr verschwiegen. Doch das kümmerte ihn nicht. Hauptsache er war bei ihr.
“Ich habe deinen Lieblingswein besorgt und ich habe noch eine Überraschung für dich!” Ganz aufgeregt, holte er Kerzen und eine Vase aus der Kommode. Die Vase stellte er samt Blumen auf den Tisch und die Kerzen verteilte er überall im Raum. Nachdem er sie angezündet hatte und für sich feststellte, dass das Ambiente perfekt war, trat er näher an sie heran, fiel auf die Knie und nahm ihre Hand.
“Du weißt, dass du alles für mich bedeutest. Ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen, denn jede Sekunde an jedem Tag kann ich an nichts anderes denken als an dich. Meine Träume sind Albträume, außer du kommst in ihnen vor. Du bist die Luft, die ich zum Atmen brauche und der Antrieb, der mich jeden Morgen aufstehen lässt. Wenn du nicht mehr bist, kann auch ich nicht sein, denn wenn du gehst, nimmst du einen Teil von mir mit fort.” Er ließ ihre Hand kurz los und griff in seine Tasche, um den Ring heraus zu holen. Mit zittriger Hand ertastete er ihn und zog ihn hervor. Erneut ergriff er ihre Hand und fuhr fort: “Ein Leben ohne dich an meiner Seite ist für mich unvorstellbar und der Gedanke daran macht mich ganz verrückt. Ich möchte dir das Leben schenken, das du verdienst. Ein Leben mit mir. Niemals wärst du wieder allein. Ich werde für dich da sein, wenn es dir schlecht geht und ich werde der Grund sein, warum du fröhlich bist. Darum bitte ich dich: werde meine Frau, Isabella.”
Sie starrte ihn an. `Ihre Gefühle müssen sie überrollen` dachte er. Mit immer noch zittrigen Händen, hielt er ihr den Ring hin und versuchte ihn auf ihren Finger zu stecken. Gerade in dem Moment, in dem sie ihm endlich eine Antwort geben wollte, wie er dachte, hörte er merkwürdige Stimmen, die vom Friedhof zu kommen schienen. Erschrocken drehte er sich um. Um diese Uhrzeit dürften keine Besucher mehr unterwegs sein. Das Friedhofstor hatte er schon lange abgeschlossen. Da war er sich ganz sicher. Das überprüfte er immer mehrfach, um sicherzustellen, dass er und Isa nicht gestört würden. “Das darf nicht sein! Nicht jetzt. Sie machen uns alles kaputt!” Wütend erhob Paul sich und stürmte zum Fenster. Schemenhafte Gestalten, gleich 5 an der Zahl konnte er erkennen. “Was zum Teufel machen die da draußen? Sie dürfen uns nicht finden! Nicht jetzt!” Schnell machte er alle Kerzen aus und zog die Vorhänge wieder zu. “Keine Sorge meine Liebe, sie werden uns nicht finden. Ich werde dich beschützen und danach werden wir heiraten. Dann wird uns keiner mehr trennen können.” Er ging zu ihr und küsste sie mit einer Leidenschaft, die selbst ihn etwas überraschte. Nach einigen Sekunden löste er seine Lippen von ihren und gab ihr zu verstehen, dass sie sich verstecken und ganz still sein soll. Er legte ihre Decke über sie und in dem Moment fiel ihm ein, dass er den Kamin völlig vergessen hatte. Schnell nahm er die Blumenvase und kippte das Wasser auf das Feuer, um es zu löschen. Er eilte zurück zum Fenster und lunzte am Vorhang vorbei nach draußen. Die Gestalten waren immer noch da, doch mittlerweile waren es schon 10. “Das darf doch nicht wahr sein, wer sind die?” Die Frage nach ihrem Anliegen konnte er sich denken. Irgendwie wusste er, dass es irgendwann passieren würde. Es war so ein Gefühl, das permanent in ihm gebrodelt hatte. Doch er hatte gehofft, dass ihm mehr Zeit bliebe. Er hatte gehofft, länger mit Isabelle zusammenbleiben zu können. Paul hatte mit ihr noch so viel vorgehabt. Er wollte doch sein Leben mit ihr verbringen. Vielleicht war es auch zu viel, was er erwartet hatte. Oder zu viel, was er riskiert hatte. Und jetzt saß er am Fenster und hoffte wieder. Er betete zu seinem geliebten Gott, dass er ihm seine Sünden vergeben und ihm in dieser Situation helfen würde. Er war ihm stets treu gewesen und hatte immer versucht richtig zu handeln, um ihm zu gefallen.
Erneut blickte er nach draußen und erschrak als er sah, dass die Gestalten sich auf den Weg in seine Richtung gemacht hatten. Durch ihre Taschenlampen konnte er sie jetzt auch erkennen. Mehrere bewaffnete Leute in Uniform und geschützt durch kugelsichere Westen kamen schnellen Schrittes auf die Hütte zu. Er wandte sich vom Fenster ab und rannte zur Tür, um sie zu verschließen. Sie war nicht sonderlich dick also wusste er, dass er kaum Zeit hatte. Er ging zum Bett und legte sich zu Isabelle unter die Decke. “Ich lasse nicht zu, dass uns jemand trennt.” Er streichelte ihr über den Kopf und bemerkte dabei die Stelle, an der ihr Schädel damals bei seinem Ausrutscher eingebrochen war. Tränen stiegen ihm in die Augen und das Gefühl von Trauer übermannte ihn. “Es tut mir so leid” flüsterte er ihr zu “ich wollte dir niemals wehtun. Ich wollte dich doch nur ganz für mich haben” Er küsste sie wieder. Paul fuhr mit seiner Hand in seine Hosentasche und holte das Taschenmesser heraus, welches er immer dabei hatte. Er klappte die Klinge aus, führte sie an seinen Hals und wartete. Er wollte keine Sekunde mit Isabelle vergeuden. Er hörte auf die hämmernden Geräusche die von der Tür herein kamen und hörte die Rufe, die ihm befahlen, die Tür zu öffnen. Er sah Isa in die Augen. Plötzlich wirkten sie für ihn nicht mehr so glänzend. Er sah jetzt die endlose Leere, die hinter ihren vollkommen ausgetrockneten Augäpfeln lag. Obwohl sie nichts mehr ausstrahlen konnte, fühlte er immer noch die Liebe, die sie beide so sehr verbunden hatte. Die sogar über den Tod hinaus hielt. “Nur noch ein letzter Kuss.” Er küsste sie wieder und bemerkte das erste mal, wie hart ihre Lippen doch waren. Kein Vergleich zu früher, doch das Kribbeln sorgte immer noch dafür, dass es sich anfühlte wie ihr erster Kuss. Nur kälter. Er sah sie an “Nur noch ein letzter Augenblick”. Er drückte das Messer fest an seinen Hals und schnitt tief in sein Fleisch. Das Blut, sein Blut, erfüllte das Bett mit wohliger Wärme und das letzte was er sah, waren die mumifizierten Überreste der Frau, deren Leben er genommen und für die er sein Leben geben würde.
Eine Antwort auf „Nur noch ein letzter Augenblick“
Die symphatisch wirkenden Personen werden aufgrund der bildhaften Schreibweise geradezu zum Leben erweckt. Dadurch identifiziert man sich schnell mit den Figuren und fühlt mit ihnen.
Die Geschichte wird dynamisch erzählt und bindet daher den Leser an sich. Ich bin kein leidenschaftlicher Leser jedoch zog mich die Handlung ab Satz eins in ihren Bann und ließ mich bis zum Schluss nicht mehr los. Das lag nicht zuletzt an dem morbiden Charme, der in einem überraschenden Plottwist gipfelte.
‚Nur noch ein letzter Augenblick‘ bringt nach meinem Empfinden alles mit was eine gute Geschichte braucht: Liebe, Wahnsinn, Tragik, Tod. Leben in a Nutshell.