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Season 1

Kindergarten

Lesedauer 7 Minuten

“Hallo meine Gute, na wie geht’s dir?” Sabrina warf einen Blick über ihre Schulter. Marie, eine Mutti aus der Kita, lief an ihr vorbei in Richtung der Eingangstür und nickte ihr zu. Die Begrüßung kam offensichtlich nicht von ihr. Sabrina ließ ihren Blick Richtung Parkplatz schweifen und sah Melinda auf sich zu kommen. Sie lächelte und setzte zu einer Umarmung an. Sabrina grinste zurück und drückte ihre Freundin herzlich an sich. 

Die beiden lernten sich damals in der Schwangerschaftsgymnastik kennen und waren sich von Anfang an sympathisch . Sie teilten die gleichen Interessen und Sorgen. Selbst der errechnete Geburtstermin ihrer Kinder fiel auf die selbe Woche. Die Freundschaft überdauerte die Schwangerschaft bis zu dem Tag, an dem die beiden ins Krankenhaus mussten und sich tatsächlich im Kreißsaal trafen.

Jetzt, 6 Jahre später, gingen Miriam und Tim in denselben Kindergarten und sollten auch ihre Einschulung gemeinsam feiern. Die Vorbereitungen dafür liefen schon in vollen Zügen und sowohl die Muttis als auch ihr beiden Sprösslinge freuten sich schon auf die große Feier. Sabrina löste die Umarmung und schaute ihre Freundin an: “Hey, schön dich zu sehen. Wie war die Arbeit?” 

“Gut soweit. Mir wurde heute ein Praktikant unterstellt und der ist tatsächlich relativ fleißig für einen 15 Jährigen.” Melinda kicherte während sie das sagte. Sie war Bereichsleiterin im Lager eines großen Autoteile-Zulieferers und hatte daher öfters mit Praktikanten und Auszubildenden zu tun. Ihren Erzählungen zufolge waren die meisten von ihnen allerdings eher unbrauchbar in der praktischen Arbeitswelt, was wohl ihrem Alter geschuldet war. 

“Wie war denn dein Tag?” Sabrina überlegte kurz. Im Grunde genommen war ihr Tag eher unspektakulär. Sie arbeitete als Sekretärin in einer Werbeagentur und musste sich täglich durch Stapel von Papieren kämpfen, die die Kunden und der Chef pausenlos produzierten. “Wie immer eigentlich. Jeden Tag die gleiche Leier. Weißte doch.” Melinda nickte zustimmend. “Bock noch einen coffee to go zu holen und mit den Kids auf den Spielplatz zu gehen?” Sabrina lächelte. “Ich habe darauf gehofft.” Die beiden Freundinnen lachten und erzählten noch eine Weile. Sie waren beide etwas zu früh dran und nutzen die paar Minuten Kind- und Mannfrei, um sich auf den neuesten Stand zu bringen, was Klatsch und Tratsch betrifft.  

“Wenn wir nachher auf dem Spielplatz sind, muss ich dir unbedingt was erzählen. Dafür brauchen wir aber Zeit.” Sabrina grinste verschmitzt und freute sich schon darauf, die Neuigkeiten ihrer Freundin zu hören. Sie holte eine Zigarettenschachtel aus ihrer Tasche und hielt sie ihrer Freundin hin. Dankend nahm Melinda das Angebot an und holte ihr Feuerzeug heraus, um ihre Zigaretten anzuzünden.

“Hallo ihr zwei. Na, noch die letzten Minuten genießen?” Die beiden nickten Johanna bloß zu und sahen ihr hinterher, als sie die Kita betrat. “Es kommt mir immer so vor, als würde sie uns einen Vorwurf machen, wenn sie so etwas sagt.” Melinda sah ihre Freundin mit einem etwas besorgten Gesichtsausdruck an. 

“Erzähl doch nicht sowas. Die soll sich an ihre eigene Nase fassen. Die meiste Zeit des Tages muss ihr Sohn sich immerhin mit sich selbst beschäftigen. Miriam erzählt mir immer die Geschichten von ihm. Armes Kind.” Sabrina schüttelte den Kopf, während sie das sagte. “Wenn ich keine Lust auf Kinder habe, dann kann ich keine bekommen. Ganz einfach.” Die Freundinnen sahen sich ernst an, bevor sie schließlich herzhaft anfingen zu lachen. Sie verstummten plötzlich und konzentrierten sich auf den neuen Eltern Zuwachs des Kindergartens: Lukas´ Tochter wurde erst kürzlich in die Einrichtung verlegt und er war ein echter Hingucker für die beiden. Groß, muskulös und ein sehr ansteckendes Lächeln. “Schade, dass der nicht alleinerziehend ist. Von dem würde ich mich auch gerne Nachmittags abholen lassen.” Grinsend sahen die zwei ihm hinterher, wie er die Kita betrat. “Der Hintern ist einfach der Wahnsinn. Seine Freundin hat alles richtig gemacht. Durch das Kind, wird sie sich ewig diesen Mann ansehen können, ob sie noch zusammen sind oder nicht.” Sabrina nickte zustimmend und warf ihre Zigarette auf den Boden, um sie auszutreten. Melinda tat es ihr gleich und beide machten sich schlendernd auf den Weg Richtung Eingang. 

Elisabeth eilte an ihnen vorbei und stuß Sabrina dabei in die Seite. “Hey warum so eilig. Pass mal auf wo du deine Gliedmaßen hin wirfst!” Den leicht genervten Unterton hatte sie wohl gehört, drehte sich um und entschuldigte sich.

“Ich bin nur etwas spät dran. Auf Arbeit war wieder die Hölle los.” Noch während des Sprechens beschleunigte Elisabeth ihren Schritt und sprang die Treppen zur Tür fast schon nach oben, bevor sie sie schwungvoll öffnete und im Eingangsbereich verschwand. “Na sowas kann ich ja leiden.” 

“Immer mit der Ruhe, meine Gute. Vielleicht stolpert sie ja und fliegt hin. Dann bekommst du deine Genugtuung.” 

 

Sabrina ergriff die Türklinke und öffnete den Eingangsbereich. Sie drehte sich zu Melinda um und hielt ihr die Tür auf. Als sie den Flur hinunter gingen, mussten sie feststellen, wie still es doch in dem Haus war. “Komisch, normaler Weise ist der Flur doch übervoll um diese Uhrzeit.” 

“Warte!” hauchte Sabrina ihrer Freundin zu und hielt sie am Arm zurück. “Siehst du das auch? Das ist doch nicht, was ich denke oder?” Melinda sah erst zu ihrer Freundin und in ihre aus Angst geweiteten Augen. Sie drehte ihren Kopf in die Richtung, auf die Sabrina deutete. Mitten auf dem Flur, war eine Pfütze. Sie schien dickflüssig und war tief rot. Melinda riss die Augen auf und hielt sich eine Hand vor den Mund. Die beiden sahen sich an und warfen sich einen entschlossenen Blick zu: sie mussten ihre Kinder finden. Sie nahmen ihren ganzen Mut zusammen und rannten den Flur entlang, um die Zimmer absuchen zu können.

Am Ende des Flures angekommen, wollten sie in den großen Schlafsaal. Sabrina lief in den Raum hinein und erstarrte. 

“Sabrina, was ist da?” Melinda schrie ihre Freundin an. Sie konnte die Angst in ihren Augen sehen. Sie wirkte wie gefroren. Plötzlich erkannte Melinda, dass ihre Freundin nicht vor Angst erstarrte. Blut quoll aus ihren Ohren und ehe Melinda reagieren konnte, wurde der Schädel ihrer besten Freundin vor ihren Augen pulverisiert. Binnen eines Wimpernschlages, war von Sabrinas hübschen Gesicht nichts mehr übrig. Dort, wo eigentlich ihr Kopf saß, war nur noch ein Stumpf, aus dem das Blut sprudelte und sich über ihren Körper ergoss. Sabrina sackte leblos zu Boden. Der helle Teppich unter ihr, färbte sich dunkelrot.

Melinda bewegte sich nicht. Sie bemerkte den Wandspiegel, welcher in der Ecke des Zimmers stand und sah in ihm die leblosen Körper der 15 köpfigen Kindergruppe. Überall an den Wänden, überall auf dem Boden war ihr Blut verteilt. Einigen fehlten ein paar Gliedmaßen, andere waren teilweise bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Der Ausdruck von jenen, deren Haut nicht von ihren Gesichtern geschält worden waren, waren gezeichnet vor blanken Entsetzen. Man konnte die Angst in ihren Augen erkennen, der sie in den letzten Minuten und Sekunden bis zu ihrem Tod ausgesetzt waren. Melinda wartete darauf jede Sekunde von den aufgerissenen Mündern der Leichen angeschrien zu werden. Doch anstatt fürchterliches Wehklagen und Gekreische herrschte bloß Stille. Die stummen Angstschreie der Kinder hüllten den Raum in einen Ort des Schmerzes und des Schreckens, aus dem es kein Entrinnen mehr gab. Und mitten zwischen den menschlichen Einzelteilen, stand sie. Von oben bis unten in das Blut der Toten getränkt. Die Augen, zu kleinen Öffnungen verengt, glühten feuerrot anstatt des sonst so friedlichen blauen Scheins. 

Ihre hautähnliche Oberfläche war an einigen Stellen aufgerissen und legte die darunterliegende Metallbeschichtung frei. Bedrohlich und in einer offensichtlichen Angriffsposition, beobachtete sie Melinda, die immer noch versuchte zu begreifen, was gerade geschehen war. 

Sie wollte schreien, als die Stille im Raum durch ein Geräusch unterbrochen wurde. Ein gurgelndes Röcheln kam aus der Richtung des Leichenhaufens. Eines der Kinder hatte scheinbar überlebt. Doch das Geräusch wurde von einem dumpfen Knall unterbrochen, als die kalte Gestalt den Schädel zwischen ihren metallenen Fingern zerquetschte.

Die Kindergärtnerin schüttelte sich kurz, bevor ihre Augen aufglühten und sie in einer blitzartigen Bewegung auf Melinda zu schnellte.  

  

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