Es war nicht einmal sechs Uhr als Adam das kleine schäbige Apartment betrat. Er gähnte ausgiebig und versuchte seine viel zu kurze Nacht hinter sich zu lassen. Dann warf er einen Blick durch den kleinen Raum. Es war eine Mietwohnung mit nur einem Zimmer und einem kleinen Raum mit einer Toilette und einer Flackernden Argon-Krypton-Röhre, deren steriles Licht dem allgemeinen Eindruck der Räumlichkeiten nicht wirklich zuträglich war. Der eigentliche Wohnraum war bis auf die kleine Küchenzeile mit dem Spülbecken in der einen Ecke und einem Klapptisch und zwei dazugehörigen Stühlen in der anderen Ecke leer. Adam zog eine Zigarette aus seiner Tasche und entzündete sie an einem kleinen Gerät, dass er aus seiner Hose fischte und welches einen kleinen Lichtbogen erzeugte. Während er die ersten Gedanken durch seinen noch zähflüssigen Verstand zwang hörte er Schritte von hinten auf ihn zukommen. Er unterbrach seinen gerade eben noch gefassten Gedanken und drehte sich um. „Guten Morgen Inspektor Ries“, erklang eine leicht blecherne Stimme. Die Endungen der Wörter waren zu scharf und der allgemeine Sprachduktus war zu gleichmäßig, als das die Begrüßung von einem Menschen hätte kommen können. „Ich bin Wächter 5A65726F. Ich wurde Ihnen als Unterstützer zugeteilt.“ Adam verdrehte die Augen. Das hätte er sich ja denken können. Es gab kaum noch eine Ermittlung zu der nicht ein ‚Wächter‘ hinzugezogen wurde. Klar, sie konnten mehr Spuren mit einem Blick sichern als ein menschliches Team in 48 Stunden und seine Fähigkeit die Wahrscheinlichkeit des Verhaltens eines Subjektes zu berechnen war auch nicht schlecht. Aber es waren Maschinen. Da gab es keinen Spielraum für Spekulationen oder ein Bauchgefühl. Intuition kannten sie nicht und noch schlimmer, sie respektierten sie auch nicht. Da Adam nicht reagierte, fuhr der Android fort. „Ich werde damit beginnen den Raum nach organischen Materialien zu scannen“, sagte der metallene Helfer, setze sich in Bewegung und hielt dann abrupt inne. Es brauchte einen Moment bis Adam begriff, dass er dem Droiden im Weg stand und dieser darauf wartete, seinen Weg fortsetzen zu können. Also trat er einen Schritt zur Seite und der Wächter setzte seine Angefangene Bewegung fort. Das würde etwas länger dauern. Und so potentiell hilfreich diese Technik auch sein mochte, so war sie doch selten nützlich. Auch in diesem Fall zeigte sich wieder die Schwachstelle dieser Technologie. Nachdem er den ganzen Raum Stück für Stück mit verschiedenen Sensoren abgetastet hatte, drehte sich der Android wieder zu Adam um. „Ich habe 8.739 verschiedene organische Stoffe registriert“, sagte er monoton. Dieser atmete resignierend aus. An dieser Stelle kamen sie also nicht weiter. „Hey Wächter 1 3 ..7…“. Er geriet ins straucheln. „5A65726F“, korrigierte ihn der Wächter sofort. „Wie auch immer“, Adam winkte ab. „Hast du keinen Namen?“
„Das ist mein Name.“, sagte sein Gegenüber. „Ich bin eine forensische und taktische Analyse- und Beratungseinheit der Reihe ‘Wächter‘. Meine individuelle Bezeichnung, was du Name nennst, ist ‘5A65726F‘.“ Adam dachte kurz nach und sagte dann: „Alles klar. Ich nenne dich einfach Hawking.“ Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht. „Also Hawking, scanne bitte den Raum nochmal nach anorganischen Spuren. Und ignoriere gleich die offensichtlichen Dinge wie Beton oder Staub“, sagte er etwas zu freundlich. Sein metallener Begleiter drehte sich um und scannte abermals den Raum. Nach kurzer Zeit richte er sich wieder Adam zu. „Ich habe 1268 verschiedene anorganische Stoffe registriert. Ich entferne nun alle Elemente, die mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 80% zu erwarten waren. Es verbleiben 93. Soll ich Ihnen eine Liste ausdrucken oder die Ergebnisse aufzählen?“ Hatte Adam da etwa einen leicht Sarkastischen Unterton herausgehört? Hawking hatte sich nicht bewegt und wartete scheinbar auf eine Antwort. Nein. Er war ein Android. Adam hatte sich das sicher nur eingebildet. Es war ja auch noch früh am Morgen. „Bitte mach mir eine Liste“, antwortete er schließlich. Und bitte lege auch eine Datenbank in meinem Speicher an mit allen Fingerabdrücken, Fußspuren und andern Indizien, die du findest. Schick mir eine Benachrichtigung auf mein Pad sobald du fertig bist. Damit drehte sich Adam um und ließ beim hinausgehen die Tür hinter sich zufallen. Als er drei Schritte weiter war surrte es in seiner Tasche und ein kleiner ‘ping‘-Ton erklang. Er blieb stehen und zog das Gerät aus der Tasche. Es sah aus wie eine kleine rechteckige Glasscheibe mit einem unscheinbaren metallenen Rahmen an der einen schmalen Seite. Sobald er das Pad vor sich hielt, wurde ein Bildschirm in das Glas projiziert. Im selben Moment öffnete sich die Tür hinter Ihm. „Ich habe Ihre Anfragen bearbeitet und die Datenbank erstellt.“, hörte er hinter sich währen er genau dieselben Worte in der Benachrichtigung auf seinem Pad las. „Außerdem habe ich mir die Freiheit genommen die Finger- und Schuhabdrücke sowie die sichergestellten DNS-Spuren mit dem globalen System abzugleichen und die Ergebnisse ebenfalls der Datenbank hinzuzufügen. Ich empfehle, diese Daten mit den lokalen GPS-Daten abzugleichen.“ „Na gut, dann machen wir das.“, antwortete Adam müde. „Aber erstmal brauche ich einen Kaffee!“ Mit diesen Worten setzte er seinen Weg zu dem Fahrstuhl am Ende des Ganges fort. Als er auf den Rufknopf gedrückt hatte und sich ein paar Sekunden später die Türen des Fahrstuhls öffneten, sah er über seine Schulter. Hawking stand noch and demselben Fleck wie schon zuvor. „Kommst du?“, rief er über seine Schulter und betrat dann die alte Blechkabine.
Das schwere, bittere Aroma des Kaffees kitzelte Adam in der Nase als die in die Jahre gekommene Kellnerin seine Bestellung vor ihm auf den Tisch stellte. Sie warf einen kurzen verwunderten Seitenblick auf Hawking, beachtete ihn aber ansonsten gar nicht. Androiden waren in Orten wie einem Diner eher seltene Gäste. Was sollten sie auch hier? Essen? Oder sich Ausruhen? Als die Servierdame wieder gegangen war, legte Adam sein Pad flach auf den Tisch. Es aktivierte sich und zeigte die Datensammlung die Hawking für ihn zusammengestellt hatte. Mit einem Druck auf den unscheinbaren Knopf an dem Metalrahmen schaltete er die Projektionsfunktion des Pads ein. Zeitgleich aktivierten sich die Kontaktlinse die es ihm ermöglichten die Projektion auch tatsächlich zu sehen. Die alten Pads waren eine riesige Sicherheitslücke gewesen da sie alles für jeden sichtbar projiziert hatten. Auch Hawkings Augen wechselten die Farbe von dem gewöhnlichen tiefen blau in ein helles Mintgrün. Vor ihm in der Luft öffneten sich die verschiedenen gesammelten Erkenntnisse. Die DNS-Spuren und die GPS-Daten hatten nichts Auffälliges gezeigt, genau wie die gefundenen Abdrücke. Nun blieb ihm nur noch die Liste mit den ungewöhnlichen anorganischen Verbindungen. Während er die Liste überflog fragte er Hawking: „Ist dir sonst irgendwas ungewöhnliches aufgefallen?“ „Definieren sie ungewöhnlich“, war dessen nüchterne Antwort. Adam schlug sich die Hand vor die Stirn, grinste aber darunter. „Alles, was dir nicht so häufig vor die Sensoren kommt“, versuchte Adam Hawking abzuwimmeln. „Definieren Sie..“ „OKOK. Du hast Zugang zu fast allen Daten auf der Welt. Wenn du etwas von mir definiert haben willst, nimm die Antwort, die deiner Analyse der Daten und der Situation nach am wahrscheinlichsten sind.“ Darauf antwortete Hawking nicht. Seine Augen verloren alle Farbe und leuchteten jetzt in einem strahlend reinen Weiß. Keiner der beiden rührten sich. Hawking saß kerzengerade mit stur nach vorne gerichtetem Blick da, während Adam leicht auf den Tisch gelehnt seinen Gegenüber gespannt beobachte. Kurz darauf wurden Hawkings Augen wieder grün. „Was hast du jetzt gemacht“, frage Adam etwas verdutzt. Er hatte noch nie gesehen, dass bei einem Wächter die Augen weiß wurden. „Ich habe neue Routinen hinzugefügt um die von Ihnen gewünschten Konfigurationen einzubinden“, antwortete Hawking. Kurz flackerten seine Augen blau auf. „Ich habe eine“, das nächste Wort betonte er auffällig, „‘ungewöhnliche‘ Störung meiner Optischen Sensoren registriert.“ Adam blickte interessiert auf. „Was kann so eine Störung verursachen?“, fragte er aufgeregt. Genau das was die Spur auf die er gehofft hatte. „Am wahrscheinlichsten ist eine Interferenz durch elektromagnetische Wellen“, erläuterte Hawking. „Lass eine Diagnose laufen“, sagte Adam und richtete Seine Aufmerksamkeit wieder auf die Liste. 93 Einträge. Wie sollte er da nur einen Hinweis finden. Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und las die Reihe der Stoffe durch, deren Namen ihm doch nichts sagten.
Adam hatte grade seine dritte Tasse Kaffee bestellt, als Hawkings Augen wieder von gelb auf grün wechselten. Adam sah ihn sofort fragen an und Hawking blieb nicht lange eine Antwort schuldig: „Ich habe festgestellt, dass die Störungen von elektromagnetischer Reststrahlung in zwei speziellen Wellenlängen verursacht wurde. 86µm und 312µm.“ „Vom Offensichtlichen abgesehen, was bedeutet das?“, fragte Adam. „Diese beiden Wellenlängen liegen am Rande des Sichtbaren Lichtspektrums. Es handelt sich um infrarotes und ultraviolettes Licht.“, führe der Android aus. „Und was sagt uns das?“, fragte Adam, das langsam immer ungeduldiger wurde. „Licht in diesen Spektren hat ganz Unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten.“ „Erstelle einen Suchalgorithmus der diese beiden Lichtarten mit der Liste der anorganischen Stoffe und den neusten internen Meldungen der internationalen Exekutive in Zusammenhang bringt.“, wies Adam seinen Partner an. Dessen Augen wechselten für einen Augenblick auf blau. „Suche abgeschlossen.“ „Zeig mir die Ergebnisse“, sagte Adam, dessen Ungeduld schon wieder von der Aufregung verdrängt wurde. Hawking legte kurz sein Kopf fast unmerklich schräg. „Möchtest du verbalen Kontext zu den Ergebnissen bekommen?“ Adam lachte schallend auf. Andere Gäste drehten sich zu ihnen um und suchten mit ihren Blicken nach der Quelle der plötzlichen Aufregung. Nach Atem ringend keuchte Adam heraus: „Ja bitte. Gib mir verbalen Kontext“ „Ich habe drei Ereignisse ausmachen können, die Im Zusammenhang mit allen Suchparametern stehen. Zum ersten eine Untersuchung wegen illegaler Prostitution in einem Nachtlokal. Dazu passen die Spuren des Graphits, welches dort verwendet wird.“ Adam überlegte kurz. Dann sagte er entschlossen: „Das ist es nicht. Was hast du sonst noch?“ „Eine Meldung des nationalen Kornspeichers über den Diebstahl eines Teils einer Samengruppe. Beide Wellenlängen werden bei Kultivieren verschiedener Pflanzen eingesetzt. Das Nitrat, welches ich am Tatort entdeckt habe, wird auch Zuchtboden beigesetzt um ihn basischer zu machen. Diese exakte Zusammensetzung wird von einer Liste von Unternehmen in der Gegend genutzt“ Passend dazu erschien eine Karte der Umgebung mit eingezeichneten Punkten und den dazugehörigen Infos. „Weißt du welche Samen genau?“, fragte Adam während er die angezeigten Punkte studierte. „Es ist ein alter Eintrag.“ Vor Adam erschien die digitalisierte Version eines alten Papierdokumentes. Er laß: ‘Purple Haze‘. Ein weiters Mal erschreckte er alle Anwesenden mit einem lauten, schallenden Lachen. Dann schaltete er sein Pad aus und steckte es ein. „Komm mit. Ich weiß genau wo wir die Diebe finden.“, sagte Adam und stand auf. Hawking folgte Ihm. Er zahlte automatisch als er das Diner verließ…