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Season 1

Quarantäne

Lesedauer 12 Minuten

“Mein Quarantäne-Schreiben ist da. Hast du auch mal geschaut?” Fragend schaute Sophie ihre Mitbewohnerin an. Michaela und sie lebten nicht nur zusammen, sie waren auch beste Freundinnen. Vor knapp zwei Jahren sind sie bei ihren Eltern ausgezogen um eine WG zu gründen und es lief überraschend gut. Sie kamen sich nie in die Quere und konnten sich immer auf die andere verlassen. Die beiden waren leidenschaftliche Disco-Besucherinnen und zumindest Sophie ließ sich das Recht auf Spaß auch nicht durch die neu aufgekommene Krankheit versagen. Seit einigen Monaten war ein Virus im Umlauf, welcher die Welt in Atem hielt. Covid-19 oder auch Corona, wie es umgangssprachlich genannt wird, machte keinen Eindruck auf die junge Frau. Sie zählte sich selbst zu den Coronagegnern und tat den Virus mit einem lächeln ab. “Diesen Virus gibt es doch gar nicht. Das ist auch nur eine Grippe und selbst wenn, ich bin jung. Mir passiert da sowieso nichts.” Das war immer ihre Standard Aussage, wenn sich mit irgendjemand ein Gespräch in Bezug auf das Virus anbahnte. Die meisten hatte dann keine Lust mehr darüber zu sprechen. Ihre Meinung dazu war gesagt und eine andere ließ sie auch nicht zu. Sophie pfiff auf die Ausgangsbeschränkung und ging regelmäßig auf illegale Partys und Veranstaltungen. Die Discos und Bars waren alle zu und das war für sie die einzige anständige alternative. Immerhin wollte sie sich nicht einsperren lassen. Die letzte Party wurde nur leider etwas unschön. Jemand hatte das Ordnungsamt gerufen und so wurde die ganze Veranstaltung aufgelöst. Wie sich im Nachhinein herausstellte, waren zwei der Partygäste Corona positiv, weswegen alle Gäste der Party unter Quarantäne gesetzt wurden. So auch Sophie. Seit zwei Tagen durfte sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen und es treibte sie schon jetzt in den Wahnsinn. Im Normalfall hätten sie sich nicht an die Verordnung gehalten, wenn es keine Krankheit gibt, warum dann in Quarantäne sein? – aber die Geldstrafe bei Verstoß gegen die Auflagen waren hoch genug um sie drinnen zu behalten. Also versuchte Sophie das beste aus ihrer Situation zu machen. Zum Glück war sie ja nicht alleine. Michaela war ja auch noch da. Anstatt sich aus dem Weg zu gehen, wie es den beiden Freundinnen geraten wurde, waren sie fast den ganzen Tag zusammen um etwas anzuschauen oder sich zu unterhalten. Sophie ging es immerhin gut und sie waren sich sicher, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. 

 

3. Tag nach Kontakt

 Sophie schlug die Augen auf und schnappte etwas nach Luft. Übernacht hatte sich wohl eine Erkältung bei ihr breit gemacht und ihre Nase war zu. “Na toll. Ich hätte mir doch am Wochenende eine dickere Jacke mitnehmen sollen.” Genervt rollte sie sich von ihrem Bett, stand auf und machte sich auf den Weg in die Küche. Michaela war bereits auf und schenkte sich den frisch aufgebrühten Kaffee in eine Tasse. “Du siehst aber scheiße aus” sagte sie als Sophie das Zimmer betrat. “Fühlst du dich nicht gut? Nicht, dass du doch Corona hast.” Fügte sie hinzu. Beide lachten und Sophie verdrehte die Augen. ” Ich habe kein Corona. Man kann sich nicht mit einer Krankheit anstecken, die es gar nicht gibt.” Sagte sie und setzte sich an den Tisch. “Das ist bloß eine Erkältung. Du weißt doch: lieber frieren als scheiße aussehen.” Michaela nickte und begann den Tisch für das Frühstück zu decken. “Ich werde mich heute im Zimmer einschließen und den ganzen Tag Netflix durchforsten.” sagte sie mehr Richtung Kühlschrank als zu Sophie. “Du machst doch seit 3 Tagen nichts anderes. Warum erzählst du mir das?” Antwortete Sophie. “Weil ich dir sonst nichts zu erzählen habe.” brachte Michaela heraus, setzte sich an den Tisch und verstummte. Nachdem sie gegessen hatten, räumten sie gemeinsam den Tisch ab und gingen in ihre Zimmer. Das war das letzte Mal, dass sie sich an diesem Tag sehen sollten. Sophie entschloss sich ebenfalls den ganzen Tag ins Bett zu legen. Der Schnupfen zehrte etwas an ihr und sie hatte vor das schnell auszukurieren. 

 

4. Tag nach Kontakt

An diesem Morgen ging es Sophie weder besser noch schlechter. Der Schnupfen war zwar noch da aber ansonsten fühlte sie sich gut, was ihre Meinung über die Krankheit nur bestätigte. Sie deckte den Tisch und wartete auf Michaela. Das gemeinsame Frühstück war schon über längere Zeit eine Art Ritual bei den beiden und wurde für gewöhnlich zelebriert. Michaela kam nach ein paar Minuten und setzte sich mit an den Tisch. Die beiden fingen nun an die Serien des gestrigen Tages auszuwerten. Nach einigen Bissen verstummte Sophie plötzlich und starrte verwundert ihr Marmeladenbrötchen an. “Ist alles in Ordnung?” fragte Michaela ihre Freundin. “Jain, ich weiß nicht. Mein Brötchen schmeckt irgendwie nach nichts.” 

“Wie meinst du das? Du hast ein gefühltes Kilo Erdbeermarmelade da drauf. Dir müsste es eigentlich den Mund zukleben.” kicherte Michaela Sophie entgegen. “Das weiß ich selber aber es schmeckt nicht süß. Es schmeckt nach gar nichts.” sagte Sophie Stirn runzelt und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Als sie auch diesen nicht schmecken konnte, probierte sie es mit dem Orangensaft. “Seltsam, das schmeckt auch alles nach nichts.” Michaela zückte ihr Telefon und tippte etwas darauf rum. Schließlich las sie vor: “Geschmacks- und Geruchsverlust sind typische Symptome von Corona.” Sophie funkelte ihre Freundin böse an. “Hör auf mit dem Mist. Das kommt von der Erkältung, nichts weiter.” Michaela zuckte mit den Achseln. “Du und deine Erkältung. Vielen Dank fürs anstecken übrigens. Ich habe Halsschmerzen und Husten. Ich hoffe du bist zufrieden.” Sophie fing an mit lachen. “Na wenigstens sind wir auch wirklich krank in der Quarantäne Zeit.” 

 

6. Tag nach Kontakt

Sophie schleppte sich ins Bad. Ihr Gesundheitszustand hatte sich in den letzten Tagen erheblich verschlechtert. Sie fühlte sich sehr schlapp, hatte starke Kopfschmerzen und Husten. Die meiste Zeit des Tages im Bett liegend, kommunizierte sie mit Michaela fast ausschließlich über ihr Handy. Ihre Freundin war selber nicht besser dran. Auch sie klagte inzwischen über den Verlust von Geruch und Geschmack und hatte starke Gliederschmerzen. Doch jedes Mal, wenn sie versuchte mit Sophie darüber zu sprechen, winkte die ab und beteuerte, dass sie über die ”Coronascheiße” nichts hören will. Sophie war fest davon überzeugt, die Grippe einfach auszusitzen und weiter nichts zu tun. Nicht weiter wissend entschloss sich Michaela dann doch dazu beim Gesundheitsamt anzurufen und sich zu erkundigen, was nun zu tun sei. Sie machten einen Termin für einen erneuten Test aus und wollte Sophie davon überzeugen, sie zu begleiten “Es schadet doch nichts. Im besten Fall wird die Quarantäne verlängert und wir haben noch länger Urlaub. Was hast du schon zu verlieren?” Schließlich gelang es ihr Sophie zu überzeugen und beide machten sich zu der  Coronateststelle auf. 

 

8. Tag nach Kontakt

Noch immer auf ihr Testergebnis wartend, verschlechterte sich der Zustand der beiden rapide. bereits der Gang ins Badezimmer war für sie so anstrengend wie eine Wanderung Kilometer weit durch den Wald. Sie hatten beide erhebliche Atmungsbeschwerden und Schüttelfrost. Als Michaela bei sich selbst Fieber maß und das Termometer 40°C anzeigte, entschied sie sich bei ihrem Hausarzt anzurufen. Nach einem minutenlangen Telefonat begann sie eine Tasche zu packen. Sie solle sich sofort in das nächstgelegene Krankenhaus begeben, hatte ihr Arzt gesagt. Sie ging zu Sophie ins Zimmer um ihr davon zu berichten. Sophie wiederum blieb weiter stur und weigerte sich sowohl Fieber zu messen als auch Michaela zu begleiten. Sie fingen an lautstark zu diskutieren was schlagartig aufhörte, als Sophie einen starken Hustenanfall bekam. Sie sackte in ihrem Zimmer zusammen. Michaela verlor keine Zeit und rief einen Krankenwagen zu Hilfe. Sie packte schnell alles ein, was Sophie evtl brauchen könnte und versuchte sich so gut wie es geht um die Bewusstlose zu kümmern, bis professionelle Hilfe eintraf. 

 

18. Tag nach Kontakt

Sophie schlug die Augen auf. Sie fühlte sich elend. das Atmen fiel ihr schwer und ihr Mund war staubtrocken. Weder etwas essbares noch Flüssigkeit konnte sie bei sich behalten. Sophie konnte nichts tun außer die kahlen Wände ihres Einzelzimmers anzustarren. Kontakt zu halten mit ihren Eltern oder mit ihrem Freund strengten sie zu sehr an. Sie konnte sich kaum auf die kleinen Tasten ihres Handy konzentrieren und so ließ sie es einfach. Alles war zu anstrengend für sie. Sie schaffte es nicht mal mehr auf die Toilette zu gehen. Sophie schämte sich dafür, ihren Gesundheitszustand so lange runter geredet zu haben. 

“Wie geht es Ihnen Frau Liebscher?” Fragte eine junge Frau in einem Ganzkörper-Schutzanzug. Sophie neigte ihren Kopf um sie anzusehen. “Beschissen.” Mehr brachte sie nicht hervor. Sprechen war zu anstrengend. Die Zimmertür öffnete sich und ein Mann betrat den Raum. Er stellte sich selbst als Dr. Trümmer vor und war wohl der Diensthabende Arzt heute Abend.

“Frau Liebscher,” wandte er sich an Sophie “Ich habe schlechte Nachrichten für Sie. Ihr Zustand hat sich in den letzten Tagen so rapide verschlechtert, dass wir keine andere Option sehen als sie in ein künstliches Koma zu versetzen, damit sich ihr Körper ganz auf die Bekämpfung des Virus konzentrieren kann. Machen sie sich keine Sorgen. Sobald ihre Parameter sich gebessert haben, werden wir sie wieder aufwecken. Ihre Eltern sind bereits informiert und auch sie halten es für die beste Lösung.” 

“Wie lange?” fragte Sophie mit zittriger Stimme. Mehr brachte sie nicht heraus. “Das kann ich ihnen jetzt nicht beantworten. Die Dauer ist davon abhängig, wie sich ihr Körper verhält. Er ist ausgezehrt und wir müssen sie künstlich ernähren. Aber wir sind zuversichtlich, dass sie sich relativ schnell erholen werden. Sie sind jung und sollten schnell über den Berg sein” Sophie nickte. Ihr war es egal. Sie wollte nur noch schlafen. Noch nie hat sie sich so schwach und schlecht gefühlt. Sie wollte nur noch die Augen schließen und von all dem nichts mehr wissen. 

“Bereit, Frau Liebscher? Dann fangen wir jetzt an.” An diverse Geräte angeschlossen, war Sophie´s Körper nun bereit ins Koma gelegt zu werden. Ihr Augen wurden langsam schwer und die Bilder verschwammen bis sich schließlich eine tiefe Schwärze um sie herum bildete die alles und jeden verschlang. 

 

45. Tag nach Kontakt

Sophie öffnete ihre Augen. Sie musste mehrfach blinzeln und sich erst noch an das Licht gewöhnen. Müde und schlapp versuchte sie zu begreifen, was gerade um sie herum geschah. Mehrere Menschen in Weiß standen an ihrem Bett. Zwei Ärzte und eine Krankenschwester beobachteten abwechselnd sie und die Gerätschaften, an die sie immer noch angeschlossen war. 

“Schön Sie wieder zu sehen, Frau Liebscher. Bitte bewahren Sie Ruhe. Wir werden ihnen gleich das Beatmungsgerät entfernen.” In dem Moment bemerkte Sophie erst den Schlauch, der sich in ihrem Rachen befand. Sofort fing sie an zu würgen und konnte nichts gegen diesen Reflex unternehmen. Die Sekunden waren endlos, bis der Arzt den Schlauch aus ihrem Rachen zog. Sie atmete zunächst mehrfach tief ein und ihr fiel gleich auf, dass es ihr um einiges leichter fiel als noch vor dem Koma. 

“Wie fühlen Sie sich?” Fragte Dr. Trümmer während er ihren Puls fühlte und ihre Pupillenreaktion checkte. Sophie nickte bloß und lächelte dem Arzt zu. Scheinbar hatte sie sowohl das Koma als auch die Krankheit soweit ganz gut überstanden. “Das freut mich sehr. Ihr Körper hat das Koma gut genutzt und die Krankheit unter Kontrolle bekommen. Sie lagen jetzt 27 Tage im Koma und so wie es aussieht, werden sie wohl nicht mehr allzu lange hier bei uns bleiben müssen.” Sophie fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatte es überstanden. Nicht mehr lange und sie könnte wieder in ihr normales Leben zurückkehren. 

“Wie geht es Michaela? Ich meine Frau Maatz? Ist sie bereits entlassen worden?” erwartungsvoll schaute sie Dr. Trümmer in die Augen und hoffte auf gute Nachrichten. Ihre gute Laune löste sich jedoch auf der Stelle in Luft auf, als seine Miene erstarrte und kalt wurde. “Ich muss ihnen leider mitteilen, dass es bei ihrer Freundin Komplikationen gegeben hat. Ihre Lungenflügel sind in sich zusammen gefallen und ihr Herz war zu schwach um der ganzen Belastung stand zu halten. Sie ist bereits kurz nach Beginn Ihres Komas verstorben. Es tut mir sehr leid.” Sophie konnte das nicht glauben. Sie schüttelte ihren Kopf und es fiel ihr schwer, diese Information zu verarbeiten. Tränen stiegen in ihre Augen und sie begann zu weinen. 

 

60. Tag nach Kontakt 

“Hast du auch ganz sicher alles eingepackt? Oder soll ich noch mal nachsehen?” Genervt versicherte Sophie ihrer Mutter, dass sie an alles gedacht hat und schob sie langsam Richtung Tür. Sie wurde heute entlassen und durfte endlich wieder nach hause. Sophie wollte einfach nur noch weg hier. Sie hatte die Nase voll von Krankenhaus Essen und einer weißen und kalten Umgebung. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung bekam sie Magenschmerzen. Das war das erste Mal seit Wochen, dass sie dort sein würde. Ohne Michaela. Sie wusste nicht so recht, ob sie das gut vertragen würde. In den vergangenen Wochen haben Michaelas Eltern bereits sämtliche Möbel aus ihrem Zimmer geräumt. Es war fast so, als hätte es die WG niemals gegeben. Sophie schauerte es davor, die Wohnung zu betreten. Zu ihrem Glück, würde ihre Mutter die ersten Tage mit dort übernachten. Sie wollten erst noch sicher gehen, dass Sophie alleine zurecht kommt und mit der Situation nicht überfordert ist. 

 

Als sie am Abend im Bett lag, dachte Sophie an alles Geschehene und fing an zu weinen. Sie konnte nicht fassen, dass Michaela tot war. Ihre beste Freundin. Der Gedanke, dass sie an allem schuld war, ließ sich nicht mehr vertreiben. Was wäre wenn – Fragen und Hätte ich doch bloß – Gedanken quälten Sophie Nacht für Nacht. Egal was sie tat, egal wo sie die Nacht verbrachte immer drehten sich ihre Gedanken und Träume nur darum, was sie hätte anders machen sollen. Sophie hatte nicht geglaubt und war von ihrer Sturheit so gefesselt, dass sie ihre Mitmenschen in Gefahr gebracht hatte. Und am Ende lag der Schaden allein bei ihrer Freundin.

Eine Antwort auf „Quarantäne“

Ich war sehr gespannt auf die Geschichte und habe, bedingt durch den Titel und die Themen, nicht mit dem Inhalt gerechnet. Nachdem ich die Geschichte aber gelesen habe, muss ich sagen das du meine Erwartungen, was die Umsetzung der gegebenen Genres angeht, bei weitem übertroffen hast. Die Geschichte ist wie aus deinem täglichen Leben gerissen und enthält doch eine simple Wahrheit: Sturheit bringt dich nicht weiter. Und oft zahlen andere für deine Fehler…

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