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Season 2

Schicksal

Lesedauer 12 Minuten

EMMA

Emma hatte erst vor zwei Wochen ihre Zusage für die Hochzeit ihrer besten Freundin aus der High-School-Zeit gegeben. Ihr war klar, dass das reichlich spät war, aber Molly war ihr glücklicherweise nicht böse.

Sie war schon kurz davor abzusagen, weil ihre Chefin ihr nicht freigeben wollte. Dann kam völlig überraschend die Kündigung und daher hatte sie zwar jetzt genug Zeit, aber auch leider wenig Geld.
Sie hatte ein günstiges Hotel am Stadtrand gefunden und übernachtete nicht wie die meisten anderen im Hotel selbst- nicht mal im näheren Umfeld. Sie brauchte ca. 20 Minuten für eine Strecke, aber dafür sparte sie Geld und das musste sie auch. Wer weiß schon, wann sie einen neuen Job fand?

Sie schob diese Gedanken beiseite und räumte rasch ihren Koffer aus. Sie strich das zarte Kleid glatt, dass sie sich von Jessie ausgeliehen hatte. Sie stellte die hohen Schuhe neben die Kommode und legte ihre Unterwäsche in eine Schublade. Ihre restliche Kleidung verstaute sie in dem schmalen Schrank. Das Zimmer war klein und abgewohnt, aber es war recht sauber. Immer hin gab es eine funktionierende Klimaanlage und einen intakten Rauchmelder-ihr Sicherheitsgefühl war also befriedigt.
Sie musste sich beeilen, wenn sie zum Probeessen pünktlich sein wollte. Sie hüpfte gerade noch rechtzeitig in den Bus-der zu UBahn-Station fuhr. Es überraschte sie selbst fast ein bisschen, aber sie kam rechtzeitig beim Hotel an und fand auch gleich den kleinen Saal-in dem das Essen stattfand.
Molly hatte erzählt, dass das Probeessen kein richtiges Probeessen war, sondern Max und sie am Abend vor dem großen Tag ein entspanntes Essen mit Familie und Freunden genießen wollten. Sie waren der Meinung, dass morgen bei der Hochzeit wird-wie so oft bei großen Feiern-kaum Zeit bleiben würde um sich mit den Leuten auch wirklich unterhalten zu können.

JEFF

Er hatte sie beim einchecken gesehen und war wie erstarrt. Sie sah fast so aus wie Cheryl-seine Exfreundin. Er hatte lange nicht mehr an sie gedacht-immerhin war sie der Grund dafür gewesen warum er seinen Job verlor und letzten Endes wegziehen musste. Sie hatte ihn nicht verdient-das war ihm klar.
Er hatte sie beobachtet als sie das Formular ausfüllte und er so tat als würde er die Lampe austauschen. Er sah auch, dass sie das Hotel verließ und machte sich auf den Weg. Er als Hausmeister (oder wie er sich selbst gerne bezeichnete „Haustechniker“) hatte einen Generalschlüssel für alle Zimmer damit er bei Problemen nicht immer bei der alten Schachtel-der das Hotel gehörte-nach dem betreffenden Zimmerschlüssel fragen musste. Er hatte die alte Dame um den Finger gewickelt und grinste verschlagen. Er wusste, dass sie sich nachmittags im Hinterzimmer immer ein Schlückchen Scotch genehmigte und kurz darauf einnickte. So hatte er Zeit um nachzusehen wer heute eingecheckt hatte. Es war nicht das beste Hotel der Stadt und somit waren die meisten Zimmer frei daher hatte er bald die Information-die er haben wollte.

EMMA

Sie begrüßte Molly und Max und suchte sich dann ihren Sitzplatz. Sie war den beiden sehr dankbar für die Einladung-vor allem wenn man bedenkt, dass sie sich im letzten Jahr nur sporadisch telefonisch bei Molly gemeldet hat. Auch das war ein Preis-den sie ihrem Job zuliebe bezahlt hatte dachte sie leicht verbittert: ein kaum vorhandenes Sozialleben.
Schräg gegenüber saß ein Mann-der sie verstohlen musterte. Irgendwie kam er ihr bekannt vor, aber plötzlich klingelte ein Löffel an einem Glas und Max hielt eine kleine Ansprache.
Beim ersten Gang hatte sich ihr Gegenüber mit “Ich-bin-Chris-Molly´s-Cousin“ vorgestellt und damit war auch klar warum er ihr bekannt vorkam. Er war Molly´s Lieblingscousin, aber Emma kannte ihn nur von Fotos. Während des Essens unterhielten sie sich angeregt und Molly zwinkerte ihr wohlwollend über den Tisch hinweg zu.
Später sah Emma immer wieder verstohlen auf die Uhr-vermutlich war das Hotel am Stadtrand doch keine so gute Idee gewesen. Doch rechtzeitig bevor der letzte Bus zum Hotel fuhr löste sich die Gesellschaft auf und sie seufzte leise erleichtert. Sie verabschiedete sich von allen und Chris hielt sie kurz am Arm fest und fragte „Hast du vielleicht Lust morgen mit mir Frühstücken zu gehen?!
Emma lächelte ihn an und antwortete“ Nur, wenn du mich Morgen um halb neun beim Hotel abholst.“

Als sie später den Hotelflur entlang ging stieß sie an der Ecke fast mit einem Mann zusammen-der offenbar der Hausmeister hier war. Zumindest ließen die Jacke mit seinem Namen darauf und der Werkzeugkoffer in seiner Hand darauf schließen. Er nickte ihr still zu und sie wünschte ihm eine gute Nacht.
Sie schloss ihr Zimmer auf. Sie war hundemüde, zog sich aus und schlief bald ein. Viel zu früh klingelte ihr Wecker, aber sie schwang aufgeregt ihre Beine aus dem Bett immerhin wartete bestimmt ein leckeres Frühstück auf sie. Sie ging ins Bad, machte sich frisch und nahm sich Jeans und Shirt aus dem Schrank.
Sie freute sich darauf Chris wiederzusehen und als sie das Hotel verließ wartete er schon auf dem Parkplatz. Aus dem Frühstück wurde ein Frühstück mit einem langen Spaziergang-der bis zum Vormittag dauerte. Als er sie wieder vor dem Hotel absetzte ließen sie sich beim Verabschieden viel Zeit-fast so als würde sie sich nicht in ein paar Stunden bei der Hochzeit wiedersehen.

JEFF

Er hatte gesehen, dass sie heute abgeholt wurde und das passt ihm gar nicht. Er hatte gestern Abend die Zeit ihrer Abwesenheit genutzt und eine kleine Kamera im Rauchmelder ihres Zimmers versteckt. Nicht diese Amateurausstattung-die man schon von Weitem erkannte, sondern die Profiausstattung und hier kamen ihm seine Kenntnisse als ehemaliger Sicherheitstechniker zu Gute. Er wusste wie man etwas so versteckt als wäre es gar nicht da. Die Kamera übertrug in Echtzeit und war aber auch mit einer Funktion ausgestattet-die es erlaubte alles aufzuzeichnen. Trotzdem verspürt er das Bedürfnis ihr näher zu sein und es gelang ihm nicht-dieses Gefühl zu unterdrücken.

Er schlich sich in ihr Zimmer-das hatte er noch nie zuvorgetan und es erregte ihn auf eine eigenartige Weise. Hier war er nun-alleine in ihrem Zimmer. Es hing noch ihr Parfum in der Luft. Er sah sich um und strich mit den Fingerspitzen über das Bettlaken. Hier hatte sie gelegen. Er hatte es über die Kamera gesehen. Auch wie sie sich gestern Abend auszog und ins Bett legte. Das hatte ihn nicht kalt gelassen, aber jetzt hier zu sein und ihre Sachen berühren zu können. Das war etwas völlig anderes als sie über die Kamera zu beobachten.
Er öffnete den Kleiderschrank und schloss ihn gleich wieder. Er ging zur Kommode und öffnete die Schublade. Das war schon sehr viel spannender und er starrte auf ihre Unterwäsche. Er sah einen schwarzen Spitzenslip-der viel zu schade dafür war nicht in der ersten Reihe zu liegen. Er nahm ihn vorsichtig heraus und strich über die zarte Spitze. Er schloss die Augen und stellt sie sich vor, wenn sie diesen Slip trug und reagierte unmittelbar.

Als er draußen auf dem Hotelflur Geräusche hörte, legte den Slip hastig wieder zurück in die Schublade und schloss sie leise. Er ging zur Tür, zog sie langsam auf und lauschte. Er hörte das Zimmermädchen singen. Er schielte vorsichtig in den Hotelflur und sah zwei Zimmer vorher ihren Wagen stehen. Die tägliche Tour für die Reinigung der Zimmer. Sie war heute früh dran.
Er musste raus aus dem Zimmer. Er nahm seinen Werkzeugkoffer und huschte aus dem Zimmer wobei er die Tür ganz sanft schloss. Es war nur ein leises Klicken zu hören und das bekam das Zimmermädchen bestimmt nicht mit als sie gerade aus Nummer 5 trat und ihn mit einem gelangweilten „Hallo Jeff“ grüßte.

EMMA

Emma wollte sich vor der Hochzeit noch etwas hinlegen, aber beim Betreten des Zimmers war irgendetwas komisch. So als wäre zwischenzeitlich jemand hier drin gewesen. Sie schüttelte den Kopf und ärgerte sich über sich selbst, weil sie so albern war. Natürlich war das Zimmermädchen hier gewesen und sie sah auf das gemachte Bett und die ordentlich aufgehängten Handtücher im Badezimmer. Sie legte sich auf das Bett und stellte das Handy damit sie nicht verschlief.

Nach dem Aufwachen duschte sie ausgiebig und macht sich sorgfältig für die Hochzeit zurecht. Sie öffnete die Schublade und stockte dann kurz. Sie war sich sicher, dass sie ganz oben die Unterwäsche für das Kleid hineingelegt hatte. Beim Kofferpacken hatte sie zweimal nachgesehen, ob sie sie eingepackt hat, weil man unter dem Kleid nicht jede Unterwäsche tragen konnte. Aber ganz oben in der Schublade-da lag jetzt ihr schwarzer Spitzenslip. Sehr seltsam, aber sie wollte nicht noch mehr darüber nachdenken, legte den schwarzen Slip zur Seite und zog sich fertig an.

Die Strecke kannte Emma nun schon und konnte die Zeit besser einschätzen. Außerdem machte es ihr nichts aus schon etwas früher da zu sein- vielleicht war Chris ja auch schon da.
Die Zeremonie war wunderschön und Molly strahlt heute noch mehr als gestern. An ihrem Tisch in der Nähe des Brautpaares stellte sie überrascht fest, dass neben ihrer Tischkarte eine Karte stand auf der „Chris“ stand. Hatte er etwa die Tischordnung geändert?
Plötzlich stand Molly neben ihr und sagte mit einem verschmitzten Lächeln „Ich habe die Tischordnung in letzter Minute noch geändert. Ich hoffe-es stört dich nicht?!“ und rauschte in ihrem weißen Traum von einem Kleid wieder weiter ohne Emma´s Antwort abzuwarten. Chris hatte ein breites Grinsen im Gesicht als er an den Tisch trat und seinen Stuhl zurückrückte.

Sollte Emma gemeint haben sie hätte sich das heute beim Frühstück alles nur eingebildet-spätestens jetzt war alles klar. Sie tanzten, lachten und hatten nur Augen füreinander. Als es Zeit wurde zu gehen fragte Chris sie leise „Willst du mit zu mir kommen?“ und genauso leise sagte Emma „Ja“.
Die kurze Fahrt über waren beide angespannt und recht still. In seiner Wohnung angekommen machte er kein Licht an, nahm sie an der Hand und führte sie in sein Schlafzimmer. Sie konnte nur die Umrisse erkennen und bat um ein TShirt von ihm. Sie nahm an, dass er nicht mit dieser Bitte gerechnet hatte und stellte klar “Ich werde heute nicht mit dir schlafen.“
Sie meinte zu sehen, dass er seine Schultern hängen ließ, aber er antwortete „Ok, aber ins Bett legen wir uns schon? Meine Couch ist wirklich sehr unbequem!“
Emma lachte und nahm ihm sein Shirt-das er ihr hinhielt-aus der Hand. Sie schlüpfte aus dem Kleid, zog das Shirt über und setzte sich aufs Bett. Ihr war klar, dass er sie dabei beobachtete, aber sie fühlte sich sicher bei ihm.
Er legte sein Jackett ab und zog das Hemd aus. Die Hose hängt er auf einen Kleiderbügel und streifte gleichzeitig die Socken ab. Dann setzte er sich neben sie auf das Bett. Auch ihm war bewusst, dass sie ihm die ganze Zeit über zugesehen hatte.
„Hinlegen?“ fragte er.
Sie rutschte Richtung Kopfkissen und drehte sich zu ihm.
„Du liegst auf meiner Seite des Bettes“ flüsterte er.
Emma wechselte die Bettseite und fragte „Besser?“
„Perfekt“ antwortete Chris.

Er nahm ihre Hand und fing an zu von sich erzählen. Sie redeten bis es schon fast hell wurde und schliefen dann doch ein. Morgens machte er ihr ein kleines Frühstück und fragte sie bei der Fahrt zum Hotel, ob sie am Nachmittag Zeit für einen Ausflug mit ihm hätte.

JEFF

Er hatte sich darauf gefreut sie heute wieder über die Kamera live zu beobachten, aber das Zimmer blieb dunkel. Er war bis drei Uhr wach geblieben und seine Ungeduld war mit jeder verstrichenen Stunde gewachsen. Irgendwann war er eingeschlafen und wurde unsanft von seinem Handy geweckt. Er checkte nochmal die App-alles funktionierte. Vielleicht stimmte etwas mit der Kamera im Rauchmelder nicht? Sollte er nachsehen?

EMMA

Emma schloss die Tür ihres Hotelzimmers, lehnte sich dagegen und schloss die Augen. Plötzlich war es wieder da-das Gefühl, dass etwas nicht an seinem Platz war und sie bekam Gänsehaut. Kopfschüttelnd und mit sich selbst schimpfend schloss sie die Tür ab, zog das Kleid aus und ging unter die Dusche. Gerade als sie ihre Haare einschäumte hörte sie ein leises Klicken. Bildete sie sich das ein oder war da etwas?
„Hallo?“ rief sie.
Ihr fiel ein, dass Sie vergessen hatte das „Bitte nicht stören“-Schild draußen an die Tür zu hängen und rief daher nochmal „Könnten sie bitte später kommen um das Zimmer zu reinigen?“
Aber sie hört nichts außer ein leises Klicken und ihr hektisches Atmen.

JEFF

Diesmal musste er sich nicht beeilen, weil das Zimmermädchen erst in ca. einer Stunde hier sein würde. Er hatte genug Zeit um die Kamera zu checken. Er mochte nicht daran denken, dass alles einwandfrei funktionierte und sie einfach nur nicht in ihrem Hotelzimmer übernachtet hatte, sondern bei dem Typen-der sie abgeholt hatte. So dumm war sie nicht. Sie war nicht wie Cheryl. Das hoffte er zumindest. Für sie.
Er öffnete die Tür und ging rasch ins Zimmer. Er zog den Stuhl heran und stieg darauf, öffnete den Rauchmelder und checkte die Kamera. Alles in Ordnung. Er schloss den Rauchmelder wieder.
Heißer Zorn stieg in ihm auf als ihm klar wurde, dass sie nicht hier übernachtet hatte. Auch ihr Bett war seit gestern unberührt-das fiel ihm jetzt erst auf.
Sie war doch dumm. Sie war wie Cheryl. Doch dann fiel ihm ein, dass sie nicht wusste wie er für sie empfand. Also wie sollte sie dann seine Gefühle erwidern? Er stellte den Stuhl wieder zurück und wischte mit seinem Ärmel den staubigen Schuhabdruck darauf weg. Er überlegte gerade wie er sie ansprechend könnte als er draußen an der Tür ein Geräusch hörte.
War das das Zimmermädchen? Nein-es war SIE. Wo sollte er hin? Er legte sich auf den Boden und rollte sich unter das Bett. Er konnte schon ihre Schuhe an der Tür sehen als er noch ein Stück raufrutschte damit sie seine Füße unter dem Bett nicht sah. Er spürt sein Herz bis zum Hals schlagen. Sie stand mit dem Rücken zur Tür und lehnte offenbar daran. Hatte sie etwas mitbekommen?
Er hörte sie murmeln und sah gleich darauf einen Zipfel ihres Kleides am Bettrand baumeln. Sein Puls ging nochmal hoch. Sie war nahezu nackt und er war ihr so nahe. Sie ging ins Badezimmer und er hörte das Wasser rauschen. Wenn er jetzt nicht die Gelegenheit wahrnimmt, dann würde er nie die Chance haben sie näher kennenzulernen.
Er rollte sich vorsichtig vom Bett hervor-die Ohren immer im Badezimmer. Plötzlich stellte sie das Wasser ab. Kam sie etwa gleich aus dem Badezimmer und würde ihn hier auf frischer Tat ertappen? Er musste sich beeilen um die Möglichkeit auf ein gemeinsames Leben mit ihr zu haben. Er hastete zur Tür. Versperrt-natürlich. Es klickte als er die Tür entriegelte und es klickte nochmal als er sie von außen schloss.
Es war Schicksal, dass sie ausgerechnet in sein Hotel gekommen war.

2 Antworten auf „Schicksal“

Genial! Da man schon im Vorhinein die Genre kennt, war ich während dem Lesen die ganze Zeit gespannt und hab auf den Höhepunkt gewartet. Dass die Geschichte genau dann endet, bevor es so richtig spannend wird, ist großartig! Denn der eigentliche Horror wird der Fantasie der Leser und Leserinnen überlassen!
Coole Sache!

Eine sehr schöne Geschichte mit einem sehr realistischen Verlauf. Leider hat die Tatsache, dass man von Anfang an seinen Teil schon kennt, etwas die Spannung rausgenommen. Mir hat der eher unkonventionelle Ansatz zur Romanze sehr gut gefallen.

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